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Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich zu einer Arbeitsmarktkrise ausgeweitet. Die Frage, ob die Krise männlich ist, lässt sich hinsichtlich der Betroffenheit von der Krise nicht eindeutig beantworten, auch wenn die Arbeitsmarktdaten auf den ersten Blick diese Antwort nahe legen (vgl. Scheele 2009). Schließlich liegt die Arbeitslosenquote von Männern EU-weit über der von Frauen und auch in Deutschland ist die Zahl der arbeitslosen Männer im Mai im Vergleich zum Vormonat um 13,4 Prozent gestiegen, während die Zahl der arbeitslosen Frauen um 3,1 Prozent gesunken ist.
Dies lässt sich damit erklären, dass Frauen in den Branchen, die besonders stark von dem sinkenden Absatz betroffen sind – Autoindustrie, Bauwirtschaft, Computerbranche und Bankensektor unterrepräsentiert sind. So sind im Baugewerbe 87% der Beschäftigten männlich, im Bergbau und verarbeitenden Gewerbe, zu dem u. a. die Automobilindustrie gehört, knapp 80% und im Bereich Verkehr und der Nachrichtenübermittlung 72%. In einigen Kommentaren wurde deshalb betont, dass Frauen in Bereichen arbeiten, die sich in der Krise als sicherer erweisen. Dies ist jedoch aus verschiedenen Gründen etwas kurzsichtig.
Zum einen weisen auch viele sog. Frauenbranchen Krisensymptome auf – die teilweise schon einige Jahre andauern. Dazu gehört beispielsweise einer der größten Frauenarbeitgeber, der Einzelhandel, der mit der Insolvenz von Arcandor nun auch die entsprechende Aufmerksamkeit erhält. Auch andere Handelsketten gaben in den letzten Jahren auf. In der Branche nimmt die Zahl der Vollzeitbeschäftigten als auch die der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigten seit Jahren ab, während der Anteil der geringfügig bzw. in Mini-Jobs Beschäftigten stark angestiegen ist: von 2000 bis 2007 um 23%. Auch im öffentlichen Sektor, in dem der Frauenanteil unter den Beschäftigten etwas über 52% liegt, wurden in den letzten Jahren 2,1 Millionen Beschäftigte abgebaut (1992: 6,66 Mio/2006: 4,56 Mio.), das entspricht einem Rückgang um 31% von 1992 bis 2006. Außerdem nahm auch hier die Zahl der Vollzeitbeschäftigten ab, während die Zahl der Teilzeitbeschäftigten zunahm. Eine ähnliche Tendenz lässt sich auch für das von Frauen dominierte Gesundheitswesen ablesen.
Zum anderen ist zu befürchten, dass in Zukunft Frauenarbeitsplätze vermehrt abgebaut werden. Schließlich verschuldet sich der Staat in diesem Jahr mit den Rettungsaktionen für „Männerarbeitsplätze“ stark, wird jedoch irgendwann eine Haushaltskonsolidierung anstreben und dann wahrscheinlich gerade dort sparen, wo Frauen arbeiten – also im öffentlichen Dienst. Für die USA hat Ariane Hegewisch, Referentin für Arbeit und Familie beim amerikanischen „Institute for Women’s Policy Research“ (IWPR) bereits darauf hingewiesen, dass Frauen mindestens ebenso stark von der Wirtschaftskrise betroffen sein werden, wie Männer, wenn auch möglicherweise mit einer leichten Verzögerung: „Weibliche Arbeitnehmer arbeiten häufig in staatlichen Einrichtungen – Schulen, Kindergärten oder Bibliotheken. Die Entlassungen kommen dort erst spät im Konjunkturzyklus. Nämlich dann, wenn die Steuereinnahmen sinken und der Staat sparen muss“ – könnten weitere Zehntausende Arbeitsplätze für Frauen wegfallen. In den USA haben deshalb Frauenverbände bereits deutliche Kritik an dem geplanten Konjunkturpaket des Präsidenten Barack Obama geäußert, da mit diesem vorrangig „typische Männerberufe“ gefördert werden.
Die feministische Philosophin und Autorin Linda Hirshman fragte am 9. Dezember 2008 in der „New York Times“: „Where are the New Jobs for Women?“ und forderte, dass sich ein gerechtes ökonomisches Belebungsprogramm auch auf Bereiche richten müsse, in denen viele Frauen arbeiten. Die „Welt“ titelte deshalb ihren Artikel über die USA am 23. Dezember 2008: „Frauen sind die Verlierer der Finanzkrise“. Und auch in Großbritannien haben im Januar 2009 Minister aus dem Kabinett Brown den Premierminister aufgefordert, den Fokus stärker auf die Auswirkungen der Krise auf Frauen zu richten. Sie weisen darauf hin, dass das Konjunkturpaket bislang sehr „maskulin“ sei und die großen Beschäftigungsverluste in weiblichdominierten Sektoren wie dem Einzelhandel oder dem Dienstleistungsbereich nicht berücksichtigen würde (The Guardian 31.1.2009).
