Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 20: März/April 2013 | Der neue Medienwandel

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Thema der Ausgabe 20: März/April 2013 2013: Entscheidungen für die Zukunft

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Dienstag, 5. März 2013

Der neue Medienwandel

Gewerkschaften müssen ihn aktiv gestalten

von: Dietmar Muscheid
Medienidiot

tobeys / photocase.com

Nach dem Aus von Westfälischer Rundschau, Nürnberger Abendzeitung und Financial Times Deutschland sowie dem nun wohl nur zum Teil abgewendeten Ende der Frankfurter Rundschau, wurde zuletzt wieder verstärkt über den „Medienwandel“ debattiert. Der Begriff ist nicht falsch, weil tatsächlich das Geschäftsmodell Print an mehreren Stellen an seine Grenzen gestoßen ist, sich Inhalte ins Netz verlagern und dort oft nicht mehr von denen bereit gestellt werden, die es früher taten: die Verlage. Es hat sich also einiges gewandelt, was auch daran liegt, dass das klassische Geschäftsmodell aus Abo- und Werbeerlösen (noch) nicht vollständig auf das Netz übertragbar ist.

Auf der anderen Seite zeichnen sich Medien – wie die meisten anderen Branchen – aber dadurch aus, dass sie sich ständig wandeln, ihr Produkt verbessern und neue Entwicklungen adaptieren. Insofern ist das, was jetzt als Wandel beschrieben wird, vielleicht eher die Folge der Tatsache, dass ein Wandel an einigen Stellen viel zu wenig stattgefunden hat, z. B. auch bei Agenturen. Müssen wir deshalb eher von einem Umbruch oder gar dem Ende eines ganzen Wirtschaftszweiges, wie ihn die Gewerkschaften zum Beispiel beim Bergbau begleiten mussten, ausgehen? Vielleicht wäre auch das übertrieben. Eindeutig hingegen ist, dass wir in den Medien mit neuen Strukturen konfrontiert sind, die auch für uns als Gewerkschaften große Herausforderungen bedeuten.

Die Aufgabe des Journalismus

Der DGB als gewerkschaftlicher Dachverband hat dabei neben der Situation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Medienhäusern stets auch die politische und gesellschaftliche Dimension der Medien im Blick zu behalten. Die Wirklichkeit der meisten Menschen ist stark bestimmt durch die veröffentliche Wirklichkeit – man kann auch von einem medialen Filter sprechen. Wenn der Journalismus stirbt oder zumindest kränkelt, dann hat dies auch direkte Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Menschen von der Wirklichkeit.

Zugegeben ist Journalismus ein weiter Begriff und er ist durch neue Medien eventuell sogar noch weiter geworden. Die Gewerkschaften verstehen unter Journalismus vielleicht ein gewisses Ideal, das dem der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA als „Muckraker“ bezeichneten  Journalisten entspricht. Günter Wallraff, Gert Monheim oder Ulrike Holler sind deutsche Beispiele für diese Art der Berichterstattung. Aktuellere sind Klaus Ott oder Harald Schumann.

Tatsächlich erfüllt Journalismus die Aufgabe, Mächtige zu kontrollieren, Missstände aufzudecken und gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen aufzuzeigen und zu analysieren. Journalismus bedeutet Aufklärung; er schaut hinter die Fassaden, geht raus auf die Straße, dorthin, wo das wahre Leben ist. Er stellt die Wirklichkeit jenseits der durch Eliten vermittelten Wirklichkeit dar. Er hinterfragt die bestellten Wahrheiten der Propagandamaschinen. Journalismus zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, sich zu empören und emphatisch zu sein. Mit Empörung ist dabei nicht das Reiten auf den in immer kürzeren Abständen auftretenden Erregungswellen gemeint, wie sie zuletzt unter anderem der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen oder auch der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender aufgezeigt haben. Die Empörung, die ich meine, ist die, die nicht aus einer Sehnsucht nach Auflage entspringt, sondern die sich aus einer inneren Haltung ergibt. Einer Haltung die - nur zum Beispiel - der Maxime folgt, dass Journalismus auch die Aufgabe hat, denen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden. Eine Haltung, die sich immunisiert gegen Eitelkeit, kurzfristige Trends, einem Zeitgeist und den Einflüsterungen der sogenannten Opinion Leader in den Leitmedien. Empathiefähigkeit bedeutet, Ängste, Nöte und Lebenswirklichkeit einer Schicht nachempfinden zu können, der man selbst nicht angehört. Dass Journalisten dies kaum noch können, hat der Hamburger Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg herausgefunden. Laut seiner Studie bewegen sich Journalisten in einem abgeschlossenen Milieu „unter sich“ und können so kaum für ein vielfältiges Bild sorgen.

