Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 17: September/Oktober 2012 | Postwachstum? Über eine eigentümliche Debatte

Junge ruft

Thema der Ausgabe 17: September/Oktober 2012 Vernachlässigte Staatsaufgaben

«
Diskutieren Sie mit.
Montag, 29. Oktober 2012

Postwachstum? Über eine eigentümliche Debatte

von: Dr. Matthias Zimmer
Gärtner mit Blumentopf auf Kopf

spacejunkie / photocase.com

Postwachstum ist in, von den Wachstumskritikern auf der Linken – es ist lange her, das in der Entfaltung der Produktivkräfte noch das Heil lag – bis hin zu konservativen Stimmen, die in der Wiederentdeckung von Maß und Mitte einen neuen Begriff des Wohlstands festmachen.[1] „Das geht auf keinen Fall so weiter, wenn das so weiter geht“, dieser Satz von Erich Kästner ist intuitiv zustimmungsfähig, aber was folgt daraus? Wollen wir auf Wachstum verzichten? Können wir es, sowohl was unsere Lebensstile angeht als auch die Mittel, Wachstum einzudämmen? Und letztlich: Sollen wir das auch tun? Die Zustimmung zu der ebenso unbestimmten wie intuitiv ansprechenden Forderung nach Postwachstum speist sich aus der Erkenntnis, dass die Folgekosten des Wachstums (bzw. einer bestimmten Form des Wachstums) erschreckend sind, gerade im ökologischen Bereich. Postwachstum wäre damit ein Beitrag zur Generationengerechtigkeit. Allerdings ist die Hoffnung auf eine Postwachstumsgesellschaft trügerisch, ja vielleicht sogar falsch im moralischen Sinn.

Der Diskurs der Satten

Diskurse der Postwachstumsgesellschaft sind Diskurse der Satten. Sie entstehen historisch auf einer bestimmten Stufe des Wohlstands und sind mit der Erkenntnis verknüpft, dass sich Wachstum und Wohlstand voneinander entkoppeln können. Sie sind eng mit den Diskursen des Postmaterialismus verknüpft, jener Haltung also, die von einer Ebene ausreichender Sättigung mit materiellen Gütern Formen des guten Lebens thematisieren kann, in denen es um Gerechtigkeit, Authentizität, Ästhetik oder ähnliches geht. Das ist das Milieu, dem die Grünen verhaftet sind: Postmaterielle Modernisierungsgewinner mit zumeist gesicherter öffentlicher Beschäftigung. In den Niederungen der Werkbänke und der Fließbänder wird eine solche Debatte anders geführt. Da hängt Wachstum mit der Sicherheit der Arbeitsplätze zusammen, mit der Möglichkeit, Familien zu ernähren und verlässliche und dauerhafte Lebensperspektiven zu etablieren und für das Alter vorzusorgen. Marx hatte schon Recht: Das gesellschaftliche Sein bestimmt eben das Bewusstsein. Wenn die Formel des Postwachstums außerhalb der akademischen und intellektuellen Zirkel irgendeine Wirkung entfalten soll, dann muss plausibel argumentiert werden können, dass auch in Postwachstumsgesellschaften stabile Lebensperspektiven möglich sind.

Was kommt nach dem Wachstum?