Die ergriffenen Rettungsmaßnahmen basieren insofern in vielen Ländern auf einem geschlechterpolitischen Konservatismus, dessen Kennzeichen die Konzentration auf die industrielle Arbeit und das Leitbild des „männlichen Ernährers“ sind, während Fürsorge, Pflege, Erziehung oder Betreuung weiterhin einen nur geringen Stellenwert erhalten. Wenn überhaupt erkannt wird, dass Dienstleistungen ein zentrales Moment des ökonomischen wie auch des gesellschaftlichen Wandels sind, liegt der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit meist auf den produktionsorientierten Dienstleistungen (beispielsweise Fertigung, Montage, Wartung von Maschinen) oder den sogenannten primären Dienstleistungen (Einkauf, Verkauf, Versand, Transport oder Lagerung), wobei auch hier wieder die technikvermittelte Dienstleistungsarbeit in den Vordergrund gestellt wird und nicht der Sektor der sekundären bzw. Humandienstleistungen.
Während die Krisendiagnose als auch das Krisenmanagement einen deutlichen male-bias aufweisen, lässt sich dieser bei der Analyse der Ursachen der Krise nicht so eindeutig feststellen. Es trifft zwar zu, dass sowohl die wirtschaftlichen Führungspositionen als auch der Finanzsektor deutlich dominiert wird. Dem jüngsten Bericht zur Chancengleichheit von Frauen und Männern der Europäischen Kommission zufolge, waren die Zentralbanken aller EU Mitgliedstaaten von Männern geführt. Auch auf europäischer Ebene werden alle drei Finanzinstitutionen – Europäische Zentralbank, Europäische Investitionsbank und der Europäische Investmentfond – von Männern geführt und der Anteil von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien dieser Organisationen beträgt nur 16%. Die Finanzkultur ist also, wie auch Brigitte Young (2009) betont, männlich geprägt und es findet in ihr eine homosoziale Selbstrekrutierung statt mit offenen und subtilen Formen der Ausgrenzung von Frauen.
Insofern ließe sich einfach folgern, dass die Krise von Männern gemacht sei und im Umkehrschluss, dass sie hätte verhindert werden können, wenn Frauen mehr Einfluss gehabt hätten. Die Unternehmensberaterin Monika Schulz-Strelow argumentierte Anfang des Jahres in einem Spiegelonline Interview dementsprechend und stellte die These auf, dass Frauen im Geschäftsleben weniger Risiken eingehen würden und weniger auf dem Finanzmarkt „gezockt“ hätten als Männer. Die von Frau Schulz-Strelow aufgestellte Forderung nach mehr Frauen in den Aufsichtsräten ist zwar richtig, aber in erster Linie deshalb um eine gerechte Beteiligung von Frauen und Männern in allen gesellschaftlichen Bereichen zu erreichen – und nicht, weil damit automatisch eine andere Politik oder eine andere Wirtschaftsweise verbunden ist – so wünschenswert dies auch wäre. In dieser Argumentation liegt das Problem aber zunächst darin, dass es einer sehr essentialistischen Vorstellung von Geschlecht – von Frauen und Männern und ihren „Wesenseigenschaften“ folgt, die man aus der Perspektive der Geschlechterforschung ablehnen muss. Nicht „die“ Männer sind schuld, wohl aber lässt sich sagen – und hier folge ich einer Analyse von Ingrid Kurz-Scherf (2009) – , dass die Verfasstheit der (Welt )Ökonomie und der (Welt )Gesellschaft auf einem strukturellen male bias und einem systemisch befestigten Gender-Code basiert, der durch das Handeln der vorwiegend männlichen Akteure des globalen Finanzkapitalismus hergestellt wird und sich permanent reproduziert. „Männlich“ ist dabei (ebenso wie „weiblich“) jedoch nicht als biologische oder essentialistische, sondern als empirisch-politische Kategorie zu begreifen: empirisch insofern als sie auf geschlechtstypisch vorrangig von Männern repräsentierte Lebenspraxen und -konzepte, Wert- und Normhierarchien, Denkstrukturen und Handlungsorientierungen abhebt.
Betrachtet man die Finanz- und Wirtschaftskrise aus dieser Perspektive, dann besteht die Herausforderung darin, sich grundsätzlicher mit Fragen auseinanderzusetzen, wie das dem Kapitalismus eigene – und gegenwärtig vornehmlich von Männern repräsentierte – Erwerbs-, Innovations- und Gewinninteresse überwunden werden könnte.
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Dr. Alexandra Scheele ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Potsdam in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät/Bereich Frauenforschung