Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 17: September/Oktober 2012 | Prekäre Beschäftigung von Hochqualifizierten

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Thema der Ausgabe 17: September/Oktober 2012 Vernachlässigte Staatsaufgaben

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Mittwoch, 12. September 2012

Prekäre Beschäftigung von Hochqualifizierten

Das Beispiel der Kulturberufe

von: Prof. Dr. Ursula Schumm-Garling

Die Pflege von Kultur im weitesten Sinne gehört zu den wichtigen Bereichen einer wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft. So ist im Abschlussbericht der Enquete Kommission „Kultur in Deutschland“ ausgeführt, dass die Kulturwirtschaft sich zu einer Zukunftsbranche mit Wachstums- und Beschäftigungspotential entwickelt habe. „Hier entstehen Arbeitsplätze und Wertschöpfung – vor allem in Klein- und Kleinstunternehmen. Sie sind das Kraftzentrum der Kulturwirtschaft und der Beginn der Wertschöpfungskette.“ (Kultur in Deutschland, 2007, S.7)

In einer Äußerung aus einem weiteren Gutachten „Kulturwirtschaft in Deutschland. - Grundlagen, Probleme, Perspektiven.“ heißt es: „Angesichts ihres großen Einflusses auf die Imagebildung von Städten avancierte die Kultur zum wichtigen Standortfaktor und zum Kernelement einer wachstumsorientierten bzw. den Strukturwandel unterstützenden Wirtschafts- und Standortpolitik der Städte.“ (Kulturwirtschaft 2007, S.12)

In diesem Zusammenhang kann nicht weiter auf die Debatte um die Ökonomisierung nahezu aller gesellschaftlichen Lebensbereiche – also auch von Kunst und Kultur – eingegangen werden. Nur soviel: Mit dem Begriff der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ hat beispielsweise Jürgen Habermas beschrieben, wie ökonomische Kalküle in alle Handlungssphären einsickern. Im Zusammenhang mit dem Thema „Beschäftigung“ spielen wirtschaftliche Faktoren eine herausragende Rolle; insbesondere dann, wenn der Kultur ein so hoher - auch ökonomischer -  Stellenwert zugemessen wird.

Vorbemerkung: Zur Datenlage

Die Datenlage über die Einkommens- und Vermögensverteilung ist in der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen europäischen Ländern insgesamt sehr schlecht. Weder stehen die Daten zeitnah zur Verfügung noch werden alle Einkunftsarten präzise erhoben. Besonders schwer zu erfassen ist die Einkommensverteilung der selbstständig Erwerbstätigen. Die Angaben beruhen auf Selbstauskünften, was zu regelmäßigen Über- oder Unterschätzungen der Einkommenshöhe führen kann.

Vergleichsweise verlässliche Quellen sind die Einkommenssteuerstatistik und die Angaben der Künstlersozialversicherung (KSK). Nach Angaben der KSK liegen die Durchschnittseinkommen der aktiv Versicherten bei 11 091Euro im Jahr 2005 und nach der Einkommenssteuerstatistik aus dem Jahr 1992 bei 10 400 Euro. Obwohl alle diese Zahlen noch nichts über die Situation der Beschäftigten in den Museen aussagen, erlauben sie doch indirekte Rückschlüsse. Es fällt auf, dass während dieser Zeitspanne für alle Kulturberufe keine nennenswerten Einkommensverbesserungen erzielt werden konnten, sogar bei Berücksichtigung der inflationsbedingten Geldentwertung eine Einkommensreduzierung zu verzeichnen ist.

Für die Beschäftigung in Museen gilt, dass es drei Gruppen von MitarbeiterInnen gibt: Neben Festangestellten gibt es freie MitarbeiterInnen und Ehrenamtliche bzw. freiwillige MitarbeiterInnen.

