Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 33: 2015 | Die Janusköpfigkeit der Digitalisierung

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Montag, 6. Juli 2015

Die Janusköpfigkeit der Digitalisierung

Wenn Bits und Bytes auf Arbeitnehmerrechte treffen

von: Dr. Sandra Siebenhüter
Menschenhand Roboterhand

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Die Digitalisierungsdebatte macht deutlich, dass die Wachstumschancen der sogenannten „vierten industriellen Revolution“ von Arbeitnehmer -und Arbeitgeberseite unterschiedlich eingeschätzt werden. Dient der Hype um die Digitalisierung also ganz anderen Zielen? Die technischen Möglichkeiten scheinen für die Arbeitgeber endlich eine Befreiung aus dem Gehäuse von Tarifverträgen und Mitbestimmungsstrukturen auch in Deutschland zu ermöglichen. Die Äußerungen des Arbeitgeberpräsidenten, Ingo Kramer, legen diese Vermutung nahe:

„Es ist in meinen Augen zum Beispiel der völlig falsche Weg, Werkverträge einzuschränken….wir werden durch die Digitalisierung mehr integrierte Zulieferer und IT-Dienstleister bekommen … weil es aus Gründen der Spezialisierung mehr Outsourcing auf eng vernetzte Zulieferer und Dienstleister geben wird – und zwar grenzüberschreitend. Und das heißt: Es wird mehr Werkverträge geben.“[1].

Dass die Digitalisierung Mobilität und Flexibilität herausfordert, wissen wir. Dass sie aber als Vorwand für unregulierte Werkverträge dient, sollte Arbeitnehmervertreter aufschrecken. Der Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom Dieter Kempf macht sogar die „Ausreizung“ prekärer Beschäftigung zur Bedingung für die digitale Gesellschaft:

Wir sind zum Beispiel gerade dabei…die Beschäftigung von hochqualifizierten und gut bezahlten Freelancern zu erschweren und infrage zu stellen. Oder die geplante neue Arbeitsstättenverordnung…In einer Welt, in der das Café, die Parkbank oder der ICE längst zu produktiven Orten geworden sind, sollen künftig Prüfer den Lichteinfall im Wohnzimmer kontrollieren…Wenn wir aus der Tradition der analogen Wirtschaft die Kriterien für das künftige Arbeits- und Arbeitsstättenrecht ableiten, dann bekommen wir keine d!conomy und werden deren Beschäftigungspotenziale nicht ausreizen können. Dann bleiben wir bei der analogen Gesellschaft stehen“.[2]

Der Blick auf die Interessen der Beschäftigten macht einigen Protagonisten der Digitalisierungsdebatte Angst. Schnell werden politische Regularien gegen vermeintliche Innovationen ausgespielt. So auch der ehemalige Bitkom-Präsident August-W. Scheer:

Was mir Sorgen macht, ist das Verhalten der Politik in Deutschland. Wenn ich sehe, dass wir versuchen, mit Regularien Innovationen zurückzuhalten bezüglich Uber, dann wird keiner Schnittstellen zu dem System anbieten.“[3]

Ohne Frage: Die Digitalisierung birgt viele Chancen[4] für Unternehmen, für Arbeitnehmer und für die Gesellschaft. Schon heute führt sie zu einem Zuwachs an technischem Know How und trägt dazu bei neue Produkte, neue Arbeitsplätze und neue Berufe zu schaffen. Sie entlastet aber auch Beschäftigte von schweren und gefährlichen Arbeiten. In Zukunft wird sie komplexe Planungen und Prognosen vereinfachen sowie neue Geschäftsmodelle und flexiblere Arbeitsformen (Home Office, Mobilarbeit) ermöglichen.[5] Die Wirtschaft wird durch die Vernetzung von Maschinen, Produkten und Arbeitnehmern, verbunden mit dem digitalen Zugriff auf umfangreiche Wissensbestände, einen immensen Produktivitätszuwachs erfahren. Denn die Industrie 4.0 kann durch die genauere Disposition der Roh- und Werkstoffe und durch den Einsatz von intelligenten Maschinen den Ressourcenverbrauch verringern. Auch individualisierte Produkte (Losgröße 1) lassen sich so effizienter und kostengünstiger herstellen. Zudem werden neue Dienstleistungen rund um die neuen Produkte entstehen und eine Rückverlagerung von industriellen Arbeitsplätzen nach Deutschland ist nicht auszuschließen. Diese Entwicklungen müssen aber politisch begleitet werden. Die Politik darf sich nicht in den Fallstricken des Technikdiskurses verfangen, die im Folgenden erläutert werden.

