Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 19: Januar/Februar 2013 | Gewerkschaften verbessern die Arbeitsbedingungen

Mann am klettern

Thema der Ausgabe 19: Januar/Februar 2013 Herausforderungen für die Gewerkschaften

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Mittwoch, 9. Januar 2013

Gewerkschaften verbessern die Arbeitsbedingungen

von: Prof. Dr. Klaus Wälde, Dr. Alejandro Donado
Mann mit Helm

marsj / photocase.com

Es ist längst unbestritten, dass Gewerkschaften die Arbeitsbedingungen der Menschen verbessern und somit zu einer höheren Wohlfahrt in der Gesellschaft beitragen. Jedoch haben viele Wissenschaftler der Volkswirtschaftslehre diesen wichtigen Beitrag der Gewerkschaften bis jetzt fast komplett ignoriert. Zu Unrecht!

In einem Artikel, der in der September-Ausgabe des renommierten „Economic Journal“ erschien, stellen wir ein Modell dar, das die wichtige Rolle der Gewerkschaften bei der Verbesserung der Sicherheit am Arbeitsplatz deutlich zu erkennen gibt. Das Modell basiert auf mehreren historischen Beispielen, die uns zeigen, wie entscheidend der Beitrag von Arbeiterbewegungen war.

 

Viele Beispiele

Ein bekanntes Beispiel ist das vom Kohlebergbau und der Staublunge. Letztere ist eine Berufskrankheit, die durch die wiederholte und jahrelange Inhalation von geringen Mengen an Kohlenstaub entsteht. Zwar wurde Kohle als fossiler Brennstoff schon im Römischen Reich genutzt, der systematische und umfängliche Abbau dieses Energieträgers setzte allerdings erst im Zuge der Industriellen Revolution  ein, als eine verlässliche Versorgung mit Energie sichergestellt werden musste. Die Arbeit unter und über Tage hat jedoch auch negative Folgen.

Im Jahr 1831 berichtete ein schottischer Arzt von einem möglichen Zusammenhang zwischen der Arbeit in einer Kohlemine und der Staublunge. Heutzutage ist Staublunge weitgehend als Berufskrankheit anerkannt. Allerdings dauerte es mehr als 130 Jahre bis dieser kausale Zusammenhang allgemein akzeptiert wurde. Erst in den 1960er Jahren – nach umfangreichen politischen Aktivitäten verschiedener Arbeitnehmergruppen in den USA – wurde dort die Staublunge als Berufskrankheit anerkannt. Als Konsequenz wurde im Jahre 1969 der sogenannte «Coal Mine Health and Safety Act» verabschiedet – ein Gesetz, das umfassende Regeln für die Arbeit im Kohlebergbau beinhaltet und auch die Entschädigung von erkrankten und verletzten Minenarbeitern regelt.

Die Staublunge ist bei weitem nicht das einzige Beispiel dafür, wie Arbeitnehmerbewegungen zu einer Verbesserung der Gesundheit und Sicherheit beigetragen haben. Andere prominente Beispiele sind sehr gut dokumentiert: Dazu zählen die Byssinose – eine Erkrankung der Lunge infolge langjährigen Einatmens von Baumwollstaub,  und die Asbestose – eine Erkrankung der Lunge infolge langjährigen Einatmens von Asbest. Zu erwähnen sind auch das Gesundheitsrisiko und die Folgeschäden, die entstehen, wenn Arbeiter giftigen Elementen wie Radium oder  DBCP (1,2-Dibrom-3-chlorpropan) ausgesetzt sind. DBCP ist ein Pestizid, das nachweislich zur Unfruchtbarkeit führt und das Risiko an Krebs zu erkranken erhöht. Weitere Beispiele finden sich in der Keramik-, Automobil-und Stahl-Industrie.

Anfänglicher Widerstand trotz Beweise

Diese Beispiele machen deutlich, wie negative Auswirkungen neuer Produktionsverfahren erst im Laufe der Zeit zu Tage treten. Zu Anfang besteht häufig die Ungewissheit, ob die Arbeitnehmer durch neue Arbeitsweisen und Arbeitsmittel erkranken können. Wenn Arbeiter jedoch bemerken, dass ihre Gesundheit beeinträchtigt oder geschädigt wird, dann wird ihren Forderungen nach Verbesserung der Arbeitsbedingungen oft mit Vorbehalten begegnet und es werden kausale Zusammenhänge von Arbeit und Krankheit in Zweifel gezogen, und zwar nicht nur seitens der Arbeitgeber, sondern häufig auch seitens der Versicherungsunternehmen und staatlicher Instanzen.

Gerade deshalb sind starke Arbeiterbewegungen erforderlich. Sie können dazu beitragen, die Öffentlichkeit und vor allem die Entscheidungsträger in der Privatwirtschaft sowie auf Regierungsebene zu sensibilisieren; sie können Änderungen der Arbeitsbedingungen anregen und vor allem auf Gesetzesänderungen betreffend einer besseren Sicherheit am Arbeitsplatz hinwirken.

Wichtig für die Entwicklung

Ähnliche Schlussfolgerungen ließen sich auch im Hinblick auf Deutschland ziehen, wo Arbeiterbewegungen nicht nur für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, sondern auch für die Entwicklung des modernen Wohlfahrtsstaates bedeutsam waren.  