Sinn und Chancen der Freiwilligenarbeit bzw. der ehrenamtlichen Arbeit bedürfte einer gesonderten Erörterung. Im Vordergrund der folgenden Ausführungen stehen die Beschäftigungssituation und die Arbeitsbedingungen der selbstständigen MitarbeiterInnen.

Prekäre Beschäftigung

In dem Gutachten „Kulturwirtschaft in Deutschland“ wird konstatiert, das die Umsätze in den letzten Jahren sowie die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten deutlich abgenommen hat. Insgesamt hat jedoch die Zahl der Beschäftigten zugenommen. (Kulturwirtschaft 2007, S.86) Dies sei eindeutig der Zunahme der selbstständigen Beschäftigung zu verdanken.

In den einschlägigen Untersuchungen sind sich die ForscherInnen einig, dass der Kultursektor insgesamt von Beschäftigungsverhältnissen gekennzeichnet sei, in denen die „Normalarbeitsverhältnisse“ auf der Grundlage eines unbefristeten Arbeitsvertrages kontinuierlich abnehmen. Das Normalarbeitsverhältnis ist gekennzeichnet durch tarifvertraglich festgelegte Einkommen, Vereinbarungen über Arbeitsbedingungen und Arbeitszeit, den Kündigungsschutz, den Mutterschutz sowie die Sozialversicherungspflicht und Mitbestimmungsmöglichkeiten.

In weiten Teilen aller Kultursektoren dominieren jedoch befristete Arbeitsverträge, Teilzeitbeschäftigung und prekäre Arbeitsverhältnisse. Die Fragmentierung in der Arbeitswelt greift um sich, die prekäre Beschäftigung wird von der Ausnahme zur Regel und immer mehr abhängig Beschäftigte wechseln in eine Selbstständigkeit, die bei fortbestehender Abhängigkeit nur als „Scheinselbstständigkeit“ zu bezeichnen ist (vgl. Kulturwirtschaft 2007, S.177).

Prekär bedeutet im wörtlichen Sinne unsicher, misslich, schwierig, bedenklich. Als politischer Begriff wird prekär auf  Lebensverhältnisse bezogen, die keinerlei Absicherungen bieten. Seit den frühen 80ger Jahren wird der Begriff „prekär“ auch für Verhältnisse in der Arbeitswelt verwendet. Die Definition von prekärer Beschäftigung ist schwierig, weil nicht jede atypische Arbeit als prekär bezeichnet werden kann. Prekär ist Erwerbsarbeit dann, wenn das Entgelt deutlich unter dem Durchschnittseinkommen liegt, keine Zukunftsperspektiven für den einzelnen ermöglichen und Arbeitnehmerschutzrechte reduziert sind oder ganz entfallen. Prekäre Arbeit und Beschäftigung tritt in verschiedenen Formen auf: Als Heim-, Zeit- oder Leiharbeit, als Minijob ebenso wie als illegale, saisonale oder temporäre Arbeit oder der Arbeit als SubunternehmerIn sowie als Leiharbeit oder als Arbeit mit Werkverträgen. Das gemeinsame Merkmal all dieser Beschäftigungsverhältnisse ist das Fehlen der erkämpften tarifvertraglichen und sozialstaatlichen Absicherungen.

Prekarisierung meint jedoch wesentlich mehr als materielle Not und Unsicherheit der Lebensperspektive. Sie bedeutet Prekarisierung von sozialen und politischen Rechten sowie Angst, Stress und Unsicherheit. Die vor allem mit den Hartz-Gesetzen durchgesetzte Selbstmobilisierung bleibt in der Regel ohne Perspektive Prekarisierung ist Teil einer neuen Herrschaftsform, die auf einer auf Dauer gestellten Unsicherheit beruht, und die Beschäftigten zur Hinnahme und Unterwerfung zwingt. Erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist Prekarisierung sowohl als subjektives Lebensgefühl wie als soziales Modell von einer Randerscheinung zu einer gesellschaftlichen Normalität für eine ständig größer werdende Zahl von Menschen geworden. Dies wirkt sich disziplinierend auf die „Noch“-Beschäftigten aus und führt zu einer schrittweisen Zerstörung kollektiver Formen der sozialen Sicherheit.