Der Irrtum des Technikdiskurses

Bisweilen legen die Aussagen mancher Arbeitgebervertreter den Eindruck nahe, dass Deutschland, wenn es nicht umgehend Arbeitsstandards lockere, nur noch die Rücklichter der digitalen Lokomotive sähe. Soziale und politische Argumente werden dadurch mit technischen Sachzwängen entkräftet. Der Abbau von Arbeitnehmerrechten, die Ausbreitung atypischer Beschäftigung, der Wegfall der Sozialversicherungspflicht und des Arbeitsschutzes und die Erhöhung der inländischen Arbeitsmarktkonkurrenz werden so zur unausweichlichen Bedingung einer erfolgreichen Digitalisierung propagiert.

Dabei wissen wir bereits aus vergangenen Automatisierungsdebatten, dass die Dominanz der Technik das Risiko eines funktionalen Blicks auf die Beschäftigten in sich birgt. Diese Gefahr besteht bei der Industrie 4.0 noch stärker, da nun alle direkten und indirekten Arbeitsbereiche in der Fabrik - auch jene, die nicht von Maschinen geleistet werden – letztlich der Logik des Digitalen unterworfen sind. Für Beschäftigte, deren Wertschöpfung von Maschinen vorbereitet, ergänzt oder weiterverarbeitet wird, erhöht sich damit die Gefahr, dass sie als ein „soziales physikalisches Produkt“ im Netzwerk von „technischen physikalischen Produkten“ gesehen und beurteilt werden. Zur Leistungssteigerung der Netzwerke werden Kennzahlen erhoben, um die digitalen Prozesse zu optimieren. Allerdings ist nur beim Menschen eine Kommunikation zur Produktivitätssteigerung (Leistungsdruck, Überstunden etc.) möglich.

Die Kennzahlen zur Leistungsbemessung werden zwar im Betrieb erhoben, umfassen aber keinesfalls die besondere Arbeitsebene. Denn soziale, kulturelle und kommunikative Kriterien (z. B. Arbeitsklima, Motivation, Kooperationsbereitschaft) werden nur marginal integriert, weil sie nur eingeschränkt messbar und für Investoren auch nicht relevant sind. Die Datenfülle der digitalen Fabrik, unterfüttert durch neue Messgrößen, verführt dazu, betriebliche Prozesse nur noch anhand von Zahlen zu beurteilen.

Von der Werk- zur Datenbank

Die digitale Fabrik, so der Idealfall, gleicht einem höchst flexiblen und reaktiven Adhoc-Netzwerk aus Maschinen und Personen, das auf Anfragen von Kunden und Lieferanten unmittelbar agiert. Das Netzwerk kommuniziert innerhalb und außerhalb der Unternehmen miteinander auf Grundlage umfangreicher Datensätze, wobei die Unternehmensgrenzen zunehmend verschwimmen. Das bringt Vorteile für Kosteneinsparungen im Fertigungsprozess. Zudem ist das Wissen über die „Datenknoten“ in der Fabrik 4.0 strategisch äußerst nützlich, denn spezifische Teambildungen können mit Hilfe der Informationen noch zielgenauer vorangetrieben bzw. „unproduktive Verbindungen“ gekappt werden.

Die digitale Technik erleichtert den Unternehmen den Zugriff auf ein weltweit qualifiziertes Arbeitskräftepotential und damit auch die Möglichkeiten neue Organisationsformen der Arbeit zu testen. Shared Services, virtuelle e-Collaboration- und Crowdworking-plattformen[6] sind inzwischen bewährte Instrumente, um eine höchst effiziente und genau skalierbare Einkaufspolitik- und Aufgabenverteilung zu betreiben. Der spezifische Beitrag des Einzelnen zum Ganzen wird darin immer schwerer identifizierbar. Viele Angestellte erfahren aufgrund der ausufernden Aufgabenkonkurrenz eine status- und entgeltbezogene Abwertung. Neue Entlohnungsstrukturen werden bei der Projektvergabe über Crowdsourcing-Plattformen deutlich, wo ausgeklügelte Bonus- und Prämiensysteme feste, garantierte Entgelte ablösen.

