Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 21: Mai/Juni 2013 | Die Kontroverse um das kapitalistische Ego

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Thema der Ausgabe 21: Mai/Juni 2013 Lehren aus der Geschichte - Verantwortung für die Zukunft

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Mittwoch, 15. Mai 2013

Die Kontroverse um das kapitalistische Ego

von: Prof. Dr. Frieder Otto Wolf

Über das Buch von Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens, München: Karl Blessing Verlag, 2013, 352S., 19,99€

Dieser Bestseller des Herausgebers der FAZ hat schon unmittelbar nach dem Erscheinen eine breite und heftige Debatte ausgelöst[1]. In einer Umfrage im Magazin Focus haben nur die Philosophen Richard David Precht und Rüdiger Safranski sich zustimmend geäußert, während eine ganze Riege von Philosophen, Historikern und anderen öffentlichen Intellektuellen ihre zum Teil scharfe Ablehnung zum Ausdruck gebracht haben: Peter Sloterdijk, Paul Nolte, Henryk M. Broder, Hugo Müller-Vogg u.a. Der Hauptvorwurf, der scharfe Ablehnungen begründet, ist der eines autoritären Paternalismus: Alexander Grau argumentiert in Cicero (18.2.2013), dass das von Schirrmacher kritisierte Prinzip des Ego unter dem Gesichtspunkt der Emanzipation vom Kollektivismus für eine „humane, aufgeklärte Gesellschaft“ stehe. Bettina Röhl unterstellte in einer Besprechung in der Wirtschaftswoche  Schirrmacher sogar, er sei von „linken, antikapitalistischen Weltverschwörungsphantastereien“ geprägt. Eben das, was Bettina Röhl zu dieser Schmähkritik motiviert hat, hat dann wiederum etwa Jens Berger (Nachdenkseiten, 19.2.2013) zu einer auf Schirrmachers Ego-Kritik gemünzten Formulierung hingerissen: „Die Kritik an den Auswüchsen des modernen Kapitalismus [sic], dem Dogma effizienter Märkte und der Prämisse, Egoismus sei die maßgebliche Triebfeder menschlichen Handelns, ist sowohl links als auch konservativ.“ Und: auf die Frage, „ob Algorithmen oder gewählte Politiker über unsere Zukunft  entscheiden sollten“, hätten Linke und Konservative dieselbe Antwort: es sollten „gewählte Politiker“ sein. Jakob Augstein (in einer Kolumne auf Spiegel-Online vom 11.2.2013) bilanziert Schirrmachers Publikation positiv: als „ein Buch über den Irrsinn des totalitären Kapitalismus“, als ein „intellektuelles Vergnügen“ und als „ein politisches Zeichen der Hoffnung: Der Widerstand wächst.“

Dem ist gewiss nicht zu widersprechen – zumindest bröckelt eine Zustimmungsbasis. Und Jakob Augsteins dramatisierender Begriff des „totalitären Kapitalismus“ greift zumindest auf, dass es bei diesem Zustimmungsentzug nicht mehr nur um „Auswüchse“ geht, sondern um etwas, das immer mehr Lebensbereiche ergreift. Thomas Wagner hat in der „Jungen Welt“ vom 12.3.2013 durchaus zutreffend darauf hingewiesen, „dass das Fundament jener Widersprüche, die er [Schirrmacher] analysiert, schon im ganz normalen Funktionieren der sogenannten Marktwirtschaft angelegt ist. Das ‚Ego-Modell‘ der privaten Nutzenmaximierung ist unverzichtbarer Bestandteil der Warenproduktion in der kapitalistischen Produktionsweise.“ Aber das reicht noch nicht, denn es ist noch ungenau: Es lässt Raum für die falsche Auffassung, dass sich „im Kapitalismus“ noch nie etwas Wichtiges geändert habe (und deswegen sich auch in Zukunft nichts Wichtiges ändern könne). Aber es lässt doch schon deutlich erkennen, dass hier die Begriffe dringend zu schärfen wären. Ohne das wird es weder möglich, sich mit „der Absicht dieses Buches“ (S. 14) wirklich kritisch auseinanderzusetzen, das den „ersten Fall eines Systemversagens der Informationsökonomie“ (ebd.) zu analysieren beansprucht und dabei zu „einer einzigen These“ S. 15) kommt: Dass die „ökonomischen Modelle“ der neoliberal geprägten „Informationsökonomie“ (ebd.), „die den Menschen nicht mehr mit psychischen, sondern mit mathematischen Eigenschaften ausstatteten“ (ebd.), „lebendig geworden“ sind (ebd.) – „Sie machen den Menschen überhaupt erst zu dem, als was sie ihn beschreiben“ (ebd.) – und sie haben „praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert … und … beherrschen [sie]“ (ebd.).

