Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 32: März/April 2015 | Sklaverei im Fußball - FIFA muss handeln

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Mittwoch, 27. Mai 2015

Sklaverei im Fußball - FIFA muss handeln

von: Dr. Bernard Schmid
Baustelle Stadion Katar

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Das ist doch nett: Eine versprochene Reform der Arbeitsgesetze, mit der die Ausbeutung im Golfstaat Qatar, die an Sklaverei grenzende Verhältnisse erinnert, reduziert würde, bleibt zwar schon seit über einem Jahr aus. Doch nun gibt es wenigstens eine Armenspeisung. Nicht weil die Behörden das wollen, sondern durch eine Art Gnadenakt eines privaten Eigentümers, des selbst aus Indien eingewanderten Shadab Khan. An seinem bescheidenen Restaurant in jenem Industriegebiet, wo viele der mehrheitlich südasiatischen Arbeitsmigranten arbeiten und wohnen, ganz in der Nähe der Großbaustellen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022, steht angeschrieben: „If you are hungry and you have no money, eat for free!“

Mehr hätten die Hungrigen allerdings davon, wenn die Reformen umgesetzt würden. Doch hier geht es nicht voran. In einem Bericht, den die Menschenrechtsorganisation Amnesty International am 21. Mai 2015 veröffentlichte, werden eine ganze Reihe  nicht eingehaltener Versprechen aufgelistet. Dazu gehört, dass juristische Bestimmungen nicht, wie versprochen, überarbeitet wurden. Und auch die  Ernennung von 300 Gewerbeaufsichtsbeamten, die die  Einhaltung von Arbeitsschutzvorschriften überprüfen  sollten, ist ausgeblieben.  „Es gibt ernsthafte Zweifel an der Zusage  Qatars, gegen die Rechtsverletzungen bei Migranten vorzugehen“, resümierte der Forscher Mustafa Qadri für Amnesty. Der Untersuchungsbericht spricht von einer „allgemeinen Ausbeutung von Arbeitsmigranten“ in Qatar.

Außer dem indischstämmigen Unternehmer will offenbar niemand das Schicksal der Arbeitsmigranten lindern, die aus Indien, Pakistan oder Sri Lanka stammen, oder aus dem bitterarmen und soeben durch die Erdbebenkatastrophe in die internationalen Schlagzeilen gelangten Nepal. Denn bislang bleibt es dabei, die  Golfmonarchie Qatar hat den Zuschlag der FIFA für die Ausrichtung der Fußball-WM in nunmehr sieben Jahren. Es bleibt ein unangenehmer Beigeschmack wegen der  umstrittenen Bedingungen der Vergabe, bei der auch von  Korruption gesprochen wird. Die beiden britischen Journalisten Heidi Blake und Jonathan Calvert haben tausende Dokumente untersucht und werfen Qatar in dem im April 2015 erschienenen Buch „The Ugly Game“ direkt Korruption vor.

Das ist nicht das einzige Buch, in dem  Qatar schlecht weg kommt.  Soeben publizierte der frühere französische Fußball-Trainer Stéphane Morello, der infolge eines Streits mit seinem zahlungsunwilligen ehemaligen Arbeitgeber fünf Jahre lang in Qatar – ohne Reisedokumente, die ihm abgenommen worden waren – festgehalten wurde, in Frankreich ein Buch unter dem Titel „Freiheitsberaubt in Qatar“. (Im Original: Séquestré au Qatar.) Morello  geht noch weiter: Er erstattete Strafanzeige gegen die Familie des regierenden Monarchen von Qatar. Chancen, damit vor der Justiz des Golfstaats durchzukommen, hat er kaum.

Was ist in Qatar los?

Das Land, dessen Einwohnerzahl vor kurzem die Zwei-Millionen-Marke überschritt, weist insbesondere dank seiner Erdgasvorkommen das (neben Luxemburg und Norwegen) mit 93.000 Dollar pro Kopf und pro Jahr höchste Pro-Kopf-Einkommen des Planeten auf. Allerdings ist dieser Reichtum radikal ungleich verteilt. Denn zugleich weist Qatar den höchsten „Ausländeranteil“ unter seiner Gesamtbevölkerung auf. Nur rund 230.000 der Einwohner/innen des halbinselförmigen Landes besitzen die qatarische Staatsbürgerschaft und die damit verbundenen Vorrechte. Rund 1,8 Millionen Einwohner/innen des Landes sind ausländische Arbeitskräfte. Sie bilden insgesamt 88 Prozent der Wohnbevölkerung und, je nach Angaben, 94 oder 95 Prozent der erwerbstätigen Arbeitskräfte in dem Golfstaat sowie 99 Prozent im Bausektor aus (Zahlen 2013). Das ist ein internationaler Rekord.