Das Gelingen der virtuellen Teamarbeit setzt einen funktionierenden Informationsfluss und ein ausdifferenziertes Ideen- und Wissensmanagement voraus. Dies soll durch die Nutzung betrieblicher Netzwerke, Wikis, Foren und digitaler Pinnwände gewährleistet werden. Als neue Leistungskriterien für die Bezahlung der Arbeitnehmer dienen dann die Beiträge und Follower von Einzelpersonen bzw. Teams in diesen Foren. Bei Projektausschreibungen ermöglichen Skill-Datenbanken die gezielte, kostenoptimierte Ansprache von internen Beschäftigten oder externen Freelancern nach Alter, Qualifikation und Gehaltsstufe. Der indische Ingenieur mit einem hohen Scoring, aber geringerer Bezahlung, wird sicher auch dabei sein.

Die individualisierte Leistungs- und Produktivitätsmessung[7] wird durch ein fortwährendes Echtzeit-Monitoring jeglicher personenbezogener und produktionsnaher Dienstleistungen des Beschäftigten ergänzt. Dabei sind die Gesprächs- und Bearbeitungsdauer genauso skalierbar wie Prozessdurchlaufzeiten und die Programmiergeschwindigkeit (Stichwort: digitaler Taylorismus). Diese funktional-technische Betrachtung der Digitalisierung lädt förmlich dazu ein, die bisherigen Bemessungsgrundlagen von Entgelt über Qualifikation und Leistung außer Kraft zu setzen. Feste Arbeitszeiten und Tarifverträge scheinen mit dieser virtuellen ad-hoc Arbeitswelt nicht mehr kompatibel zu sein.

Gilt die Diversität der Arbeitsorte und der Arbeitnehmer den Arbeitgebern als Kostenvorteil, ist sie aus Sicht der Gewerkschaften auch aus anderen Gründen ein großes Hemmnis. Die dezentrale Struktur der Beschäftigten über Standorte, Länder und Kontinente hinweg, erschwert eine gemeinsame Wahrnehmung ihrer Interessen und das obwohl sie gleichzeitig auf einer Plattform am gleichen Projekt für den gleichen Auftraggeber arbeiten. Die steigende Kommunikationsdichte geht nicht mit Vergemeinschaftung, sondern eher mit einer Vereinzelung einher. Solidarisches Handeln erfordert aber gemeinsame soziale Erfahrungen und eine kollektive Betroffenheit von Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit. Beides ist virtuell nur schwer zu gewährleisten.

Nicht zuletzt bedingt die betriebliche Ausdifferenzierung der Belegschaften auch eine hohe Intransparenz der aus diesem Netzwerk generierten Betriebsergebnisse. Den schwer organisierbaren Kollektivinteressen stehen Effizienz- und Produktivitätsgewinne gegenüber, die durch informative Vernetzungstechniken verursacht sind. Damit ist die Dominanz der Datenvernetzung nicht nur eine Herausforderung für den Beschäftigtendatenschutz, sondern für jegliches Beschäftigungsverhältnis innerhalb der Fabrik 4.0 und außerhalb als Freelancer.

Die politische Dimension von Technik

Die sozialen Aspekte dieser Vernetzung von Mensch, Maschine und Produkt bleiben von Arbeitgeberseite ebenso wie von Unternehmensberatungen weitgehend unkommentiert. Insbesondere letztere erzeugen durch ihre Gutachten[8] nicht nur öffentliche Unsicherheit und Aufmerksamkeit, sondern im Umgang mit der „alternativlosen Herausforderung der digitalen Innovation“ einen hohen politischen Handlungsdruck. Klar muss dabei sein, dass es sich nicht nur um eine ausschließlich technische und wirtschaftliche Diskussion handelt, sondern dass diese sehr eng von einem politischen, sozialen und auch kulturellen Diskurs begleitet werden muss. Unsere freiheitliche und demokratische Gesellschaft darf sich nicht von Technikexperten und Unternehmern ihre „neue“ Arbeits- und Lebenswelt vorschreiben lassen. Schon heute zeigt sich, dass die Digitalisierung nicht nur das Mensch-Maschine-Verhältnis neu definiert, sondern insbesondere das Mensch-Mensch-Verhältnis. Fragen nach Mitbestimmung und betrieblicher Integration sind deshalb so außerordentlich zentral für die weitere Debatte.