Ich folge zunächst nicht Schirrmacher Argumentationsaufbau, sondern gehe der quer dazu stehenden und der Sache nach vorgelagerten Fragen und Begrifflichkeiten nach.

Kapitalismus

Beginnen wir mit dem Begriff „Kapitalismus“: Zum einen ist festzuhalten, dass Kapitalismus und Moderne offenbar so eng zusammenhängen, dass die Vorstellung eines nicht-modernen Kapitalismus keinen Realitätsgehalt hat. Derartigen Vorstellungen liegt immer noch der Gedanke zugrunde, jede Art von wirtschaftlich genutzter Ressource – vom individuell besessenen Faustkeil, über das Stück Land, auf dem ein Mensch arbeitet bis hin zu einer modernen Fabrik oder zu einem Guthaben bei einem Finanzdienstleister – deswegen schon als „Kapital“ zu begreifen. Dagegen bleibt die Frage nach einer nicht-kapitalistischen Moderne – trotz aller Versuche, sie für irreal zu erklären – immer noch eine perspektivisch zentrale Frage gegenwärtiger Politik, auch wenn der aus der russischen Oktoberrevolution entstandene „reale Sozialismus“ letztlich historisch gescheitert ist. Weder die These von Margaret Thatcher (und Ronald Reagan), dass es keine gesellschaftspolitische Alternative zu der von ihnen propagierten Entfesselung der Kapitalherrschaft gebe, erzeugt heute noch Evidenzen, noch kann Francis Fukuyamas (in ihrem Kern auch etwa von Samuel Huntington nicht bestrittene) These, durch die Entwicklung der westlichen liberalen Demokratie auf kapitalistischer Grundlage sei die Endgestalt der historischen Entwicklung von Gesellschaft und Staat erreicht, weiterhin als plausibel gelten.

Als nächstes ist grundlegend zu unterscheiden zwischen der allgemeinen Struktur einer „Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise“ und der Art und Weise, wie diese Herrschaft in konkreten Gesellschaften – die sich historisch und geographisch sehr weitgehend unterscheiden können – umgesetzt, verwirklicht und reproduziert worden ist bzw.  in welcher geographischen und historischen Vielfalt sie konkrete Gestalt angenommen haben. Sicherlich sollte über dieser Vielfalt nicht die elementare Tiefenstruktur dieser Herrschaft übersehen werden – wie dies etwa in diversen „Stadientheorien“ der „kapitalistischen Entwicklung“ geschieht, die über dem Neuen – etwa der Monopolbildung oder der systematisierten Staatsintervention in ökonomische Prozesse – einfach übersehen, dass auch in bzw. unter diesen neuen Formen die Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital, also die Mehrwertproduktion, gewährleistet bzw. durchgesetzt werden muss. Dieser Kern der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie ist weder historisch obsolet noch außerhalb Europas unanwendbar – auch wenn es immer wieder notwendig ist, die konkreten Ausgestaltungen zu untersuchen und zu begreifen, in denen diese allgemein in ihren Strukturen bestimmbare Kapitalherrschaft ausgeübt wird.

Weiterhin lassen sich moderne Gesellschaften in ihrer Komplexität nicht hinreichend begreifen, indem sie auf die eine Dimension der Kapitalherrschaft reduziert, also bloß als „Kapitalismus“ beschrieben  werden. Auch ohne die ökonomisch zentrale und politisch immer wieder übergewichtige Rolle der Kapitalherrschaft (und ihrer konkreten Ausgestaltungen) in modernen Gesellschaften zu leugnen, lässt es sich doch einfach nicht bestreiten, dass zumindest Geschlechterverhältnisse – beginnend etwa mit der ungleichen Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeiten – und internationale Verhältnisse zwischen Staaten (und Staatengruppen wie der EU) – etwa in Gestalt ungleicher Austauschverhältnisse oder Tendenzen zur Migration und Flucht – eine eigenständige Determinante des Alltagslebens und der darin herrschenden Lebensbedingungen ausmachen. Im europäischen Maßstab oder auch global lässt sich deren Vielgestaltigkeit, aber auch deren eindimensionales „Zusammenschnurren“ in Krisensituationen nicht allein unter dem Gesichtspunkt der Kapitalherrschaft diskutieren, sondern macht es erforderlich, auf die jeweiligen konkreten Konstellationen einzugehen, welche sich zwischen diesen ganz unterschiedlichen Determinanten herausbilden.

