Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 29: September/Oktober 2014 | Zwei Jahre nach dem Brand der Textilfabrik in Karatschi

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Thema der Ausgabe 29: September/Oktober 2014 Soziale Teilhabe und Demokratie

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Sonntag, 5. Oktober 2014

Zwei Jahre nach dem Brand der Textilfabrik in Karatschi

Pakistans „Industrial 9/11“ – ein Reisebericht

von: Dr. Thomas Seibert
Textilfabrik in Pakistan

medico

Mohammed Hanif ist in Karatschi kein Unbekannter. Im Stil eines bekannten Bollywood-Stars gekleidet, ist der junge Tänzer schon im Fernsehen aufgetreten. Aber seinen Lebensunterhalt verdient auch er durch Akkordarbeit in einer der zahllosen Textilfabriken in Pakistan. Hanif war Näher bei Ali Enterprises – bis zu jenem 11. September 2012, an dem in der Fabrik ein Brand ausbrach und 255 Arbeiterinnen und Arbeiter starben. Das war Pakistans „Industrial Nine/Eleven“. Zwei Jahre später kann Hanif noch sehr genau erklären, wie das Gebäude aufgebaut und die Produktion organisiert war. Ruhig berichtet er, wie er in der Flucht vor den Flammen einen Außenventilator aus der Wand trat und dadurch eine Öffnung ins Freie schaffen konnte. Zehn Menschen hat er durch das Loch abseilen und retten können, bevor er selbst ohnmächtig wurde und in die Tiefe stürzte. Vielfache Knochenbrüche waren die Folge, manche Nervenbahnen sind dauerhaft beschädigt und die Lunge so angegriffen, dass seine Schilderung der Ereignisses immer wieder durch Hustenanfälle unterbrochen wird.

Hanif ist eines von 50 Ali Enterprises-Opfern, die wir Anfang September im Tagungsraum eines Hotels der pakistanischen Millionen-Metropole Karatschi treffen. Sie gehören der Selbstorganisation der Überlebenden und Hinterbliebenen an, die sich „Baldia Factory Fire Affectees Association“ nennt. Wir – das sind der pakistanische Anwalt Faisal Sidiqqi, zwei Berliner Anwältinnen des European Center for Constitutional und Human Rights (ECCHR) und ich für medico international. Das Treffen dient der Vorbereitung einer Klage gegen den deutschen Discounter KiK, der am verhängnisvollen 11. September bei Ali Enterprises Kleidungsstücke fertigen ließ.

Selbst nach Katastrophen wie dieser ist es schwierig bis unmöglich, die internationalen Auftraggeber juristisch haftbar zu machen. Die Unternehmen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu, mit der Folge, dass letztlich keines belangt wird. Trotz öffentlichen Drucks hat KiK bislang bloß lächerliche Summen an die Überlebenden und Hinterbliebenen gezahlt, auf freiwilliger Basis: gegen einen Anspruch auf substanzielle Entschädigung wehrt sich das Unternehmen nach Kräften. Vor wenigen Wochen ist die vorerst letzte Verhandlungsrunde mit KiK gescheitert. Der Anwalt Faisal Sidiqqi kehrte ohne Ergebnis nach Pakistan zurück. Karamat Ali, Geschäftsführer der medico-Partnerorganisation PILER und Verhandlungsführer der Opfer, war erst gar nicht nach Berlin geflogen. Nun soll der Klageweg beschritten werden. In diesem Fall ist das keineswegs aussichtslos, weil KiK der mutmaßlich einzige Auftraggeber von Ali Enterprises war. Deshalb versuchen die Opfer im Schulterschluss mit medico und Partnern aus Deutschland und Pakistan etwas noch nicht Dagewesenes: ein deutsches Unternehmen vor deutschen Gerichten für eine Katastrophe in einer ins Ausland verlagerten Produktion haftbar zu machen. Es könnte ein Präzedenzfall werden.