In den 70er Jahren attestierte Elisabeth Noelle-Neumann Journalisten eine „Linkslastigkeit“. Was das „Orakel vom Bodensee“ feststellte, war m. E. aber ein Trugschluss. Journalistinnen und Journalisten sind damals wie heute nicht in Mehrheit „links“ oder „linkslastig“. Nur die Parteinahme für Schwache, die letztlich zum Kern des Journalismus zählt, wird und wurde als „links“ wahrgenommen. Heute hat man übrigens den Eindruck, viele Medienmacher orientierten sich eben nicht mehr an den Schwachen, sondern an den Eliten. Wo man sich früher abgrenzen wollte, will man heute dazu gehören. Es wäre spannend zu erfahren, in welche Richtung sich diese „Schweigespirale“ heute windet, sofern dieses Konstrukt überhaupt realistisch ist. Oder geht es einfach nur weiter nach oben zu den Eliten? Interessantes dazu hat die Autorin Kathrin Hartmann in ihrem Buch „Wir müssen leider draußen bleiben. Armut in der Konsumgesellschaft“ notiert. Nur am Rande sei erwähnt, dass die von Hartmann festgestellte mögliche Elitefixierung der Journalisten durchaus auch bei der politischen Klasse zu beobachten ist.

Was Gewerkschaften brauchen und sich in weiten Teilen mit ihren Interessen deckt, ist ein „Haltungs-Journalismus“, wie die Arbeit der „Muckraker“. Denn die Mächtigen, die es durch den Journalismus zu kontrollieren gilt, sind in unserer Gesellschaft immer auch auf Seiten der Wirtschaft und Politik zu finden. Zudem gehören die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – die übrigens immer noch den Großteil der Medienrezipienten ausmachen und Hauptabnehmer journalistischer Produkte sind - zunehmend zu denen, an deren Lebenswelt in den Medien nicht mehr angeknüpft wird.

Trotz allem sehen wir, solange es kritischen und aufklärerischen Journalismus gibt, werden Gewerkschaften auch in den Medien Verbündete finden. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die viel beachtete Dokumentation „Ausgeliefert! Leiharbeit bei Amazon“. Und weil das so ist, kann gewerkschaftliche Medienpolitik sich nicht nur auf Tarifpolitik in den Medienhäusern beschränken. Sie müssen einen Schritt weiter gehen. Es geht um journalistische „Arterhaltung“. Es geht um Schutzräume jenseits des Marktgeschehens. Hier hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine maßgebliche Bedeutung.

Das langsame Zeitungssterben sowie die inzwischen weit fortgeschrittene Pressekonzentration (Die fünf größten Verlage haben im Land einen Marktanteil von 44 Prozent) zeigen, dass es unterstützender Maßnahmen bedarf. Staatliche Eingriffe sind dabei gerade vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen weitestgehend zu vermeiden, abgesehen von einer möglichen Stärkung der Selbstkontrolleinrichtungen wie dem Deutschen Presserat, der aktuell kaum Qualitätsdebatten anstößt und zudem in seinen Zuständigkeiten massiv eingeschränkt ist. Auch die in NRW verfolgten Pläne einer am Grimme-Institut angesiedelten Stiftung Medientest sind zumindest auf den ersten Blick vielversprechend.