Die Rede vom „Kapitalismus“ stellt in allen diesen Hinsichten eine Vereinfachung dar, die als solche ausdrücklich zu berücksichtigen ist, um in strategischen Auseinandersetzungen nicht völlig in die Irre zu gehen. Wenn wir bestimmen wollen, was uns Schirrmacher eigentlich sagen will – und woran also eine wirklich triftige Kritik ansetzen müsste – dann müssen wir uns von dieser Vereinfachung lösen.  

Das Neue

In der Frage, wenn wir sie ausdrücklich als solche formulieren und stellen, was denn über die „Kapitalismus-Problematik“ hinaus hier und heute das Neue ausmacht, das wir zu diskutieren haben, ist Jakob Augstein bei Schirrmacher durchaus fündig geworden:

„Im Spiel will jeder gewinnen. Das ist die Bedingung der Spieltheorie. Damit lassen sich komplizierte Handlungsmuster beschreiben. Im Kalten Krieg haben amerikanische Militärs und Physiker die Sowjets mit den Instrumenten der Spieltheorie in die Knie gezwungen. Als es keine Sowjets mehr gab, sind die Physiker an die Wall Street gegangen und zwingen seitdem mit ihrer Theorie die Welt in die Knie. Wir alle sind Opfer einer Ideologie des Egoismus. Sie wurde für eine Welt des Krieges entwickelt und verheert heute den Frieden. Eine Ideologie der Kälte und des Autismus. Eine Ideologie von Psychopathen für Psychopathen.“

Damit ist eine spezifische historische Situation und deren Entwicklung durchaus spezifisch angesprochen[2] und auch getroffen: Im Kontext der Reihe von Niederlagen der „Revolution im Westen“ seit den 1960er Jahren und dem – zeitversetzten – endgültigen Scheiterns der „Revolution im Osten“ setzt sich die „neoliberale Konterrevolution“ (Milton Friedman) zunächst global und dann auch im ehemaligen Sowjetblock durch und bringt eine erneute Zuspitzung des schon in früheren Perioden der modernen bürgerlichen Gesellschaften entwickelten, alten Technokratentraums des rein sachlichen Automatismus, der keine politischen Entscheidungen mehr benötigt: In Gestalt einer automatischen Funktionsbeschreibung, die auf einem Algorithmus beruht, der Prozesse der elektronischen Datenverarbeitung auf eine bestimmte, reproduzierbare Weise steuert, werden Antworten auf Probleme gefunden und damit beständig „Entscheidungen“ produziert – ganz ohne politischen Diskurs und Streit. Was an Automatismen für die „doomsday machine“ der Kalten-Kriegs-Konfrontation entwickelt worden war, wird damit übertragen auf die entfesselte Konkurrenz der WarenproduzentInnen:

Die neoliberale Ideologie lässt in diesem Zusammentreffen von Digitalisierung und Globalisierung den modernen „Besitzindividualismus“, wie er den Rechtsvorstellungen dieser Gesellschaft zugrunde liegt, eindeutig Gestalt annehmen und legt damit die gesellschaftlichen Individuen als solche alternativlos auf die Devise „Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham“ fest, wie sie schon Marx für die „Oberfläche“ der modernen bürgerlichen Gesellschaft als herrschende Denkformen diagnostiziert hatte. Zugleich nutzt er das spezifische Potenzial der neuen Welle der Revolutionierung der Verhältnisse, die sich unter den Vorzeichen von Globalisierung und Digitalisierung durchsetzt, dafür, um diese Durchsetzungs- und Reproduktionsprozesse als solche immer weiter zu formalisieren, algorithmisch darstellbar und vollziehbar zu machen und sie schließlich auf dieser Grundlage auch automatisieren zu können. Damit nimmt diese „Oberfläche“ selbst noch einmal spezifische, gegenüber Bewusstseinsprozessen und – formen verselbständigte Gestalten an, entwickelt eine eigenständige Materialität und Widersprüchlichkeit – auf der Ebene einer von „Maschinen“ vollzogenen Dimension der gesellschaftlichen Kommunikation.

