Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 10: Juli/August 2011 | „Industriepolitik – Wachstum – Innovation“

Thema der Ausgabe 11: September/Oktober 2011 Soziale Ungleichheit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

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Montag, 18. Juli 2011

„Industriepolitik – Wachstum – Innovation“

von: Michael Vassiliadis
fabrik

designmaniac / photocase.com

Seit einigen Jahren gibt es die digitalen sozialen Netzwerke. Das weltweit größte dieser Netzwerke, Facebook, hat mittlerweile fast 600 Millionen Mitglieder. Dabei sind diese sozialen Netzwerke wie etwa Xing, LinkedIn, Twitter oder eben Facebook von sich aus erst einmal nicht sozial im eigentlichen Sinne des Wortes. Es sind vielmehr, ohne positive oder gar negative Disposition, virtuelle Orte, an denen sich Menschen real miteinander verbinden. Menschen nutzen diese Netze sehr unterschiedlich: Die einen stellen private Fotos ein, halten Kontakt zu in anderen Ländern lebenden Verwandten und Freunden, andere dagegen nutzen die Plattformen rein beruflich. So oder so stehen sie aber in einem schnellen, ständigen Dialog. Und das an sich ist schon neu und verändert unser Leben; vor allem schafft es neue Möglichkeiten.

Gewerkschaften als soziale Netzwerke

Was viele Menschen im Angesicht des Neuen gern vergessen: Es gibt bereits viel ältere soziale Netzwerke, die sogar den Anspruch des Sozialen nicht nur in der Bezeichnung tragen, sondern dies als ihre Aufgabe definieren. Eines dieser Netzwerke sind die Gewerkschaften. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Wir als Gewerkschaft wollen uns dem Neuen auf keinen Fall verschließen. Wir wollen nicht behaupten, dass wir das soziale Netzwerk sind. Aber wir sind eines mit Besonderheiten und Stärke. Wir streben dem Neuen, dem Fortschritt entgegen. Denn unser Gestaltungsauftrag ist seit Beginn der Bewegung der Fortschritt selbst. Darunter verstehen wir aber nicht eine Entwicklung um der Entwicklung willen, sondern eine Entwicklung zum Besseren – und das beziehen wir auf Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen. Wir wollen, dass alle Menschen daran teilhaben können. Insofern sind Facebook und Co. – vorausgesetzt, man hat einen Internetzugang - sozial.

Wir sollten uns daran erinnern, dass die Hoffnung auf Fortschritt die Gewerkschaftsbewegung von ihren Anfängen an vorangetrieben hat. Dabei waren technologischer und sozialer Fortschritt stets eng miteinander verknüpft. Auch heute werden wir nur mit Fortschritt und Innovation die großen Aufgaben der Zukunft lösen. Dabei muss aber eines ganz klar sein: Erfolgreiche Innovation und sozialer Rückschritt schließen einander aus. Aus Prinzip haben wir uns nie dem Wandel verweigert - und werden das auch zukünftig nicht tun. Aber wir stellen Ansprüche an jedweden Wandel. Das Prädikat Fortschritt verdient der Wandel nur dann, wenn es dabei auch gerecht und solidarisch zugeht. Fortschritt ist für die Menschen da.

Angesichts der vielen Risiken unserer Zeit blicken die Menschen oft skeptisch in die Zukunft. Und manch einer wäre vermutlich schon froh, es bliebe alles beim Alten. Das ist nur allzu verständlich, aber hilft uns als Gesellschaft keinen Schritt weiter. Wir brauchen ein motivierendes Fortschrittsbild und eine Vorstellung davon, wie Neuerungen zu erzielen sind. Dazu müssen wir die Probleme ansprechen und uns daran machen, Lösungen zu finden. Denn nur wer ungeschminkt, ungeschönt und rücksichtslos die Lage so beschreibt, wie sie wirklich ist, der ist auch in der Lage, etwas Neues, etwas Besseres zu gestalten. Das erfordert vor allem Mut und in der Folge viel Kraft.

