Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 16: Juli/August 2012 | Neue Formen der Teilhabe – am Beispiel der Zukunftskammern

Thema der Ausgabe 16: Juli/August 2012 Genossenschaften und öffentliches Eigentum: Alte Ideen, neue Debatten!

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Freitag, 31. August 2012

Neue Formen der Teilhabe – am Beispiel der Zukunftskammern

von: Prof. Dr. Claus Leggewie
Tunnel

concoon / photocase.com

Bürgerbeteiligung heißt das Gebot der Stunde. Kurz vor der Abstimmung der Bürgerinnen und Bürger Baden-Württembergs über den Stuttgarter Bahnhof schlug in einem Interview (SZ 22.11.2011) Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erstaunlich selbstkritische Töne an: „Es ist ganz klar, dass sich etwas ändern muss. Die Verfahren haben sich als nicht hinreichend erwiesen, um die Betroffenen wirklich zu Beteiligten zu machen. Die Beteiligung muss losgehen, noch ehe das formale Verfahren beginnt“ und kündigte an, die „Verwaltungsverfahren übersichtlicher und konfliktfreier <zu> gestalten. Wir wollen sie beschleunigen und die Öffentlichkeit besser beteiligen“, etwa bei der nächsten Revision des Bundesverkehrswegeplans 2015. Seit „Stuttgart 21“ ist kein Politiker zu hören, der sich nicht für mehr Partizipation ausspricht, keine Reformdebatte blieb ohne Forderung nach mehr Mitwirkung.

Die rhetorische Konjunktur hat einen realen Hintergrund: Infrastrukturen von der Größe und Art des Stuttgarter Bahnhof-Neubaus lassen sich immer schwerer durchsetzen, in Frankfurt am Main, München und Berlin stoßen Flughabenausbauten auf entschiedenen juristischen und Straßenprotest, und ein derart komplexes und vielschichtiges Projekt wie die „Energiewende“, also die Umstellung auf erneuerbare Energien und nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsstile bis 2050, erfordert nicht nur „Akzeptanz“ der Bürgerschaft am Ende eines Prozesses, sondern seine breit gefächerte und kontinuierliche Mitgestaltung von Beginn an. Auch wenn die meisten Pilotprojekte ausdrücklich oder implizit der „Akzeptanzbeschaffung“ dienen, verwandeln sie sich in der Praxis in Übungen demokratischer Legitimation.

So weit, so gut – und so schwierig. Wie nämlich das allseitige Postulat konkret einzulösen ist, darüber herrscht weithin Unklarheit und Unsicherheit. Seit Jahrzehnten steht auf der einen Seite ein gut bestückter Instrumentenkasten bereit, der alle Varianten und Nuancen der Beteiligung von der deliberativen Beratung bis zur abschließenden Volksabstimmung enthält (Überblick bei Nanz/Fritsche 2012, international www.participedia.net). Das soll Willensbildung und Entscheidungsfindung in der repräsentativen Demokratie stärken, ohne sie in Frage zu stellen. Bürgerbeteiligung ist auf der anderen Seite nicht zum selbstverständlichen Bestandteil des politischen Prozesses geworden, also nichts, worauf sich politische Eliten, Verwaltungen und die Bürgerinnen und Bürger selbst routiniert eingestellt haben.

Die Umsetzung der Energiewende

Im Blick auf die anstehende Energiewende (die keine deutsche Spezialität bleiben wird) wird nun mit Recht, nicht zuletzt von der zur Herstellung eines Konsenses über den raschen Atomausstieg einberufenen Ethik-Kommission, wieder nach mehr Partizipation gerufen. Dabei zieht man vor allem deliberative und diskursive Verfahren in Betracht, die den konfliktträchtigen Entscheidungen über große Infrastrukturprojekte der kommenden Jahre vorausgehen. Zu rechnen ist auch mit solchen Konflikten, bei denen Nachhaltigkeitsanliegen aufeinandertreffen, also „grüne“ Naturschutzeinwände gegen „grüne“ Infrastrukturmaß-nahmen (wie Windparks, Pumpspeicherwerke, Überlandleitungen, Unterflurtrassen etc.) geltend gemacht werden. Hier geht es um konkrete Güter- und Nutzenabwägungen, aber auch um Richtungsentscheidungen.

