Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 24: November/Dezember 2013 | Industrie 4.0 verändert die Arbeitswelt

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Thema der Ausgabe 24: November/Dezember 2013 Politik und Verantwortung

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Sonntag, 24. November 2013

Industrie 4.0 verändert die Arbeitswelt

Gewerkschaftliche Gestaltungsimpulse für „bessere“ Arbeit

von: Dr. Constanze Kurz
Fabrikhalle

Maximator / photocase.com

Im Blickpunkt der öffentlichen Debatte steht derzeit die Industrie 4.0, die nach Dampfmaschine (Industrie 1.0), tayloristischer Massenproduktion (Industrie 2.0) und fortschreitender Automatisierung (Industrie 3.0) eine neue Phase der Industrialisierung technischen Wissens mit außerordentlichen Potenzialen für die Generierung innovativer Produkte, Geschäftsmodelle und Prozesse ankündigt. Im Kern geht es darum, die Produktionstechnik (Maschinen, Serviceroboter, Logistik-, Lager-, Planungssysteme und Betriebsmittel) über das Internet global miteinander zu vernetzen. Medium dieser Verknüpfung sind Systeme mit eingebetteter Software (Cyber-Physical-Systems), die über Sensoren und Aktoren verfügen und Daten erfassen, auswerten und speichern können.

Industrie 4.0 stellt nicht mehr und nicht weniger als eine völlig neue Logik und Qualität der Produktion einer „Smart Factory“ in Aussicht, bei der intelligente Produkte, Maschinen und Betriebsmittel eigenständig Informationen austauschen, Aktionen auslösen und sich gegenseitig selbständig in Echtzeit steuern können. Diese Logik und damit verbunden eine vollständige Digitalisierung der Wertschöpfungskette wird sicher nicht von heute auf morgen Realität werden. Aber Tatsache ist: Vieles ist heute bereits technologisch machbar, erste Ansätze zur Umsetzung werden derzeit von Industrieunternehmen auf den Weg gebracht, die in die Arbeitswelt eingreifen und der aktiven Begleitung und Gestaltung durch Gewerkschaften, Betriebsräte wie auch der Akteure in Politik und Wissenschaften bedürfen.  

Industrie 4.0 und die Beschäftigten

Das aufkommende Zeitalter einer Industrie 4.0 bedeutet für die Arbeit erhebliche Veränderungen und spitzt alte Fragen nach der Rolle der Beschäftigten in neuer Radikalität zu. Gerade weil das Bild der Industrie 4.0 von Machine-to-Machine-Communication ausgeht, also von einer smarten Fabrik, in der alle Teile miteinander kommunizieren und sich selbständig regulieren können, stellt sich die Frage: Was bleibt da noch für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu tun? Wird der alte Traum der menschenleeren Fabrik auf Basis der neuen Techniken wahr – und damit zum Albtraum für Beschäftigte, betriebliche Interessenvertretungen und Gewerkschaften?    

Die Antwort darauf ist nicht einfach, steht in der Gefahr Entwicklungsdynamiken zu über- oder auch zu unterschätzen und muss differenziert nach Beschäftigtengruppen betrachtet werden. Im deutlichen Unterschied zu früheren Debatten um die Folgen der Automatisierung für menschliche Arbeit spricht derzeit indes wenig dafür, dass Industrie 4.0 durch menschenleere Fabriken geprägt ist, in der Computer und Internet das Kommando übernommen haben. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Smart Factory verschwinden nicht, sondern spielen eine andere Rolle, was mit unterschiedlicher Tiefe und Reichweite alle Beschäftigtengruppen von der Produktion bis in die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen betrifft – und keineswegs ohne Gefahren für das Arbeitsvermögen ist: Konkret heißt das: Angelernte, Facharbeiter/innen, Ingenieure/innen, Techniker/innen und nicht zuletzt auch kaufmännische Angestellte sind mit deutlich erhöhten Komplexitäts-, Problemlösungs-, Lern- und vor allem auch Flexibilitätsanforderungen konfrontiert. Es steigt der Bedarf an Überblickswissen und Verständnis über das Zusammenspiel aller Akteure im Wertschöpfungsprozess.

