Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 11: September/Oktober 2011 | Soziale Ungleichheit führt zu wirtschaftlicher Instabilität

Thema der Ausgabe 11: September/Oktober 2011 Soziale Ungleichheit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

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Donnerstag, 22. September 2011

Soziale Ungleichheit führt zu wirtschaftlicher Instabilität

Die Debatte um den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Krise in den USA und in Deutschland

von: Dr. Till van Treeck
Hunger

designritter / photocase.com

Namhafte Ökonomen und Politiker haben in den letzten Jahren darauf hingewiesen, dass die steigende soziale Ungleichheit die entscheidende strukturelle Ursache für die Krise in den USA war. Prominente Vertreter dieser These sind etwa Dominique Strauss-Kahn, bis vor kurzem Chef des Internationalen Währungsfonds, Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (Fitoussi/Stiglitz 2009), Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister der Regierung Clinton (Reich 2010) oder Raghuram Rajan, ehemaliger Chefökonom des IWF (Rajan 2010).

Die Debatte verläuft quer zu parteipolitischen Linien (in den USA berufen sich eher die Republikaner auf Rajan), und die vorgeschlagenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen sind im Detail unterschiedlich und reichen von vermehrten Investitionen in Bildung über steuerpolitische Umverteilung bis hin zur institutionellen Stärkung der Arbeitnehmer und Gewerkschaften. Einigkeit herrscht aber über den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen der steigenden Ungleichheit in den USA und der aktuellen Krise.

In Deutschland ist diese Debatte immer noch nicht so richtig angekommen. Dabei war Deutschland vor der Krise das Land, in dem „seit dem Jahr 2000 […] Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen (haben) als in jedem anderen OECD Land“ (OECD 2008). Und wie etwa die UN-Expertenkommission in ihrem Abschlussbericht zu den Ursachen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise betont, war der Anstieg der Ungleichheit auf globaler Ebene entscheidend mitverantwortlich für die weltweite Krise (UN Commission of Experts 2009).

Wieso führt Ungleichheit zu Instabilität?

Um die möglichen Effekte von Einkommensungleichheit auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu untersuchen, ist ein Blick auf ein paar grundlegende makroökonomische Zusammenhänge hilfreich.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) besteht aus vier Komponenten:

-         der private Konsum (C),

-         die privaten Investitionen (I),

-         die staatlichen Ausgaben für Güter und Dienstleistungen (G) und

-         die Nettoexporte (Exporte abzüglich Importe, NX).

Es gilt also: BIP = C + I + G + NX.

Die größte der vier BIP-Komponenten ist in fast allen Ländern der private Konsum. In Deutschland macht er knapp 60% des BIP aus, in den USA beinahe 70%. Wichtigste Finanzierungsgrundlage für den privaten Konsum sind die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte. Typischerweise geben die unteren Einkommensgruppen einen deutlich größeren Anteil ihrer Einkommen für den Konsum aus als die reichen Haushalte.

Was passiert nun, wenn die Ungleichheit zunimmt, und die Einkommen der Masse der Bevölkerung weniger stark steigen als das BIP?

In diesem Fall wird der über die Masseneinkommen finanzierte private Konsum schwächer ausfallen, als es bei geringerer Ungleichheit der Fall wäre. Eine Kompensation kann nur aus einer der folgenden Quellen erfolgen: Erstens könnten die privaten Investitionen einen größeren Wachstumsbeitrag leisten. Das könnte etwa dann der Fall sein, wenn die höhere Ungleichheit den Wirtschaftsstandort attraktiver macht, indem sie die Investitions- und Arbeitsanreize für Unternehmer und deren Managements verbessert. Zweitens könnte der Staat seine Ausgaben für Güter und Dienstleistungen erhöhen, um den Nachfrageausfall zu kompensieren. Drittens könnten sich die Nettoexporte verbessern, etwa weil sich wegen geringerer Löhne die internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit die Exportdynamik verbessern. Und viertens könnte die Gesamtnachfrage dadurch aufrechterhalten werden, dass die privaten Haushalte anstatt auf Grundlage steigender Masseneinkommen ihren Konsum kreditfinanziert ausweiten.

Gefährlich wird es, wenn das (Konsum-)Wachstum in einem Land zu stark kreditbasiert ist und es zu einer latenten Überschuldung der privaten Haushalte kommt. Ähnlich gefährlich wird es, wenn das Wachstum in einem Land zu stark von den Nettoexporten und damit von der ständig steigenden Verschuldungsbereitschaft und –fähigkeit des Auslands abhängig wird. Es ist wichtig zu verstehen, dass beide Formen der makroökonomischen Instabilität letztlich Folge eines Zurückbleibens des Anstiegs der Masseneinkommen hinter dem BIP-Wachstum sind.

Zwei instabile Wachstumsmodelle führten zur Weltwirtschaftskrise

In vielen Ländern ist es seit den 1980er Jahren zu einem mehr oder weniger drastischen Anstieg der Einkommensungleichheit gekommen (vgl. OECD 2008). Gleichzeitig haben sich die realen Investitionen in vielen reichen Volkswirtschaften in den letzten drei Jahrzehnten eher schwach entwickelt, ihr Anteil am BIP ist vielerorts rückläufig. Hierfür gibt es viele mögliche Gründe, zu denen auch die zunehmende Shareholder-Value-Orientierung und allgemein die Tendenz zur Finanzialisierung der Volkswirtschaft zählen dürften. Gleichzeitig kam es in vielen Ländern bekanntermaßen zu einem Rückbau des Staates, jedenfalls war die staatliche Nachfrage kein entscheidender Wachstumsmotor. Es haben sich aber in den Jahren bzw. Jahrzehnten vor der großen Krise ab 2008 zwei Wachstumsmodelle herauskristallisiert, die sich als gleichermaßen instabil herausgestellt haben.