Gewerkschaftliche Medienpolitik

Aus Sicht der Gewerkschaften muss neben der täglichen Arbeit in den Verlagen und Rundfunkhäusern, wie sie insbesondere durch Ver.di bzw. die DJU wahrgenommen wird, vor allem der Bereich in den Mittelpunkt gestellt werden, in dem es Möglichkeiten der „Einflussnahme“ gibt, wobei „Einflussnahme“ ausdrücklich als Stärkung von Qualität und Unabhängigkeit verstanden werden muss. Konkret betrifft dies die Gremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der Landesmedienanstalten. Dort kann es nicht nur Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass die eigenen Funktionäre regelmäßig im Programm auftauchen. Allein schon deshalb, weil der dadurch entstehende Fifty-Fifty-Journalismus, wie ihn zum Beispiel der nordrhein-westfälische Medienstaatssekretär Marc-Jan Eumann genannt hat, überhaupt nichts mit Aufklärung durch Medien zu tun hat. Beispielhaft sind dafür diverse Nachrichtenformate, die sich darauf beschränken, Sachverhalte mit Rede und Widerrede darzustellen. Auf die dabei entstehenden Paarungen ist in der Regel Verlass – egal um welchen Inhalt es geht. Regierung vs. Opposition, Gewerkschaft vs. Arbeitgeberverband usw.. „Glück“ haben lediglich Wissenschaftler, die oftmals den Nimbus der unbestechlichen Objektivität haben und deren Aussagen daher allgemeine Gültigkeit, die keiner Widerrede bedarf, zugeschrieben wird. Was für die Wissenschaftler gilt, betrifft dabei auch verschiedene Organisationen, wie etwa die Verbraucherzentralen oder den vermeintlich neutralen FDP-nahen Bund der Steuerzahler, den einige offenbar nicht vom Bundesrechnungshof zu unterscheiden wissen.

All das wird als professioneller, objektiver Journalismus verkauft. Aber eine fehlende Haltung ist weder objektiv noch professionell. Journalismus darf sich nicht damit zufrieden geben, Meinungen abzufragen und gegenüber zu stellen. Journalismus prüft Argumente. Er fragt nicht nur nach sondern er hinterfragt Positionen und konfrontiert sie mit der Wirklichkeit. Ja, Journalismus macht Arbeit! Journalist ist nicht nur Beruf sondern auch Berufung.

Die Gewerkschaften erkennen die Bedeutung der Medienpolitik und es gibt mehr als nur erste Ansätze, die zeigen, dass die sich aus Mandaten ergebende gesellschaftliche Verantwortung nachdrücklich wahrgenommen wird. Nur einige Beispiele:

  • Mit seinem Brief an NDR-Intendant Lutz Marmor hat der Vorsitzende des DGB Bezirks Nord, Uwe Polkaehn, die Debatte über die Börsenberichterstattung der ARD, die sich in Teilen am Rand der Schleichwerbung für Analysten und Spekulanten bewegt, wieder in Gang gebracht. In Blick genommen werden müssen dabei erneut auch die Nebentätigkeiten der in den öffentlich-rechtlichen Sendern tätigen Redakteure und Mitarbeiter der Wirtschaftsredaktionen. Im Zusammenhang mit den Vorträgen des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück wurde von und in den Medien auch die (berechtigte) Frage diskutiert, inwieweit eine mögliche Nähe zu Wirtschaftseliten Einfluss auf das Handeln der Person hat, weil sich daraus Abhängigkeiten ergeben. Eine Debatte, die – nur um ein Beispiel von sehr vielen zu nennen – auch über die ARD-Börsenberichterstatterin Anja Kohl geführt werden könnte, über die es auf der Homepage der Agentur „Econ Referenten“ heißt: „Unternehmen und Verbände laden die ebenso charmante wie kompetente Rednerin gerne zu Vorträgen ein.“

