Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 14: März/April 2012 | Psychische Erkrankungen – Die Arbeitswelt in den Blick nehmen, nicht die Privatsphäre!

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Freitag, 27. April 2012

Psychische Erkrankungen – Die Arbeitswelt in den Blick nehmen, nicht die Privatsphäre!

von: Dr. Wolfgang Hien

In den letzten Wochen sahen sich viele Experten, Institutionen und Verbände berufen, Erklärungen und Stellungnahmen zu psychischen Erkrankungen und deren bedrohliche Zunahme abzugeben, so z.B. die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitsgeberverbände (BDA) in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Verband der Deutschen Betriebs- und Werksärzte (VDBW), wie auch fast zeitgleich die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Ende des letzten Jahres erschien auch eine Broschüre des Ausschusses für Arbeitsmedizin beim Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung. Die genannten Erklärungen treffen in der Fachwelt und der allgemeinen Öffentlichkeit auf viel Interesse, doch spiegeln sie keinesfalls den Stand der arbeits- und gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnisse wider.

BDA sieht außerberufliche Ursachen

Der erhebliche Beitrag schlechter Arbeitsbedingungen an diesen Erkrankungen, vorwiegend an Depressionserkrankungen, wird umgangen oder verschwiegen. Stattdessen wird versucht, die Ursachen dieses Anstiegs in den privaten Lebensbereich der Menschen hineinzuverlagern. Zwar stellen auch BDA und VDBW fest, dass psychische Erkrankungen zu einem volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich relevanten Problem geworden sind und die Unternehmen oftmals aufgefordert seien, sich diesem Problem zu stellen. Doch geht es den Verbänden vordringlich darum, Krankenkassen und Rentenversicherung ins Boot zu holen, um eine betriebsnahe Versorgung und Betreuung Kranker aufzubauen und damit auch Wiedereingliederungen zu verbessern. Das ist zwar zu begrüßen, doch beim genaueren Hinschauen zeigt sich ein äußerst schiefes Bild der Realität.

Dass es den Arbeitgebern nicht wirklich um eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse geht, zeigt die Äußerung des Hauptgeschäftsführers der BDA, Andreas Gunkel: Allen müsse klar sein, dass psychische Erkrankungen „meist maßgeblich durch außerberufliche Umstände bedingt“ seien. Zu Problembearbeitung und Problemlösung sei deshalb „die Eigeninitiative der Betroffenen“ erforderlich. Die Erklärung der Deutschen Depressionshilfe bläst ins gleiche Horn. Zwar wird das Modewort Burnout zurecht kritisiert und klargestellt, dass sich dahinter sehr oft eine schwere Depression verbirgt, die keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden darf. Doch lenken die Autoren, Prof. Ulrich Hegerl (Uni Leipzig) und Dr. Christine Rummel-Kluge (Stiftung Deutsche Depressionshilfe) den Blick sehr schnell ins Private: Partnerschaftskonflikte, Verlusterlebnisse oder schlicht das Lebensgefüge in seiner Schicksalhaftigkeit seien verantwortlich, denn, so stellen die Autoren fest: „Bei zahlreichen Menschen mit einer depressiven Episode ist beim besten Willen kein bedeutsamer Auslöser festzustellen.“

So nimmt es nicht Wunder, dass die Arbeitswelt sodann als Heilsbringer ins Spiel gebracht wird. Statt langer Krankschreibungen und „grübelnd zu Hause im Bett (zu) liegen“ sollten depressiv Erkrankte recht bald wieder zur Arbeit geschickt werden. Durch den strukturierten Arbeitsrhythmus und die Einbindung in die Arbeitsabläufe würden die Betroffenen stabilisiert, so Hegel und Rummel-Kluge. In bestimmten Fällen kann eine solche Herangehensweise durchaus sinnvoll sein. In der überwiegenden Zahl der Fälle aber ist eine solche „Lösung“ kontraproduktiv. Die Betroffenen würden nämlich in genau die Verhältnisse zurückgebracht, die sie krank gemacht haben.