Was passiert eigentlich, wenn Wachstum nicht mehr als irenische Formel von Gesellschaften fungiert? Historisch gesehen ist Wachstum und damit die Zunahme an Verteilungsmöglichkeiten die geradezu alle Demokratien stabilisierende Grundformel gewesen. Welche sozialen Verwerfungen es nach sich zieht, wenn das Wachstum nicht nur einmalig sondern über mehrere Perioden negativ wird lässt sich zurzeit an Griechenland studieren. Zugegeben, der Wachstumseinbruch kam plötzlich und verlief chaotisch, und man kann nur hoffen, dass andere Szenarien von Postwachstumsgesellschaften sich wohltuend davon unterscheiden. Aber die Befürchtungen, dass solche Verläufe die Demokratie insgesamt gefährden könnten, sind nicht von weit hergeholt. Dort, wo es keine robusten Prozesse der Aushandlung gesellschaftlicher Neuverteilung gibt, wo sich individuelle Präferenzen nicht mehr deliberativ in kollektives Handeln umsetzen lassen, dort wächst die Bereitschaft, Ordnung vom Recht zu entkoppeln – der berühmte Ausnahmezustand des Carl Schmitt also. Es wächst auch die Gefahr, dass die Gesellschaft sich kannibalisiert, etwa durch das Aufkommen von Gangs oder schutzgelderpresserischen Rackets. Man muss sich nur die Ränder der amerikanischen Gesellschaft ansehen um einen Vorgeschmack davon zu bekommen, wie eine alternative, nicht gouvernemental organisierte Umverteilung aussehen kann. Sind wir denn so sicher, dass die Länder des europäischen Südens (also Griechenland, Portugal, Spanien und der Süden Italiens) bei erheblichen Wachstumseinbußen sichere und stabile Demokratien bleiben? Offenbar nicht, denn das Allheilmittel lautet: Diese Länder brauchen Wachstum. Das Prinzip eint. Es eint auch alle Parteien des Deutschen Bundestages, allerdings in unterschiedlichen Schattierungen. Die Griechen brauchen nicht nur eine schmerzhafte Anpassung, sie brauchen vor allem Wachstum. Sie brauchen zukunftsfähige Industrien und Wirtschaftszweige. Sie brauchen Investitionen. Anders formuliert: Wenn es ernst wird, laufen die Postwachstumsbefürworter Gefahr, als barfüßige Bußprediger des Verzichts an den Rand der Debatte gedrängt zu werden.

Der Aspekt der Globalisierung

Viele ökonomische Strukturen sind über nationale Grenzen vernetzt. Die Idee, heute noch so etwas wie eine volkswirtschaftliche Globalsteuerung umsetzen zu können, erscheint naiv. Aber sind dann nicht auch Vorstellungen naiv, Wachstum begrenzen zu können oder sogar in eine Postwachstumsgesellschaft hineinwachsen zu können? Was passiert, wenn sich degrowth-Prozesse verstärken, ja potenzieren durch eine gezielte Abwanderung von Kapital und Schlüsselindustrien? Sind wir in der Lage, eine ökonomische Feinsteuerung zu leisten und diese kataklystischen Prozesse einer ungebremsten Abwärtsspirale zu verhindern? Gibt es ein Wachstumsleakage, also die Verlagerung von Wachstumsprozessen in andere Gesellschaften? Was wäre dann für die globale Bilanz gewonnen – außer dem guten Gewissen, mit dem wir uns dann als Zuschauer, aber nicht mehr als Verursacher der globalen ökologischen Probleme verstehen können? Dieser Einwand führt zum nächsten, nämlich der Frage, ob wir vielleicht mit gutem Beispiel führen können, ob es sich also international langfristig auszahlt, den Wachstumszwang national zu verabschieden. Schon eine spieltheoretische Betrachtung scheint nahe zu legen, dass eine solche Strategie wenig erfolgreich ist. Nehmen wir also an, Deutschland würde, durch welche Mittel auch immer das Wachstum beschränken oder sich dem Bild einer Steady-State-Ökonomie verschreiben, und zwar mit einer ausgeprägten ökologischen Orientierung. Wir würden dann auch eine weitgehend geschlossene Ökonomie benötigen, um in den transnationalen Wertschöpfungsketten nicht zum Transitland für die Produktion von Wachstum anderswo zu werden. In der globalen Bilanz würde dies kaum ins Gewicht fallen, solange unser gutes Beispiel nicht ansteckend wäre. Aber warum sollte es? Schon im europäischen Rahmen gibt es kaum eine Chance, ein solches Modell mehrheitsfähig zu machen. So postulierte die Lissabon-Strategie der EU ein Wachstum von jährlich 3 Prozent als Ziel; und alle übrigen europäischen Länder sind entschlossen, ihre eigenen sozialen Probleme vorrangig mit einer Wachstumspolitik zu bekämpfen. Kann man verhindern, dass sich die Migration der fähigen Arbeitskräfte nicht mehr nach Deutschland hinein, sondern aus Deutschland heraus vollzieht, gut ausgebildete Facharbeiter also ihre Zukunft in einer Gesellschaft sehen, in der sie wachsen können? Würde dies nicht vor allem den Mittelstand treffen, den wir bislang als Rückgrat unserer Volkswirtschaft angesehen haben?     

Wie funktioniert Wachstumsbegrenzung?