  • Der Fernsehsender Phoenix strahlt die im Wechsel u. a. von Marc Beise (Süddeutsche Zeitung) und Nina Ruge moderierte Sendung „Forum Manager“ aus, bei der auch schon Ruges Ehemann, der Vorstandsvorsitzende der Linde AG, Wolfgang Reitzle, aufgetreten ist. Warum Phoenix einen eigenen – und man darf behaupten weitgehend unkritischen - Manager-Talk braucht, gehört zu den zahlreichen Programmrätseln, die einem das Fernsehen auferlegt. Das Aufwerfen dieser Frage hat aber immerhin dazu geführt, dass auch der IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber als Gesprächspartner eingeladen wurde.

  • Die Otto-Brenner-Stiftung beackert seit einiger Zeit das Feld der Medien und hat mit Studien etwa zur Berichterstattung der „Bild“ oder über die fortschreitende Banalisierung des TV-Programms („hohle Idole“) wichtige Debatten in Gang gebracht. Diese Debatten führen nicht dazu, dass überall 180-Grad-Wendungen hingelegt werden. Aber es ist eben auch nicht so, dass sie einfach nur verhallen. Es klingt etwas nach. Sie schärfen das Bewusstsein und entfalten so eine – wenn auch nicht unbedingt messbare – Wirkung.

  • Die Rundfunkräte und unter ihnen die Gewerkschaftsvertreter haben mit kritischen Nachfragen einen Prozess in Gang gebracht, an deren Ende eine Reform der ARD-Talkshowschiene stehen könnte. Das eröffnet dann hoffentlich neue Spielräume für politische Dokumentationen oder eine Rückkehr zu längeren Sendezeiten bei den politischen Magazinen. Dabei soll die Talkshow als Raum des politischen Diskurses durchaus ihren Platz haben. Aber eben auch genau dafür und nicht unbedingt fünf Mal in der Woche.

  • Der DGB West hat sich bei der Debatte über die anstehende Reform des SWR-Staatsvertrags nicht damit abgefunden, es nur bei Fragen der Gremienzusammensetzung zu belassen, wobei natürlich der Einsatz für eine Frauenquote ein wichtiges Anliegen gewesen ist. In seiner Stellungnahme hat er sich für weitere wichtige Punkte, die die Stärkung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und des dort stattfindenden Journalismus zum Ziel haben, eingesetzt. Dabei spielte zum Beispiel die Frage eine Rolle, ob nicht das zu veranstaltende Hörfunkprogramm für Jugendliche zur Entwicklung innovativer Wortformate verpflichtet werden sollte. Ein anderer Punkt war die Frage, ob nicht auch der SWR unter die Regelungen bestehender Transparenzgesetze fallen sollte, wie es etwa beim WDR in wirtschaftlichen Fragen der Fall ist. Nicht zuletzt ging es auch darum, die Gremien zu stärken, um in Zukunft Qualitätsdebatten intensiver und sachkundiger führen zu können. Der DGB West setzt sich dafür ein, dem SWR-Rundfunkrat und nicht nur dem Verwaltungsrat das Recht zur Einholung externer Gutachten einzuräumen. Eine Forderung, die zuletzt auch die Medienpolitikerin Tabea Rößner erhoben hat. 

Der medienpolitische Auftrag

Die vorigen Beispiele zeigen, dass Gremienarbeit auch im Bereich der Medien zielführend ist. Für die Gewerkschaften ergibt sich daher m. E. folgender medienpolitischer Auftrag:

  1. Wir müssen das Programm kennen, das wir zu beaufsichtigen haben. Dies ist die Voraussetzung dafür, Fehlentwicklungen klar benennen zu können.

  1. Wir müssen uns noch stärker in Qualitätsdebatten einmischen. Dies gilt insbesondere für den Dachverband DGB als „politischer Stimme“ der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Einmischung bedeutet dabei für mich das genaue Gegenteil von Verhinderung kritischer Berichterstattung, wie sie offenbar durch die CSU im ZDF versucht wurde. Uns muss es darum gehen, kritischen Journalismus zu unterstützen und diesen sogar einzufordern, um eine Programm-Verflachung zu verhindern.