Ein Beispiel dafür ist die anstehende Entscheidung über Investitionen in Windparks, die von der Bundesregierung befürwortet und vorangetrieben werden. Die Betreiberfirmen des Höchstspannungsnetzes wollen derzeit vier große Leitungstrassen von der Nord- und Ostsee nach Süddeutschland bauen. Doch aus den rund 1.500 Stellungnahmen von Bürgern und Organisationen dazu geht hervor, dass die meisten eine dezentrale Stromproduktion an Stelle des forcierten Netzausbaus befürworten, erhebliche Bedenken wegen der befürchteten Beeinträchtigung ihres Wohnumfeldes hegen und den Naturschutz stärker berücksichtigt sehen wollen, etwa an Stellen, wo die Masten Naturschutzgebiete durchschneiden (taz 23.7. 2012 und www.netzentwicklungsplan.de).

Hier geht es zum einen um eine Abwägung der technisch gebotenen Alternativen in der Stromerzeugung – zum Beispiel Wind- versus Solarstrom beziehungsweise Stromsparen vs. „grüne Stromwirtschaft“. Verhandelt wird aber auch die Position des Konsumenten, der als „Energiegenosse“ zum Produzenten wird, noch allgemeiner geht es um Lebensqualität, um vorherrschende Lebensstile und ihre Alternativen, um Standortkonzepte und dergleichen, alles auch im Generationsabgleich, so dass man hier von „Zukunftsagenden“ sprechen kann. Diese bilden den symbolischen Hintergrund, die Sinnebene hinter den Sachfragen, und die Kunst öffentlicher Deliberation (und des Politikerhandwerks) besteht darin, diese weder konkretistisch zu verkürzen noch unkonkret ausufern zu lassen.

Einwände wie die gegen den Netzentwicklungsplan der Bundesnetzagentur und andere Planungen im Rahmen der Energiewende sind ebenso berechtigt, wie ausgetragene Konflikte zur sozialen Integration beitragen. Aber auch für nicht von vornherein konfliktträchtige Vorhaben müssen passgenaue, dem jeweiligen Fall angemessene dialogorientierte und deliberative Verfahren der Meinungs- und Willensbildung, ggf. auch der Mediation zum Einsatz kommen.

Folgende Voraussetzungen sollten hier gegeben sein:

− eine klar definierte Zielsetzung, Rollenaufteilung und Kompetenzzuweisung

− ein Höchstmaß an Inklusivität (“alle an den Tisch“)

− echter Gestaltungsspielraum, Ergebnisoffenheit und klare Alternativen

− weitestmögliche Transparenz drinnen und draußen („alles auf den Tisch“)

− hohe Professionalität der Durchführung und nicht zuletzt

− die hinreichende Rück-Koppelung an die Legislative und Exekutive

Leider sind diese Voraussetzungen bei den wenigsten Verfahren erfüllt. Dispositive diskursiver Demokratie sind vorhanden, sie werden aber in der Praxis zu wenig und unzureichend genutzt.

Bei der Feststellung einer mangelhaften Partizipationskultur darf man nicht stehen bleiben. Die in Angriff genommene Energiewende erfordert zweierlei: erstens eine Generaldebatte auf nationaler und supranationaler Ebene über Richtung und Dynamik der damit verbundenen Entwicklung, zweitens deren Verankerung in einer Vielzahl von lokalen und regionalen Projekten. Einschlägige Debatten werden derzeit weder in den Parlamenten noch in den Medien geführt, Energieforschung und Infrastrukturpolitik legen es bislang höchstens auf Akzeptanzbeschaffung an, nicht auf echte Partizipation. Bürger müssen sowohl über die grundsätzliche Weichenstellung mitsprechen, auf welche Weise also der Ausstieg aus nuklearen und fossilen Energieträgern zu erreichen ist – durch zentrale oder eher dezentrale Lösungen, durch die Forcierung eines Wachstums auf regenerativer Grundlage oder durch mehr Energieeffizienz und Suffizienz, als auch effektiv an der Umsetzung solcher Strategien in einer Gemeinde oder Region mitwirken. Solche Fragen können natürlich nicht auf hoher Abstraktionsstufe vorgelegt werden, sie müssen jeweils an konkreten Vorhaben exemplarisch abzuwägen sein.