In den Debatten werden drei Strategien der Wachstumsbegrenzung diskutiert: Einmal die Änderung der individuellen Konsummuster, also das Prinzip der Suffizienz. Zum Zweiten eine Reduzierung der Arbeit bzw. eine andere Organisation der Arbeitswelt, und zum dritten über fiskalische Hebel. Erst einmal zur Suffizienz, oder, wie es im konservativen Duktus formuliert werden würde, die Wiedergewinnung von Maß und Mitte. Dieses Prinzip ist hoch sympathisch, weil es tatsächlich ein normatives Bild des Menschen anspricht, dass er eben nicht im Materiellen aufgeht. Meinhard Miegel hat dies auf die schöne Formel gebracht: Wohlstand ist nicht mehr zu haben sondern weniger zu brauchen. Das ist natürlich für alternde Gesellschaften ohnehin ein beinahe natürlicher Prozess, zumindest in der Gesamtbilanz. Aber von der freiwilligen Einsicht in dieses Prinzip sind wir doch weit entfernt. Zum einen fehlt uns die dazu notwendige Antenne in die transzendentalen Begründungen. Moderne Gesellschaften leben bekanntlich von Voraussetzungen, die sie nicht selbst reproduzieren können, aber sie können auch am Fehlen oder am Wegfall dieser Voraussetzungen zugrunde gehen. John Stuart Mill hat einmal zugespitzt argumentiert, es sei besser ein unbefriedigter Mensch als ein befriedigtes Schwein zu sein. Wem außer unserer aufgeklärten postmaterialistischen Avantgarde erschließt sich denn heute noch der Sinn dieser Aussage? Schon ein Blick in die privaten Fernsehkanäle und die dort angebotenen Rollenvorbilder zeigt doch, dass der ideale Lebenszweck des Zielpublikums sich von dem derjenigen unterscheidet, die sich mit der Attitüde des Bildungs- und Kulturbürgers verächtlich über die dort angebotene seichte Kost äußern. Erschwerend kommt hinzu, dass sich unser gesamtes Bildungssystem mehr und mehr zu einer Abrichtung in der Fabrik der allgemeinen Utilitäten verkommt, wie Nietzsche einmal geätzt hat. Das ist im Zug der Zeit erklärbar, aber es ist eben auch unbefriedigend. Wo ist der Ort des Orientierungswissens, der Aufklärung über normative Dimensionen des Handelns? Stattdessen erleben wir etwa in den Bachelorstudiengängen eine Explosion sinnentleerter Ausbildungen, die halbierte Fachmenschen ohne Geist hervorbringen und die Halbbildung sich zum Maßstab erklärt. Welchem Ideal einer Bildungsrepublik Deutschland entspricht das denn? Müssten wir uns nicht eher an den luziden Ausführungen einer Martha Nussbaum orientieren, die begründet, warum Demokratien die Humanities brauchen, warum es wichtig ist, über Aristoteles und Thomas von Aquin zu reflektieren, warum es wichtig ist, Körperlichkeit durch Theater und Tanz zu erfahren, warum es wichtig ist, transkulturelle Empathie einzuüben?[2] Die zweite Strategie zur Wachstumsbegrenzung liegt in der Verringerung von Arbeit und der Neuorganisation der Arbeitswelt. Aber schon ein Blick in den Zusammenhang von Arbeit und Alterssicherung ernüchtert. Dieser Zusammenhang besteht auf zwei Ebenen, über Umlage und über Kapitaldeckung. Im Fall der Kapitaldeckung entstehen Kapitalreserven, die sich günstige Anlagemöglichkeiten suchen und damit potentiell wachstumstreibend wirken. Im Fall des Umlageverfahrens ist angesichts der demographischen Frage das System nur zu stabilisieren, wenn die Produktivität erhöht wird (also durch mehr Wachstum) oder durch eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote, was ebenfalls das Wachstum erhöht. Mit anderen Worten: sowohl die kapitalgedeckte Alterssicherung, wie auch das Umlageverfahren sind von der Systemlogik her wachstumstreibend. Drittens, die Frage der fiskalischen Steuerung von Wachstum. Hier hat vor allem Christoph Binswanger Überlegungen angestellt, wie ein Wachstum begrenzt werden kann[3]. In diesen Zusammenhang gehört auch die Frage, ob es monetäre Wachstumstreiber gibt, also konkret, ob Liquiditätsüberschüsse dafür verantwortlich sind, dass wir Wachstumszwänge haben. Dies lässt sich nur sinnvoll auf der Ebene einer Volkswirtschaft modellieren in dem durch ordnungspolitische Maßnahmen sinnvolle Steuerung möglich wird. Freilich lässt sich durch eine Änderung des fiskalpolitischen Ordnungsrahmens einiges bewirken und ggf. durch eine Trennung von Transaktions- und Wertaufbewahrungsfunktion von Banken die Notwendigkeit einer Kreditausweitung unterbinden, aber die Reichweite bleibt national, vielleicht europäisch beschränkt. Das ist aber in Zeiten eines global möglichen Zugangs zu Kapital eher fragwürdig und schafft neue Ungerechtigkeiten zwischen denen, die leicht Zugang zu frischem Kapital haben und denen, für die dies nicht möglich ist. Auf der Strecke bleiben gerade solche Unternehmen, die auf einen eher regionalen oder nationalen Rahmen für die Kreditgewährung angewiesen sind. Das ist in Deutschland im Wesentlichen der Mittelstand. Demgegenüber stehen großen und international aufgestellten Unternehmen umfangreichere Spielräume für die Kapitalbeschaffung zur Verfügung, und dies sowohl bei der Gewinnung von Eigenkapital als auch bei der Aufnahme von Fremdkapital. Darüber hinaus ist ein nicht unbeträchtlicher Teil von Kapital in Alterssicherungsmodellen angelegt, die sich entsprechende Anlagemöglichkeiten suchen. Eine Rendite unterhalb der Inflation lässt ein solches System vermutlich zusammenbrechen mit völlig ungeklärten Fragen des Schicksals der Menschen, die dann in Altersarmut abgleiten. Hohe Renditeraten führen hingegen zu erheblichem Druck auf den Finanzmarkt und zu spekulativen Blasen, gegebenenfalls zu einer Überlastung des Systems.

