Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 21: Mai/Juni 2013 | Postfossile Zeiten und industrielle Zukunft

Stacheldraht vom KZ Sachsenhausen

Thema der Ausgabe 21: Mai/Juni 2013 Lehren aus der Geschichte - Verantwortung für die Zukunft

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Dienstag, 14. Mai 2013

Postfossile Zeiten und industrielle Zukunft

von: Klaus Mertens
Mann mit Schild

kallejipp / photocase.com

Die Industriegeschichte der letzten zweihundert Jahre liest sich - zumindest aus westeuropäischer Perspektive - wie ein durchgängiger Erfolg: Wohlstand für viele, halbwegs funktionierende Gesundheits- und Sozialsysteme, sowie erträglich lange Arbeitstage für die meisten. Dagegen stellt sich aus einer globalen Perspektive und unter Berücksichtigung der Endlichkeit vieler Ressourcen, insbesondere der fossilen Brenn- und Treibstoffe (peak oil), einerseits und dem Klimawandel andererseits, die industrielle Zukunft nicht so rosig dar.

Angebot und Nachfrage – die Zukunft der Massenproduktion

Peak Oil wird das Warenangebot einschränken und deutlich verteuern. Das wird insbesondere für die deutsche Leitbranche Automotive einschneidende Veränderungen mit sich bringen. Die Fahrzeuge werden sich den neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Das betrifft nicht nur die Frage des Antriebsstrangs, sondern alle Faktoren, die im Zusammenhang mit dem Verbrauch und Rohstoffeinsatz (seltene Erden) stehen. Darüber hinaus wird es wohl auch um die Substitution der Kunststoffteile auf Erdölbasis gehen müssen. Die Branche kann als beispielhaft für viele andere Branchen gelten, von der chemischen Industrie, der das Erdöl als Rohstoff etwa für Düngemittel ausgeht, bis zum Maschinenbau, dem die Kunden abhandenkommen. Dabei wird es in vielen Branchen wohl auch um die Frage gehen, ob die Produkte überhaupt irgendeinen Bedarf decken oder nur eine selbsterzeugte Nachfrage befriedigen.

Ob es, und wenn ja in welchem Umfang, in postfossilen Zeiten eine industrielle Massenfertigung braucht, also inklusive Nachtschichten, Fließbandarbeit etc. ist aus der Produktperspektive, jenseits der schon gestellten Frage nach dem tatsächlichen Bedarf aus zwei Blickwinkeln zu beantworten:

  • Wie entwickeln sich Preise und Einkommen?

  • Ist das Produkt langlebig, wieder verwertbar und ressourceneffizient hergestellt?

Schreibwaren werden vor diesem Hintergrund wahrscheinlich nach wie vor massenhaft gebraucht, während Diddlmäuse wohl nicht länger im Drei-Schichtbetrieb hergestellt werden müssen. Viele weitere funktionslose Konsumartikel werden verschwinden. Das Alles impliziert einen tiefgreifenden Wandel der Konsumkultur, die sich jenseits von Moden, Trends und Ersatzbefriedigungen stärker auf Bedarfe konzentrieren wird. Aber: Die soziale Differenzierung qua Konsum wird sich wohl wieder zuspitzen, weil der Erwerb etwa eines rohstoffträchtigen Automobils in viel stärkerem Maße eine Frage des Geldes und der Beschaffungsoptionen wird, als heute.

Qualität geht vor – Nachhaltigkeit und Lebensdauer

Im Nachdenken um eine industrielle Produktion nach dem Peak Oil geht es einerseits um die Langlebigkeit der Produkte, was als Kritik an der geplanten Obsoleszenz aktueller Produkte formuliert wird und andererseits um die vollständige Wiederverwertbarkeit der Produkte, die unter „cradle to cradle“ firmiert. Unabhängig davon ist auch die Frage der Innovationszyklen zu diskutieren, die insbesondere im Medien- und Kommunikationsbereich für einen raschen Produktwandel sorgt. Ob diese Zyklen gestreckt werden, weil die Innovation an ihrer Qualität und nicht nur an der zunehmenden Quantität von Bildpunkten und Megabytes gemessen wird, bleibt offen.

Industrielle Produktion

Im selben Maß wie sich die Produktlandschaft im Sinne eines quantitativ verringerten Angebots, aber mit längeren Lebensdauern, hohen Wiederverwertbarkeiten und Ressourceneffizienz verändern wird, werden sich auch industrielle Prozesse verändern müssen. Gut beraten werden dabei diejenigen Unternehmen sein, die sich die Verschwendungsphilosophie des Toyota Produktionssystems zu Eigen gemacht haben. Das System kennt drei verschiedene Verschwendungsarten, Muda (Verschwendung), Mura (Unausgeglichenheit des Prozess) und Muri (Überlastung von Mensch und Maschine), wobei es bei Muda um Verschwendung von Ressourcen geht.