Intelligente Produktion

Dabei wirken insbesondere zwei Trends als Treiber für den Wandel: Zum einen das technische Prinzip dezentraler Selbstorganisation von intelligenten Produkten und sich selbst organisierender Produktionseinheiten, zum anderen der zunehmende Einsatz intelligenter Assistenzsysteme insbesondere in den Produktionsbereichen der Smart Factory. Die Kontaktaufnahme zwischen Menschen und Maschinen wird immer enger (vom Knopfdruck zur Gesten-, Sprachen- oder sogar Atemsteuerung) und die Art der Interaktion intelligenter – bei gleichzeitig zunehmender Vernetzung von Sensoren, RFID-Funkchips, Aktuatoren und mobilen Rechnern.

Mit diesen Formen der digitalen Interaktion zwischen Mensch und Maschine steigen nicht nur die Anforderungen an fachliche Kompetenzen. Auch soziale Kompetenzen erlangen einen erhöhten Stellenwert, da mit der intensivierten Verzahnung einstmals getrennter Abteilungen und Disziplinen der Bedarf an Kommunikation zwischen Menschen – real wie computervermittelt – zunimmt. In fachlicher Hinsicht werden verstärkt interdisziplinäre Kompetenzen gefordert sein, die heute vielfach erst in Ansätzen existieren. Hinzu kommt die Fähigkeit sich zu vernetzen, selbst zu organisieren und flexibel zu steuern. Kurzum: Durch das Zusammenwachsen von Produktionstechnologie, Automatisierungstechnik und Software werden mehr Arbeitsaufgaben in einem technologisch, organisatorisch und sozial sehr breit und flexibel gefasstem Handlungsfeld zu bewältigen sein.

Qualifikationsanforderungen

Diese Feststellungen implizieren zugleich die generelle These einer Requalifizierung von Produktionsarbeit in der Industrie 4.0. Anders gesagt: Die Beschäftigten werden zunehmend als Entscheider und Problemlöser gefragt sein, um – salopp formuliert – eine vernetzte Fabrik am Laufen zu halten. In dieser Perspektive eröffnet Industrie 4.0 neue, interessante Arbeitszusammenhänge, die mit wachsender Eigenverantwortung, vielfältigen Entfaltungsmöglichkeiten für kreatives Arbeitshandeln und einer Steigerung der Arbeits-, Kooperations- und Beteiligungsqualität einhergehen.

In diesem Zusammenhang darf freilich nicht übersehen werden, dass die Besser-Qualifizierten in einer Vorteilsposition sind. Denn mit fortschreitender IT-Durchdringung dürfte sich der Abbau einfacher, manueller Tätigkeiten in der industriellen Fertigung fortsetzen. Ob sich dieser Abbau durch mehr Arbeitsplätze im Rahmen von Planungs- oder Servicetätigkeiten wird kompensieren lassen, lässt sich gegenwärtig nicht zuverlässig abschätzen. Es bleibt die Frage, wie es gelingen kann, allen Beschäftigten und damit auch Un- und Angelernten eine Chance auf aktive Teilhabe und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten in der Industrie 4.0 zu ermöglichen.

Obwohl nicht zuletzt die technischen Artefakte für eine Aufwertung sprechen, kann ein gänzlich anderer Entwicklungspfad von Industriearbeit nicht ausgeschlossen werden: Die Arbeit wird weiter standardisiert, digital quantifiziert, zu Parametern innerhalb von Algorithmen (um)strukturiert und am Ende zum geistlosen Niedriglohnjob. Die Beschäftigten wären nur noch vernetztes Rädchen in einer unmenschlichen Cyberfabrik, ohne nennenswerte Handlungskompetenzen, entfremdet von der eigenen Tätigkeit durch eine fortschreitende Dematerialisierung und Virtualisierung von Geschäfts- und Arbeitsvorgängen.