Fortschritt durch sozialen Dialog

Wir haben bei der Energiewende erlebt, dass visionäre Neuerungen nur mit großer Kraftanstrengung erreicht werden können. Dazu gehört, dass man auf allen Ebenen miteinander diskutiert und um bessere Lösungen ringt. Dieser Dialog fordert uns alle: Parteien, Unternehmen, Gewerkschaften und die Gesellschaft. Denn nur gemeinsam können wir einen sozialen, und dennoch höchst innovativen Fortschritt realisieren. Dafür müssen wir den gesellschaftlichen Dialog stärken und vorantreiben. Ich habe in meinem Buch “Für den Fortschritt. Industriepolitik für das 21. Jahrhundert” ausgeführt, dass “Unternehmen (...) auch zur Legitimation ihrer in der Gesellschaft umstrittenen ökonomischen Macht dazu verurteilt sind, zur Lösung der großen Aufgaben der Gegenwart beizutragen”. Wenn also Manager und Unternehmer wieder mehr Verantwortung für den Standort Deutschland und unser aller Gesellschaft übernehmen wollen, lade ich sie herzlich dazu ein, sich an unserer politischen Initiative für eine Kultur des Fortschritts zu beteiligen und sich dem gesellschaftlichen Dialog ehrlich zu stellen.

In den vergangenen Jahren hat die Diskussion um die Folgen der Globalisierung das Modell “Made in Germany” in den Hintergrund gedrängt. Dabei könnte Deutschland mit seiner Hochtechnologie und seinen sozialen Standards wieder zu einem Paradebeispiel für nachhaltigen Fortschritt werden. Denn darum geht es: Fortschritt und Wachstum sind nur dann erstrebenswert, wenn sie sozial und nachhaltig sind. Wir müssen es schaffen, dass die Menschen wieder mehr begeistert sind vom Neuen - wenn es wie bereits erwähnt das Bessere ist. Wie können wir diese Begeisterung entfachen? In dem der Fortschritt neben Gewinnen und einer gelungenen Refinanzierung eben auch eine stabile soziale Rendite erbringt: Für die Mitbestimmung, für unsere Demokratie, für die soziale Sicherheit, die Einkommen der Beschäftigten und ein starkes Gemeinwesen. Diese Liste lässt sich beliebig fortführen.

Es gibt in Deutschland keine echte Kultur des Fortschritts mehr. Es muss jemand den Anfang machen. Wer würde sich da mehr anbieten als die Gewerkschaften? Wir sind in der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft tief verankert. In der Politik über unseren vom Grundgesetz und allen Bundesregierungen seit 1948 auch gewollten politischen Einfluss. In der Wirtschaft durch die Mitbestimmung und die Gestaltung der Arbeitsbeziehungen. Und in der Gesellschaft, weil wir als IG BCE mit knapp 700.000 Mitgliedern tief mit dem Alltag der Menschen und den übrigen Institutionen wie Kirchen, Sportvereinen und Hilfsorganisationen verbunden sind. Da das Internet im Allgemeinen und soziale Netzwerke im Besonderen mittlerweile integrale Bestandteile sind im Leben vieler Menschen, sind wir dort ebenfalls aktiv und bieten Dialog sowie Hilfe an. Wir fordern und fördern den gesellschaftlichen Dialog und können politische Prozesse anstoßen, und im Gegensatz zur Wirtschaft tun wir dies auch, der dazu anscheinend oftmals die Kraft zu fehlen scheint - und bisweilen wohl auch der Wille.

Daher müssen wir uns daran machen, dass – wollen wir, dass es weiterhin Wachstum in der Wirtschaft gibt – eine moderne und zudem nachhaltige Industriepolitik Innovationen endlich wieder ermöglicht? Welches Unternehmen investiert schon gern Millionen oder Milliarden, wenn die Politik keine verlässlichen Rahmenbedingungen schafft? Gleichzeitig muss die Verteilung der Gewinne gerechter geregelt werden. Wir als Gewerkschaft kämpfen für gerechte Löhne, für eine faire Beteiligung der Belegschaften am immerhin von ihnen erwirtschafteten Gewinn. Nur wenn all diese Eckpunkte direkt miteinander verbunden werden, können wir einen Fortschritt erreichen, der es wert ist, das man ihn anstrebt.

Denn ob im sozialen Netzwerk, im Betrieb, in der Politik oder in der Gesellschaft – erst mit uns wird Deutschland zu einem Land sozialer Gerechtigkeit und nachhaltigen Fortschritts. Denn für uns als Gewerkschaft gilt nach wie vor der alte und dabei doch so fortschrittliche Leitgedanke: Zuerst der Mensch - er ist die richtige Richtschnur für Fortschritt und Zukunft.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

brunner gerd schrieb am 20. Juli 2011 um 07:03 Uhr:

facebook ?
Wie schon im Arikel beschrieben ist F. keine soziale
Einrichtung, eher ein portal für tratschsüchtige.

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Michael Vassiliadis
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