Gegenblende | Ausgabe 16: Juli/August 2012 | Die Genossenschaft - der Mensch im Mittelpunkt

Thema der Ausgabe 16: Juli/August 2012 Genossenschaften und öffentliches Eigentum: Alte Ideen, neue Debatten!

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Montag, 16. Juli 2012

Die Genossenschaft - der Mensch im Mittelpunkt

von: Jürgen Schwettmann
Schornsteine und Hände

prokop / photocase.com

Was haben EDEKA, REWE und Bäko gemeinsam? Was hat die DATEV mit der DENIC zu tun? Was verbindet die Volksbank mit der Apothekerbank und die „taz“ mit dem Kaiserstühler Winzerverein?

Alle diese Unternehmen sind eingetragene Genossenschaften. Vielen Mitbürgern ist nicht bewusst wie aktuell diese Unternehmensform auch heute noch ist - und dass sie in den letzten Jahren, auch als Folge der globalen Finanzkrise, wieder enorm an Attraktivität gewonnen hat. Gerade weil Genossenschaften in Deutschland so weit verbreitet sind hat unser Land die Krise besser überstanden als viele andere Industrieländer. Die Genossenschaft bündelt Kräfte, schafft Solidarität, bindet Risiken, erhöht Effizienz und verbessert Produktivität - all dies ohne die Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ihrer Mitglieder anzutasten.

Was ist eine Genossenschaft?

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die im Jahre 2002 eine Richtlinie über die Förderung des Genossenschaftswesens verabschiedete, definiert die Kooperative als “eine eigenständige Vereinigung von Personen, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um durch ein in Gemeinschaftseigentum befindliches und demokratisch geleitetes Unternehmen ihre gemeinsamen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Bestrebungen zu erfüllen.”

Der Internationale Genossenschaftsbund hat zusätzlich sieben Grundsätze definiert, die von Genossenschaften auf der ganzen Welt beachtet und umgesetzt werden:

1. Die Mitgliedschaft ist frei und offen für jedermann;

2. Entscheidungen werden demokratisch getroffen (“ein Mitglied - eine Stimme”);

3. Die Mitglieder wirken am Wirtschaftsleben der Genossenschaft mit;

4. Die Genossenschaft ist selbstständig und unabhängig;

5. Genossenschaften fördern die Ausbildung, Fortbildung und Information ihrer Mitglieder;

6. Genossenschaften kooperieren mit anderen Genossenschaften und

7. Genossenschaften engagieren sich für die Gemeinschaft, in der sie wirken.

Schließlich kommen noch einige allgemeingültige Werte hinzu, auf denen das weltweite Genossenschaftswesen beruht: Selbsthilfe, Eigenverantwortlichkeit, Demokratie, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität sowie Ehrlichkeit, Offenheit, soziale Verantwortung und Sorge für andere.

Diese drei Elemente - eine globale Definition, universelle Prinzipien und allgemeingültige Werte - werden unter dem Begriff „Grundsätze der genossenschaftlichen Identität“ zusammengefasst; sie bilden die Rahmenbedingungen für jedwede Art von Genossenschaften, und gelten überall auf der Welt gleichermassen. Genossenschaften sind nicht nur eine Unternehmensform, sie bilden eine globale Bewegung, die für eine sozialverträgliche, demokratische und verantwortungsvolle Art des „doing business“ steht. Der Grundsatz „ein Mitglied - eine Stimme“ verhindert, dass Einzelne durch Anteilsanhäufung eine Machtposition in der Genossenschaft erringen können; die Grundsätze 3, 5 und 7 verankern die Genossenschaft in der lokalen Gemeinschaft; und gemäss dem Prinzip „Genossenschaften kooperieren mit anderen Genossenschaften“ ist in vielen Ländern ein dichtes Geflecht aus Genossenschaftszentralen, -verbänden und –netzwerken entstanden, deren Teilnehmer sich gegenseitig stützen und fördern.