  1. Die Gewerkschaften müssen also als Anwalt für Journalismus eintreten und diesen von den Verantwortlichen vor allem in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einfordern. Dazu zählt auch, dass Journalisten Freiräume für Recherche haben müssen. Stellenpläne sind relevant! Wir müssen im Auge haben, wo gespart wird. Die Streichung von Korrespondentenstellen auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist hoch bedenklich.

  1. Die Gewerkschaften müssen dazu ihre Aktivitäten in den Gremien ausbauen und wo nötig externen Sachverstand einholen. Dazu bedarf es entsprechender Regelungen in den Staatsverträgen.

  1. Die Gewerkschaften müssen sich Verbündete suchen, z.B. die Kirchen. Der Politik muss die Bedeutung der Medienpolitik vor Augen geführt werden. Posten in Rundfunkräten dürfen nicht als „Versorgungsbonus“ missbraucht werden oder nur dem persönlichen Netzwerk politischer Karrieristen dienen.

  1. Wir dürfen uns nicht nur auf „Programmbegleitung“ beschränken, sondern müssen Zukunftswege aufzeigen. Brauchen wir zum Beispiel wirklich einen öffentlich-rechtlichen Jugendkanal oder wäre nicht eine interaktive Programmplattform im Netz sinnvoller, die auch hochwertige fiktionale Programme umfasst? Sollten die einzelnen Folgen hochwertiger Serien nach kurzer Zeit aus dem Netz verschwinden oder entspricht es nicht eher dem neuen Nutzungsverhalten, diese als Paket (mindestens eine Staffel!) online zur Verfügung zu stellen? Sollte das Bürgerfernsehen nicht zu einer interaktiven Kommunikationsplattform bzw. einem  -forum entwickelt werden, wo Themen wie Bürgerhaushalte oder Mediationsverfahren Raum erhalten?

  1. Um Zukunftswege aufzuzeigen müssen wir den Dialog mit den Mediennutzern suchen, deren Anwälte wir letztlich sind. Es geht um Kommunikation mit dem Ziel zu erfahren: Wie wollen wir in Zukunft kommunizieren?

  1. Wir müssen uns weiter um die Arbeitsbedingungen im Journalismus kümmern und zwar in allen Mediengattungen inklusive Onlinejournalismus. Noch immer machen viele Verlage gute Renditen. Die – auch medial erzeugte – Untergangsstimmung darf davon nicht ablenken. Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn der Medienwissenschaftler Horst Röper jungen Menschen davon abrät, den Beruf der Journalistin/des Journalisten zu ergreifen. Ein „brain drain“ im Journalismus wird dazu führen, dass noch weniger „Haltungs-Journalismus“ stattfindet. Wolf von Lojewski immerhin rief beim vergangenen Mainzer Mediendisput, einer der wichtigen Veranstaltungen des politischen Diskurses über Medien, in seiner ebenfalls sehr lesenswerten Rede den „Jungen“ zu, Journalist bzw. Journalistin sei immer noch der schönste aller Berufe. In diesem Zusammenhang könnte auch die Frage der Journalistenausbildung ein zunehmend wichtigerer Bereich werden.

Natürlich gibt es viele weitere Felder im Bereich der Medien, in denen wir tätig sein müssen und tätig sind: etwa die Netzpolitik. Auch hier gilt es, den Wandel zu gestalten. Die Frage, wie Journalismus in Zukunft finanziert werden kann, müssen m. E. zunächst andere beantworten. Dass bei den aktuell debattierten Stiftungsmodellen auch gewerkschaftsnahe Stiftungen gefragt sein könnten, sollte aber keinesfalls aus dem Blick verloren werden.