Auf beiden Ebenen werden nicht nur technische Innovationen diskutiert, sondern auch soziale Zukünfte, eben nicht nur die Frage, wie eine Stadtbevölkerung in den nächsten beiden Jahrzehnten ihre CO2-Emissionen drastisch reduzieren kann, sondern nachgerade, wie sie in zehn oder dreißig Jahren leben und wohin sie sich entwickeln möchte. Erforderlich ist somit ein adäquates Beteiligungsverfahren, das mittel- und langfristige Zukunftsperspektiven ausdrücklich ins Zentrum rückt, ihnen ein angemessenes diskursives Format verleiht und dieses zugleich an die legislativen und exekutiven Instanzen ankoppelt, also Entscheidungsbezug verleiht.

Die Zukunftskammer als demokratische Alternative

Vorgeschlagen wird hier eine Zukunftskammer, die im wesentlichen deliberatives Agenda-setting betreibt, zugleich aber in der noch näher zu bestimmenden Grundeinheit einen kollektiven Lernprozess ermöglicht und im Erfolgsfall als Konsultative neben Legislative, Judikative und Exekutive einen Platz findet im gewaltenteilig organisierten Willensbildungs- und Entscheidungsprozess. Damit unterscheidet sich eine Zukunftskammer von punktuellen Debatten um ein konkretes Infrastrukturvorhaben, insofern es umfassendere Weichenstellungen und Szenarien geht, aber auch von Mediationen vor dem Hintergrund zugespitzter Konflikte, insofern hier eher antizipativ mögliche Konflikte erörtert werden.

Bestehende und erprobte Deliberationsverfahren unterscheiden sich, wie man an der folgenden Zusammenstellung erkennen kann, erheblich:

  • nach ihrer thematischen Fokussierung (eng-weit, abstrakt-konkret),

  • nach ihrer Zusammensetzung (groß-klein, <Selbst>Selektion-Zufallsauswahl, Stakeholder-breitere Öffentlichkeit),

  • nach ihrer Dauer (punktuell-iterativ; von einem Tag bis mehrere Jahre),

  • nach ihrer Veranlassung und Trägerschaft (Regierungen-NRO/Bürgerinitiativen),

  • nach ihrem Kommunikationsmodus (von einer Informationsveranstaltung, über Verhandeln/Kompromissbildung bis zu Deliberation),

  • nach ihrer Anbindung an den politischen Entscheidungsprozess (Konsultationen, Co-Governance/Mitentscheidung.

Tabelle 1

Deliberationsverfahren

Die Aufstellung darf nicht als „Rezeptbuch“ missverstanden werden, als welche vor allem die im Portfolio einschlägiger Agenturen der Bürgerbeteiligung bzw. Konfliktmediation angebotenen Prozeduren oft erscheinen. Sehr zum Verdruss vieler Veranstalter von Bürger- Dialogen und dergleichen erfordert und verdient jedes Problem ein speziell zugeschnittenes Partizipationsmuster. Die Besonderheiten bzw. Vor- und Nachteile der Formate kann man also nur schematisch so festhalten:

Tabelle 2

Partizipationsmuster

Um dafür ein paar Beispiele zu nennen: Einmalige Town Hall Meetings zogen bis zu 5000 Personen an, Bürgerräte beschränkten sich auf zufällig ausgewählte acht bis zwölf Personen, an der dänischen Konsensus-Konferenz nahmen bis 30 Personen teil. Die Mitwirkenden von Szenario-Workshops und Zukunftskonferenzen waren „handverlesen“, deliberative Meinungsumfragen beruhen oft auf einer Zufallsauswahl von Personen, die dann aber zweimal oder öfter befragt werden. Die Vor- und Nachteile kann man schematisch so gegenüberstellen: Punktuelle Versammlungen lassen sich problemlos einberufen, sie ergeben aber nur eine Momentaufnahme, während iterative Formate einen Lernprozess erlauben, aber sehr zeit- und kostenintensiv sind. Große Plenarversammlungen sind vielstimmig und repräsentativer, aber schwer überschaubar. Veranstaltungen zu einem Thema (Bahnhof ja oder nein?) haben einen klaren Fokus, können aber den Kontext aus dem Auge verlieren, der bei multithematischen Formaten (Mobilität im Stuttgarter Raum) einbezogen ist, jedoch um den Preis möglicher Verzettelung. Graswurzeldemokratie entspricht dem Ideal vieler Bürger, sie kann aber rasch diffus werden, während „von oben“ angesetzte Beteiligung entscheidungsnah ist, es ihr aber zunehmend an Legitimation mangelt.