Selbstredend gilt es, den Genesenden wieder ein normales Leben zu ermöglichen und sie wieder, wenn sie dies wollen, in die Arbeitswelt hineinzuführen. Und die allermeisten wollen dies. Doch muss dann auch viel für eine entsprechende Gestaltung oder Umgestaltung der Arbeitsbedingungen, der Arbeitsaufgaben, der Arbeitsabläufe und der sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz getan werden. Dieser Punkt wird in der Empfehlung des Ausschusses für Arbeitsmedizin durchaus betont. Dennoch bleibt auch hier die Erörterung der Ursachen weit hinter dem internationalen Erkenntnisstand zurück.

Hohe Arbeitsbelastungen machen krank

Die Stand der gesicherten arbeits- und gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnisse ist eindeutig: Hohe Arbeitsbelastungen, gepaart mit geringem Handlungsspielraum, geringer Anerkennung und fehlender sozialer Unterstützung am Arbeitsplatz, machen krank, ebenso wie hoher Leistungsdruck bei gleichzeitig hoher Job-Unsicherheit. Psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionserkrankungen, haben in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung gewonnen. Derartige Erkenntnisse sind Resultat großer epidemiologischer Studien.

Die Epidemiologie versucht herauszufinden, um wie viel mal höher bei Belasteten – im Vergleich zu Nichtbelasteten – die Krankheitshäufigkeit ist, ausgedrückt im „Relativen Risiko“ (RR). Wenige Beispiele mögen genügen. So wurde in einer Studie, die von einer Forschungsgruppe der Universität Gent durchgeführt wurde (Clays et al. 2007), 2.800 Erwerbspersonen in einem Zeitraum von knapp sieben Jahren untersucht. Personen, die zum ersten Untersuchungszeitpunkt hohe Anforderungen und geringen Handlungsspielraum hatten, d.h. Personen mit hohem Job-Stress, trugen ein etwa 1,6-faches Risiko, während der nächsten Jahre eine schwere Depression zu erleiden, wobei bei anhaltenden Belastungen das Risiko auf 3,2 anstieg; kam ein fortgesetzter Mangel an sozialer Unterstützung hinzu, so stieg das Risiko weiter auf 5,8. Mit anderen Worten: Lang anhaltender „isolierter Job-Stress“ schraubt bei ursprünglich gesunden Personen das Depressionsrisiko – im Vergleich zu weniger belastenden Personen – auf das fast sechsfache hoch. In der Studie wurden die gefundenen relativen Risiken gegengerechnet für Geschlecht, Familienstand, negativer Affektivität, Tod eines nahen Verwandten und Vorerkrankungen im Kindesalter, doch die Arbeitswelt-Risiken blieben. Darüber hinaus ist belegbar, dass unsichere Arbeitsverhältnisse und Angst um den Arbeitsplatz ebenfalls als starke Risikofaktoren für psychische Erkrankungen betrachtet werden müssen.

Der Londoner Psychiatrie-Epidemiologe Stephen Stansfeld hat in den letzten Jahren mit einer internationalen Arbeitsgruppe die für die Entstehung psychischer Erkrankungen verantwortlichen Faktoren in mehreren sehr sorgfältigen Großstudien systematisch untersucht. Es wurde sehr streng zwischen arbeitsbezogenen und privaten Ursachen unterschieden. Die Ergebnisse sind hoch interessant (Clark et al. 2011): Die bekannten Arbeits-Stressoren erwiesen sich erneut als starke Risikofaktoren, zugleich aber zeigten auch private Einflüsse wie z.B. Scheidung, häusliche Gewalt, finanzielle Krisen oder private Pflegearbeit ein Risikopotential. Entscheidend war, dass beide Bereiche auch nach dem gegenseitigen Gegenrechnen als unabhängige Risikofaktoren bestehen blieben. Auch wenn psychische Vorerkrankungen im Kindesalter berücksichtigt wurden, verschwanden die arbeitsbezogenen Risiken keineswegs (Stansfeld et al. 2008).