Wie Mohammad Hanif erzählen auch die anderen Überlebenden und Hinterbliebenen von ihren Schicksalen. Sie rufen die Namen ihrer Mütter, Väter, Geschwister und Kinder in Erinnerung, die diesen Tag nicht überlebt haben, berichten von eigenen Verletzungen, Verstümmelungen und Traumatisierungen. Sie sind froh, dass die Erlebnisse jedes Einzelnen protokolliert werden – obwohl sie wissen, dass aufgrund der Prozessbedingungen nur drei oder vier von ihnen die Klage werden einreichen können. Mit Interviews wollen wir herausfinden, wer als Kläger oder Zeuge in Betracht kommt. Allen Anwesenden ist bewusst, dass die Klage sehr lange dauern wird und ihr Ausgang ungewiss ist. Doch niemandem geht es nur um sich. Immer wieder fallen Sätze wie „Ich möchte helfen für Gerechtigkeit zu sorgen.“ Oder: „Für mich wird sich nichts mehr ändern. Aber ich will, dass anderen nicht dasselbe passiert.“

Tatsächlich gelingt es reibungslos, sich auf eine Handvoll potenzieller Kläger zu einigen, drei Männer und zwei Frauen. Eine von ihnen ist Saheeda Katoon. Sie war schon vor dem 11. September Witwe, verlor beim Brand ihren Sohn Ejaz Ahmad, lebt von zwei kleinen, zeitlich befristeten Pensionen. Mit den Tränen kämpfend erzählt sie, dass ihr Sohn sie einst hätte begraben sollen, dass sie jetzt nicht weiß, ob überhaupt jemand an ihrem Grab stehen wird. Sie schläft kaum und kocht nicht mehr, ernährt sich von Brot, von Keksen, etwas Obst. Am Ende der zwei Tage hat die Klage Gesichter und Geschichten bekommen, Einzelfälle, die für viele andere stehen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum KiK inzwischen um einen neues Gespräch gebeten hat. Der Druck auf einen Profiteur der globalen Ausbeutung wächst.

Korangi: Depression Colony

Dass sich bisher nichts geändert hat, erleben wir bei unseren nächsten Stationen. Kollegen der Gesundheitsorganisation HANDS, des ältesten medico-Partners in Pakistan, fahren uns in die Bhitai Colony in Korangi, einem Stadtteil Karatschis, wo die Hilfsorganisation ein psychosoziales Gemeindeprojekt begonnen hat. Die HANDS-Aktivistinnen Laldin Balal und Asia Majid nennen die Gegend „Depression Colony“. Wir sehen, in welchen Verhältnissen die Arbeiterinnen und Arbeiter des Weltmarktes leben – und welches alltägliche Elend sie an die Werkbänke treibt. Tatsächlich gilt ein Job in einer der Textilfabriken als Hauptgewinn. Die meisten hier sind Tagelöhner oder gänzlich ohne Einkommen. Nur die großen Straßen sind asphaltiert, die Seitenachsen trotz der Hitze mit stinkenden Pfützen übersäht. „Die Trinkwasserversorgung ist katastrophal, weil sich Frischwasser und Abwasser mischen“, sagt Asia. Viele leiden an Durchfall und Erbrechen, an Hepatitis und Malaria. „Neben der Armut ist das schlimmste die Aussichtslosigkeit der Tagelöhnerei und die Angst vor dem Jobverlust“, ergänzt Laldin. Am Anfang des Projekts wurden Frauen aus der Colony zu „Marvi Workers“ ausgebildet – zu Gemeindeschwestern mit paramedizinischen und psychosozialen Grundkenntnissen. Jede Marvi betreut eine Gruppe von bis zu 15 Frauen und organisiert regelmäßige Treffen. „Die Mühsal und die Angst machen die Familien kaputt, viele Männer prügeln, die Frauen versuchen alles zusammenzuhalten. Die Jungen baden das aus, nehmen Opium, Alkohol und andere Drogen.“ Hält eine Frau das nicht mehr aus, bringt eine Marvi sie zu einer kleinen Klinik. Deren Leiterin Fizza Yasmeen erklärt uns: „Wir leisten hier Nothilfe, nicht mehr und nicht weniger. Aber die Situation ändern – das können wir nicht. Fragen wir die Leute, was sie brauchen, lautet die Antwort: Jobs, mehr Jobs, bessere Jobs.“

Korang

Koran Bhitai Colony medico

Faisalabad: Sector Satwan

Bessere Jobs? Welche Arbeitsbedingungen hier selbstverständlich sind, wissen die Kollegen des medico-Partners NTUF, sei es in den Textilfabriken in Karatschi, sei es in den Webereien in Faisalabad im Nordwesten nahe der indischen Grenze, wo die Stoffe hergestellt werden. Mit Nasir Mansoor, dem Generalsekretär der Gewerkschaft, reise ich nach Satwan, einem der 29 „Sektoren“ des Industriegürtels von Faisalabad. Die Szenerie in den Fabriken erinnert an den Manchesterkapitalismus vor 100 Jahren in Europa. Im Höllenlärm der dunklen Hallen rattern auf engstem Raum 60 uralte, vom Rost zerfressene Webstühle. Luftfilter gibt es nicht, zentimeterhoch häufen sich die Baumwollfasern. Die Arbeiter drängen sich um die Maschinen und hetzen durch die schmalen Gänge, stets in der Gefahr, irgendwo anzustoßen, hängenzubleiben oder ins rasende Getriebe und Gestänge zu geraten.