Zum großen Teil ist die Zunahme der Selbstständigen im Kultursektor auf das Vorgehen vieler kulturwirtschaftlicher Unternehmen zurückzuführen. Bislang abhängig Beschäftigte werden nicht weiter beschäftigt, ihnen wird eine Zusammenarbeit auf Vertragsbasis angeboten. Für viele Beschäftigte ist darüber hinaus der Weg in die (prekäre) Selbstständigkeit die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit. „Wenn auch die abhängige Beschäftigung nicht mehr sicher ist, erhält die selbstständige, aber „kreative“ Unsicherheit eine größere Anziehungskraft als die unkreative Beschäftigungsunsicherheit.“ (McRobbie, zitiert nach Kulturwirtschaft 2007, S. 179) Freiberuflichkeit als Alternative zur Arbeitslosigkeit heißt, „dass viele eigentlich unterbeschäftigte Branchenangehörige eher als formal Selbstständige die „Stille Reserve“ verstärken als sich arbeitslos zu melden.“ (Henninger, Mayer-Ahuja, 2005, S.97) Diese Entwicklung läuft auf eine „Verflüssigung“ der Übergänge zwischen abhängiger und selbstständiger Beschäftigung hinaus.

Die freien MitarbeiterInnen

Qualifizierte selbstständige Arbeit stellt in vielen Bereichen in der Bundesrepublik einen relativ neuen Erwerbstypus dar. Sie wird ausgeübt durch Hochqualifizierte mit bescheidenem Einkommen unter risikoreichen Erwerbsbedingungen. Die subjektiven Faktoren ermöglichen erst das „Funktionieren“ des flexiblen Erwerbsmodells. „Auf der Basis starker intrinsischer Motivation und eines dominant wert rationalen Berufsverständnisses entwickeln die individuellen Akteure in reflexiver Weise Handlungsmuster im Umgang mit den marktradikalen Bedingungen, die eine mehr oder minder gelungene Balance zwischen individuellen Freiheitsgraden und marktlichen Restriktionen ermöglichen.“ (Betzelt 2006, S.3)

Einige Merkmale lassen sich bei allen AlleindienstleisterInnen wiederfinden: sie verfügen kaum über Betriebsvermögen, sondern sind auf ihr „Humankapital“ angewiesen. Tarifvertragliche und betriebliche sowie arbeitsrechtliche Sicherungen sind - wenn überhaupt - nur sehr eingeschränkt wirksam, Mitsprachemöglichkeiten bestehen bestenfalls auf der individuellen Ebene. Mit tendenziell entgrenzten Arbeitszeiten müssen sie sich in schwach regulierten Märkten behaupten. Dennoch ist eine steigende Attraktivität der AlleindienstleisterInnen für hoch Qualifizierte zu verzeichnen. Dies ist einerseits der insgesamt angespannten Arbeitsmarktlage geschuldet sowie andererseits mit der Hoffnung verbunden, selbstbestimmt arbeiten zu können. Ein neues Zusammenspiel von objektiven Erwerbsstrukturen, subjektiver Orientierung und individuellen Handlungsstrategien lassen erwarten, dass diese spezifische Erwerbsform in modernen kapitalistischen Gesellschaften zunehmen wird. Kulturberufe können als Trendsetter dieser neuen Erwerbsformen angesehen werden.

Motivation und Identifikation mit der Berufsausübung beruhen vor allem auf der sehr hohen beruflichen Qualifikation. In der Regel verfügen die Beschäftigten in Kulturbetrieben über ein abgeschossenes Hochschulstudium und häufig auch über langjährige Berufserfahrung. Das verweist auf ein hohes kulturelles Kapital (Bourdieu 1982) als Basis für die Berufsausübung. Die Berufsverläufe der Hochqualifizierten erfordern aktive Steuerung, häufig verbunden mit diskontinuierlichen Einstiegsphasen und Statuswechseln. Die Selbstständigkeit wird von vielen überwiegend positiv bewertet. Als Vorzüge dieser Erwerbsform werden eine weitgehende arbeitsinhaltliche Autonomie, kreative Selbstverwirklichung, Abwechslung in der Arbeit, persönliche Weiterentwicklung sowie zeitliche und räumliche Selbstbestimmung genannt.

