Montag, 16. Juli 2012
Der EM-Rückblick: Küchenpsychologen im Abseits
von:
Dieter Pienkny
Die eindrucksvollste „Viererkette“ bildete sich während der Fußball-EM in meiner Lieblings-Trattoria, als vor dem Halbfinale die italienische Nationalhymne gespielt wurde: Die Kellner sangen voller Inbrunst und waren siegesgewiss. Damit standen die Zeichen an der Wand.
Die Fußball-EM in Polen und der Ukraine war von Anfang an aufgeladen mit einer Vielzahl von Erwartungen. Und die konnten natürlich nicht alle erfüllt werden. Da waren die Boykott-Androhungen gegenüber der autoritären Ukraine, weil die Demokratiedefizite vielen erst spät bewusst wurden; da keimte die Hoffnung des DFB/UEFA/FIFA, Fußball bleibe die schönste Nebensache der Welt und damit natürlich unpolitisch; und schließlich kultivierte die deutsche Boulevardpresse die Prophezeiung, diesmal würde die junge und technisch brillante deutsche Elf den Titel holen. Denkste!
Kein Geringerer als der Universalgelehrte Walter Jens schrieb dem DFB in den 70er Jahren auf einer Jubiläumsfeier ins Stammbuch, er solle seine zentrale „These widerrufen, Sport sei ein Element, das fern von der Politik im Wolkenkuckucksheim angesiedelt“ sei. Fußball habe einen Gesellschaftsbezug, werde der Staatsmacht oder Einzelinteressen zugeschlagen, kurzum: sei „ein Politicum“. Und die Rahmenbedingungen sorgten von Anfang an dafür, dass es politisch blieb. Darf die Kanzlerin beim Stadionbesuch neben dem umstrittenen Wiktor Janukowitsch sitzen, dem zwielichtigen ukrainischen Herrscher? Oder muss sie ihren Stuhl demonstrativ frei halten? Ihre Bilder im Mannschaftsquartier des DFB waren natürlich nicht nur für die Yellow-Press gedacht, sondern hartes politisches Kalkül ihrer PR-Berater: Sich sonnen im Glanz rechtschaffener Sportler, die den guten Ruf Deutschlands mehren und Abbild unseres Sozialcharakters sein sollten: effektiv, intelligent, individualistisch. Wenn sich da mal nicht Wunschdenken Bahn brach.
Die Stippvisite einer DFB-Delegation zur Gedenkstätte in Auschwitz konzipierte der Fußballbund als klares Signal „gegen Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz“. So ein demonstratives politisches Statement gab es selten von einer deutschen Mannschaft. Hier ist man beim DFB sensibler geworden. Denkt man nur an die peinlichen Äußerungen des DFB-Trainers bei der WM zu Zeiten der argentinischen Diktatur („Auf den Straßen wurde nicht gefoltert.“).
Das Viertelfinalspiel Deutschland gegen Griechenland wurde sogar politisch überfrachtet, da man hier in einigen Medien eine Abrechnung der Griechen mit Angela Merkel und dem harten europäischen Austeritätskurs zur Bewältigung der Finanzkrise erwartete. Im Gegenteil: Es wurde vor allem ein torreiches Spiel. Rührend auch die Kaffeesatzleserei, ob sich am kreativen Fußballstil des Europameisters Spanien ablesen ließe, wann und ob dieses Volk seine Kredite zurückzahle? Selten war mehr Küchenpsychologie…
Nur wenig drang allerdings an die interessierte Öffentlichkeit, warum ein neu erbautes Fußballstadion in Lemberg eigentlich dreimal so teuer sein musste wie in Deutschland? Wer prächtig an dem Bauboom verdiente mithilfe größerer Handgelder oder warum die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle in beiden EM-Ländern so hoch war? Eine Studie der FES verdiente Meriten, indem sie die Anstrengungen der Baugewerkschaften beider Länder in Sachen Arbeitsschutz auflistete (Sportkampagne „Fair work“ zur EM). Geschickt wussten die Gewerkschaften den Öffentlichkeitsbonus der Spiele zu nutzen, um bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung durchzudrücken. Davon profitierten übrigens vor allem die ukrainischen Gewerkschaften und ihre Mitglieder.
Es kann keine Bilanz dieser EM geben, ohne Fortschritte in der politischen Kultur zu würdigen. Polen und die Ukraine nutzten die Gelegenheit, ihr angespanntes Nachbarschaftsverhältnis zu lockern. Unsere öffentlich-rechtlichen Medien versorgten uns mit zahlreichen Reportagen und Stimmungsbildern von den östlichen Nachbarn und verschoben damit unsere gewohnte europäische Sichtachse von Brüssel Richtung Danzig und Kiew: Eine Bereicherung gegenüber dem gewohnten Eurozentrismus. Schließlich surfte der SZ-Redakteur Thomas Kistner auf der großen Welle der EM, um für seine Aufdeckungen über Korruption bei der FIFA die Trommel zu rühren. Beklemmende Lektüre, die gegenwärtig trotz weiterziehender Sportkarawane zum Nachdenken anregt…
Die supranationalen Verbände wie FIFA und UEFA gehen einmal mehr als die eigentlichen Gewinner vom Feld. Denn auch diesmal werden Sponsorengelder und Übertragungsrechte Milliarden in die Kasse spülen, wie zuletzt in Südafrika, wo die FIFA mehr als drei Milliarden Dollar absahnte. Auf der Schattenseite bleibt die Ukraine: Die Spiele hatten sie, aber das Brot, sprich: ihre Sozialprogramme, wurde ihnen bereits vorab gekürzt.