Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 28: Juli/August 2014 | Schöne neue Arbeit?

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Thema der Ausgabe 28: Juli/August 2014 Wertschöpfung und neue Arbeit

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Donnerstag, 21. August 2014

Schöne neue Arbeit?

Die Herausforderung: Clickworking

von: Dorothea Forch

Was ist ein Guru? In der analogen Welt ist ein Guru entweder ein anerkannter Vertreter einer Heilslehre oder manchmal auch ein Konzernchef - jedenfalls ein Mensch mit Seltenheitswert. Das ist vorbei. Heute gibt es massenhaft Gurus, unerkannt, digital - es kann jede sein; die Studentin an der Ampel, die Autofahrerin im Stau, oder die Kollegin in der Mittagspause. Es ist eine neue Gruppe von Arbeiterinnen, die manchmal Gurus heißen, manchmal Mechanical Turks, manchmal Clickworker: Menschen, die im Netz Mikroaufgaben erledigen, für Minuten, für Stunden, für Tage, und sehr oft für wenig Geld. Sie sind die Vorreiterinnen für eine neue Arbeitswelt, Tausende in Deutschland, Hunderttausende in anderen Ländern, und ihre Arbeitswelt ist eine neue Herausforderung für Politik und Gewerkschaften.

Ein Teil dieser neuen Arbeitswelt ist die  "Crowd Guru GmbH". Mit dem Slogan "Wir halten Ihnen den Rücken frei"  bietet die 2008 gegründete Firma "maßgeschneiderte Komplettlösungen für ihre ungelösten Aufgaben". Damit spricht das Unternehmen, ein Vermittlungsportal im Bereich Crowdsourcing, vor allem Onlinekaufhäuser oder größere Unternehmen an. Denn all die winzigen Textbausteine, die Nutzer sehen, wenn sie Online gehen, Beschreibungen von Gegenständen, wie Haushaltsgeräten, Autos, Häusern, Schuhen oder Adressverzeichnisse werden nicht von Computern gemacht - sondern von Menschen.

Auftrag: Mikrotask

Die Vorgehensweise im Clickworking ist komplex. Die Aufgaben werden aufgeteilt in Mikrotasks, die von der Crowd, bei Crowd Guru den sogenannten Gurus, erledigt werden. Anschließend werden die Mikrotasks wieder zusammengesetzt und der Kundin die fertige qualitätsgeprüfte Lösung übergeben. Die Gurus arbeiten dabei nicht als Festangestellte, sondern als Selbstständige. Für jeden Auftrag gibt es eine Honorarvergütung - je nach Anforderung oft nur einige Cents, mal mehr, mal weniger. Seinen Gurus verspricht Crowd Guru einen "Seriöse[n] Nebenjob, Arbeiten von zuhause aus, Selbstbestimmte Arbeit, Abwechslungsreiche Aufgaben, [sowie eine]Geregelte Bezahlung [und eine]Freundliche Community". Seinen Kundinnen neben "preiswerten und schnellen Lösungen auch "Persönliche[n] Service, Individuelle Lösungen, Alles aus einer Hand, Automatisierung der Abläufe, [eine]Qualifizierte und motivierte Crowd [sowie] Hohe Qualität".

Mitmachen kann theoretisch jede. Das macht die Mikrojobs so attraktiv. Die Qualifikation der Clickworkerinnen wird von Crowd Guru selbst mittels eigener Tests geprüft. Formale Qualifikationen wie Berufsausbildungen oder Schulabschlüsse werden dabei bedeutungslos. Für die Arbeit als Crowdguru muss man noch vor der Anmeldung einen Einstiegstest bestehen. Dieser besteht aus Fragen zur deutschen Grammatik sowie aus Rechercheaufgaben. Wird der Test nicht bestanden - zu den Fehlern bekommt die Bewerberin keinerlei Rückmeldung - kann er nicht wiederholt werden. Wenn der Test bestanden wurde und die Anmeldung erfolgt ist, kann man anfangen zu arbeiten. Im sogenannten Crowdmodul werden die aktuellen Jobs angezeigt. Der Arbeitsvertrag bei Crowd Guru ist in den AGBs geregelt und gilt, sobald man sich angemeldet hat. Ein Vertragsverhältnis entsteht immer dann, wenn eine Clickworkerin einen Auftrag annimmt. Die AGBs regeln die Einrichtung und Führung des Benutzerkontos als Arbeitsgrundlage, den Ablauf der Auftragsabwicklung, Gutschrift der Vergütung sowie die Frage nach Urheberrechten und Verschwiegenheit.