Wir können Wachstum nicht verhindern

International können wir Wachstum nicht verhindern, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen führt ein Anstieg der Weltbevölkerung schon beinahe automatisch dazu, dass es zu Wachstumsprozessen kommt. Und zweitens haben viele Gesellschaften sich die nachholende Modernisierung auf ihre Fahnen geschrieben. Sie wollen Lebensqualität und Wohlstand auf einem Niveau in Anspruch nehmen, wie es für uns selbstverständlich ist; und es gibt keinen normativen Grund ihnen dies zu verwehren. Schon ein kleines Gedankenexperiment zeigt warum. Nehmen wir an, nicht nur die europäischen Länder, sondern alle Kulturen und Gesellschaften weltweit hätten gleichzeitig den Wachstumspfad der industriellen Moderne begonnen. Die ökologische Krise wäre vermutlich längst eingetreten durch den Verzehr der Ressourcen oder der Überbelastung der Senken. Im Umkehrschluss heißt das, dass unsere Form des Wachstums im 19. und 20. Jahrhundert ermöglicht wurde durch einen Wachstumsverzicht anderer Gesellschaften. Ist es deshalb normativ geboten, heute auf Wachstum zu verzichten, um dies anderen Gesellschaften zu ermöglichen? Ein zentrales Argument bezieht sich auf die Frage des Modernisierungspfades. Als entwickelte und innovative Volkswirtschaft könnten wir anderen Ländern helfen, einen weniger umweltbelastenden Entwicklungspfad einzunehmen und die Kuznets-Kurve der Umweltbelastung zu durchtunneln.[4] Ob wir die innovativen Potentiale hätten, wenn wir als Postwachstumsgesellschaft uns lediglich zum Zuschauer internationaler Entwicklungen machten, erscheint fraglich. Gerade im Bereich der Material- und Ressourceneffizienz gibt es erhebliche Potentiale zu bergen. Entscheidend ist: In Deutschland ist das Know How konzentriert, um die Fortschritte in der Material- und Ressourceneffizienz möglich werden zu lassen. Die Möglichkeit, diese Technologien international zu vermarkten zieht automatisch Prozesse des Wachstums nach sich und hilft die Umweltbelastungen zu senken. Umgekehrt formuliert: In einer Postwachstumsgesellschaft wäre es erheblich schwieriger Beiträge zur Lösung internationaler Entwicklungsprobleme zu leisten. Können wir es uns aus einer wachstumskritischen Binnensicht leisten, sehenden Auges keinen Beitrag zur Lösung der Modernisierungsfolgen anderer Länder leisten zu wollen? Wäre dies nicht eine Verabschiedung aus einer globalen Verantwortung?