Schirrmacher verweist in einleuchtender Weise auf Charles Babbage als den „wahren Vater des Computers“ (taz-Interview). Auch wenn er bestreitet, dass es sich bei der „Digitalisierung“ um eine „Technologie“ handele (ebd.), ist sie genau dies – jedenfalls in der Bedeutung, die Karl Marx in klassischer Weise diesem Begriff einer „ganz modernen Wissenschaft der Technologie“ (MEW 23, 510)[3] gegeben hat: nämlich Auflösung der überkommenen „buntscheckigen, scheinbar zusammenhanglosen und verknöcherten Gestalten des gesellschaftlichen Produktionsprozesses […] in bewußt planmäßige und je nach dem bezweckten Nutzeffekt systematisch besonderte Anwendungen der Naturwissenschaft“ (ebd.), zumindest wenn wir die Computerwissenschaft bzw. Kybernetik und die angewandte Mathematik, die in ihr steckt, als eine Naturwissenschaft im weiteren Sinne begreifen und den gesellschaftlichen Produktionsprozess – ganz problemadäquat – so weit fassen, dass er die „Herstellung“ von allem umfasst, was in Warenform gehandelt werden kann.

Dennoch trifft Schirrmacher auch gegenüber dieser nicht trivialisierten Auffassung der Technologie immer noch etwas, wenn er geltend macht, es handle sich hier doch vor allem um „eine Ökonomie“: um den Einstieg in die „umfassende Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche“, in der durch „smart machines“ die „tägliche Kommunikation … ständig bewertet“ wird und „unsere Präferenzen“ von allen Seiten erforscht werden (dies und die folgenden Zitate aus dem taz-interview). Unter der Losung der „Ökonomie des Geistes“ (Ronald Reagan) sind inzwischen „Maschinen“ gebaut worden, die „in unsere Köpfe hineinwollen“ und denen das immer besser gelingt, nicht mehr nur im Zusammenhang der dadurch „automatisierten“ Finanzmärkte, sondern in dem „der digitalen Vernetzungsstruktur“, die uns alle erfasst, so dass wir „die Verwandlung immer weiterer sozialer Bereiche in börsenähnliche Plattformen“ erleben und in den Medien nicht mehr „vom Journalismus“ reden können, ohne „von künstlicher Intelligenz reden“ zu müssen. Auf dieser Grundlage sind bereits, so Schirrmachers schwerlich bestreitbarer Befund, „Giganten der Bewusstseinsindustrie entstanden“.

Politik

Sehen wir uns näher an, wodurch sich „Algorithmen“ von „gewählten Politikern“ unterscheiden, also – auf eine elementarere Ebene gebracht – was es bedeutet, anstehende Fragen „rein sachgemäß“ oder aber „politisch“ zu entscheiden: Wenn wir uns von dem technokratischen Traum verabschieden, jeden Streit durch ein richtig bestücktes und korrekt durchgeführtes Kalkül entscheiden zu können, dann müssen wir feststellen, dass wir in allen wichtigen Fragen – in der es auch um die Artikulation und die Berücksichtigung von Interessen geht – nicht darauf setzen können, die „richtige Antwort“ gleichsam auszurechnen, sondern Bewertungen und Gewichtungen vornehmen müssen, für die wir uns nur selber verbürgen können, ohne sie aus geteiltem und gesicherten Wissen „ableiten“ zu können.  Diese Feststellung bedeutet keine Absage an Versuche zur Versachlichung von Streitfragen und auch keinen Kult der Dezision um der Dezision willen. Aber sie bedeutet doch, das wir ein Interesse daran haben müssen, auch politische Entscheidungen immer wieder möglichst adäquat zu treffen und uns nicht einfach mit dem Formalismus begnügen können, dass diese Entscheidungen von Repräsentanten getroffen werden, die wir einmal zu diesem Zwecke durch Wahlen autorisiert haben. Mit anderen Worten lässt gerade die Einsicht in die Erforderlichkeit von in diesem Sinne politischen Entscheidungen in allen Lebensbereichen die schlichte Berufung auf die legitimen Befugnisse staatlicher, parlamentarischer oder parteipolitischer Funktionsträger als ganz offensichtlich anmaßend und unzureichend begründet erkennbar werden.