Und so technisch faszinierend wie die Google und Facebook-Welt auch sein mag, so sollten wir uns politisch nicht verführen lassen, denn die Statements aus dem Silicon-Valley sind beängstigend: „Die Demokratie ist eine veraltete Technologie (...); sie hat Reichtum, Gesundheit und Glück für Milliarden Menschen auf der ganzen Welt gebracht. Aber jetzt wollen wir etwas Neues ausprobieren." 9



[2] Pressekonferenz „Digitalisierung der Arbeitswelt“, Berlin, 26. Februar 2015:

http://www.bitkom.org/files/document/BITKOM_Vortrag_Prof_Kempf_Digitalisierung_der_Arbeitswelt_26_02_2015%281%29.pdf

[3] August-W. Scheer, ehemaliger BITKOM-Präsident, beim Kongress „Die Fabrik des Jahres“ am 26.3.2015 in Hannover: vgl.

http://www.produktion.de/fabrik-des-jahres/prof-scheer-das-innovators-dilemma-droht/

[4] Eine kritische und weitergehende Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeitswelt und Digitalisierung der Autorin findet sich unter: http://www.managerismus.com/themen/arbeitswelt-bwl-consulting/denkzettel-nr-40 (und DZ Nr. 37)

[5] Ca. 2,7 Millionen abhängig Beschäftigte sind 2012 ihrem Beruf hauptsächlich oder gelegentlich von zu Hause nachgegangen; neben den Bürokräften sind dies vor allem Personen mit Hochschulabschluss (Ingenieure, Lehrer, Manager, Wissenschaftler, Juristen). Vgl. DIW Wochenbericht Nr. 8/2014: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.437987.de/14-8.pdf. Je größer das Unternehmen, desto verbreiteter ist die Ausstattung der Mitarbeiter mit mobilem Internetzugang: Sind dies bei Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten ca. 75% der Beschäftigten, so sind es bei Unternehmen mit 250 und mehr Beschäftigten sogar 91%. Vgl. Destatis, 2012: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/1/PD12_447_52911.html

[6] Vgl. Benner, Christiane (2014): Crowdwork - zurück in die Zukunft. Perspektiven digitaler Arbeit, Frankfurt.

[7] Vgl. Heß, Klaus (2014): Die „CallCentrifizierung“ - Call Center-Prinzip in allen Branchen auf dem Vormarsch, in: CuA, Nr. 9/2014, S. 13-15.

[8] Berger, Roland (2014): INDUSTRY 4.0: The New Industrial Revolution: How Europe Will Succeed, München/ Accenture (2014): Neue Geschäfte neue Wettbewerber: Deutschlands Top 500 vor der digitalen Herausforderung, Kronberg/ PricewaterhouseCoopers (PwC) (2014): Industrie 4.0: Chancen und Herausforderungen der vierten industriellen Revolution, München, Frankfurt.

9 vgl. Mikrogesellschaften: Hat die Demokratie ausgedient? Vom 15.05.2014: http://www.br.de , auch: Hostetter, Yvonne (2014): Sie wissen alles, München.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Dirk Nerge schrieb am 2. August 2015 um 23:19 Uhr:

Aktivierung - Wegbereiter in die Welt der digitalen Phantastik
@ Dr. Sandra Siebenhüter,
für die Zweck- und Zielorientierung der Deregulierungen des Arbeits- und Sozialrechts gab es einen häufig gebrauchten, zusammenfassenden Begriff: den der “Aktivierung”. Ein Begriff von zentraler Bedeutung etwa auch in der Hirnforschung und in der Informatik.
In Zusammenhang mit dem modularen Aufbau oben genannter Deregulierungen als Anreizstruktur zur Erzeugung bestimmter Verhaltensmuster, wobei die informelle Organisation eine herausragende Rolle spielt, kann die Aktivierung als manipulierendes System zur Komplexitätsreduktion im Sinne der Passiv- oder Ausschaltung von Tendenzen bezeichnet werden, die sich einer Absenkung des Mittelwertes des Erwartungs- und Anspruchsniveaus zum Lebensstandard der sogenannten Wirtschaftssubjekte widersetzen.
Das würde sowohl in Bezug auf Arbeit als auch auf Konsum die Begrenzung der Bedürfnisentwicklung oder -entfaltung der sogenannten Wirtschaftssubjekte beinhalten. Und Ausdruck dieser begrenzten Bedürfnisentwicklung oder -entfaltung ist ja unter anderem schon gegenwärtig die Tatsache, dass es zu verlängerten Lebensarbeitszeiten bei gleichzeitiger Leistungsintensivierung kommt und dieses immer im Verhältnis zu schlechteren Löhnen steht. So kann gesagt werden: bezogen auf den Einzelnen gerät ein rationales Input-Output-Verhältnis aus dem Gedächtnis, selbst dann oder dadurch “verstärkt”, wenn zum Beispiel ein Mindestlohn die Folgen möglicherweise für das System dysfunktionaler Demotivationen auf Grund einsetzender Hyper-Aktivierung auszugleichen versucht.
Aber noch interessanter ist der Blick auf die durch die Aktivierung gewährleistete begrenzte Bedürfnisentwicklung oder -entfaltung bezüglich marketingtechnischer Steuerungsvariablen, aus denen überhaupt erst die Voraussetzungen digitaler Geschäftsmodelle konstruierbar sind: hier sind die zumindest Beinahe-Algorithmen
der Aktivierung und die eigentliche Digitalisierung unabdingbare Komplemente, die über das manipulierte Wahrnehmungs- und Bewusstseinsfeld der sogenannten Wirtschaftssubjekte, bei vorausgesetzten, insbesondere von der Aktivierung verursachten asymmetrischen Beziehungen, Vorteile und Nachteile zum Einsatz oder zur Drosselung oder zum Verlust von Innovationen erkennen lassen.
Wenn also die Aktivierung, womit grob umrissen die Zweck- und Zielorientierung der “bisherigen” Deregulierungen des Arbeits- und Sozialrechts gemeint ist, zur unverkennbaren Absenkung des Mittelwertes des Erwartungs- und Anspruchsniveaus zum Lebensstandard samt der Einformung des Menschen in Produktschablonen geführt hat, weshalb lassen Sie dann die Relevanz dieser gegenwärtigen Vorgänge mehr oder weniger unerwähnt, etwa so, als befände sich die Arbeits- und Konsumwelt noch im akzeptablen Rahmen? Wenn Sie mal Zeit haben sollten, wäre ich Ihnen für eine Antwort sehr dankbar.
Freundliche Grüße
Dirk Nerge

Verena Gräfin zu Wolffenstein schrieb am 1. August 2015 um 17:27 Uhr:

Sehr geehrte Damen und Herren,
anläßlich der Lektüre des obigen Textes erinnerte ich mich wieder einmal eines Textes, der zwar vor bereits vielen Jahrzehnten veröffentlicht wurde, der aber gleichwohl bis heute nichts von seiner großen Aktualität eingebüßt hat.
Ich spreche von Günther Anders Buch "Die Antiquiertheit des Menschen", welches auch heute noch ein gutes Viaticum auf dem Weg gegen die flächendeckende Verdummung des Menschen durch sog. "Technikexperten" darstellt.
Was vor Jahrzehnten die allgegenwärtige Technisierung aller Lebensbereiche versprach, ohne indes ihre vollmundigen Versprechungen auch nur ansatzweise einzulösen, kommt nun munter unter dem Zauberwort der "Digitalisierung" daher, das nun auf einmal alles zum Besseren richten soll..
Man verweist hier wie in anderem Zusammenhange auch auf angebliche Sachzwänge, die indessen nur dem einen Zwecke dienen, nämlich den Menschen vollständig und endgültig zu einem bloßen Annex technokratischer Hybris zu machen.
Selbstverständlich ist dies eine Frage von höchster politischer Brisanz, aber um hier entsprechend wirkungsvoll zu handeln, muß zunächst einmal das evident politische dieser Frage erkannt werden.
Erkennen die Gewerkschaften diesen Zusammenhang ? Ich habe da wirklich meine Zweifel.
Wer aber diese Zusammenhänge nicht erkennt und dem ideologischen Dampfgeplauder angeblicher Experten sein Ohr leiht, läßt sich leicht zum nützlichen Idioten für ganz anders gelagerte Interessen machen.
Man wird kräftig Dampf machen müssen, damit sich etwas bewegt und das heißt ganz konkret über die wahren Absichten solcher "Versprechungen" aufzuklären, um ihnen nicht auf den Leim zu gehen.