Die Selbstständigkeit wird freiwillig oder unfreiwillig teuer erkauft. Der Übergang in die Selbstständigkeit bringt in der Regel eine deutliche Einschränkung in den Lebensverhältnissen mit sich. Bot die abhängige Beschäftigung immerhin noch in vollem Umfang die soziale Absicherung, d.h. die Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung, so sind die Freiberuflichen dafür selbst verantwortlich und häufig angesichts ihres geringen Einkommens nicht in der Lage, die Kosten der sozialen Sicherung zu tragen. Ihnen droht der Abstieg in doppelter Hinsicht in die Armut. Weil Selbstständige häufig nicht gegen Arbeitslosigkeit versichert sind, haben sie keinen Anspruch auf das Arbeitslosengeld I und fallen gleich in Hartz IV mit allen Konsequenzen; zum anderen droht die Armutsfalle in Form der Altersarmut bei Erreichen des Rentenalters.

Die Arbeitszeiten in den selbstständigen Kulturberufen differieren stark voneinander. Häufig stehen lange Arbeitszeiten nicht selbstverständlich mit hohem Einkommen in Zusammenhang. Wesentliches Merkmal von Arbeitszeit und Einkommen der Freiberufler ist deren unmittelbare Abhängigkeit von der jeweiligen Auftragslage, die mehr oder weniger großen Schwankungen unterliegt. Phasen starker Beanspruchung werden von Flautezeiten abgelöst. Der nachfragebedingte Auslastungsgrad lässt sich nur bedingt steuern. Dies wirkt sich selbstredend auf die finanzielle Situation aus. Obwohl die Einkommen in der Regel sehr niedrig sind, müssen Rücklagen gebildet werden, um wenigstens kurzfristig Flautezeiten überbrücken zu können. Die freiberuflich Tätigen sind häufig darauf angewiesen von Eltern oder vom Partner oder der Partnerin unterstützt zu werden. Dies wird als sehr belastend empfunden. Die einmal erreichte Marktposition ist nicht stabil, sondern muss immer wieder neu errungen werden. Sie unterliegen damit erhöhten Risiken im Erwerbsverlauf.

Der Anteil der Frauen in den Kulturberufen ist gewachsen. Beispielsweise liegen die Frauenanteile unter den Publizistinnen oder Designerinnen bei 43% bzw. 44% und damit auf dem Niveau der Kulturberufe insgesamt. Damit hat sich ein für Deutschland eher untypisches Muster der gleichzeitigen Akademisierung und Feminisierung durchgesetzt.

Die Geschlechtersegregation ist in den Kulturberufen im Vergleich zu anderen Bereichen der Erwerbstätigkeit schwach ausgeprägt. Es finden sich häufig Zweiverdiener-Partnerschaften. Auch für die Arbeitszeiten ergeben sich heterogene aber wenig nach Geschlecht segregierte Muster. Teilzeitselbstständigkeit ist bei beiden Geschlechtern zu finden. Deutlicher werden die Einkommensunterschiede nach Angaben der KSK von Lebensalter und Sparte wahrgenommen. So verdienen über 60 Jährige bis zu 42% mehr als BerufsanfängerInnen unter 30. Selbstständige in der Abteilung „Wort“ verdienen im Schnitt 28% mehr als KollegInnen in der Rubrik „Musik“.