In der Wirklichkeit ist aber das Problem noch viel akuter: Wie Schirrmacher von einem „politischen Insider“ erfahren haben will, ist nicht nur festzustellen, „dass die Politik nicht nur nichts mehr zu sagen hat. Es ist viel gravierender: Die Politik musste partiell die Bürger in die Irre führen. Denn der eigentliche Adressat von Politik sind heute die Märkte“. Und etwa auf den Finanzmärkten ist „die Hälfte des Handels von Maschinen und nicht von Menschen gesteuert“. Schirrmacher warnt vor einer Kapitulation der Politik: „Die Politik kapituliert, wenn ernsthaft erwogen wird, ob in bestimmten Ländern Europas in so einer Situation besser nicht gewählt wird, weil dies die Märkte verunsichern könnte.“ Das ist zwar noch nicht „die Normalisierung des Ausnahmezustandes“, wie Schirrmacher meint, aber immerhin die Außerkraftsetzung des demokratischen Prinzips zugunsten der Marktkonformität – d.h. zur ausdrücklichen Unterwerfung unter den Primat der Kapitalherrschaft.

Angela Merkel hat in einer Davoser Rede ganz prinzipiell eine „marktkonforme Politik“ postuliert. Bei Schirrmacher wird nachvollziehbar, dass dies letztlich nur eine ‚Antipolitik‘ sein kann, die alle wichtigen Fragen der politischen Deliberation und Entscheidung entzieht – und sie schon gar nichts ins „Offene“ einer gesellschaftlichen Öffentlichkeit stellt, die sich auf die ‚Menge der Vielen‘ hin erweitert.

Welche Geschichte wird erzählt?

Welche „Geschichte … dieses Buch erzählen will“ (17), wird ausdrücklich angegeben: „Wie der Einzelne das Gefühl haben konnte, dass sich das ganze Universum gegen ihn verschworen hat, und wie nach dem Ende des Kalten Kriegs ein neuer Kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft eröffnet wird.“ (ebd.) Das ist aber nur die Oberfläche dieser Erzählung – dahinter, verdeckt insbesondere durch die von Schirrmacher vollzogene anthropologische Umdeutung seiner Beschreibungen (205ff.), zeichnet sich eine tiefer durchsetzende Hintergrundgeschichte ab: Dass die kapitalistische Produktionsweise alle Klassenkompromisse der Kalten-Kriegs-Periode aufgesprengt und dadurch die Konsenspolitik des Nachkriegs-Fordismus beendet – und in neuen Technologien und Organisationskonzepten neue Grundlagen dafür gefunden hat, die Akkumulation des Kapitals zu entfesseln und in neue Sphären des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses hinein auszudehnen, durch die das Alltagsleben noch weit tiefer geprägt wird, als dies die „Kulturindustrie“ und der „Konsumismus“ im 20. Jahrhundert getan haben. Dabei entsteht auch eine neue Kompliziertheit zwischen Kapitalherrschaft und herrschaftlich strukturierten Geschlechterverhältnissen – was den erneuerten Gestalten des „Besitzindividualismus“ (Macpherson), welche die Oberfläche dieser modernen Gesellschaften nach den Prinzipien von „Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham“ (Marx) organisieren, erst die starke emotionale Durchschlagskraft verleiht, die unterschwellig Schirrmachers Darstellung prägt.

Wie wäre es, diesen Impuls dafür zu nutzen, um zu untersuchen und zu dechiffrieren, welche modernen gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse – etwa das Kapitalverhältnis, das ‚Patriarchat‘ und das ‚Imperium‘ – in dieser Oberfläche komplizenhaft zusammen wirken – und wo damit begonnen werden kann, tiefer anzusetzen? Dann würde Schirrmachers Buch wirklich nützlich werden – und sich nicht darauf beschränken, im Feuilleton emotionale Wellen zu schlagen und zugleich durch Überbetonung des Neuen zu verdecken, wie weitgehend schon ziemlich alte Herrschaftsverhältnisse in diesem Neuen fortgeführt werden.



[1] Sebastian Friedrich hat in a&k, Nr. 582, April 2013, S. 32, bereits einen aufschlussreichen Debattenrückblick formulieren können und Jan Feddersen/Kai Schlieter haben Frank Schirrmacher zu einem aufschlussreich resümierenden Gespräch eingeladen (taz v. 20.4.2013).

[2] Im Gespräch mit Feddersen und Schlieter bezieht sich Schirrmacher darauf, dass nach „dem Ende des Kommunismus … die westlichen Gesellschaften einen neuen, stark reduzierten, aber ungemein wirkungsvollen Begriff von Rationalität entwickelt hätten“ und zwar „in einer engen Kooperation zwischen Ökonomie und Kybernetik“ (taz-Interview). Dabei wird deutlich, dass wir es in seiner Darstellung nicht mit einer distanzierten Analyse eines unbeteiligten Beobachters (oder gar einer wissenschaftlichen Beschreibung und Erklärung mit Anspruch auf objektive Wahrheit) zu tun haben, sondern mit einem artikulierten Bekenntnis eines „Kontaminierten“ (taz-Interview), der zur Einsicht in die eigene Verblendung gekommen ist.  