Bernhard Pfitzner schrieb am 9. Juli 2015 um 16:41 Uhr:

Dem Artikel kann ich zum allergrößten Teil zustimmen, habe aber an einer Stelle einen Einwand:
Wenn es darin heißt:
"Die steigende Kommunikationsdichte geht nicht mit Vergemeinschaftung, sondern eher mit einer Vereinzelung einher. Solidarisches Handeln erfordert aber gemeinsame soziale Erfahrungen und eine kollektive Betroffenheit von Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit. Beides ist virtuell nur schwer zu gewährleisten",
so möchte ich den einleitenden Satz folgendermaßen modifizieren:
"Die steigende Kommunikationsdichte geht nicht AUTOMATISCH mit Vergemeinschaftung einher, sondern (UNTER DEN GEGEBENEN UMSTÄNDEN) in der Regel eher mit einer Vereinzelung ".
Tatsächlich haben wir als Gewerkschaften bisher zu den NEUEN Vergemeinschaftungsformen (wie sie sich etwa in open-source- und open-content-communities ansatzweise zeigen) noch kein wirklich produktives Verhältnis gefunden.
Dabei geht es mir nicht darum, diese Communities zu idealisieren. Meine These lautet:
"M.E. wird es von entscheidender Bedeutung für die wirksame Interessenvertretung zunehmender Teile der arbeitenden Klassen sein, ob es gelingt, die gegenseitigen Reserven (der „Gewerkschaften 1.x“ einerseits und der Communities, die sich im web herausgebildet haben, andererseits) zu überwinden und den Solidaritätsgedanken der Gewerkschaften mit den Organisationsformen der Communities zu verbinden."
(so in meinem Thesenpapier "Crowds, Communities, Gewerkschaften", http://wiki-dateien.e-union.org/eigenePapiere/Cr_Co_Gew2x.pdf, 13 S.)

Versager schrieb am 8. Juli 2015 um 15:14 Uhr:

Als von Natur aus soziales Wesen entziehen ökonomisch-gesellschaftliche Mechanismen die Arbeitskraft des Einzelnen unwiederbringlich jedwedem Zugriff, sobald Dritte auch nur dem Anschein nach versuchen, etwa am Beispiel des Diskurses um die digitale Zukunft gleichsam die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Insofern es also keinen Weg an der Natur des Menschen vorbei gibt, könnte es nicht einfältiger sein, getreu der kalifornischen Ideologie des Silicon Valley horrende Gelder für Praktiken einzusetzen, die von vornherein bar jeglicher Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg sind. Einer der Ärztlichen Direktoren der Ulmer Universitätskliniken (Spitzer, M.: Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft, Stuttgart u. a., 2005, S. 6) extrapolierte bereits vor zehn Jahren die Folgen von solch vorsätzlich begangenem Unfug für die hiesige Mortalitätsrate und kam zu dem Schluss, dass allein in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2020 dadurch vermeidbar rund 40.000 Personen zusätzlich zu Tode kommen, wenn nicht schon heute der besagte Frevel an sein Ende kommt, indem notwendig darin innegehalten wird.

Paul Laudenberg schrieb am 7. Juli 2015 um 02:11 Uhr:

Ein so komplexes Thema kann in einem Beitrag, geschweige in einem Kommentar nicht adäquat behandelt werden. Daher beschränke ich mich auf den Aspekt der "politischen Dimension". Die Zitate der Arbeitgeberseite zeigen ja deutlich, wohin die Reise gehen soll.
Zitat: „Klar muss dabei sein, dass es sich nicht nur um eine ausschließlich technische und wirtschaftliche Diskussion handelt, sondern dass diese sehr eng von einem politischen, sozialen und auch kulturellen Diskurs begleitet werden muss. Unsere freiheitliche und demokratische Gesellschaft darf sich nicht von Technikexperten und Unternehmern ihre „neue“ Arbeits- und Lebenswelt vorschreiben lassen.“
Das wird nicht gelingen, solange wir weiter in einem ökonomischen Modell arbeiten, das dem Eigentum Vorrang gibt vor den sozialen Lebensinteressen der Menschen und unhinterfragt das Motto vertreten kann: was der Wirtschaft dient, hilft auch den Menschen.
Wie der aktuelle Postabschluss wieder zeigt, kann ein Streikende nicht als Erfolg verkauft werden, wenn das Ziel, die Ausgliederung von Betriebsfunktionen zu schlechteren Arbeitnehmerkonditionen nicht verhindert werden konnte. Hier steht synonym die weitere Entwicklung, wenn die „politische Dimension“ nicht eine soziale und bürgerliche Dimension erhält, die endlich die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse auf neue Füße stellt. Und diese Füße repräsentieren keine Abhängigkeitsverhältnisse mehr von Menschen hinsichtlich der Produktions- und Beschäftigungsverhältnisse. Klingt utopisch, ist aber unabdingbar.

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Dr. Sandra Siebenhüter
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