Letzteres wäre ein digital basierter Taylorismus 4.0, eine Neuauflage der alten Spaltung zwischen Kopf- und Handarbeit, die für die Beschäftigten nicht akzeptabel und für die erfolgreiche Realisierung einer Industrie 4.0 in hohem Maße dysfunktional ist. Denn auch in hochkomplexen, virtuellen Systemen wird es Unvollkommenheiten, Störungen und Prozessunsicherheiten geben, die menschlicher Interventionen bedürfen.

Mitgestaltung der Industrie 4.0 durch IG Metall und Betriebsräte

In der Debatte um die Erfolgsbedingungen einer Industrie 4.0 geben bislang Unternehmensvertreter, Techniker und Ingenieure den Ton an, die sich vielfach schwer mit der Einsicht tun, dass der Mensch in den Mittelpunkt einer Industrie 4.0 gehört, was –

wie gesagt – keine Frage von „Gutmenschentum“, sondern eine wichtige Voraussetzung für ihre Funktionsfähigkeit ist. Umso mehr bedarf es der Begleitung und Einmischung von IG Metall, Betriebsräten und Belegschaften. Ihr Anliegen ist es seit langem, Arbeit besser, nicht billiger zu gestalten und die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Fokus zu stellen. Die Herausforderung lautet, der Integration des Menschen in eine intelligente Fabrikumgebung konkrete Gestalt und tragfähige Perspektiven zu geben und eine Arbeitswelt zu schaffen, in der die Beschäftigten von heute für ihre Rolle von morgen qualifiziert und motiviert sind und vor allem, in denen die Menschen die Systeme steuern und nicht umgekehrt. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die mit den gängigen Ansätzen der Betriebs- und Arbeitspolitik allein nicht zu meistern sein wird. Neue Problemlagen erfordern neue Lösungsansätze und Organisationsparadigmen von Arbeit, die eine Vielzahl von Regelungstatbeständen und Regulierungsebenen in Betrieb und Unternehmen berühren. Aus Sicht der IG Metall sind aktuell vor allem drei Gestaltungsfelder von zentralem Interesse, wenn es darum geht, den technologischen Wandel mit innovativen Organisations- und Personalkonzepten konform gehen zu lassen und Grundsteine für bessere Arbeit in der Industrie 4.0 legen zu können:

1. Lernförderliche Arbeitsorganisation schaffen

Industrie 4.0 erfordert neue, innovative Arbeitsorganisationskonzepte, die einerseits lernförderlich, anderseits dazu geeignet sind, das Prinzip dezentraler Selbststeuerung mit breit gefassten Aufgabeninhalten, hohen Dispositionsspielräumen sowie Kooperation, Kommunikation- und Interaktion unterstützenden Arbeitsorganisationsformen zu realisieren. Ziel ist es, intelligente, selbstorganisierte Interaktionen zwischen den Beschäftigten und/oder den technischen Operationssystemen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu ermöglichen. Dementsprechend ist zu berücksichtigen, wie kooperative Lern- und Arbeitsprozesse quer zu herkömmlichen Funktions- und Abteilungsstrukturen befördert und sichergestellt werden können. Nicht zuletzt das altbekannte Thema der Notwendigkeit zur Veränderung von betrieblichen Führungskulturen erfährt durch Industrie 4.0 eine neue Aktualität. 