[3] Deren „kritische Geschichte“  Marx als „Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder besondren Gesellschaftsorganisation“ begreift (MEW 23, 392, Anm. 89): „Die Technologie enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozess seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen.“ (MEW 23, 393, Forts. Anm. 89).


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Matthias Becker schrieb am 24. Mai 2013 um 14:44 Uhr:

Das Kernproblem an Schirrmacher Kritik ist m.E., dass er ihren Gegenstand gar nicht bestimmt und sie deshalb ziellos ist. Es ist bezeichnend, dass in "Ego" an keiner Stelle erklärt wird, was Spieltheorie eigentlich ist - nämlich eine zwar mathematisch anspruchsvolle, in ihren Prämissen aber ideologische Modellierungstechnik auf Grundlage des methodischen Individualismus.
Wie dieser wissenschaftliche Ansatz dann praktisch wurde - also wie die Prämisse eines permanenten und lediglich individuell nutzenmaximierenden Verhaltens der Neoliberalisierung der Gesellschaften entsprach und sie möglicherweise förderte - das kommt in "Ego" überhaupt nicht vor!! Schirrmacher betreibt eine Technikkritik, in der Modelle und Messtechniken unmittelbare Macht haben. Über die konkrete Umgestaltung der Gesellschaften seit den späten 70er Jahren durch Privatisierung, staatlich forcierte Konkurrenzverhältnisse usw. schreibt er dagegen nichts. Das ist kein Zufall, denn im deutschen Feuilleton schickt es sich zwar, die "automatisierte amerikanische Finanzmaschinerie" in dämonischen Farben zu malen, es schickt sich nicht, darauf hinzuweisen, dass beispielsweise die Privatisierung der Altersvorsorge eine Asozialisierung der Gesellschaft bedeutet.
Für die Neoliberalisierung haben Spieltheoretiker ideologisches Beiwerks geliefert, aber sie haben sie nicht gemacht.
Weitere Hinweise dazu finden sich übrigens hier: www.textarbeit.blogspot.de/2013/02/spiel-des-lebens-spiel-des-feuilletons.html

S.Brusten schrieb am 23. Mai 2013 um 18:10 Uhr:

Das einzige was an/in dem Buch fehlt, ist der Hinweis auf folgende Bücher:
- Die Zukunft hat schon begonnen
- Heller als tausend Sonnen,
Beide aus Mitte der 1950ger Jahre ! ! !
Die Macht der Computer u. die Ohnmacht der Vernunft ca. 1978 von Josef Weizenbaum ! ! !
Das jedoch sei Schirrmacher ( Wegen seiner Jugendlichen Jahre ) verziehen ! ! !

Heinrich von Kleist schrieb am 22. Mai 2013 um 22:55 Uhr:


Versager schrieb:
Herrschaftsverhältnisse in gleich welcher Form zu entschlüsseln, vergeudet lediglich menschliche Arbeitskraft um des schieren Positivismus willen über alle Maße hinweg anstatt sogleich die dadurch zutiefst falsche Frontstellung notwendig aufzugeben. Jeder ernstlich tätige Wissenschaftler bleibt insofern bereits systematisch außerstande, jemals besagte Untersuchungen anzustellen, wenn ihm seine universitär namens der Allgemeinheit verliehene Würde heilig ist.

Herr von Guttenberg, die Gänsefüßchen bitte...!!

Versager schrieb am 17. Mai 2013 um 23:12 Uhr:

Herrschaftsverhältnisse in gleich welcher Form zu entschlüsseln, vergeudet lediglich menschliche Arbeitskraft um des schieren Positivismus willen über alle Maße hinweg anstatt sogleich die dadurch zutiefst falsche Frontstellung notwendig aufzugeben. Jeder ernstlich tätige Wissenschaftler bleibt insofern bereits systematisch außerstande, jemals besagte Untersuchungen anzustellen, wenn ihm seine universitär namens der Allgemeinheit verliehene Würde heilig ist.

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Prof. Dr. Frieder Otto Wolf
Geboren 1943 in Kiel

Honorarprofessor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.
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