Wir müssen lernen: Die Medienpolitik ist für den DGB ein Arbeitsgebiet, das ebenso wichtig ist, wie andere Bereiche. Denn was nutzen die von uns erarbeiteten Inhalte, was nutzen unsere Forderungen und Positionen, wenn niemand diese mehr in die Öffentlichkeit trägt? Was nutzt es, auf Missstände hinzuweisen, wenn diese von der breiten Bevölkerung nicht als Teil ihrer Wirklichkeit empfunden werden?

Gute Gremienarbeit muss das Ziel sein. Vor einiger Zeit erschien im Medienfachdienst turi2 das Zitat, viele Rundfunkräte hätten von der Materie, die sie zu beaufsichtigen hätten, keine oder nur rudimentäre Ahnung. „Genauso gut könnte man den Vorsitzenden eines Taubenzuchtvereins zum Oberaufseher der Deutschen Flugsicherung ernennen“, hieß es. Man könnte heute ironisch erwidern, dass man immerhin auch Klaus Wowereit zum Oberaufseher des Flughafens Berlin gemacht hat. Aber im Ernst: Schlimmer als das Nichtabheben einer Boing 747 ist es, wenn Journalismus nicht mehr durchstarten kann. Gerade in den Medien brauchen wir immer wieder neue und möglichst viele Höhenflüge. Und die dürfen sogar ein wenig „Lärm“ machen!


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Reinhard Blomert schrieb am 8. März 2013 um 19:53 Uhr:

Die Gewerkschaften sollten sehr wohl darauf achten, in Gremien vertreten zu sein und ihre Stimme zu erheben. Aber sie sollten den Staat auch materiell fordern, denn Zeitungsbetriebe sind kostspielige Unternehmen: Zwei bis dreistellige Millionenbeträge liegen fest, das Kapitel muss nach einer bestimmten Zeit refinanziert werden und Erträge bringen. Ihre Werbeeinnahmen sinken, während die Werbeeinnahmen der Suchmaschinenbetreiber steigen und die Zeitungskundschaft ärmer wird und sich keine Abos mehr leisten kann.
Zwar werden Zeitungen in Deutschland aus historischen Gründen nicht vom Staat subventioniert. Aber angesichts ihrer zentralen Rolle bei der Schaffung von demokratischer Öffentlichkeit (dem nur noch Radio und in gewissem Abstand auch Fernsehen gleich kommen) muss man diese Lage neu überdenken zum einen im Vergleich zur Lage in anderen europäischen Ländern: .
In Frankreich finanziert deshalb der Staat die Distribution der Zeitungen, und in Italien hat die Regierung allen berechtigten Zeitungen Subventionen gezahlt – darunter sogar dem kommunistischen „Manifesto“ –, um die Demokratie zu stützen. Bis zur Regierungsübernahme durch den EU-Kommissar Mario Monti: Monti hat diese Subventionen zusammengestrichen – weil die EU-Kommission der Meinung ist, Zeitungen seien ein Gewerbe, und weil die EU-Kommission ja nicht als Garant der Demokratie auftritt, sondern des Marktes.
Vor allem aber im Vergleich zum Internet, das vom Staat gehätschelt und verwöhnt wird, insofern dessen ausgesprochen kostspielige Infrastruktur durch Milliarden an Steuergeldern überhaupt erst ermöglicht wird - durch Finanzierung der Ausstattung von öffentlichen Einrichtungen mit EDV-Anlagen, EDV-Verbindungen, bezahlen Lehrgänge, Büroausstattungen, Programme, EDV-Personal in Verwaltungen, Schulen, Universitäten und sogar Kindergärten. Wobei, notabene, die großen US-amerikanischen Internetfirmen selbst bekanntlich kaum Steuern zahlen: Unlängst hat die OECD auf diesen Tatbestand hingewiesen und von aggressiver Steuervermeidung bei diesen Firmen gesprochen.