Bescheidene Anfänge

Die erste eigenständige Arbeiter-Genossenschaft heutiger Art wurde im Jahre 1844 in Nordengland von 28 Arbeitern der dortigen Baumwollspinnereien gegründet. Die „Rochdale Equitable Pioneers Society“ war eine Einkaufsgenossenschaft die durch ihre größere Marktmacht für niedrigere Preise sorgen sollte. Drei Jahre später rief Friedrich Wilhelm Raiffeisen einen Hilfsverein zur Unterstützung der notleidenden ländlichen Bevölkerung ins Leben. Fast zeitgleich gründete Hermann Schulze-Delitzsch nach den Grundsätzen der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung die „Rohstoffassoziation für Tischler und Schuhmacher“, und einige Jahre später einen „Vorschussverein“ – aus dem die heutigen Volksbanken hervorgingen. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich Deutschlands heutige Genossenschaftsstruktur, welche etwa 5.600 Genossenschaften verschiedenster Art umfasst, in denen sich 18.4 Millionen Mitglieder engagieren. Hinzu kommen die 3.2 Millionen Mitglieder der 420 Wohnungsbaugenossenschaften, die in einem eigenen Verband organisiert sind. Praktisch jeder Landwirt ist Mitglied einer Genossenschaft. 60 % aller Handwerker, 75 % aller Einzelhandelskaufleute, 90 % aller Bäcker und Metzger sowie über 65 % aller selbständigen Steuerberater sind Genossenschaftsmitglieder. Die Genossenschaftsorganisation bietet bundesweit rund 600.000 Menschen einen Arbeitsplatz und stellt ca. 35.000 Ausbildungsplätze zur Verfügung. In Europa gibt es 160.000 Genossenschaften mit 123 Millionen Mitgliedern und 5.4 Millionen Arbeitnehmern. Weltweit vertritt der International Genossenschaftsbund fast eine Milliarde Mitglieder und 100 Millionen Arbeitnehmer; die 300 grössten Genossenschaften dieser Erde erzielen einen Umsatz von 1.600 Milliarden US-Dollars - ein Betrag, der immerhin dem BIP des G-20 Landes Mexiko entspricht.

Neue Genossenschaften

In den vergangenen drei Jahren wurden in Deutschland über 600 Genossenschaften gegründet. Neue Genossenschaften gibt es insbesondere im Bereich der Erneuerbaren Energien. Engagierte Bürger schließen sich zusammen, um gemeinsam Solar- oder Windenergieanlagen zu betreiben oder Nahwärmenetze zu errichten. Gründungsschwerpunkte sind zudem das Gesundheitswesen, die Kooperation von Selbständigen und mittelständischen Unternehmen, die Übernahme kommunaler Aufgaben und die Nahversorgung auf dem Land. In den Vereinigten Staaten gibt es knapp 900 ländliche Elektrizitätsgenossenschaften die 12% der amerikanischen Bevölkerung mit Strom versorgen. Die 9.000 „sozialen Genossenschaften“ Italiens bieten 300.000 Menschen Arbeit und versorgen 3.3 Millionen Italiener mit sozialen Dienstleistungen. Softwareproduzenten, Musikverlage, Kindergartenbetreiber, Restaurantbesitzer und viele andere Berufsgruppen entdecken täglich aufs Neue die Modernität und Flexibilität des Genossenschaftsmodells. Die Europäische Gemeinschaft hat im Jahre 2006 das Statut der „europäischen Genossenschaft“ verabschiedet, das es ermöglicht, grenzüberschreitende Genossenschaften zu bilden.