Im Hinblick auf die privaten Lebensformen zeigen sich zunächst keine fundamentalen Differenzen zu denen der abhängig Beschäftigten. Die Vorstellungen von total flexiblen und mobilen Arbeitsnomaden – wie sie aus den Zeiten des „New Economy Hype“ Ende der 90ger Jahre oder der „digitalen bohéme“ (Arbeitsnomaden) kolportiert werden, treffen auf die „neuen Selbstständigen“ nicht zu.

Perspektiven

Ein gesellschaftlicher Handlungsbedarf zur Absicherung einen großen Zahl von freiberuflich tätigen Menschen ist dringend erforderlich; einmal um die aktuelle Lebens- und Arbeitssituation zu stabilisieren, aber auch um der Altersarmut vorzubeugen.

Durch die Künstlersozialversicherung KSK werden die sozialen Risiken von verschiedenen Berufsgruppen (freischaffende KünstlerInnen und PublizistInnen) abgesichert. Die KSK nimmt nur solche Künstler auf, die selbstständig oder freiberuflich und ohne eigene Angestellte arbeiten. Die KSK (gegründet 1982) ist so konstruiert, dass auch Menschen ohne ein ausreichendes Einkommen mit Hilfe staatlicher Zuschüsse abgesichert sind. Die eine Hälfte der Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung zahlen die selbstständigen Künstler/innen bzw. Publizist/innen. Die andere Hälfte wird aus einer pauschalen Künstlersozialabgabe der Auftraggeber oder einem staatlichen Zuschuss finanziert. Thomas Gesterkamp sieht in dem KSK-Modell „eine wegweisende sozialpolitische Reformperspektive“. (Gesterkamp 2004, S.136) Es käme darauf an, die Künstlersozialkasse für weitere Berufsbilder zu öffnen um auch deren soziale Risiken abzusichern. Bestehen keine besonderen Konditionen wie bei der KSK, so müssen die Beiträge zu 100% selbst aufgebracht werden. Vor allem für pflichtversicherte Selbstständige im unteren Einkommensbereich entstehen dadurch erhebliche Belastungen.

Die „Alleindienstleister“ sind in keine korporatistischen Strukturen eingebunden; d.h. die für das deutsche Erwerbssystem typischen wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen von verschiedenen Risiken fehlt. Die freien MitarbeiterInnen und insbesondere die AlleindienstleiterInnen nehmen eine Zwischenposition zwischen den staatlich privilegierten Selbstständigen wie Rechtsanwälte oder Ärzte und den traditionell abhängig Beschäftigten ein. Ihre größere Autonomie ist jedoch nicht durch institutionalisierte Marktmonopole abgesichert.

Es besteht eine Reihe von beruflichen Organisationen, die alle um diese Klientel konkurrieren. Alle berufsorientierten Verbände sind gekennzeichnet durch eine fachverbandliche und eine gewerkschaftliche Ausrichtung ihrer Politik. Diese doppelte Orientierung entspricht dem doppelten Charakter flexibler Wissensarbeit. Diese zeichnet sich einerseits durch eine starke fachliche und inhaltliche Prägung aus, die eine subjektive Bindung an kaum standardisierte berufliche Normen und kreative Ideale beinhaltet und ist andererseits gekennzeichnet durch eine vergleichsweise schwache Stellung gegenüber meist potenten Auftraggebern. Diese spezifische Kombination von stark ausgeprägter Professionalität und wirtschaftlich schwacher Erwerbsform unter „markt radikalen“ Bedingungen stellt die kollektiven Akteure vor große Herausforderungen. Sie müssen einerseits auf der Basis der fachlich-inhaltlichen Normen Dienstleistungen zur individuellen Marktbehauptung anbieten (Rechts- und Honorarberatung, berufliche Vernetzung, Weiterbildung) und andererseits versuchen, traditionelle Formen kollektiver Interessenvertretung wahrzunehmen (Honorarspiegel, Lobbyismus, Tarifvereinbarungen).