Fazit

Die Freude über die Morgenröte einer Postwachstumsgesellschaft ist also verfrüht. Die soziale Basis dafür ist zwar aufgeklärt, aber zu klein und auch nicht in der Lage, sich als Geburtshelfer einer neuen Ordnung zu positionieren, zumal sie auch zu heterogen ist, um auch nur der Idee einer Diktatur der Postmaterialisten auch nur intellektuell nahetreten zu wollen. Es entspräche im Übrigen auch nicht dem unbedingten Glauben in die Kraft deliberativer Methoden und demokratischer Verfahren. Postwachstumsmodelle erscheinen von den Folgen her noch zu wenig durchdacht, um sie als gesellschaftliche Großexperimente präskribieren zu können. Die gesellschaftliche Verankerung, auch über die Bildungsprozesse, erscheint im Augenblick eher flach zu sein. Instrumente einer Wachstumsbegrenzung sind wenig überzeugend. Schließlich sind die internationalen Auswirkungen zu wenig bedacht, gerade auch mit Blick auf die Dimensionen des moralischen Handelns für die gesamte Menschheit. Es gibt also wenig überzeugende Argumente für eine Postwachstumsgesellschaft, aber viele kritische Fragen unter dem Aspekt des „respice finem“ – nicht weniger allerdings als die Weiterführung des bisherigen Wachstumsmodells.

Gegenüber dem pessimistischen Ausblick soll abschließend allerdings die Kraft der Utopie bemüht werden als Möglichkeit des Noch-nicht. Wir sind vermutlich noch sehr weit entfernt von diesen Möglichkeiten, die wir dem kreativen Impuls von Gene Roddenberry und seiner Kultserie Star Trek verdanken: Eine Welt in der Ressourcenverbrauch durch die technische Möglichkeit einer Konversion von Energie in Masse weitgehend irrelevant geworden ist; eine Welt, in der Geld als Zahlungsmittel (und damit auch als ökonomischer Wachstumstreiber) keine Rolle mehr spielt; eine Welt, in der billige und saubere Energie unbegrenzt zur Verfügung steht; eine Welt, in der Arbeit hoch mit dem Verwirklichen eigener Lebensentwürfe korreliert ist, eine Welt, in der das Wachstum sich wesentlich als Entwicklung der Menschheit definiert, als technischer Fortschritt ebenso wie als eine moralische Vervollkommnung des Menschengeschlechts, wie es die Aufklärung einmal postuliert hat. Star Trek entwirft eine Utopie des Möglichen, in der durch die Entwicklung der Technik der Mensch in die Lage versetzt wird, sich auf Gemeinschaftsprojekte der Menschheit schlechthin zu konzentrieren. Die politische Aufteilung der Welt in Staaten erscheint ebenso aufgehoben wie die Unmöglichkeit, gemeinsame Lösungen für die Bewirtschaftung globaler Allmenden zu finden. Das ist sicherlich weit entfernt von den ökonomischen, ökologischen und sozialen Möglichkeiten unserer Enkel. Aber wenn Stephen Hawking recht hat, dass die heutige Science Fiction das technische Faktum von Morgen sein kann, dann mag dies auch und erst recht für die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Ordnungsideen gelten. Was aber, wenn wir zur Verwirklichung dieser Utopie noch Wachstum brauchen?



[1] Stellvertretend: Niko Paech, Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom 2012 und Meinhard Miegel, Exit. Wohlstand ohne Wachstum. Berlin: Propyläen 2010 sowie Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. München: oekom 2011.

[2]  Martha C. Nussbaum,Nicht für den Profit. Warum Demokratie Bildung braucht. Überlingen: Tibia Press 2012.

[3] Hans-Christoph Binswanger, Die Wachstumsspirale: Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. Marburg: Metropolis 2009.

[4] Hierzu vor allem Ernst Ulrich von Weizsäcker, Karlson Hargroves und Michael Smith, Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum. München: Droemer 2009.


Nach oben
Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Ernst schrieb am 31. Oktober 2012 um 10:35 Uhr:

Postwachstum? Ich dachte das geht jetzt alles ins Internet!