Eine gerade veröffentlichte Studie, die von JiangLi Wang, Psychiater und Gesundheitswissenschaftler an der Universität Calgary, geleitet wurde, kann zeigen, dass Faktoren der Arbeitswelt in einem deutlich höherem Maße ursächlich zur Häufigkeit depressiver Erkrankungen beitragen als familiärer Status und familiäre Konflikte (Wang et al. 2012). Hoher Job-Stress erhöht das Depressionsrisiko um das 2,9-fache, ein Ungleichgewicht zwischen Verausgabung und Anerkennung erhöht das Depressionsrisiko um das 2,8-fache. Auch Konflikte zwischen Arbeit und Familie wirken sich krankheitsverstärkend aus. Die Autoren sehen in größeren Handlungsspielräumen bei der Arbeit, in mehr Anerkennung durch Vorgesetzte und mehr Berücksichtigung familiärer Bedürfnisse bei Arbeitszeit und Arbeitsplanung Faktoren, die zur Verminderung psychischer Erkrankungen beitragen können.

Ähnliche Studien wurden vor allem in den skandinavischen Ländern, aber auch in Großbritannien, in Deutschland und in Osteuropa durchgeführt – alle mit ähnlichen Ergebnissen. Auch in methodisch sehr streng angelegten Längsschnittstudien bleibt die Bedeutung der Arbeitsfaktoren erhalten. In der epidemiologischen Fachwelt gibt es keinen Zweifel daran, dass die globalisierte, flexibilisierte und unsicher gewordene Arbeitswelt für den Anstieg der psychischen Erkrankungen verantwortlich gemacht werden muss. Als besonders belastend gelten atypische Beschäftigungsverhältnisse wie befristete Verträge und Leiharbeit. Hier tragen die Beschäftigten ein deutlich höheres Risiko, an Depression zu erkranken als in festen Arbeitsverhältnissen.

Führende VertreterInnen der Arbeitsmedizin und Psychiatrie offenbaren eine nicht zu rechtfertigende Unkenntnis der arbeitsbezogenen epidemiologischen Studienlage. Stattdessen wird auf neurowissenschaftliche Modelle zurückgegriffen, in denen die biologische Disposition, d.h. letztlich: die Schicksalhaftigkeit, hervorgehoben wird. Gewerkschaften und gewerkschaftlich orientierte WissenschaftlerInnen sollten hier deutlicher Stellung beziehen und die Vorstöße der Individualisierungsstrategen zurückweisen.

Wir brauchen wieder Luft zum Atmen

Die durchrationalisierten und durchkalkulierten Betriebsabläufe haben uns die Luft zum Atmen genommen und uns frostige Kälte ins Arbeitsleben gebracht. Die Versprechungen der schönen neuen Arbeitswelt entpuppen sich immer mehr als kalte Sozialtechniken zur Leistungssteigerung. Die Folgen bleiben nicht aus: Enttäuschung, Erschöpfung, Verbitterung, Verzweiflung und ein Absinken in Zustände der Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Um Missverständnissen vorzubeugen: Solche Gefühle gehören zum Menschsein, und jeder und jede von uns kennt Phasen der Traurigkeit und Verzweiflung. Selbstverständlich ist der gesamte Lebensprozess auch mit Hürden bestückt, die wir überwinden oder auf andere Art meistern müssen. Und in solchen Phasen haben uns oftmals Kollegen und Kolleginnen geholfen, darüber hinwegzukommen. Ihre soziale Unterstützung war wichtig. Doch genau diese Möglichkeiten, diese Unterstützung, gehen in der Arbeitswelt verloren. Das zeigen die Studien, das zeigen uns auch die alltäglichen Erfahrungen im Betrieb. Erschreckend ist der Versuch der BDA, des VDBW und der Deutschen Depressionshilfe, die bestehenden arbeits- und gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnisse zur Arbeitsbedingtheit psychischer Erkrankungen zu umgehen und zu verschweigen.