Ein weiteres kommt hinzu: die Mehrebenenproblematik. Wer entscheidet über die Energieinfrastruktur – die betroffene Gemeinde, ein regionaler Verbund, das nationale Plenum oder „Brüssel“? Je lokaler die Entscheidung angesiedelt ist, desto mehr herrscht der heilige Florian, je mehr sie sich von dem unmittelbar Betroffenen entfernt, desto unüberschaubarer werden die Legitimationsketten. Der überkommene Föderalismus hilft hier meistens wenig, weil er Problemfelder zerschneidet und die Politikverflechtungsfalle aufbaut.

Thematisch ist die Energiewende ein multidimensionales und langfristiges Vorhaben, dessen Ergebnis nur anhand einiger grober Kennzahlen und Entwicklungskorridore bestimmbar ist. Ihr Gelingen (in ökologischer wie ökonomischer Hinsicht) ist von der Aneignung und Mitwirkung von Nutzern, Konsumenten und Bürgerinnen und Bürgern abhängig, die überdies im Blick auf den bestehenden Zeitdruck und die Komplexität der Materien ein starkes Verantwortungsgefühl jenseits ihrer konkreten und kurzfristigen Interessen aufbringen sollen (WBGU 2011). Anders als es auf den ersten Blick und in der Wahrnehmung seiner Initiatoren in Politik, Verwaltung und Unternehmen erscheinen mag, ist die Energiewende nicht nur ein Ingenieurs- und Expertenprojekt, sie impliziert eine starke soziale und politische Mobilisierung – und wird damit ein „Jedermanns-Projekt.“

Die Langfristigkeit der Energiewende legt (a) die Einrichtung eines nationalen, zahlenmäßig überschaubaren Gremiums (zum Beispiel: Mini-Populus) nahe, das einen Lernprozess über die gesamte Periode in wechselnder Zusammensetzung um einen stabilen Kern herum organisiert. Anders als bei vielen formalisierten oder informellen Einrichtungen der neokorporatistisch ausgerichteten alten Bundesrepublik bzw. der Berliner „Räterepublik“ kann dies weder ein „Rat der Weisen“ sein noch eine reine Stakeholder-Versammlung, die Bürgerkompetenz nur punktuell einbeziehen. Vielmehr müssen gut informierte und beteiligungswillige Bürger von vornherein zentral in dieser Zukunftskonferenz vertreten sein und sich notwendige Expertise und Informationsquellen heranziehen können. Denkbar ist eine Auswahl durch Losentscheid, eine partielle Freistellung von beruflichen und familiären Verpflichtungen und eine kontinuierliche Flankierung durch deliberative Meinungsumfragen.

Die Multidimensionalität der Energiewende legt nahe, Zukunftskammern (b) durch möglichst zahlreiche regionale und lokale Gremien zu unterstützen, die Weichenstellungen und Infrastrukturvarianten vor Ort beraten, entscheidungsreif machen und bei ihrer Implementierung begleitend evaluieren. Diese Dezentralisierung lässt lokales Wissen in den nationalen und europäischen Planungsprozess einfließen, ohne damit zu einem Hort lokaler Resistenz zu werden, in dem nach dem NIMBY-Prinzip verfahren wird – Energiewende ja, aber nicht in unserem Kiez. Solche (im Einzelfall jeweils nachvollziehbaren und legitimen) Reaktionen werden abgeglichen durch überlokale Erwägungen und Erfordernisse.

Zugleich ist der bottom up-Impuls gestützt durch eine höhere politische Identität in Gestalt lokaler und regionaler Wir-Gefühle und einen auf der kommunalen Ebene leichter erkennbaren Konkretisierungsgrad von Infrastrukturvorhaben. Hier geht es nicht darum, für zentrale Entscheidungen Akzeptanz zu besorgen; entscheidend ist vielmehr, das lokale, historisch eingebundene und erfahrungsgesättigte Wissen über Prozesse sozialer Transformation und Innovation gelten zu lassen und zur Geltung zu bringen. Großflächige und überregionale Modernisierungsanstöße müssen an dieser Stelle anschlussfähig sein, andernfalls werden sie verpuffen oder Widerstand auslösen.

