Gegenblende | Ausgabe 16: Juli/August 2012 | Schulden, Krieg und Wohlstand

Thema der Ausgabe 16: Juli/August 2012 Genossenschaften und öffentliches Eigentum: Alte Ideen, neue Debatten!

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Mittwoch, 15. August 2012

Schulden, Krieg und Wohlstand

Über das Buch von David Graeber "Schulden. Die ersten 5000 Jahre", erschienen bei Klett-Cotta. 2012. 536 S.

von: Dr. Till van Treeck

David Graeber scheint der Mann der Stunde zu sein. Schon seit längerem ist er einer der wenigen über akademische Fachkreise hinaus bekannten Anthropologen, insbesondere seit seinem Aufsehen erregenden Rauswurf aus der Eliteuniversität Yale im Jahr 2005. Doch seit kurzem ist der bekennende Anarchist und Aktivist der „Occupy Wall Street“-Bewegung der Liebling der Feuilletons und Talkshows. Gleich zwei Bücher sind in der ersten Jahreshälfte 2012 von Graeber auf Deutsch erschienen: „Inside Occupy“, ein engagierter Augenzeugenbericht des mutmaßlichen Erfinders des Occupy-Slogans „Wir sind die 99 Prozent“; und „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“, ein populärwissenschaftliches und zugleich forschungsintensives und anspruchsvolles Meisterwerk.

Auf über 500 Seiten erzählt David Graeber Geschichten von 5000 Jahren Schulden. Seine Vorgehensweise ist zugleich umfassend und anekdotenreich. Er berichtet ausführlich über die komplexen Kreditbeziehungen in afrikanischen Naturvölkern lange vor der Erfindung des Bargeldes (Graeber selbst hat einige Zeit in Madagaskar gelebt und geforscht). Er malt ein Porträt des Südamerika-Seefahrers und Goldräubers Hernan Cortés und analysiert dessen Rolle bei der Wiedereinführung eines umfassenden Bargeldsystems in Europa mit dem Übergang vom Mittelalter zum „Zeitalter der kapitalistischen Imperien“. Er arbeitet heraus, unter welchen Bedingungen die Ökonomie den komplexen Bedürfnissen der Menschen gerecht wird und friedensstiftend sein kann, und unter welchen nicht. Und folgert, dass der gewaltsame und rachsüchtige Umgang des Markgrafen Kasimir von Brandenburg-Kulmbach mit seinen Zahlungsschwierigkeiten in den 1520er Jahren besser mit Friedrich Nietzsche als mit Adam Smith (oder damit, was aus ihm gemacht wurde) zu verstehen ist, obwohl doch beide von der gleichen Prämisse ausgingen, nämlich „dass das Leben nichts anderes als Tauschhandel sei“ (S. 353). Er erzählt die Geschichte der Schuldenschnitte im schuldnerfreundlichen und bargeldlosen Mesopotamien zwischen 3500 und 800 v. Chr. Und stellt sie – ein paar Hundert Seiten später – der Geschichte der jüngsten Finanzkrise in den weniger schuldnerfreundlichen USA seit 2007 n. Chr. gegenüber, die unausweichlich wurde, als die Mittelschicht nach 30 Jahren Einkommensstagnation ihre Konsumenten- und Immobilienkredite nicht mehr bedienen konnte.

Eine von Graebers Hauptthesen ist, dass Geldsysteme grundsätzlich nicht als marktgesteuerte Antwort auf die praktischen Probleme des Tauschhandels entstehen. Er weist darauf hin, dass der Entstehungsmythos des Geldes, obwohl er in den zurzeit gängigen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern noch immer erzählt wird, historisch betrachtet falsch ist. Dieser „große Gründungsmythos der Wirtschaftswissenschaften“ (S. 31) lautet folgendermaßen: Menschen sind von Natur aus auf Tauschgeschäfte ausgerichtet und auf Arbeitsteilung zum gegenseitigen Vorteil bedacht.

Dabei sei das Geld die Lösung eines Koordinationsproblems: Wenn ich Kühe gegen Holz tauschen möchte, der Tauschpartner, dessen Holz ich haben möchte, aber keine Kühe sondern Stoff verlangt, muss ich meine Kühe erst mit einem Dritten gegen Stoff tauschen, um danach das Holz gegen den Stoff zu erhalten. Um den Handel zwischen Tauschwilligen zu vereinfachen, soll Geld in Form von Edelmetall als allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel eingeführt worden sein. Auf dieser Grundlage sollen dann das Kreditsystem und später auch kompliziertere Finanzprodukte entstanden sein.