Unabhängig davon, ob dies nun Unkenntnis oder Absicht geschuldet ist, spiegelt sich darin eine ärgerliche Arbeitgeberlastigkeit und eine dem wirtschaftsliberalen Denken verpflichtete ideologische Verfangenheit. Der Mensch hat sich in einem solchen Denken den Gegebenheiten der Ökonomie anzupassen. Wer diese Anpassungsleistung nicht erbringt, nicht erbringen kann oder nicht erbringen will, dem wird Krankheit attestiert. Das Verwerfliche daran ist, dass der oder die Betroffene damit zugleich abgewertet, diskriminiert und stigmatisiert wird - und dies mit dem Segen medizinischer oder psychotherapeutischer Expertise.

Einmal mehr zeigt sich, dass Expertenmeinungen nicht wertfrei sind und, zumindest wenn es um Praxisempfehlungen geht, auch gar nicht wertfrei sein können und sollen. Es geht vielmehr darum, über Werte zu sprechen, zu diskutieren und zu streiten. Es geht darum, die Wirtschafts- und Arbeitswelt wieder dem Menschen anzupassen und Bedingungen zu schaffen, in denen der Mensch seine seelische Gesundheit wahren oder wiederherstellen kann.

Die Arbeitswelt gewinnt genau dann eine gesundheitsfördernde Funktion, wenn die Arbeitenden nicht nur als Funktionen und Kostenfaktoren gesehen werden, sondern als Menschen mit dem Bedürfnis nach sozialen Bindungen, nach sozialer Anerkennung und nach menschlichem Miteinander. Entgrenzung und Maßlosigkeit durchdringen immer mehr die Beschäftigten selbst. Eine Umkehr ist dringend nötig. JedeR Einzelne muss wieder Achtsamkeit lernen, sich selbst und anderen gegenüber. Keine übersteigerten Forderungen an sich und andere! Abschied nehmen von Überidentifikation, Perfektionismus und krankem Ehrgeiz! Sich Lebensbereiche außerhalb der Arbeit aufbauen, aus denen sich Kraft und Zuversicht gewinnen lassen! Unternehmen, Verwaltungen und Einrichtungen müssen einsehen, dass die übertriebene Wirtschaftlichkeitslupe, mit der jeder Einzelne betrachtet wird, letzten Endes kontraproduktiv ist. Denn: Viele Potentiale bilden sich erst im Netzwerk sozialer Beziehungen, in dem der Schnelle, der viele Fehler macht, und der Langsame, der diese Fehler ausbügelt, sich ergänzen. Es sind die sozialen Beziehungen, in denen genau deshalb Lerneffekte entstehen, auch Lerneffekte eines guten Umgangs miteinander und mit sich selbst in unvermeidlichen Stress-Situationen. Gnadenloser Druck zerstört diese Potentiale, bevor sie überhaupt entstehen oder sich entfalten können. Er zerstört nicht nur Potentiale, sondern beschädigt auch nachhaltig unsere Seele.

Eine auf Beschleunigung, Egoismus und Rücksichtslosigkeit aufgebaute Arbeitswelt übersteigt die Möglichkeiten des Menschen. Diesen an eine derart verrückt gewordene Arbeitswelt anpassen zu wollen, wird scheitern. Umgekehrt gilt es, die Arbeitswelt wieder menschlicher zu machen. Viele unserer ArbeitsmedizinerInnen, PsychiaterInnen und TherapeutInnen trauen sich nicht, diesen neuralgischen Punkt klar und deutlich auszusprechen, obwohl sie längst ahnen, dass es so nicht weitergehen kann.

 

Literatur

Clark, C. et al.: “The contribution of work and non-work stressors to common mental disorders in the 2007 Adult Psychiatric Morbidity Survey”, in: Psychological Medicine, Sep 6:1-14/2011, (Epub ahead of print)

Clays, E. et al..: “Job stress and depression symptoms in middleaged workers – prospective results from the Belstress study”, in: Scandinavian Journal of Work, Environment and Health, Band 33, 2007, S. 252-259

Stansfeld, S. et al.: “Psychosocial work characteristics and anxiety and depressive disorders in midlife: the effects of prior psychological distress”, iIn: Occupational and Environmental Medicine, Band 65, 2008, S. 634-642

Wang, J. et al.: “Three job-related stress models and depression: a population-based study”, in: Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, Band 2, 2012, S. 185-193