Diese Strategie scheint aufzugehen. Die meisten Berufsorganisationen verzeichnen wachsende Mitgliederzahlen. Es scheint sich nach Befunden aus dem Berufsfeld Kultur und Medien zu bestätigen, dass die kollektiven Akteure eher an den vorhandenen normativen Orientierungen der hochqualifizierten AlleindienstleisterInnen ansetzen und nicht vorrangig an deren prekärer Erwerbsform.

Bei dem Zusammenschluss der fünf Einzelgewerkschaften zur Gewerkschaft Ver.di wurde zum einen ein hauptamtlich geführtes „Freien-Referat“ für die Belange der Alleinselbstständigen im breit gefächerten Ver.di Einzugsbereich eingerichtet, das die verschiedenen Aktivitäten koordiniert und vorantreibt. Zum anderen konnte beispielsweise das Modellprojekt connexx.av erkennbare Erfolge vorweisen und nach Ablauf der Pilotphase in das reguläre Angebot übernommen werden.

Durch die Übernahme der Projektarbeit in die gewerkschaftliche Alltagsarbeit werden manche Prinzipien traditioneller Gewerkschaftsarbeit verändert. Die Arbeit in den Projekten zielt hauptsächlich auf die individuelle Beratung von „EinzelkämpferInnen“. Ziel ist es, die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Darum setzen sich ehrenamtliche und hauptamtliche KollegInnen für stabile Einkommensverhältnisse sowie für verbindliche Arbeitszeiten und eine selbstbewusste Interessenvertretung ein. Die Bemühungen richten sich gegen undurchsichtige Lohnstrukturen und gegen Honorardumping sowie für ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber den Auftraggebern. Die Angebote sind nicht auf Gewerkschaftsmitglieder beschränkt, sondern stehen prinzipiell auch Nichtmitgliedern offen, wobei diese einen entsprechenden Kostenbeitrag für in Anspruch genommene Dienste zahlen müssen. Eine zentrale Aufgabe der allgemeinen Vorsorge besteht darin, die Absicherung der sozialen Risiken nicht ausschließlich der individuellen Zuständigkeit zu überlassen.

 

Literatur

Betzelt, S. (2006): Flexible Wissensarbeit: AlleindienstleiterInnen zwischen Privileg und Prekarität,

ZeS-Arbeitspapier 3-2006, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen

Bourdieu, P. (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main

Gesterkamp, Th. (2004). Die Krise der Kerle. Männlicher Lebensstil und der Wandel der Arbeitsgesellschaft, Münster

Gutachten zum Thema (2007): „Kulturwirtschaft in Deutschland – Grundlagen, Probleme, Perspektiven“,

im Auftrag der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages, erstellt von ICG culturplan Unternehmensberatung GmbH Berlin in Kooperation mit STADTart Planungs- und Beratungsbüro Dortmund, zitiert als Kulturwirtschaft.

Habermas, J. (1981): Die Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main

Henninger,A., Mayer-Ahuja, N. (2005): Arbeit und Beschäftigung in den Hamburger „Creative Industries“: Presse, Verlagswesen, Film/Rundfunk, Design, Werbung/Multimedia und Software/IT Dienstleistungen, Expertise, Wien

Kultur in Deutschland (2007): Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“, Bundesdrucksache 16/7000, zitiert als Kultur in Deutschland

Manske, A., Merkel, J., (2009): Prekäre Freiheit – Die Arbeit von Kreativen. In: WSI Mitteilungen, 6/2009, S. 295-30

McRobbie, A., (!999): In the Culture Society:Art, Fashion an d Popular Music, London, zitiert nach Kulturwirtschaft 2007, S.179

Schulze-Buschoff, K., (2012): Neue Arbeitswelt und neue Selbstständigkeit. In: gegenblende 14, März/April

Sennett, R., (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin1998

Sennett, R., (2005): Die Kultur des Neuen Kapitalismus, Berlin

ver.di Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Abt. Sozialpolitik (Hg.)  (2009): Ratgeber atypische Beschäftigung. 400 Euro-Minijobs, Teilzeit, Befristung & Leiharbeit. Berlin