Besonders häufig kommen Aufträge im Bereich Texterstellung vor. So müssen zum Beispiel Texte mit Produktinformationen erstellt, oder Online-Shops beschrieben werden. Die Texte sind dabei nicht lang, sie schwanken zwischen 40 und 500 Wörtern. Die Textabschnitte sind bezüglich Inhalt und Zeichenzahl vorstrukturiert, und es müssen bestimmte Schlüsselwörter im Text auftauchen. Hinzu kommen Recherchejobs, bei denen beispielsweise aktuelle Ansprechpartnerinnen von Unternehmen recherchiert werden müssen.

Arbeit mit Countdown

Wird ein Job im Crowdmodul per Mausklick ausgewählt, öffnet sich zunächst das sogenannte Briefing. Hier sind alle relevanten Informationen zum Job zu sehen. Was genau zu bearbeiten ist, also Informationen zum konkreten Produkt, werden erst mit der Annahme des Jobs bekannt. Wird ein Auftragsteil, eine sogenannte Unit, gestartet, dann zählt ein Countdown die Zeit rückwärts. Wird die Zeit überschritten, so wird der Job abgebrochen und die bisher geleistet Arbeit verfällt. Es besteht die Möglichkeit einzelne Units zu überspringen. Wenn eine Unit erledigt ist, beginnt die Kontrolle - meist durch Kolleginnen, die die Arbeit bewerten. Sie geben ein Feedback per E-Mail, welches "gut", "bearbeitet" oder "nicht angenommen" lauten kann. Bei Ersterem wurde alles ohne Änderungen übernommen. Lautet die Bewertung "bearbeitet" wurden vom Qualitätsmanagement Veränderungen vorgenommen. Das können Rechtschreibfehler oder Formulierungen sein.

Die Bewertung "Nicht angenommen" führt dazu, dass die Unit zurück an die Crowd geht. Auch für nicht angenommene Units erhält die Clickworkerin bei der Firma Crowdguru eine Vergütung - das ist nicht überall so. Werden zu viele Units eines Jobs nicht ordnungsgemäß erledigt, kann die Guru durch Mitarbeiterinnen des Qualitätsmanagements für den betroffenen Job gesperrt werden. Die Bewertungssysteme sind von Plattform zu Plattform verschieden, führen aber bei schlechter Leistung, also fehlerhafter Arbeit, in letzter Konsequenz immer zu weniger Geld.

Was sich nach einem einfachen Job anhört, ist im Praxistest mitunter schwierig. In der Regel ist es mit dem Schreiben allein nicht getan. Häufig ist eine umfangreiche Recherche zu den Produkten oder Webseiten nötig, und das Einarbeiten der Schlüsselwörter und sonstigen Vorgaben erschwert auch geübten Schreiberinnen die Arbeit. Wieviel Honorar es gibt, lässt sich nicht nach Anforderungen berechnen - die Bezahlung kann bei gleichem Zeitaufwand unterschiedlich hoch ausfallen. Wieviel Arbeit es gibt, bestimmt das Unternehmen - damit ist weniger die Selbstständige wie versprochen flexibel, sondern vor allem die Vermittlungsbörse, der sogenannte Intermediär. Im wahren Clickworkerinnenleben kommt es nicht selten zu tagelangen Flauten.