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Erwiderung von: Prof. Dr. Ulrich Brand
Donnerstag, 29. November 2012

Postwachstum als Irrglaube? Erwiderung auf Matthias Zimmer

Matthias Zimmer konstatiert in seinem Beitrag mit dem Titel „Postwachstum? Über eine eigentümliche Debatte“, dass die Orientierung am Postwachstum mit der Begründung geringerer Umweltbelastung und größerer Generationengerechtigkeit trügerisch und moralisch sogar falsch sei.Aus meiner Sicht verpasst Kollege Zimmer einige entscheidende Punkte Weiterlesen …
Nach oben

Kurzprofil

Dr. Matthias Zimmer
Geboren 1961 in Marburg/Lahn

Mitglied des Deutschen Bundestags (CDU-Fraktion), Stellvertretender Bundesvorsitzender der CDA
» Zum Kurzprofil

Beiträge dieser Ausgabe

Artikel von: Prof. Dr. Gert G. Wagner, Heinrich Tiemann
Montag, 15. Oktober 2012
Jen­seits des BIP
» Zum Beitrag

Artikel von: Egbert Biermann, Dr. Kurt F. Meier
Montag, 8. Oktober 2012
Tran­s­eu­ro­päi­sche Ener­gi­ein­fra­struk­tur - Herz­stück ei­ner mo­der­nen In­dus­trie­po­li­tik
» Zum Beitrag

Artikel von: Bernhard Pfitzner
Mittwoch, 24. Oktober 2012
Po­si­tio­nen zur Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­re­gie­rung
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Erich Vogt
Dienstag, 23. Oktober 2012
Kli­ma­wan­del im ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf
» Zum Beitrag

Artikel von: Tomasz Konicz
Mittwoch, 17. Oktober 2012
Eu­ro­pa als Son­der­wirt­schafts­zo­ne
» Zum Beitrag

Buchrezension von: Martina Hesse
Mittwoch, 10. Oktober 2012
Sur­fen im In­ter­net mit Scheu­klap­pen?
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Rainer Fattmann
Dienstag, 9. Oktober 2012
Zur Ge­schich­te der tu­ne­si­schen Ge­werk­schafts­be­we­gung, Teil II
» Zum Beitrag

Artikel von: Ingo Kolf
Freitag, 5. Oktober 2012
Bil­dung „im Pa­ket“ ist kein Er­satz für ein hö­he­res Exis­tenz­mi­ni­mum bei Kin­dern
» Zum Beitrag

Artikel von: Albrecht von Lucke
Donnerstag, 4. Oktober 2012
Hartz IV: Das dop­pel­te Schis­ma oder: Das stäh­ler­ne Ge­häu­se der Angst
» Zum Beitrag

Artikel von: Timm Steinborn
Mittwoch, 26. September 2012
So­li­da­ri­tät – Plä­doy­er für die Ret­tung ei­nes Be­griffs
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Stefan Bach
Montag, 24. September 2012
Wie kön­nen ho­he Ein­kom­men und Ver­mö­gen wie­der stär­ker be­steu­ert wer­den?
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Wolfgang Hetzer
Freitag, 21. September 2012
Fi­nanz­kri­se oder Ka­ta­stro­phe?
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Dierk Hirschel
Mittwoch, 19. September 2012
Die Schul­den­fra­ge ist ei­ne Ver­tei­lungs­fra­ge
» Zum Beitrag

Artikel von: Prof. Dr. Brigitte Young
Dienstag, 18. September 2012
Es gibt kei­nen Wi­der­spruch zwi­schen dem Markt und ei­nem so­zia­len Eu­ro­pa
» Zum Beitrag

Artikel von: Jutta Roitsch
Montag, 17. September 2012
Ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum für al­le
» Zum Beitrag

Artikel von: Prof. Dr. Ursula Schumm-Garling
Mittwoch, 12. September 2012
Pre­kä­re Be­schäf­ti­gung von Hoch­qua­li­fi­zier­ten
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Ulrich Schneider
Mittwoch, 12. September 2012
„Die Zeit ist reif …“
» Zum Beitrag

Kolumne von: Tom Schimmeck
Mittwoch, 12. September 2012
Und nun?
» Zum Beitrag

Filmkritik von: Jürgen Kiontke
Mittwoch, 31. Oktober 2012
Glücks­ge­füh­le
» Zum Beitrag

RSS-Feed

Subscribe to RSS feed
Hier können Sie unseren GEGENBLENDE RSS Feed abonnieren