Diese Verschwendungen zu vermeiden ist ein zentrales Kernprinzip des Produktionssystems. Damit scheint es geeignet, den Anforderungen einer postfossilen Industrieproduktion gerecht zu werden, bei der es ja explizit um einen außerordentlich sparsamen Umgang mit allen Ressourcen gehen wird! Leider sind ganzheitliche Produktionssysteme in deutschen Betrieben nicht sonderlich weit verbreitet.

Effizienz in Sachen Energie und Rohstoff

Neben dem Peak Oil werden auch die Energiewende und der Klimawandel, und das damit verbundene staatliche Eingreifen - so es denn geschieht -, die Industrie dazu zwingen sorgsamer mit den Ressourcen umzugehen. Das gilt insbesondere auch für die aufgewandte Energie im Produktionsprozess. Auf der Rohstoffseite geht es um den Materialeinsatz, der bei gleichzeitig gestiegenen Anforderungen an die Qualität, so gering wie möglich zu halten ist und das Design soll ressourcenschonend auf Reparatur- und Recyclingfähigkeit orientiert werden. Das scheint eine größere Herausforderung darzustellen, als eigentlich zu vermuten wäre, aber die Zahl derer, die sich noch daran erinnern können, Schuhe zum Schuster oder eine Uhr zum Uhrmacher gebracht zu haben, ist wohl recht gering. Vielleicht sind es die vor den 70ern Geborenen? Spätere Generationen sind an Verschrotten, Wegschmeißen und Neukaufen gewöhnt worden.

no more global sourcing?

Global angelegte Produktions- und Beschaffungsprozesse brauchen günstige Transportkosten als zentralen Rentabilitätsfaktor, genauso wie einen erheblichen Lohnvorteil im Beschaffungs- bzw. Fertigungsland. Peak Oil wird zumindest die Transportkosten in die Höhe treiben, so dass bei gleichzeitig steigenden Löhnen in den Lieferländern, was sich im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs in Osteuropa und den BRIC-Staaten bereits abzeichnet, die globalisierte Wertschöpfungskette nicht länger einen Mehrwert für die Unternehmen erzeugen wird.

Unabhängig vom unternehmerischen Mehrwert stellt sich selbstredend auch die volkswirtschaftliche Frage, wie viel Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung denn ein solcher betrieblicher Mehrwert kosten darf?

Eine postfossile Produktion wird wohl hauptsächlich für regionalisierte Märkte angelegt sein, wobei globale Lokalisierungsstrategien ja bereits heute – zumindest von den großen Konzernen – verfolgt werden.

Industriebeschäftigte

Die vorstehend skizzierten Veränderungen treffen den Arbeitnehmer sowohl als Bürger und Konsumenten, aber eben auch in seiner Arbeitnehmerrolle. Selbst wenn er seinen Arbeitsplatz nicht wechselt oder verliert – was bei geringeren Produktionsmengen und weniger Produktvielfalt sehr wahrscheinlich ist - wird sich doch einiges ändern. Die Eckpunkte dieser Veränderung sollen im Folgenden aufgezeigt werden.

Die Arbeitszeit. Flexibel bedarfsgesteuert

Ein Arbeitszeitmodell der Zukunft wird sich an den Anforderungen hinsichtlich Ressourceneffizienz und Bedarfssteuerung orientieren. Das hört sich zwar nach Kapovaz an, muss es aber nicht sein! Es wird auch nicht in allen Branchen, etwa der Stahlindustrie, gehen, weil dort z.B. technologiebedingt die Prozesse kontinuierlich durchlaufen müssen. Inwieweit das dann zu Konzentrationsprozessen in den jeweiligen Branchen führen wird, ist offen.

Diese prinzipielle Pull-Steuerung ist in modernen Produktionssystemen durchaus angelegt. Dort geht sie aber in der Regel von einer durchgängigen Massenproduktion aus bei der nur die produzierten Teile variieren und das Pull-Prinzip die Überproduktion nicht benötigter Varianten verhindern helfen soll. Eine so radikale Bedarfsorientierung wie vorstehend beschrieben, wird für Unternehmen wie Arbeitnehmer eine gänzlich neue Erfahrung und wird neue Facetten in das Thema Arbeitszeitflexibilität bringen.

Der Arbeitsweg. Ein Problem?