2. Weiterbildung und Qualifizierungsmaßnahmen neu angehen

Mit Industrie 4.0 werden sich die Anforderungen an lebenslanges Lernen noch einmal deutlich erhöhen. Zugleich bieten sich technisch neue Formen für mobiles, interaktives und situationsadaptives Lernen, die es zu nutzen und auszubauen gilt. Erforderlich ist die Entwicklung von umfassenden und nicht zuletzt arbeitsplatznahen Qualifizierungsmaßnahmen, die an der ganzen Breite der Belegschaften ansetzen und Angelernte, Facharbeiter wie auch Ingenieure einbeziehen. Alle Beschäftigten müssen entsprechend ihrer Fähigkeiten eine Chance auf aktive Teilhabe an Weiterbildung haben. Sonst droht nicht „nur“ die soziale Deklassierung ganzer Beschäftigtengruppen, sondern wächst die Gefahr zu demotivieren und hierdurch einen wichtigen Impact für die Wettbewerbsfähigkeit zu verschenken.

3. Soziale Netzwerke und Beteiligungsprozesse stärken

Sich in die Gestaltung der Arbeit kompetent einzumischen, bedeutet auch, die aktive Beteiligung von Betriebsräten und Beschäftigten an betrieblichen Umsetzungsprojekten frühzeitig sicher zu stellen und Leitplanken zur Regulierung etwa in Form von Musterbetriebsvereinbarungen zu entwickeln. In diesem Zusammenhang sind Kooperationen mit der Wissenschaft zu intensivieren und kollegiale Beratungs- und Vernetzungsprozesse von Haupt- und Ehrenamtlichen zu fördern. Es gilt, mit „guten“ Referenzprojekten starke Impulse für bessere Arbeit in der Industrie 4.0 zu geben, wofür nicht zuletzt die staatliche Forschungsförderung Mittel und Wissen zur Verfügung stellen muss.    


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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Jürgen Dörich schrieb am 23. Februar 2016 um 12:21 Uhr:


Ich möchte nur erwähnen, dass der Mindestlohn in der Metall- und Elektroindustrie EG 1 (17,20€) beträgt. Dazu kommen noch die entsprechenden Zuschläge und Boni!
Alex Schmitt schrieb:

G. Schroeder schrieb:
Was ist mit der 35 Std Woche?
Steigende Produktivität - sinkende Ressourcen, wie sollen Arbeit und Gesellschaft organisiert werden?

Was soll die 35 Std. Woche bringen? Rechnen wir doch mal den geplanten Mindestlohn 8,5 € mal 35 Std und Sie kommen auf einen Brutto-Verdienst von 1190 € pro Monat. Netto sind es knapp 900 Euronen. Rentenanspruch aus dem Mindestlohn beträgt 413 € inflationsbereinigt nach 45 Beitragsjahren! Was bringt also die 35 Std Woche für die unteren Lohngruppen? Noch mehr Armut und Zwang zur Nebenjobsuche. Erst müssen die Löhne auf lebenssichernde Höhen steigen und zusätzlich sollen wieder alle an steigender Produktivität plus Inflationsrate beteiligt werden, auch Rentner und Dienstleistungsberufe. Dann können wir über Arbeitszeitverkürzung reden. Es könnte doch die Rente ab 60 oder 55 in der Zukunft kommen, statt der 35 Std Woche, es liegt an uns wie die Produktivität eingesetzt wird. Nur erst müssen wir zum alten Model der Beteiligung aller zurückkehren. Die Ressoucenfrage ist damit eigentlich untrennbar verknüpft. Warum dürfen einige die Ressourcen unbegrenzt verbrauchen und um die Welt mit ihren Jachten und Jets rasen und die anderen läßt man hungern. Es sind Verteilungsfragen und die kann nur der Staat beantworten. Finden Sie Politiker die solche Aufgaben lösen wollen, Viel Glück.

Alex Schmitt schrieb am 5. Januar 2014 um 17:19 Uhr:


G. Schroeder schrieb:
Natürlich können nicht alle Branchen im gleichen Maße bei der Produktivität von technischer Innovation profitieren. Sollen sich die Gehälter von „Lehrer“ und „Krankenschwester“ deshalb am Mindestlohn orientieren?

