Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 17: September/Oktober 2012 | Surfen im Internet mit Scheuklappen?

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Thema der Ausgabe 17: September/Oktober 2012 Vernachlässigte Staatsaufgaben

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Mittwoch, 10. Oktober 2012

Surfen im Internet mit Scheuklappen?

Über das Buch „Filter Bubble“ von Eli Pariser

von: Martina Hesse

Ein Klick, ein Blick und alles für mich Wichtige wird angezeigt. Wer hat sich ein solches Medium nicht schon immer gewünscht? Im Zeitalter der Nachrichtenüberflutung und überquellenden E-Mail-Postfächern klingt das erst einmal verlockend. Doch welche Informationen werden mir dadurch vorenthalten? Wie sehr wird mein Blickwinkel eingeschränkt? Surfe ich künftig nur noch mit Scheuklappen?

Unbemerkt werkelt bereits jetzt eine ganze Batterie von Algorithmen und Filtern im Hintergrund unserer Browser und speichert ab, welche Seiten wir besuchen und worauf wir geklickt haben. Künftig wird uns Werbung eingeblendet, die unserem vorhergehenden Surfverhalten entspricht. Auch unsere Eingaben in Suchmaschinen werden bereits beim Eintippen gefiltert. Doch interessiere ich mich nun für Bauwerke oder für Sicherheitsmaßnahmen, wenn ich den Begriff Schloss in die Suchmaschine tippe? Warum bietet mir die Startseite meines Lieblings-Online-Shops immer wieder Wok und Essstäbchen, passend zum kürzlich bestellten asiatischen Kochbuch an?

Eli Pariser beschreibt unter anderem am Beispiel von Amazon, eines der ersten Unternehmen im Internet, die darauf abzielten, Ihren Kunden personalisierte Werbung anzuzeigen, wie sich der Hunger nach personenbezogenen Daten entwickelt hat, wie diese Daten gesammelt und gespeichert werden und wer letztendlich davon profitiert.

Wohin mit der Aufmerksamkeit?

Auch soziale Netzwerke haben sich inzwischen darauf ausgerichtet, ihren Mitgliedern nur noch das anzuzeigen, was sie vorgeblich am meisten interessieren könnte. Nutzer-Pinnwände sind voll von Informationen und werden immer unübersichtlicher. Ein Filter soll Abhilfe schaffen! Doch hier kommen die Scheuklappen ins Spiel, denn wonach entscheidet sich, welche Neuigkeiten für mich als Nutzer spannend sind? Pariser beschreibt das wunderbar anhand eines personalisierten Zeitungstitelblatts. Viele Informationen die eine Redaktion dort platziert hat, würden mir entgehen, würde ein Filter für mich eine Vorauswahl daraus treffen. Die Überanpassung von Nachrichten an unser Eigeninteresse birgt also das Risiko, dass wir den Blick aufs Ganze, vor allem aber auf das Neue und bisher Unbekannte, verlieren.

Hinzu kommt die Veränderung der medialen Landschaft, die Pariser im Kapitel „Aufstieg und Fall der breiten Öffentlichkeit“ beleuchtet. Schnell ist in! Informationen aller Art werden heute durch soziale Netzwerke und Dienste wie Twitter in rasantem Tempo verbreitet. Möglicherweise wurde aber der Ursprung einer Information vor ihrer Verbreitung nicht ausreichend geprüft. Schnell erreicht so auch eine Fehlinformation die breite Masse und kann nicht mehr eingefangen werden.

Persönliche Daten und Cloud Computing

Dateien, Kalender- und Kontaktdaten wandern mehr und mehr von unseren lokalen Festplatten in digitale Wolken, sogenannte „Clouds“. Das ist auf den ersten Blick effizient, kann ich doch so mit jedem Endgerät immer am letzten Stand meiner Dateien arbeiten. In einer größeren Dimension könnten z. B. Behörden künftig durch die Bündelung von Angaben in zentralen Registern noch schneller zusammenarbeiten. Doch gerade die Ansammlung von vielen Daten an einem Ort erhöht das Missbrauchsrisiko. Pariser liefert auch hier anschauliche Beispiele für solch wunde Punkte der virtuellen Wolke.

Der Mensch lässt sich jedenfalls nicht einfach mit seinem Internet-Nutzungs-Profil gleichstellen. Trotzdem hat der Datenmarkt weiter Hochkonjunktur. Eli Parisers „Filter Bubble“ ist aber nicht nur eine spannende Bestandsaufnahme. Es richtet den Blick auch darauf, was uns in Zukunft erwarten könnte und appelliert an jeden Einzelnen von uns, an Unternehmen und Regierungen, sensibler mit diesem Thema umzugehen. Empfehlenswerte Lektüre für jeden, der im Netz unterwegs ist und wissen möchte, welche Spuren er dabei hinterlässt.

 

„Filter Bubble“ von Eli Pariser (Übersetzt von Ursula Held). Das Buch ist 2012 im
Carl Hanser Verlag in München erschienen. 288 Seiten. 19,90€. ISBN
: 978-3446430341


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Martina Hesse
seit 2010 Redaktionsassistentin für die GEGENBLENDE
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