Am Ende unseres Wegs treffen wir Gewerkschaftsaktivisten des Labour Qaumi Movement (LQM), der vor kurzem erst gegründeten „Volksbewegung der Arbeit“. NTUF und LQM haben sich gesucht und gefunden: Die einen sind an neuen Methoden des Organisierens interessiert, die anderen an Verbindungen über Faisalabad hinaus. Der Fabrikbrand des „Industrial 9/11“ hat sie zusammengeführt: „Was in Karatschi die Brände sind“, sagt Ashfaq Budd, Gründer des LQM, „sind bei uns die Unfälle am Webstuhl.“

Webstühle

medico

Workers of the World, unite!

Zurück in Karatschi beraten wir uns noch einmal mit den Kollegen der NTUF, von PILER und dem Anwalt Siddiqi. Schon bei der Ankunft hatten wir ihnen die englische Übersetzung eines Aufrufs gezeigt, den wir in Deutschland zum 11. September veröffentlichen wollten, dem zweiten Jahrestag des Brandes. Seine Initiatoren sind die Vorsitzenden des DGB, ver.dis und der IG Metall, Reiner Hoffmann, Frank Bsirske und Detlef Wetzel. Mit ihnen zeichnen Abgeordnete des Bundestags, Wissenschaftlerinnen, Schauspieler und Schriftsteller. Zu Beginn wird knapp der „Industrial 9/11“ in Erinnerung gerufen. In der Mitte des Texts nennen die drei Gewerkschaftsvorsitzenden die politische Forderung, die uns zusammen bringt: „Die Kolleginnen und Kollegen an den Nähmaschinen in Südasien und Südostasien brauchen eine angemessene und faire Entschädigung, bessere Arbeitsbedingungen und eine anerkannte gewerkschaftliche Vertretung.“ Dann aber wechselt die Perspektive. „Wir alle“, so heißt es im folgenden Satz, „brauchen ein deutlich verschärftes Haftungsrecht, das deutsche Unternehmen auch im Ausland auf Arbeitssicherheit, bessere Arbeitsbedingungen und Anerkennung des Arbeitsrechts verpflichtet.“ Der Wechsel vom „sie dort“ zum „wir hier“ ist entscheidend: durchgesetzt werden kann das nie allein in Asien, sondern nur dann, wenn auch in Europa und Deutschland dafür gestritten wird. Dazu gehört, dass der Aufruf bei der politischen Forderung nicht Halt macht, sondern zu Spenden aufruft: zu einem Fonds für medizinische Hilfe, zur Finanzierung des Prozesses gegen KiK – und zum Kauf eines Gewerkschaftshauses für die NTUF, das in Karatschis Stadtteil Gulshan entstehen wird. Die Spendensammlung soll KiK nicht entlasten, im Gegenteil: Wer spendet, wird auch bereit sein, am Fortgang des gemeinsamen Kampfes teilzunehmen.

Als der DGB, ver.di, die IG Metall und medico den Aufruf kurz nach unserer Rückkehr an die deutschen Medien leiten, hat er seine Erstveröffentlichung schon hinter sich. Nasir Mansoor, Karamat Ali und Faisal Siddiqi haben ihn da bereits den pakistanischen Medien präsentiert, im „Press Club“ von Karatschi, untergebracht in einem im Kolonialstil errichteten Bau in der Mitte der Millionen-Metropole. Ihr Vorsprung resultiert aus dem Zeitunterschied: die Pakistani sind uns in dieser Hinsicht drei Stunden voraus. „Das Problem klären wir aus dem Stand“, schreibt mir Karamat, „für alles andere brauchen wir etwas länger!“

 

Spenden für das Gewerkschaftshaus in Karatschi

Stichwort: Gewerkschaftshaus Karatschi

medico international
Spendenkonto 1800
Frankfurter Sparkasse
BLZ 500 502 01
IBAN: DE21 5005 0201 0000 0018 00


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Dr. Thomas Seibert
Geboren 1957

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