Die Politisierung der Genossenschaften

In den siebziger Jahren wurde der Genossenschaftsgedanke als ein Allheilmittel für die gerade unabhängig gewordenen Entwicklungsländer der Dritten Welt gehandelt. Viele Staatenlenker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas initiierten in diesen Jahren, mit tatkräftiger Hilfe der westlichen Entwicklungshilfe, massive Genossenschaftsförderungsprogramme; Genossenschaften erhielten Staatsgelder und Vermarktungsmonopole, wurden Regierungsbeamten unterstellt und zu „Massenorganisationen“ der Einheitspartei geformt. Dies führte zu ausgedehnter Korruption, Verschwendung und Ineffizienz und, zwanzig Jahre später im Zuge der „Strukturanpassungsmassnahmen“ der Weltbank, zum Verschwinden dieser Pseudokooperativen. Kurz darauf entstanden jedoch in fast allen diesen Ländern neue, von den Menschen selbst ins Leben gerufene und in der lokalen Gemeinschaft verwurzelte Selbsthilfeorganisationen, die ohne öffentliche Gelder auskommen und von der „Entwicklungshilfe“ weitgehend ignoriert werden. Ihnen ist es zu danken dass die Menschen im Chaos der informellen Wirtschaft überleben und dank Solidarität und Nachbarschaftshilfe auf ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit zurückgreifen können.

Genossenschaften und Gewerkschaften

Gewerkschaften und Genossenschaften sind zwei verschiedene Organisationsformen, die sich in ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen unterscheiden, deren Strukturen und Ziele aber sehr verwandt sind. Beide sind demokratisch, in beiden ist die Mitgliedschaft freiwillig, und hier wie dort gilt das gleiche Prinzip: ein Mitglied, eine Stimme.

Gewerkschaften und Genossenschaften verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele. Die Gewerkschaften vertreten die Interessen der Lohnempfänger auf Firmen-, Branchen- und nationaler Ebene und spielen eine entscheidende Rolle in der Politik. Genossenschaften verfolgen wirtschaftliche Ziele, sie haben gegenüber ihren Mitgliedern einen „Förderungsauftrag“, und haben sich zu einem bedeutsamen Wirtschaftsfaktor entwickelt.

In vielen Ländern der Erde gibt es enge Verbindungen zwischen den beiden Bewegungen, und nicht selten sind Gewerkschaften in der Genossenschaftsförderung aktiv. Insbesondere Einkaufs-, Wohnungsbau- sowie Spar- und Darlehensgenossenschaften wurden und werden von Gewerkschaften gefördert, da deren Leistungen den Bedürfnissen der Arbeitnehmer am ehesten entsprechen. In Deutschland hingegen verlief die Allianz zwischen Gewerkschaften und Genossenschaften (und genossenschaftsähnlichen Unternehmen) weniger glücklich, denn die Flaggschiffe „COOP AG“ und „Neue Heimat“ fielen in den achtziger Jahren einer Reihe von Skandalen und ausgeprägter Misswirtschaft zum Opfer. In beiden Fällen versagten die Unternehmen gerade deshalb, weil sie von den genossenschaftlichen Grundsätzen und Werten abgewichen waren.

Das Internationale Jahr der Genossenschaften

Die Vereinten Nationen haben 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften (IYC) ausgerufen, um auf die weltweite Bedeutung von Genossenschaften aufmerksam zu machen und ihre Rolle für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung fast aller Länder zu betonen. In Deutschland wird die Kampagne unter dem Thema „Genossenschaften - ein Gewinn für alle“ vom Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) koordiniert. Das IYC ist ein Zeichen für das wiedererwachte Interesse am Genossenschaftsmodell - was nicht verwunderlich ist in einer Zeit, in der die Exzesse des Finanzkapitalismus die Weltwirtschaft an den Abgrund treiben, und wo die Gier Einzelner tausende Mitbürger ins Elend stürzt. Die Menschen suchen nach einer menschlicheren Art Geschäfte zu machen; dies kann die Genossenschaft leisten.

Weitere Informationen: www.ilo.org/coop ; www.ica.coop ; www.dgrv.de ; www.genossenschaften.de


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Kurzprofil

Jürgen Schwettmann
Geboren am 2. August 1954 in Bonn

Director of the Department of Partnerships and Developement Cooperation (PARDEV) bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf
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