Crowdworking als Innovation

Crowdworking kann als neue Form der Erwerbsarbeit und als Spiegel einer vernetzten Gesellschaft gesehen werden. Die spezielle Form des Clickworking kann dabei als symptomatisch für eine immer stärker wettbewerbs- und marktförmig organisierten Gesellschaft betrachtet werden. Es scheint die populäre Verwirklichung der "digitalen Bohéme"[1] und ihrer Vorstellung von Leben und Arbeit zu verkörpern: frei, flexibel und selbstbestimmt - ein Ausbruch aus den starren Gebilden hierarchisch strukturierter (Groß-)Unternehmen. Der Arbeitsort der Clickworkerinnen bildet diese Forderungen gut ab: Die Cloud ist im Vergleich zu herkömmlichen Betrieben zunächst ein nahezu hierarchie- und rechtsfrei erscheinender Raum, in dem nur die Gesetze der Marktwirtschaft und der Innovation gelten.

Spätestens der Blick auf das Qualtitätsmanagement macht jedoch deutlich, dass das Gegenteil stimmt  - die AGBs sind durchaus Gesetze - nur eben zum Vorteil der Arbeitgeber. Zur Erledigung der Aufträge ist Kreativität gefragt – wenn bei zunächst stupide anmutenden Aufgaben wie Adressrecherchen,  Informationen in die Auftragsformulare eingepasst werden müssen – nur ist das wohl eine andere Kreativität als sie sich die meisten vorgestellt haben. Wenn die Clickworkerinnen dabei noch von den Communitymanagerinnen angefeuert werden und unter dem andauernden Druck stehen, den Ansprüchen des Qualitätsmanagements zu genügen, ist die schöne freie Arbeit endgültig ins Gegenteil verkehrt. Nur wenige Clickworkerinnen bleiben ernsthaft am Ball und arbeiten regelmäßig. Nicht selten kann man im Netz auch schon „Aussteigerinnen“ begegnen.

Ausbeutung par excellence

Die schöne Crowd-Welt bröckelt besonders, wenn man die internen Diskussionen auf den Diskussionsplattformen von Clickworkerinnen analysiert. Scharf kritisiert werden häufig Willkür und Höhe bei der Bezahlung - denn was der Arbeitgeber zahlt, bestimmt allein er und "Ausbeutung par excellence" ist kein seltener Begriff. Unzufrieden sind viele Clickworkerinnen auch mit der extrem schwankenden Auftragslage - woran sich zeigt, dass es den Texterinnen zwar auch darum geht, dabei zu sein, und kreativ zu arbeiten, aber auch ebenso oft um die Sicherung oder Verbesserung des Lebensunterhalts. Kritisch bewerten viele Teilnehmerinnen auch die Korrektur der Mikrotasks durch Kolleginnen, die häufig als willkürlich, oder gar als Schikane empfunden werden.

Die Clickworkerinnen gehen sehr verschieden mit diesen Problemen um. Manche geben diese Art von Arbeit auf, weil sie nicht ihren Vorstellungen entspricht und aus ihrer Sicht höchsten frei von fairem Verdienst und fairer Behandlung ist. Andere sehen sie als Herausforderung, versuchen sich mit Verbesserungsvorschlägen und konstruktiver Kritik einzubringen und ihre Arbeitswelt zu gestalten. Eine Machtbasis, um Forderungen durchzusetzen gibt es dabei kaum. Die Clickworkerinnen agieren im Grunde eher vereinzelt und das Communitymanagement nimmt nur die Kritik an, die aus unternehmerischer Sicht als gelegen erscheint. Es scheint symptomatisch für die Gesellschaft: Allein in der Crowd. Nicht wenige versuchen dabei einfach nur irgendwie ein Stück vom angepriesenen Kuchen ab zu bekommen.