Doch, genau das ist die einzige vernünftige Lösung. Alle Branchen MÜSSEN im gleichen Maße profitieren. Die Stundenlöhne dürfen sich etwas unterscheiden, die Lohnerhöhungen sollen jedoch für alle Branchen um die Inflationsrate PLUS steigende Produktivität im Vorjahr erhöht werden. Sonst kommt zu der Entwicklung wie in Deutschland: Der Durchschnitt-Industrielohn liegt Brutto bei 35 €/Stunde während die Dienstleistungsbranche bei 28 €/ Stunde zurückgeblieben ist. Dadurch findet auch eine negativ Auslese auf dem Arbeitsmarkt, die Fähigsten gehen zur Industrie und Dienstleistungsberufe werden den Übriggebliebenen überlassen.
Und Sie sagen, ja, die Produktivität muß zur Arbeitszeitverkürzung eingesetzt werden, aber für die Lohnerhöhung darf man sie nicht nehmen. Wieso nicht? Sollen sich die Arbeitnehmer in Deutschland für immer mit dem Lohnniveau zufrieden geben, auch die Leute, die nicht einmal diese lächerliche 8,50 € bekommen?
Und die Löhne für Krankenschwester und Lehrer müssen sich nicht am Mindestlohn orientieren sondern an der Mindestlohnerhöhung. Pro Jahr 3,5 bis 4%.
Die Krankenschwester wird sich nicht an diesem Forum beteiligen, wenn man ihr den Anteil an steigender Produktivität verweigert. Übrigens die Löhne vieler Krankensachestern und Altenpflegerinnen wurden vor Kurzem um fast 200 € im MONAT gekürzt, man hat die Kinderzulagen gestrichen. Es sind doch Frauen, mit Frauen darf man das doch tun, nicht wahr? Und man hat die Urlaubstage für die Neueinstellungen reduziert. Die Arbeitszeit ist aber gleich geblieben.

G. Schroeder schrieb am 5. Januar 2014 um 12:05 Uhr:


Alex Schmitt schrieb:
Ich muß Ihnen widersprechen. Die Produktivität steigt nicht in allen Bereichen, z.B. wie soll ein Lehrer, ein Busfahrer oder Feuerwehrmann seine Produktivität erhöhen? .... Es müssen die Lehrer, Rentner, Krankenschwester, Altenpfleger, Polizisten usw. prozentual in gleicher Höhe beteiligt werden, ...

Natürlich können nicht alle Branchen im gleichen Maße bei der Produktivität von technischer Innovation profitieren. Sollen sich die Gehälter von „Lehrer“ und „Krankenschwester“ deshalb am Mindestlohn orientieren? Sicherlich nicht! Eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit würde die Arbeitsbelastung in der Krankenpflege vermindern, und gleichzeitig für eine erhöhte Nachfrage am Arbeitsmarkt sorgen. Die erhöhte Nachfrage nach Arbeitskräften würde die Löhne steigen lassen. Und dies würde bei einer generellen 35 Std Woche den gesamten Arbeitsmarkt betreffen. Und damit auch steigende Löhne für alle Bereiche bewirken. Die Einnahmen der Rentenkassen würden steigen, die Arbeitslosigkeit würde sinken und Transferleistungen, die heute an Arbeitslose gehen, könnten für Rentner oder Kranke zur Verfügung stehen.
Mindestpreise oder Festpreise sind in einer Marktwirtschaft oft die schlechtere Lösung. Egal ob ein Festpreis für Brot, ein Mindestlohn von 8,50 für Arbeitnehmer, oder eine Mindestrendite von 25% als „Mindestlohn“ für Aktionäre wie es J. Ackermann gefordert hat – solche „Mindestpreise“ wirken entweder nur sehr kurzfristig oder sie zerstören die Märkte und bedrohen dadurch auch die gesamte Gesellschaft. Preise sollten durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden.
Eine funktionierende Volkswirtschaft braucht dafür Rahmenbedingungen. Die Finanzkrise oder Tepco in Fukushima haben gezeigt, dass die Selbstheilungskräfte des Marktes nach allein betriebswirtschaftlich, Profit orientierten Regeln nicht ausreichen um Katastrophen zu verhindern.
Eine vernünftige Regel für den Arbeitsmarkt wäre eine Arbeitszeitverkürzung entsprechend der Produktivitätssteigerung. Und dies müsste eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit sein, damit die „Krankenschwester“ auch vor der Rente, Zeit und Muße findet, sich an einem Forum wie diesem zu beteiligen.