Graeber macht sich über diese „Fantasievorstellung einer Welt mit Tauschhandel“ (S. 29) lustig, die es historisch nie gab. Er erläutert ausführlich die Funktionsweise von bargeldlosen Kreditsystemen, die in allen Teilen der Welt lange vor der Erfindung des Geldes existierten, das sich erst ab ca. 500 v. Chr. erstmals als Zahlungsmittel durchsetzte.

Während liberale Ökonomen stets den Gegensatz von Staats- und Marktlogik betonen, weist Graeber darauf hin, dass es in der Regel der Staat selbst war und ist, der Geld in Umlauf bringt, um Märkte überhaupt entstehen zu lassen. Daher ist aus Sicht des Anthropologen und Historikers auch die heute verbreitete Vorstellung eigentümlich, der Staat müsse zunächst Geld in Form von Steuern bei der Bevölkerung eintreiben, um daraufhin seine Ausgaben finanzieren zu können.

Im Gegenteil: Die ersten staatsähnlichen Institutionen haben irgendwann begonnen, selbst Münzen zu prägen, damit Güter und Dienstleistungen erworben und kraft ihres Gewaltmonopols von den Menschen verlangt, ihre Steuern mit dem neuen Geld zu bezahlen. Das garantierte, dass alle Individuen von nun an in Besitz von Geld kommen mussten, was die lokalen, vertrauensbasierten Kreditsysteme allmählich diskreditierte. Denn mit der Bezahlung per Geld war eine Transaktion abgeschlossen, ohne dass die Handelspartner später Schulden, Gefallen oder „Geschenke“ untereinander begleichen mussten.

Erstmals entstanden somit große und anonyme Marktwirtschaften. Dies wiederum, so jedenfalls Graeber, hatte in der Geschichte in der Regel den Zweck, große staatliche Armeen mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen, was über eine offen autoritäre Kommandowirtschaft ungleich umständlicher und schwerer durchzusetzen gewesen wäre. In dem Maße, wie Krieg und Gewalt vorherrschten und Armeen durch fremde Lande zogen, erschienen zudem Münzen als sicherere Wertaufbewahrungsmittel als persönliche Versprechen, wie sie unter friedlichen Nachbarn möglich sind. Die Erfindung der Marktwirtschaft war damit ein Nebeneffekt großer Kriege.

So beschreibt Graeber die Menschheitsgeschichte der letzten 5000 Jahre als eine Abfolge von Phasen, in denen (persönliche) Kreditverhältnisse dominieren, und Phasen mit (anonymer) Geldwirtschaft. Bis ca. 800 v. Chr. waren Europa, Asien und Afrika durch „humane Ökonomien“ gekennzeichnet, in der die Menschen in kleineren Verbänden zusammenlebten und in denen Kreditverhältnisse allein auf persönlichem Vertrauen basierten. Zwar gab es wie in jeder Phase der Geschichte Probleme mit exzessiver Verschuldung. Es gab jedoch keine Schuldknechtschaft oder gar systematische Sklaverei, und überhaupt war längst nicht alles käuflich. Periodische Schuldenerlasse führten dazu, dass alle paar Jahre „reiner Tisch“ gemacht wurde und die durch die Verschuldung entstandene Ungleichheit aufgehoben wurde.

Erst in der „Achsenzeit“ (Karl Jaspers), die Graeber auf den Zeitraum 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. datiert, entstanden mit der Erfindung des Geldes in vielen Teilen der Welt anonyme Märkte. Interessanterweise wurde das Münzgeld in Europa, China und Indien etwa zur gleichen Zeit erfunden (um 500 v. Chr.), und es entstand in allen drei Regionen im Zuge heftiger militärischer Auseinandersetzungen. Die Achsenzeit war zudem die Blütezeit der Sklaverei, und in sie fällt die Entstehung der großen, noch heute aktuellen, philosophischen Denkschulen und der Weltreligionen. Deren postmortalen Erlösungsversprechen versteht Graeber als idealistische Gegenwelten bzw. Fluchtmöglichkeiten aus der inhumanen Welt des nüchternen Kalkulierens und der ewigen Schuldverhältnisse, in der alles gehandelt werden kann (selbst Menschen als Sklaven), sowie als soziale Protestbewegungen gegen die steigende ökonomische Ungleichheit und die Überschuldung breiter Bevölkerungsteile während der Achsenzeit.