Im angelsächsischen Raum ist das Clickworking längst weit verbreitet, schließlich können die englischen Texte weltweit bearbeitet und eingesetzt werden. Konzerne wie Amazon haben mit "Mechanical Turk" (mturk) ein Clickworker-Modell aufgezogen, dass längst für Hunderttausende zu einer wichtigen Einkommensquelle geworden ist. Andere Plattformen wie odesk haben den Trend erkannt, dass gänzlich freie Clickworkerinnen keine gute Basis für kontinuierliche Arbeit sind und haben ein eigenes Sozialversicherungssystem entwickelt. All dies führt zu wissenschaftlichen Debatten. In Deutschland steckt Clickworking noch in den Anfängen - allerdings hat eine Sendung in dem Fernsehmagazin "Galileo" über das Modell dazu geführt, dass sich Tausende bei der beschriebenen Firma anmeldeten. Dennoch ist in Deutschland die Erforschung solcher Entwicklungen bisher auf die Wirtschaftswissenschaften und die Informatik beschränkt. Die Arbeitssoziologie, die sich klassischerweise auch mit den Menschen hinter der Arbeit befasst, sucht erst langsam den Anschluss. Auch die Gewerkschaften kommen erst neuerlich zu diesem Thema und erarbeiten Positionen. Das aber wird dringend notwendig.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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wahnfried schrieb am 8. Mai 2016 um 00:51 Uhr:

... toll gegendert ... und, wie ist der inhalt? ich hatte so probleme beim lesen

Elena66 schrieb am 27. Oktober 2015 um 12:02 Uhr:

Schöne neue Welt! Das Risiko (Sozialversicherungen, Ausstattung Arbeitsplatz, angemessene Vergütung) trägt allein der Arbeitende. Ob und was gezahlt wird, ob es überhaupt Jobs gibt, ist willkürlich.
Laut aktuellen AGBs zahlt Crowd Guru auch nicht mehr, wenn ein Auftrag nicht zur Zufriedenheit erledigt wird. Und - lachhaft - die AGBs sprechen tatsächlich davon, dass die sogenannten Gurus ihr Urheberrecht! an die Plattform abgeben. Auch die nicht näher beschriebene vollumfängliche Überlassung der Nutzungsrechte dürfte manchen Juristen amüsieren.
Wie man es aber auch dreht und wendet: Das ganze riecht mächtig nach Abzocke.

peter bachstein schrieb am 29. August 2015 um 17:09 Uhr:

worüber regen sich hier einige auf? dass die kollegin in der weiblichen form schreibt? habt ihr sonst keine sorgen? keine probleme mit der bezahlung oder den honoraren? keine probleme mit den arbeitsbedingungen? na, dann können wir die gewerkschaft ja dicht machen und uns endlich intensiv darum kümmern, dass die alterwürdige männliche schreibweise nicht dauernd in frage gestellt wird.

Adrian schrieb am 27. Mai 2015 um 15:07 Uhr:

Sollte das tatsächlich das Zeil der Autorin sein, so hat sie dieses zumindest in meinem Fall erreicht: Hab mich nicht angesprochen gefühlt. Und als Folge nach dem ersten Absatz aufgehört zu lesen ;)
Dr. Zoidberg schrieb:
Männliche Leser sollen sich bei Ihrem Text wohl nicht angesprochen fühlen, oder? Was haben Sie studiert, Gender Studies? Informationsgehalt des Textes ist ok.

ethfiel schrieb am 2. Mai 2015 um 21:07 Uhr:

Muss man nicht, Genderstudies studiert haben, um eine Gegengewicht zum generischen Maskulinum anzuwenden. Gender Studies wäre eher x-Pronomen und Unterstriche. Und, männlicher Leser, fühlen Sie sich doch einfach beim generischen Femininum mitgemeint, so wie Frauen halt auch meist beim generischen Maskulinum.
Das die Texte von Kolleg_innen korrogiert werden, wusste ich gar nicht. Mir schreibt immer nur derselbe Typ und ich stell ihn mir als Festangestellten mit Stundenlohn und Sozialversicherung vor.
Dr. Zoidberg schrieb:
Männliche Leser sollen sich bei Ihrem Text wohl nicht angesprochen fühlen, oder? Was haben Sie studiert, Gender Studies? Informationsgehalt des Textes ist ok.

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Kurzprofil

Dorothea Forch
Geboren 1983, M.A. Gesellschaftstheorie, B.A.
Politikwissenschaften, Jena. Zur Zeit freie Autorin und Trainerin in der politischen Bildungsarbeit.

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