Alex Schmitt schrieb am 1. Januar 2014 um 18:34 Uhr:


G. Schroeder schrieb:
Die 35 Std Woche trägt der gesteigerten Produktivität Rechnung. Sie kann das Ungleichgewicht von Nachfrage und Angebot auf dem Arbeitsmarkt reduzieren und so zu höheren Löhnen führen.

Ich muß Ihnen widersprechen. Die Produktivität steigt nicht in allen Bereichen, z.B. wie soll ein Lehrer, ein Busfahrer oder Feuerwehrmann seine Produktivität erhöhen? Genau, das geht in vielen Bereichen nicht, nur in der Industrie sind echte Produktivitätssteigerungen möglich, wenn die Unternehmen in neue, bessere und schnellere Maschinen investieren und dann mit gleicher oder kleinerer Belegschaft MEHR produzieren können. Nur für dieses Mehr müssen noch Abnehmer gefunden werden. Und hier kommt die Beteiligung der oben genannten "unproduktiver Bereiche" an der steigenden Industrie-Produktivität. Es müssen die Lehrer, Rentner, Krankenschwester, Altenpfleger, Polizisten usw. prozentual in gleicher Höhe beteiligt werden, wie die produktiven Bereiche, weil wir eben alle ein Teil der Volkswirtschaft sind, und die Produktivität kommt uns allen zu Gute. Und es ist besser die Löhne entsprechend zu erhöhen, als die Arbeitszeit zu kürzen, weil die neue Maschinen nur über steigende Nachfrage bezahlt werden können. Und nur steigende Löhne garantieren steigende Nachfrage, z.B nach Solaranlagen oder sparsamen Geräten. Arbeitszeit sollte man über mehr Urlaubstage oder Rente mit 60 verkürzen, das wäre besser für uns alle.
Die niedrigen Löhne sinken, weil der Staat das nicht mit einem wirksamen Mittel verhindern will. Das Mittel heißt Mindestlohn, und nicht 8,50 € sondern die Hälfte des Durchschnittslohnes. Also für heute heißt es: Mindestlohn für Deutschland 13 €, weil der Durchschnittslohn gerade bei 26€ liegt. Und dann muß man aber natürlich den Mindestlohn um die Produktivitätssteigerung PLUS Inflationsrate erhöhen. Also JEDES Jahr um 3,5 bis 4%.
Zeigen Sie mir dann eine Gewerkschaft die einen Tarifabschluß unter der prozentualer Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohn vereinbaren würde, der wären doch die Mitglieder sofort weggelaufen.

G. Schroeder schrieb am 1. Januar 2014 um 10:50 Uhr:

Die 35 Std Woche trägt der gesteigerten Produktivität Rechnung. Sie kann das Ungleichgewicht von Nachfrage und Angebot auf dem Arbeitsmarkt reduzieren und so zu höheren Löhnen führen. So lange wie ein Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt herrscht, werden gerade die niedrigen Löhne weiter sinken, bei zunehmenden Leistungsdruck auf die Beschäftigten. Es dürfen nicht mehr einseitig die Aktionäre die Regeln des Arbeitsmarktes bestimmen. Um das zu erreichen, müssen wir das Angebot am Arbeitsmarkt verknappen. Die 35 Std woche wäre eine Marktwirtschaftliche Lösung in einem demokratischen Rechtsstaat am Grundgesetz orientiert.

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