Das statistische Bundesamt hat im Oktober 2009 eine Studie zur Entwicklung bei den Pendlern in der Bundesrepublik vorgelegt, die deutlich macht, dass 60% aller Pendler das Auto benutzen und die Strecken zum Arbeitsplatz insgesamt länger werden. Nur noch 45,8% der Arbeitnehmer haben einen Arbeitsweg, der kürzer ist als 10km. Damit verbunden sind zum Teil erhebliche Zeitaufwendungen. Nur 68,2% der Arbeitnehmer pendeln täglich weniger als eine halbe Stunde.

Was bedeutet das unter dem Vorzeichen von Peak Oil?

Die Fahrtkosten werden steigen und können wohl nicht gänzlich von einer immer wieder zur Disposition stehenden Pendlerpauschale (im Übrigen ein deutscher Spezialfall) aufgefangen werden. Neben steigenden Heizkosten haben Arbeitnehmer also auch diese Mehrkosten zu verkraften.

Die Frage der Verfügbarkeit von Treibstoff generell kommt als ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu, weil das der geforderten Anwesenheitsdisziplin doch durchaus entgegenstehen kann. Der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel bzw. Schusters Rappen oder das Fahrrad wird bei entsprechender Entfernung oder mangels fehlendem Angebot (ländlicher Raum) keine Alternative darstellen, so dass in vielen Fällen ein Umzug näher zum Arbeitsplatz anstehen wird, der zur weiteren Verdichtung in den entsprechenden Zentren führen wird, was wiederum das Wohnen dort verteuern dürfte. Im Gegenzug werden sich ländliche Räume entleeren.

Neues lernen…

Die Veränderungen durch Peak Oil, Klimawandel und Demographie werden umfassende Prozesse von Wissensaneignung und Erfahrungen nötig und möglich machen, so dass es schwer fällt, die Arbeitnehmerrolle hier im Besonderen zu fassen. Die Menschen werden sich allesamt an andere Zeitrhythmen gewöhnen müssen, werden von Liebgewonnenem Abschied nehmen und Neues schätzen lernen. Sie werden Wohlstand und Mobilität anders definieren lernen und sich selber neu definieren müssen. Die Arbeitnehmer werden sich auf neue Technologien, neue Geschäftsmodelle und neue Produktionskonzepte einrichten müssen. Unternehmen, aber auch Gewerkschaften und Betriebsräte werden ebenfalls dazulernen müssen!

Fazit

Die industriepolitische Zukunft wurde vorstehend eher skeptisch dargestellt. Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen, wenn sich die Unternehmen nicht bewegen. Was das Bild ein wenig aufhellen könnte, wäre der Hinweis auf die Innovationskraft der Unternehmen und die Kreativität der Menschen, die vielleicht auch als Techniker und Ingenieure lernen können mit endlichen Ressourcen zu arbeiten und nicht länger aus dem Vollen schöpfen zu dürfen. Die Kreativität braucht aber auch in anderer Hinsicht einen Richtungsschwenk, der weniger operativ, als strategisch ausfallen muss.

Die Unternehmen müssen Kapazitäten schaffen, die solchen strategischen Überlegungen Raum und Zeit öffnen, um die Themen zu treiben, genauso wie sie Produkte für die Zeit der großen Transformation brauchen! Betriebsräte müssen lernen in Wirtschaftsausschüssen und Aufsichtsräten die Fragen nach einer postfossilen Zukunft zu stellen, Gewerkschaften die Fragen nach postfossiler Industrie-, Betriebs- und Tarifpolitik zu beantworten und schlussendlich muss auch die Zivilgesellschaft insgesamt diese Debatte ganzheitlich über die sozialen Milieus hinweg führen.

Ein zivilgesellschaftlicher Zusammenhang unter einigen anderen sind die Transformateure (www.transformateure.de), ein Zusammenhang von Akteuren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern, die sich mit den Fragen der Nicht-Nachhaltigkeit der Gegenwart und einer postfossilen Zukunft beschäftigen.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Alexander Klier schrieb am 17. Mai 2013 um 08:59 Uhr:

Ich bin nur mal gespannt, wann es dazu eine innergewerkschaftlich fruchtbare Diskussion gibt. Diese kann sich dann ja nicht auf branchenlösungen zurückziehen. Ansonsten gefällt mir der Artikel gut, auch wenn das ein oder andere der ausführlilcheren Erläuterung und Begründung bedüfte.

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Kurzprofil

Klaus Mertens
Geboren 1966 in Siegen

Referent beim Betriebsrat der ZF Friedrichshafen AG, Schweinfurt
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