Die ehrwürdigen Konzepte der 1970er Jahre – die Politische Ökologie und di Deliberative Demokratie – stehen jetzt vor der praktischen Bewährungsprobe, jenseits von lebensweltlichem Trotz und managerialem Umweltschutz. Für André Gorz, der ursprünglich Naturwissenschaftler war und ein Faible für Ingenieure und Statistiker hatte, bestand der demokratiepolitische Clou der politischen Ökologie, in dem „Problem der rückwirkenden Koppelung von Notwendigkeit und Normativität oder, wenn man lieber will, der Umsetzung objektiver Notwendigkeiten in normative Verhaltensweisen, die gelebten Erfordernissen entsprechen, in deren Licht die objektiven Notwendigkeiten ihrerseits eine Form erhalten“ (Gorz 2009, S. 77).

Beteiligung im „Parlament der Dinge“

Natur und die Welt der Dinge versus Gesellschaft und Politik wurden in modernen Gesellschaften und in den neuzeitlichen Wissenschaften als getrennte Welten, wenn nicht Gegensätze gedacht. Zwischen menschlichen Subjekten und belebten und unbelebten Objekten der Natur besteht im Übrigen eine Hierarchie und Asymmetrie – der Mensch hat sich, oft mit sichtbar katastrophalen Folgen, die Natur unterworfen. Bruno Latour bestreitet diese Separation der Wissenssysteme und hat im „Parlament der Dinge“ einen auf den ersten Blick kurios wirkenden Vorschlag unterbreitet, wie die nicht-menschliche Objektwelt in die Gesellschafts- und Kulturtheorie zu reintegrieren und eine neue Verfassung der politischen Ökologie zu begründen wäre, womit die Dinge und namentlich sogenannte Hybride (Zwischenwesen aus Kultur und Natur) angemessen berücksichtigt würden. Natürliche und artifizielle Objekte, darunter Tiere und Pflanzen sollen als gleichberechtigte Teile der sozialen Welt anerkannt sein, ihnen soll sogar ein indirektes „Mitspracherecht“ zukommen. Latour erhebt sie damit zu „Aktanten“ in einem Handlungszusammenhang, den er „Kollektiv“ nennt, das aus dinglichen, sozialen und diskursiven Entitäten besteht (Latour 2001)

Das so umschriebene „Parlament der Dinge“ reagiert auf den auch nach Ansicht Latours zu kurz gegriffenen Versuch grüner Bewegungen, eine Politik der (Sorge um die) Natur zu formulieren, die Gesellschaft und Umwelt versöhnen wollte. Es geht Latour nicht um die „Erhaltung“ oder den „Schutz“ der Natur, vielmehr um die gleichrangige Platzierung von polis, logos und physis „auf dem politischen Schachbrett“. Dessen Felder werden neu geordnet, die Spielregeln neu definiert, die Figuren neu gestaltet. Latour sucht den neuen Leviathan oder einen Gesellschaftsvertrag, der nicht auf Kosten der Natur geht. Wenn Latour der Dingwelt einen Akteurstatus verleiht, fällt er also nicht zurück auf die romantische oder animistische Idee von der Belebtheit oder Beseeltheit „der“ Natur, er reflektiert vielmehr die Tatsache, dass natürliche Dinge wie ein Kleinstlebewesen oder ein Fluss, ein FCKW und eine an BSE erkrankte Kuh, nachdem sie zu Zwecken mutiert sind, per se schon in Assoziation mit menschlichen Wesen hervortreten; dadurch werden sie im gesellschaftlich-politischen Diskurs zum Sprechen gebracht und haben ihren reinen Objektcharakter längst verloren. Der Juchtenkäfer muss nicht unbedingt weichen für sechs Minuten weniger Bahnfahrt zwischen Stuttgart und Ulm, das Wattenmeer entscheidet bei den Klimaanpassungsmaßnahmen an der Nordsee mit.

Mit der Bestimmung der Natur sollen nicht allein (Natur-) Wissenschaftler betraut werden, im Kollektiv vertreten ist auch das jeweilige Knowhow des Politikers, des Ökonomen und des Moralisten, die arbeitsteilig vorgehen: Die Wissenschaften sind „auf der Suche nach Propositionen zur Bildung einer gemeinsamen Welt und betraut mit der Aufrechterhaltung der Pluralität der Außenwelten oder äußeren Wirklichkeiten“ der Politik kommt die Aufgabe zu, unter Zeitdruck riskante Entscheidungen zu treffen und Optionen auszuschließen, Ökonomie und Moral machen Güter in einem materiellen wie immateriellen Sinne vergleichbar und schlagen Rangordnungen unter ihnen vor.