Ein System der Vormundschaft

Um die Kontrolle über diese erdrückende Mehrheit an migrantischen Arbeitskräften zu bewahren und der verhältnismäßig kleinen „einheimischen“ Bevölkerung gigantische Privilegien zu garantieren, setzt die Golfmonarchie Qatar auf das ursprünglich religiös begründete System der kafala: der Vormundschaft für einen „Schutzbefohlenen“.

Eigentlich wird diese Vormundschaft in Familien angewendet. Da das traditionelle muslimische Recht keine Adoption in ähnlichem Sinne wie die meisten europäischen Rechtsordnungen kennt,  bietet es stattdessen einen Mechanismus der Patenschaft an. Eine Schutzperson neben den Eltern kann eine Vormundschaft übernehmen, wenn die Eltern verstorben sind oder aus anderen Gründen den Unterhalt nicht gewährleisten können. Oft handelt es sich bei dieser als kafil bezeichneten Schutzperson um einen Onkel, eine Tante oder ein sonstiges Familienmitglied eines leiblichen Elternteils. Eine  spezielle Variante des kafala-Systems wird in den Golfstaaten praktiziert, wo sie als Rechtsbehelf für die Kontrolle von ausländischen Arbeitskräften benutzt wird.

Danach braucht  jeder, der  vorläufigen oder dauerhaft in eines der Golfländer einreisen will, einen Schutzpatron (kafil). Dieser verbürgt sich theoretisch vor allem für das korrekte moralische Verhalten seiner/s Schutzbefohlenen. In der Praxis läuft es darauf hinaus, dass der „Schutzherr“ sofort bei Einreise des Migranten oder der Migrantin Reisepass und Ausweispapiere konfisziert und einbehält. In Qatar werden in 90 Prozent der Fälle die Papiere kassiert und damit ein intensives persönliches Abhängigkeitsverhältnis eingerichtet.

Ohne Einwilligung des kafil kann der oder die „Schutzbefohlene“ weder die Arbeitsstelle wechseln, noch das Land verlassen. Im Streitfall oder bei Abbruch der Beziehungen zu dem „Schutzherrn“ drohen Gefängnis und/oder Abschiebehaft. Die Person des kafil kann dabei identisch mit dem Arbeitgeber sein, es kann sich bei ihm aber auch um eine dritte Person handeln, die diese Funktion etwa gewerbsmäßig (und dann oft für eine Vielzahl von Personen) ausübt. Möchte der oder die „zum Schutz Anvertraute“ das Land verlassen, benötigt er oder sie ferner grundsätzlich ein Exit Visum. Dafür ist aber die Einwilligung des „Schutzherrn“ notwendig. Wer also dessen Gunst verloren hat, wird in Qatar festgehalten und droht dort in die „Illegalität“ zu fallen.

Ein System in der Kritik

Mittlerweile aber steht Qatar im Scheinwerferlicht der internationalen Öffentlichkeit. Nicht nur seit der Vergabe der Fußball-WM 2022, sondern auch, weil das Emirat zunehmend international investiert: Es ist u.a. Eigentümer von Luxushotels in Paris und London, des Pariser Fußballclubs Paris Saint-Germain (PSG), von sechs Prozent des Kapitals der Deutschen Bank und von 15,6 Prozent der Stammaktien des VW-Konzerns. Damit  rücken auch die Arbeitsverhältnisse stärker ins Licht – und in die Kritik. Denn nicht nur migrantische Arbeiter mit geringem Ausbildungsstand, schwachen englischen und/oder arabischen Sprachkenntnissen und aus armen Ländern geraten in die Mühlen des qatarischen Ausbeutungssystems. Das kafala-System entfaltet seine hässliche Wirkung auch bei hochqualifizierten internationalen Arbeitskräften.