Im Mittelalter (600 n. Chr. bis 1450 n. Chr.) brechen zunächst die militärischen Großmächte der Achsenzeit zusammen, und der Materialismus der Achsenzeit wird abgelöst vom „Zeitalter der Transzendenz“. Graeber räumt auf mit weit verbreiteten Vorurteilen gegenüber dem Mittelalter und weist auf die enormen sozialen Fortschritte hin, die der Rückfall in eine weitgehend geldlose Gesellschaft mit sich brachte: Zurückdrängung der Sklaverei, eine verbesserte Machtposition der einfachen Bevölkerung (paradoxerweise befördert durch die Dezimierung des Arbeitsangebots durch die Pestepidemien), dadurch Rückgang der ökonomischen Ungleichheit, massive Arbeitszeitverkürzung und ein relativ entspanntes Leben für breite Teile der Bevölkerung, die nun nicht mehr als Sklaven auf den Feldern die urbanen Zentren der Achsenzeit versorgen mussten.

Die Phase zwischen 1450 und 1971 n. Chr. bezeichnet Graeber als die Zeit der kapitalistischen Imperien. Die schon aus der Achsenzeit bekannten Entwicklungen kehren in ähnlicher Form wieder. Die Eroberung der Neuen Welt und das Entstehen kriegerischer Staaten in Europa gehen mit der Wiedereinführung des Geldsystems einher. In Amerika werden große Mengen an Edelmetallen geraubt und mit Hilfe von nicht-europäischen Sklaven abgebaut und in den Händen weniger mächtiger Kaufleute und Staatsmänner vereint. In Europa werden die vertrauensbasierten Kreditsysteme zerstört durch die Pflicht, Steuern in Münzen zu entrichten. Graeber kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Lebensqualität für die meisten Menschen in diesem Zeitalter gegenüber dem Mittelalter im Großen und Ganzen verschlechtert hat.

Das Ende des Bretton Woods-Systems im Jahr 1971 ist für Graeber der Beginn einer neuen Phase, deren historische Bedeutung noch nicht bestimmt werden kann. Die Beschreibung des Übergangs hin zu dieser jüngsten Phase und die daran anknüpfenden Spekulationen über die Zukunft des Kapitalismus machen den wohl am wenigsten gut durchdachten Teil dieses dennoch zutreffend als „einer der erhellendsten Kommentare zur aktuellen Krise“ (Der Spiegel) gelobten Buches aus.

Graeber weist zwar zu Recht auf den Zusammenhang zwischen der steigenden Einkommensungleichheit, der daraus folgenden Überschuldung der Privathaushalte und der aktuellen Finanzkrise in den USA hin. Er hat wahrscheinlich auch nicht Unrecht, wenn er folgert, dass „die meisten Menschen, die sich für Lohn oder auch für ein Gehalt verdingen, […] das Gefühl (haben), in erster Linie zu arbeiten, um verzinste Kredite abzahlen zu können“ (S. 386). Auch der Hinweis darauf, dass der von der großen Ungleichheit und der hohen Privatverschuldung ausgehende Arbeits- und Wachstumszwang auf Dauer in die ökologische Katastrophe führen wird, ist lobenswert.

Aber Graeber schießt über das Ziel hinaus, wenn er in die Geschichte des Kapitalismus eine Kontinuität der Ausbeutung durch Lohnarbeit und Zinsknechtschaft hineininterpretiert, die die gewaltigen Unterschiede zwischen verschiedenen Entwicklungsphasen viel zu wenig berücksichtigt. Seine Vermutung, dass „der Kapitalismus“ nie in der Lage sein wird, allen Menschen ein anständiges Leben mit sicherem Arbeitsplatz, guter Bildung und in Wohlstand zu bieten, bleibt zu vage. Vor allem ergibt sich aus der bisweilen kategorisch anmutenden Ablehnung „des Kapitalismus“, gepaart mit der bewussten Zurückhaltung bei Reformvorschlägen, keine Orientierung für konkrete Schritte hin zu einem verbesserten Wirtschaftssystem.

Offensichtliche Ansatzpunkte hierfür liefert die historische Erfahrung der 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als zumindest in Ansätzen keynesianische Prinzipien der Wirtschaftspolitik verwirklicht wurden. In dieser Phase war das Geldsystem in den kapitalistischen Staaten nicht dem Diktat der Finanzmärkte unterworfen. Diese waren nach der Erfahrung der Krise ab 1929 und des darauffolgenden Faschismus streng reguliert. Die Einkommensverteilung erschien den meisten Menschen zumindest in den reichen Ländern akzeptabel, und die allgemeine Arbeitszeit wurde systematisch verkürzt. Die Ausgabenpolitik der Staaten war nicht wie heute sinnlosen, selbstauferlegten Defizitregeln im Sinne des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts oder der deutschen „Schuldenbremse“ unterworfen, und die Zentralbanken waren nicht jeder demokratischen Kontrolle enthoben. Kurzum: Graeber verkennt, bei aller berechtigten Kritik an den „kapitalistischen Imperien“, das emanzipatorische Potenzial einer keynesianisch inspirierten Marktwirtschaft.