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KOMMENTARE

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Götz Kluge schrieb am 26. Juli 2012 um 09:22 Uhr:

Diese gemeinsame Erklarung von VDBW und BDA gab im VDBW vermutlich auch den Ärzten Raum, denen das Gemeinsame Positionspapier von IG Metall und VDBW (Mai 2009) nicht passte: http://blog.psybel.de/2009/08/10/position-von-betriebsaerzten-und-gewerkschaft/

Dr. Curt Asten schrieb am 5. Mai 2012 um 13:33 Uhr:

'Oberham schrieb:
Die Leute sind aber nicht krank, sie weisen eine ganz gesunde Reaktion auf eine kranke Arbeitswelt und ein krankes gesellschaftliches Dogma auf, ihr Geist ist nur allzugesund, er kann einfach eine offensichtlich völlig idiotische und tatsächlich sinnfreie Atmosphäre nicht mehr ertragen'.
Das sehe ich genauso.
'Gesunde Sinne sind eine Sache von Kultur und Konvention. Wenn die Kultur verrückt ist, in der man lebt, muß man auch verrückt sein, wenn man sich anpassen will. Ein geistig völlig gesunder Mensch würde erkennen, daß es sich um eine verrückte Kultur handelt, und würde es ablehnen, sich anzupassen. Durch dieses Nichtanpassen aber wäre er derjenige, den man in dieser betreffenden Gesellschaft für verrückt halten würde'. Margaret Millar

melanko schrieb am 3. Mai 2012 um 23:27 Uhr:

wenn Ich so etwas lese benötige Ich immer etwas, was mich auch wieder ein wenig aufbaut..
http://www.bcaction.de/pdf/alternativen3.pdf

Karola schrieb am 3. Mai 2012 um 14:30 Uhr:

Warum sollen Menschen nicht depressiv werden, wenn sogar in der Wirtschaftslehre die Depression bekannt ist ? Makrokosmos-Mikrokosmos. Umwelt-Innenwelt.
Beide bedingen einander. Wer das leugnet und sich als Berater oder Wissenschaftler betätigt, ist Fehl am Platz. Er stellt die falschen Diagnosen und kommt zu falschen Therapienformen. Ich jedenfalls wundere mich nicht über die Zunahme seelischer Erkrankungen. Mit der 1. Wirtschaftskrise in 2008 war das abzusehen.
Von den Gewerkschaften erwarte ich in dieser Richtung gar nichts. Sie haben sich seit Schröder offen zur Arbeitgeberseite bekannt, Leiharbeit etc. unterstützt , sind dem Rentenzerstörer Riester auf den Leim gegangen und machen heute noch Werbung für diesen. Sie stehen auf der falschen Seite, wollen auf zwei Hochzeiten tanzen, was ein Verrat am Arbeitnehmer ist.
Ich finde den Bericht hervorragend, insbesondere die Aufforderung an die Gewerkschaften und gewerkschaftsorientierte Wissenschaftler Stellung zu beziehen und entschieden Individualisierungsstrategien zurückzuweisen .
Ich möchte noch hinzufügen, dass das auch für Betroffene und Nichtbetroffene gelten sollte.
Selbst wenn zuhause manchmal richtig Trouble herrscht, kann ein guter Arbeitsplatz das ausgleichen und umgekehrt. (eigene Erfahrung)
Arbeitgeber, Krankenkassen, Ärzte- und Therapeutenschaft müssen wissen und immer wieder gesagt bekommen, dass Menschen keine Maschinen sind, wenn sie selber nicht dran denken.