Am 14. Mai 2014 reagierte Qatar darauf und kündigte erneut „tiefgreifende Reformen“ an. Auch die kafala, hieß es, komme auf den Prüfstand: Sie solle in ihrer bisherigen Form abgeschafft werden. Stattdessen sollen spezielle Anwerbeverträge mit Arbeitsmigranten abgeschlossen werden. Das Innenministerium solle zudem künftig die Exit Visa für die Betreffenden ausstellen. Damit würden diese also nicht abgeschafft, sondern das Innenministerium wäre zuständig, in einem neuen zentralisierten Verfahren. Umgesetzt worden ist von dieser ohnehin bescheidenen Reform allerdings wenig.

Profiteure im Westen

Profiteure der faktischen Sklavenarbeit in dem technisch hypermodernen, aber mit einem mittelalterlichen Sozialsystem ausgestatteten Feudalstaat sind aber nicht nur Golfaraber aus der örtlichen Oberklasse. Es profitieren auch europäische Unternehmen, die in Qatar investieren. Diese Interessen könnten eine besondere Rolle bei der Vergabe gespielt haben.

So sprach Sepp Blatter, Präsident der FIFA, im Mai 2014 in einem Interview mit dem französischsprachigen Schweizer Radiosender RTS von einem „Fehler“, Qatar den Zuschlag für die Ausrichtung der WM erteilt zu haben. Den schwarzen Peter gab er aber dann gleich weiter: „Es gab einen politischen Willen (dafür), in Frankreich wie in Deutschland. (...) Große französische und deutsche Unternehmen sind in Qatar tätig, wissen Sie.“

Dass hinter dem Zuschlag womöglich wirtschaftliche Interessen stehen, konstatiert auch der „Spiegel“. Deutsche Unternehmen wie Hochtief, Siemens und Bilfinger Berger, die in Qatar investieren,  profitierten von dem ausbeuterischen Arbeitssystem in dem Golfstaat, recherchierte das Magazin.

Auch französische Firmen wie Vinci müssen sich wegen ihrer  Tätigkeit in Qatar nun mit Kritik auseinandersetzen. Ende März dieses Jahres erstatteten der französische Gewerkschaftsdachverband (CGT) und eine NGO, die gegen internationale Korruption kämpfende Vereinigung „Sherpa“, Strafanzeige gegen den Konzern. Die  Arbeitsbedingungen auf den Baustellen von Vinci in Qatar für die  Fußball-WM 2022 erfüllten den  Tatbestand der Zwangsarbeit, warfen sie Vinci vor. Der Konzern selbst bestreitet die Vorwürfe. Mittlerweile hat er eingeräumt, dass etwa die Pässe südasiatischer Bauarbeiter in seinen Diensten einbehalten worden sei – behauptet jedoch, dies sei auf freiwilliger Basis geschehen, um einem Verlust der Ausweisdokumente vorzubeugen. Vinci kündigte seinerseits eine Strafanzeige gegen seine Kritiker wegen „Verleumdung“ an.

Im Namen der französischen Regierung verkündete der Staatssekretär für Außenhandel, der deutsch-französische Doppelstaatsbürger Matthias Fekl, man verteidige die französischen Unternehmen im Ausland. Man lasse auf Vinci nichts kommen. Stattdessen wolle man einen „Leitfaden“ für Konzerne betreffend den „Einhalt der Menschenrechte“ verbreiten.

Am 25. April hat die Staatsanwaltschaft Nanterre inzwischen offiziell angekündigt, dass ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden sei, um die Vorwürfe gegen den Vinci-Konzern zu prüfen. 

Am 29. Mai soll der FIFA-Präsident neu gewählt werden. Wer auch immer es wird, er wird sich ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Und nun nicht mehr nur zu Qatar, sondern generell zu Korruption: Am frühen Morgen des 27. Mai sind gleich sechs hochrangige FIFA-Funktionäre von der Schweizer Polizei aus dem Bett geholt worden. Die US-Justiz ermittelt wegen Korruptionsverdacht. Würden die Ermittlungen der US-Justiz, die am Ausgang der Verhaftungen stehen, auf die Skandale rund um Qatar ausgeweitet – die Justiz hätte vermutlich reichlich zu tun.


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Dr. Bernard Schmid
Geboren 1971 in Süddeutschland

Freier Journalist und Autor in Paris
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