Dabei beruft sich Graeber selbst explizit auf die „staatliche Theorie“ des Geldes von John Maynard Keynes und zeitgenössischen Postkeynesianern. Hierbei handelt es sich um die so genannte „functional finance“-Lehre, die insbesondere auf die Arbeiten des Ökonomen Abba Lerner in den 1940er Jahren zurückgeht und seither, wenn auch zunehmend außerhalb des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams, systematisch weiterentwickelt wurde.

Im Einklang mit dieser Sichtweise gilt Graebers Feststellung, dass Staaten keine Steuern eintreiben müssen, um ihre Ausgaben zu finanzieren, auch heute noch. Im Gegenteil: Weil Staaten Steuern einnehmen, müssen die Marktteilnehmer das Geld des Staates akzeptieren, weswegen ein souveräner Staat immer dann seine Ausgaben erhöhen könnte (und sollte), wenn der Markt allein nicht in der Lage ist, Vollbeschäftigung und die gewünschte Einkommensverteilung zu erreichen. Kenngrößen wie das staatliche Defizit oder die Schuldenstandsquote würden somit weitgehend irrelevant, und ein Ausbau der öffentlichen Beschäftigung und der sozialen Dienstleistungen könnte im gewünschten Maße durchgesetzt werden.

Die Funktionsweise der Marktwirtschaft bliebe aber ansonsten unberührt. Zudem würde der Bedarf an staatlichen Defiziten immer dann verschwinden, wenn es dem privaten Sektor aus eigenen Stücken gelingt, für Vollbeschäftigung und gleichmäßige Einkommensverteilung zu sorgen. Das Prinzip des „functional finance“ bedeutet nicht Defizite um ihrer selbst willen. Es ermöglicht lediglich dem Souverän, eine Entscheidung zu Gunsten der Vollbeschäftigung und der sozialen Sicherung und gegen vermeintliche Zwänge wie unsoziale Spardiktate durch deregulierte Finanzmärkte zu treffen.

Schließlich wäre eine schrittweise und weitgehende Arbeitszeitverkürzung, die Graeber wohl zu Recht als große Errungenschaft des Mittelalters hervorhebt, in einem wie beschrieben gezähmten Kapitalismus ebenfalls möglich. Die Vorteile einer produktionseffizienten und in weiten Teilen weiterhin anonymen Marktwirtschaft würden so kombiniert mit mehr Zeit für die individuelle Entfaltung und gemeinschaftliche Aktivitäten.

Graebers Buch ist tatsächlich eine „Befreiung“, wie Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung begeistert festgestellt hat; und es ist genau zur richtigen Zeit erschienen. Mitten in der Krise öffnet es den Blick für alternative Staats- und Gesellschaftsformen, der im Zeitalter des neoliberalen Kapitalismus weitgehend verloren gegangen ist. Es verdeutlicht, was die gegenwärtige krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus und die vermeintliche „Staatsschuldenkrise“ in Wirklichkeit sind: das Resultat eines ideologischen Festhaltens an der „Disziplinierung“ der Bevölkerung und der Politik durch entfesselte internationale Finanzmärkte und ein ohne jede Notwendigkeit forcierter Rückbau des (Wohlfahrts-)Staats selbst in konjunkturellen Schwächephasen.

Zu befürchten ist aber, dass Graebers anthropologischer Blick in so mancher Talkshow und in den Feuilletons gerade deswegen so gerne aufgegriffen wird, weil mit ihm keine konkreten bzw. äußerst radikale, als anarchistisch belächelte Forderungen in Verbindung gebracht werden, die womöglich als intellektuell anregend aber letztlich nicht ganz ernst zu nehmen verbucht werden. Hieraus ergäbe sich aber für die gegenwärtigen ökonomischen Eliten keine unmittelbare Herausforderung.

So bleibt nur zu hoffen, dass die allseitige Begeisterung für „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ sich auch in einer erhöhten Zustimmung zu konkreten, reformistischen Politikoptionen niederschlägt.