Während der industriellen Revolution um 1850 haben Armut und schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen die Beschäftigten dazu veranlasst, sich zusammenzuschließen, um hierdurch besser ihre Interessen gegenüber den Arbeitgebern zu vertreten. Armut und abhängige Lohnarbeit existierten zwar auch in der vorindustriellen Zeit, doch wurden diese Phänomene von den Industriearbeitern des 19. Jahrhunderts nicht mehr als gottgegeben und unabänderlich hingenommen – vor allem auch auf dem Hintergrund, dass in der Industrialisierungsphase ein vorübergehender und  beachtlicher Anstieg des Reichtums bestimmter Bevölkerungsteile zu beobachten war.

Die erste Gewerkschaft, die sich in Deutschland gründete, war die der Schriftsetzer im Juni 1848. Hauptziel dieser Interessenvertretung war es, das Einkommen der Schriftsetzer zu steigern, denn diese befürchteten Einkommenseinbußen aufgrund des technologischen Fortschritts (Dampfmaschine).  Allerdings war die Steigerung des Einkommens nicht das einzige Ziel dieser Gewerkschaft. Sie setzten sich auch dafür ein, eine Gesundheits- und Invaliditätsversicherung zu etablieren.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass sich die Arbeiterbewegung herausbildete und sich insoweit einflussreiche Gewerkschaften konstituierten, waren die sehr zahlreichen Arbeitsunfälle. Denn diese waren häufig auf den Einsatz von neuen Technologien, damit verbundene Risiken und mangelnde Schutzmaßnahmen zurückzuführen. Die Akteure dieser sozialen Bewegung erhöhten den politischen Druck, so dass sich Otto von Bismarck schließlich zu wichtigen Änderungen genötigt sah. So wurde im Jahr 1884 eine Unfallversicherung gesetzlich verankert.

Fazit

Das Ergebnis dieser Diskussion erlaubt uns, drei Schlussfolgerungen zu ziehen:

Erstens: Die Sicherheit am Arbeitsplatz muss häufig erst erstritten werden, denn sie bedeutet für die Unternehmen eine Kostensteigerung, die sie trotz der Gesundheitsgefährdungen freiwillig nicht zu tragen bereit sind. Allerdings ist diese Haltung der Unternehmen im Grunde kurzsichtig, denn wenn sich die Arbeitsausfälle durch Krankheit oder schlimmstenfalls tödliche Arbeitsunfälle verringern, profitieren die Unternehmen wiederum davon und können ihre Produktion steigern.

Zweitens: Es gibt oft einen Interessenkonflikt zwischen Gewerkschaften und Unternehmen, der über die reine Lohnpolitik hinausgeht. In vielen Fällen lehnen Firmen, Versicherungen und oft sogar die Regierung zunächst  etwaige Ansprüche auf Schadenersatz oder Gesetzesänderungen betreffend die Gesundheitsstandards einfach ab, weil es keine wissenschaftlichen Beweise für die behauptete Verbindung zwischen bestimmten Symptomen und der beruflichen Tätigkeit gibt. Dieser Zusammenhang begegnet uns heute wieder bei den Diskussionen um das vermehrte Phänomen des Burn-Out.

Drittens: Die Gewerkschaften spielten und spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung von Sicherheitsstandards und haben dazu beigetragen, dass derartige Standards als ein wichtiges positives Merkmal moderner Wohlfahrtsstaaten (nahezu allgemein) akzeptiert sind.  Die Grundvoraussetzung für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz ist aber, dass sich Interessengruppen bilden, Lobbyarbeit für ihre gemeinsamen Ziele leisten und überhaupt politisch sichtbar werden. Dann erst werden sich die gesetzlichen Regeln ändern und sind bessere Arbeitsbedingungen möglich.

 

Literaturnachweis

“How Trade Unions Increase Welfare”, Alejandro Donado and Klaus Wälde, The Economic Journal, Volume 122, Issue 563, pages 990–1009, September 2012.

Internet: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1468-0297.2012.02513.x/abstract


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Michael Stiegler schrieb am 22. Januar 2013 um 19:26 Uhr:

Nach meiner Kenntnis sind - wenigstens in der BRD seit den 80er Jahren - nicht mehr die Gewerkschaften der Antreiber für den betrieblichen Gesundheits- und Arbeitsschutz, sondern die Betriebsräte, sofern es die vor Ort denn gibt.
Das ist schon dünn, was die beiden Autoren vortragen. Wo sind aktuelle Belege? Welcher Flächentarifvertrag welcher Gewerkschaft der letzten Jahre widmet sich denn dem Gesundheits- und Arbeitsschutz, sieht man von Regelungen zur Arbeitszeit einmal ab?

Werner Altmann schrieb am 11. Januar 2013 um 11:09 Uhr:

Der Artikel bringt 1. nichts Neues und belegt 2. die Betriebsblindheit, wie sie Hochschulwissenschaftlern häufig zu eigen ist.
Denn wie anders ist es zu erklären, dass die Autoren ohne einen Beleg von einem "modernen Wohlfahrtsstaat" ausgehen. Das Gegenteil ist doch zur Zeit das Hauptmerkmal der Politik in den grossen, kapitalistischen Volkswirtschaften, siehe Merkels "Sparprogramm"paradigma.

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


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Kurzprofil

Dr. Alejandro Donado
Akademischer Rat am Fachbereich Volkswirtschaftslehre an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
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Prof. Dr. Klaus Wälde
Geboren 1966 in Nürnberg.

Professor für Makroökonomie an der Johannes Gutenberg Universität Mainz.
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