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

7212 schrieb am 16. März 2013 um 17:48 Uhr:

Danke für den Beitrag. Er beschreibt zu hundert Prozent die Situation, in der ich mich seit fünf Jahren befinde und aus der es scheinbar keinen Weg mehr gibt. Meine erzwungene Selbständigkeit hat mein Leben und alle Pläne und Träume zerstört – Familiengründung, Altersvorsorge, Wohneigentum... es ist ein Dahinvegetieren, von der Hand-in-den-Mund existieren, es reicht für das Allernötigste, aber eine Gestaltung des eigenen Lebens ist nicht möglich. Nach über 500 Bewerbungen für feste Arbeitsverhältnisse habe ich keine Illusionen mehr, die Gesundheit leidet, Existenzängste rauben mir den Schlaf, den Appetit, die Lebensfreude. Ich wäre lieber tot, als den Rest meines Lebens so zu verbringen. Ich wünsche den Verantwortlichen, dass sie das am eigenen Leib erleben müssen.

Ulli Denk schrieb am 11. Oktober 2012 um 11:33 Uhr:

Die Künstlersozialkasse für weitere Berufsbilder im kreativen Bereich öffnen, wäre dringendst erforderlich. Seit meiner Ausbildung an der UDK Berlin konnte ich aufgrund meiner Arbeitssituation, freiberuflich oder phasenweise angestellt, aber auch mit Aushilfsverträgen in berliner Presse oder Messe GmbH, Zeitarbeitsverträge, etc...., um mich als Kulturschaffende über Wasser zu halten bis zum nächsten Projekt oder Auftrag, kam ich seit 1976 bis zu einem 2 jährigen Festanstellungsvertrag im Ballhaus Naunynstrasse bei Gründung des Theaters nie in die Künsrtlersozialkasse.Schade! Es würde für Selbständigkeit sehr hilfreich sein, versichert zu sein.

Joke Frerichs schrieb am 20. September 2012 um 11:26 Uhr:

Danke für den Artikel.
Meine Frau und ich haben einen Artikel ähnlichen Inhalts mit einigem Zahlenmaterial geschrieben. Titel: Arm aber frei? Zur sozialen Situation von Künstlerinnen und Künstlern. Erstveröffentlichung: NachDenkSeiten vom 7.3.2008.
Wiederveröffentlicht in: Lesespuren. Notizen zur Literatur, 2011.
MfG
Joke Frerichs

Helga Korn schrieb am 15. September 2012 um 12:28 Uhr:

Die Betrachtungen bewegen sich auf einer Ebene, die die Bedingungen hervorgebracht hat, und die Bedingungen sind nur zu ändern, wenn die Ebene verlassen wird, aus der die aktuelle Gestaltung gewachsen ist.
Wir blenden zu viel aus, haben zu viele Bereiche und Fähigkeiten blind geschaltet, doch genau in der Weise gelingt keine Änderung für eine menschliche förderliche Welt. Wir drehen uns im Kreis und entfernen uns nicht von unserem eingeschränkten Standpunkt . Wir wollen leben und zugleich erhalten, was uns sterben läßt. Wir stärken nicht, was uns stark macht. Wir gehen von Kompromissen aus und nicht von Grundsätzen, die für alle Menschen und in jeder Weise funktionieren. Wir wissen allermeist nicht mal, dass es das gibt.

JK schrieb am 15. September 2012 um 00:34 Uhr:

Ich bin zufällig auf diesen Artikel gestoßen und war erschrocken, wie sehr er auf meine Situation zutrifft. Ich hatte bisher zum einen das Gefühl, dass ich ziemlich alleine bin mit meiner neuen prekären und eigentlich eher erzwungenen Selbständigkeit, andererseits habe ich das aber als vorübergehende Vorstufe wahrgenommen. Dass das durchaus nicht der Fall sein muss hat mich doch etwas erschüttert...

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