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Kommentare zu diesem Artikel

Teodor Webin schrieb am 21. August 2012 um 15:22 Uhr:

Das "emanzipatorische Potenzial einer keynesianisch inspirierten Marktwirtschaft"??? Mein lieber Scholli... der Staat kann kein Geld schaffen, Paul Mattick hat in seiner Untersuchung über die "gemischte Ökonomie" die Grenzen des Keynesianismus klar aufgezeigt - und zwar bevor er zusammenkrachte. Und das schlicht, um einen vorherigen Kommentar aufzugreifen, wegen des Irrglaubens, der Staat könne Geld schaffen. Klar kann er das - um entweder den Preis von Inflation oder aber schlicht durch erhöhte Ausbeutung, zumeist also schlicht auf Kosten anderer Staaten bzw. deren Bevölkerungen. Das unterscheidet sich letztlich nicht so sehr von dem aktuellen Konzept, Griechenland zum Wohle der deutschen Wirtschaft ausbluten zu lassen. Das ist aber nur der erste Aspekt, warum eine keynesianische Politik früher oder später zum Scheitern verurteilt ist. Selbst wenn der Staat auf diese Weise "Geld schafft" ist die Frage, wohin damit. Die keynesianische "antizyklische Geldpolitik" hat deswegen auf Dauer historisch nicht funktioniert, weil sie keine profitablen Anreize bot. Die freie Marktwirtschaft investiert das staatliche Geld nicht nur, weil es da ist, sondern nur, wenn auch entsprechende Profite winken.
Richtig ist sicherlich, dass Graeber deswegen im Mainstream so hofiert wird, weil man meint, auf die "radikalen, anarchistischen" Forderungen nicht eingehen zu müssen, gerade als Ökonom nicht. es ist letztlich das, was Graeber selber bechreibt: Die Ökonomie als "Wissenschaft" nimmt die Anthropologie (aber auch Sozilologie, Geschichte, Philosophie...) nicht ernst. Das müsste durchbrochen werden und das ist in der Tat schon mit Keynesianismus schwierig. Dass die radikalen Vorschläge aber nicht ernst genommen werden, liegt letztlich auch daran, dass nicht mal die "linken" Kräfte ihnen irgend etwas zutrauen, sie werden auch hier als Marginalie beiseite geschoben. Der Neoliberalismus dagegen hatte einen entsprechenden Mut zur Utopie. Den Linken fällt nichts besseres ein als eine Rückkehr zu dem Wirtschaftssystem, dass Roosevelt, Hitler und Stalin gleichermaßen bevorzugten und das schon einmal historisch gescheitert ist.

Mieses schrieb am 21. August 2012 um 14:36 Uhr:

Wir brauchen ein freies Marktgeld und nicht länger diese Schuldgeldsysteme auf Zwang. Weg mit dem Zwangspapiergeld!!!

Michael Wendl schrieb am 20. August 2012 um 19:31 Uhr:

Van Treecks Zusammenfassung ist sehr gelungen. Er weist auch auf die offene Seite in der Argumentation von Graeber hin. Wenn der Staat Geld schaffen kann, wie Keynes und Schumpeter gezeigt haben, aber in der Konsequenz die Banken über ihre Kreditschöpfung dieses gesamte Geldvolumen schaffen können, dann entzeiht das einmal der Quantitätstheorie des Geldes den Boden, weil die Geldmenge theoretisch gegen Unendlich gehen kann, wenn die Kreditnehmer ihr Geld zurückzahlen (oder der Staat an Stelle von insolventen Kreditnehmern). Das bedeutet aber auch, dass es einen reformistischen Weg aus dieser Schuldenkrise gibt: den Banken kann diese Möglichkeit der Kreditschöpfung nur unter bestimmten Auflagen, z.B. welche Kredite vergeben werden, gelassen werden bzw. den Banken wird dieses Recht der Geldschöpfung genommen. Das würde aber, darauf will ich hinweisen, an den realwirtschaftlichen Krisen und Konjunkturen nur wenig ändern, allerdings würde die Finanzspekulation weitgehend eingeschränkt. Bei Graeber hat diese Seite der Schulden die Tendenz, diese zum zentralen Faktor in der wirtschaftlichen Entwicklung zu stilisieren.

Leonhard Dobusch schrieb am 15. August 2012 um 18:52 Uhr:

Sehr gelungene Zusammenfassung und Analyse!

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Kurzprofil

Dr. Till van Treeck
Geboren 1980 in Krefeld

Wissenschaftlicher Referent am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans Böckler-Stiftung in Düsseldorf.
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