Manfred schrieb am 7. März 2013 um 12:56 Uhr:

Guter Anspruch! Allerdings habe ich bislang noch nicht einmal den Eindruck, als würden die Gewerkschaften die Wissensgesellschaft verstehen - und das bedeutet nun einmal zu allererst: Freier Download für alle! Für die Wissensgesellschaft muss erst ein passendes Geschäftsmodell gefunden werden - und das inmitten des Kapitalismus? Ich zweifele solche Pläne massiv an! Viel eher wirkt sich der Wissenskommunismus, den die Wissensgesellschaft bekanntlich darstellt, erst einmal auf den Rest der Wirtschaft aus! Sozial Is Muss, kann ich da nur sagen!

Lupissmo schrieb am 6. März 2013 um 15:50 Uhr:

Sehr gut! Der Artikel von Dietmar Muscheid, spricht mir in vielen Ansprüchen an den Journalismus vor allem im TV aus der Seele.
Es bleibt nur die Frage, wie man mit in der Sache nicht ausgebildeten und die Details des TV Geschäftes nicht verstehenden Rundfunkräten weiterkommen will?
Und wie sieht die die Efizienz von Gremienarbeit in einer ARD aus, die mittlerweile gern so erfolgreich wie RTL wäre, wenn es um Quoten geht. Und die aber gleichzeitig, anders als RTL, ihr Geld für Bürokratie und Renten oder Volksmusikshows ausgibt und am wirklichen Programmauftrag immer destruktiver spart?
Und wie sollen politische Magazine von ARD Anstalten als letzte Bastionen von kritischem Journalismus auf Dauer ihren Auftrag erfüllen, wenn ihren Mitarbeiten, den Journalisten, keine oder nur bedingt Recherchetage bezahlt werden, die aber in keinem Fall ausreichen um den investigativen Aufwand zu entlohnen? Kennt jemand diese Probleme? Kennt jemand das prekäre Medienproletariat investigativ tätiger Journalisten?
Kennt jemand die Nöte auch rechtlicher Natur, unter denen "kritischer Journalismus" betrieben wird - oder gar nicht erst betrieben werden kann. Bestimmte Sauereien dürfen noch nicht einmal thematisiert werden, weil sie juristisch zu gut abgesichert sind. Dann kriegen die Justitiare in den TV Sendern das grosse Falttern - aus Angst vor immensen Schadenersatzklagen und jahrelangem Prozessterror.
Da kann, nein da muss man schon mal auf die eine oder andere Wahrheit im TV verzichten. Also lieber banaleres abhandeln, was dann auch täglich so passiert. Muss ja auch. Die deutsche Rechtssprechung macht investigaten Journalisten das Leben schwerer, als nötig. Sie schützt dagegen die Persönlichkeit von Medienopfern, die vornehmlich von den Privaten als Freaks menschlich entstellt vorgeführt werden dafür so gut wie gar nicht.
Dafür profitieren aber die um so mehr, die sich hochkarätig kriminell die Taschen auf Kosten von Anderen voll machen und sich entsprechende Anwaltskanzleien leisten können, damit man sie in Ruhe machen läßt.
Das sind bittere Erfahrungen aus dem Geschäft. Leider!
Wolf von Lojewski hat bei seinem Auspruch, Journalist bzw. Journalistin sei immer noch der schönste aller Berufe, vergessen zusagen, dass es gleichzeitig einer der schwierigsten ist, wenn man ihn ernst nehmen will.
Doch die Sender und die Produktionsfirmen züchten sich einen Nachwuchs heran, der lieber bedingugslos ausführt, als etwas zu hinterfragen. Aber das scheint so gewollt zu sein. Von allen Beteiligten.
Rückbesinnung und Umdenken auf journalistische Werte ist das Eine, Das Menschen, die sie umsetzen wollen, auch eine Chacne im TV erhalten, das erfordert einiges an Umdenken und Umbau innerhalb der Sender.

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Kurzprofil

Dietmar Muscheid
Geboren am 2. März 1957 in Neuwied

Seit dem 16. Februar 2002 Vorsitzender des DGB-Bezirks West (Rheinland-Pfalz und Saarland).

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