Eingebracht werden diese Propositionen bei Latour in ein Zwei-Kammer-System neuen Typs. Das Oberhaus sammelt die Propositionen und bewertet sie möglichst vorurteilslos und pluralitätsförderlich; hier findet die Arbeit der Einbeziehung statt. Im Unterhaus arbeitet die ordnende Gewalt mit dem Ziel, „[...] eine gemeinsame Welt zu bilden und ein Pluriversum zu errichten“ (Latour 2001:300). Dieses Parlament der Dinge ist ein Gedankenexperiment, von dem man sich gewisse Ansätze durchaus institutionell umgesetzt vorstellen kann. Latour liefert eine Blaupause für einen neuen Gesellschaftsvertrag, der voreilige und schädliche Ausschlüsse vermeidet, das Gemeinwesen (die Republik) aber doch zu Einigungen und Entscheidungen gelangen lässt. Latours Wissenschaftskritik und der damit einhergehende Impuls, von der Arbeit der „Reinigung“ zur „Übersetzung“ bzw. Vermittlung überzugehen, haben mittlerweile weithin Anerkennung gefunden, während die Konkretisierung der Verfassungsvorschläge noch auf sich warten lässt.

Mein Vorschlag der Zukunftskammern ist ein Versuch, dieses eher metaphorische Projekt des Parlaments der Dinge zu konkretisieren und in den Rahmen der liberal-repräsentativen Demokratie einzubauen. Dieser werden derzeit als Allheilmittel direkt-demokratische Entscheidungsverfahren an die Seite oder auch entgegengestellt. Die hier vorgestellten Zukunftskammern können solche Entscheidungsverfahren durch direkte oder parlamentarische Abstimmung ergänzen und vorbereiten, was nach bisheriger Erfahrung dringend notwendig ist. Es mangelt der Bürgergesellschaft nämlich weniger an Mitbestimmungsmöglichkeiten als an Reflexion und Transparenz ihrer Entscheidungsprozesse.

Das Defizit der Demokratie, die manche heute schon von „Postdemokratie“ reden lässt (Crouch 2008), liegt meines Erachtens weniger im Repräsentationsverhältnis von Volk und (Parteien-)Staat als in einer durch konventionelle elektronische Medien (darunter die Massennutzung des Internet) unterstützten Lernpathologie. Zwar haben sich die Wählerschaften von weltanschaulichen Positionen weitgehend gelöst und sich aus politischen Polarisierungen der Industriegesellschaften befreit, aber ihnen mangelt es an einem handlungspraktischen und lebensweltlich gestützten Zugriff auf den politischen Betrieb und an argumentativen Alternativen, wenn es um die unter vermeintlicher Alternativlosigkeit stehende Zukunft der nächsten ein, wie oder auch fünf Jahrzehnte geht. Hier sollen die Zukunftskammern in ihrer strikten Beschränkung auf deliberative und konsultative Rollen einen kollektiven Lernprozess in ökologischer und sozialer Verantwortung erleichtern.

 

Literatur

Gorz, André (1977): Ökologie und Politik. Beiträge zur Wachstumskrise. Reinbek

Gorz, André (2009): Auswege aus dem Kapitalismus, Zürich (2. Auflage)

Latour, Bruno (2001): Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt/Main 2001

Leggewie, Claus (2011): Mut statt Wut. Aufbruch in eine neue Demokratie, Hamburg

Nanz, Patrizia/ Miriam Fritsche (2012): Handbuch Bürgerbeteiligung. Verfahren und Akteure, Chancen und Grenzen, Bonn

Linden, Markus/ Winfried Thaa (Hg.) (2011): Krise und Reform der politischen Repräsentation, Baden-Baden

WBGU (Schellnhuber, H.J./Messner, D./Leggewie, C./Leinfelder, R./Nakicenovic, N./Rahmstorf, S./Schlacke, S./Schmid, J./Schubert, R.) (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation.- Hauptgutachten, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, Berlin.

 

Der Text entstand im Rahmen einer Tagung des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) Potsdam.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Siegfried Hormann schrieb am 2. September 2012 um 12:03 Uhr:

Ein sehr kluger Beitrag.

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Prof. Dr. Claus Leggewie
Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen
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