Karola schrieb am 3. Mai 2012 um 14:04 Uhr:


Was Sie beschreiben, kenne ich auch. Ich habe seit Jahren erlebt, wie die Arbeitzeit durch Vorgesetze den MitarbeiterInnen, die als Untergebene gesehen werden, sukzessive vermiest worden ist. Arbeit soll keinen Spass machen, sondern hart sein. Heißt es doch, dass wir im Schweiße unseres Angesichts unser Brot verdienen sollen.
Ich schätze, dass eine derartige Einstellung den Vorgesetzen oder Vorarbeitern, , auch den Gewerkschaften und gewerkschaftlich orientierten Wissenschaftlern, überhaupt nicht bewußt ist. Sie leiten und führen so, wie sie es selber irgendwann gesehen und erlebt haben und lehren nach einer bestimmten wissenschaftlichen Richtung, die zu ihnen passt.
Psychotherapeuten sind in der Regel Verhaltenstherapeuten und bieten von den KK bezahlte Verhaltenstherapien an.
Ich würde nie Jemandem raten, eine Verhaltenstherapie zu machen sondern darauf zu dringen, eine gute Gesprächstherapie zu bekommen. Auch darauf achten, ob Sie mit dem Therapeuten/In "können" oder nicht "können". Es kann durchaus sein, dass diese netten Leute dann noch ein anderes Problem in Ihr Leben bringen.
Jedenfalls wünsche ich Ihnen sehr, dass Sie einen Arbeitsplatz bekommen, an dem Sie sich wohl, angenommen und angekommen fühlen.
Dass besondere Probleme zwischen Alt und Jung, Mann oder Frau bestehen, habe ich in meinem Arbeitsbereich Soziales-Gesundheit-Krankheit, nicht beobachtet.
Es kann aber durchaus sein, dass in Büros, Verwaltung, Werbung derartige Probleme bestehen.
Maria Christiane schrieb:
Dieser Artikel spricht aus, was ich erlebe. Ein fast unmenschlicher Arbeitsdruck, sowie eine Alleingelassenwerden von den Einrichtungen und Menschen, die eigentlich zu unterstützen versprechen, wie Betriebsrat und Psychotherapie, Ärzte, Coachs, Mediatoren, usw.
Ich habe es leider nicht nur bei Zeitarbeitsstellen, sonder sogar bei Stellen bei Institutionen erlebt, von denen man es nicht erwarten würde, wie z.B. bei NGOs.
Auch meine Frustration bezüglich der Haltung vieler Therapeuten, die predigen, dass Arbeit stabilisiert und die Gründe für Depressionen immer in der Person selbst liegen (Stichwört: mangelndes Durchsetzungsvermögen! mangelnde Belastbarkeit!), ist nicht gerade gering. Es mag Arbeit geben, die stabilisiert und das ist toll, aber es gibt viele Arbeitsstellen, die eben labilisieren und bei eigentlich stabilen Menschen eine Depression verursachen.
Ich habe den ständigen Druck auf befristeten Stellen über Jahre erlebt, sich immer wieder beweisen zu müssen. Obwohl es keine Zeitarbeit war, gab es außerdem wesentlich weniger Gehalt für die identische Arbeit und das über Jahre. Aber auch auf festen Stellen ist der Druck groß, da es genug Mittel gibt, Arbeitnehmer gefügig zu machen oder sogar loszuwerden. Ich habe Arbeitsplätze ohne Sozialräume erlebt, wo die Arbeitnehmer abgetrennt in Ihren "Zellen" sitzen, ohne Möglichkeiten zu kommunizieren.
Was viele Therapeuten betrifft, so scheint es an ein wenig Phantasie zu fehlen! Anscheinend liegt es in der Natur des Menschen, dass er es erst selbst erlebt haben muss, um das glauben und !entscheidend ! nachfühlen zu können. Lediglich ein paar Kollegen, die im gleichen Boot sitzen, verstehen, wie sich der ständige Druck und das gleichzeitige Fehlen der Anerkennung durch Arbeitgeber anfühlt. Verantwortung wird abgeschoben, Versprechungen nicht eingehalten. Unter Kollegen ist selten Solidarität. Viele scheinen nur noch auf ihren "Bildschirm" zu schauen, aus Angst den eigenen Arbeitsplatz zu gefährden. Auch spielt meiner Meinung nach Alter und Geschlecht eine riesige Rolle, wie gut oder schlecht man es trifft.

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Dr. Wolfgang Hien
Geboren 1949

Inhaber und Leiter des Forschungsbüros für Arbeit, Gesundheit und Biographie, Bremen.
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