1) Kreditbasiertes Wachstum in den USA

Zum einen gibt es eine Reihe von Ländern, in denen die kreditfinanzierten Ausgaben der  privaten Haushalte für Konsumgüter sowie Häuser und Wohnungen häufig auf Basis von Aktien- und Immobilienblasen zu einem dynamischen Wachstumsmotor geworden sind. Wichtige Beispiele hierfür sind Großbritannien, Spanien und vor allem die USA. In den USA stieg der Anteil des reichsten Zehntels der Bevölkerung an den gesamten Vorsteuereinkommen der Privathaushalte von etwa 33 Prozent Ende der 1970er Jahre auf etwa 50 Prozent vor Ausbruch der Krise im Jahr 2007. Der Reallohn des durchschnittlichen männlichen Arbeitnehmers im Alter zwischen 30 und 40 Jahren war 2004 trotz drei Jahrzehnten Wachstums niedriger als 1974. Über Jahrzehnte steigerte nur eine kleine Oberschicht ihre Realeinkommen in beträchtlichem Umfang.

Zugleich wurden die real stagnierenden oder sogar fallenden verfügbaren Einkommen der Durchschnittsbevölkerung kompensiert durch einen erleichterten Zugang zu Krediten, wodurch sie in ihren Konsumausgaben mit den reicheren Haushalten halbwegs Schritt halten konnten. In den Jahren vor der Krise sahen viele Mainstream-Ökonomen hierin noch ein Indiz für die Effizienz der Kreditmärkte, die es scheinbar ermöglichten, dass die Privathaushalte flexibel auf eine zunehmend unregelmäßige Einkommensentwicklung reagieren und gewohnte Konsummuster aufrecht erhalten konnten (Krueger/Perri 2006).

Allerdings kam es im Zuge dieses Prozesses zu einem nicht-nachhaltigen Anstieg der Verschuldung der Privathaushalte von etwa 60% ihres verfügbaren Einkommens in den 1960er und 70er Jahren auf fast 140% vor Ausbruch der Krise im Jahr 2007. Als die Häuserpreise in den USA dann nicht mehr weiter anstiegen und die Kreditblase platzte, wurde die Überschuldung der Privathaushalte endgültig offensichtlich.

2) Schwaches, exportabhängiges Wachstum in Deutschland

In einer anderen Gruppe von Ländern ist es ebenfalls zu einem Anstieg der Ungleichheit gekommen, hier verschuldeten sich aber die privaten Haushalte nicht zum Ausgleich, sondern sie reagierten mit Konsumverzicht. In diesen Ländern wurden die Nettoexporte zur Triebkraft des Wachstums. Wichtige Beispiele für dieses Wachstumsmodell sind China (mit hohem Wachstum) und Deutschland (mit niedrigem Wachstum). Diese Länder wurden zunehmend abhängig von der Verschuldungsbereitschaft der Importländer.

In Deutschland ist die Einkommensarmut allein zwischen 1998 und 2008 um etwa 40 Prozent gestiegen. Rund 11,5 Millionen Menschen lagen nach Zahlen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) im Jahr 2008 unter der Armutsrisikoschwelle, dies entspricht etwa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung. Personen im unteren Zehntel der Einkommensverteilung hatten im Jahr 2008 real 8 Prozent weniger Einkommen zur Verfügung als im Jahr 2000, und selbst das reale Einkommen des durchschnittlichen Privathaushalts ist um knapp 2 Prozent gefallen.

Eine wichtige Ursache hierfür ist die im internationalen Vergleich sehr schwache Lohnentwicklung. Diese beförderte zusätzlich zur vorteilhaften Produktionsstruktur des deutschen Exportsektors die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Dennoch wies Deutschland zwischen 1999 und 2007 das geringste reale Wirtschaftswachstum aller Länder des Euroraums auf, und es war zudem das einzige Land, wo die gesamte Binnennachfrage (C + I + G) weniger zum Wachstum beitrug als die Nettoexporte.

Da die Welt insgesamt eine geschlossene Volkswirtschaft ist (d.h. die globalen Nettoexporte sind Null), kann die Kompensation der wegen der steigenden Ungleichheit schwächelnden Konsumnachfrage über die Exporte aber nur so lange funktionieren, wie die Verschuldung in anderen Ländern weiter ansteigt. In der Weltwirtschaftskrise ab 2007/8 wurde die Überschuldung der privaten Haushalte in den USA, Großbritannien oder Spanien somit zum Problem sowohl für diese Länder selbst als auch für die exportorientierten Länder.

Die Reduzierung der Ungleichheit ist die zentrale politische Aufgabe

Die wirtschaftspolitische Schlussfolgerung ist klar: Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen muss dringend verringert werden, wenn langfristig ein stabiles Wirtschaftswachstum erreicht werden soll. Das gilt nicht nur für die USA, wo steigende Einkommen an die Stelle von übermäßigem Kreditwachstum als Finanzierungsquelle für den privaten Konsum treten müssen. Es gilt auch für Deutschland, wo eine gleichmäßigere Einkommensverteilung einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der zähen Konsumnachfrageschwäche im letzten Jahrzehnt leisten würde. Nach der letzten Großen Depression in den 1930er Jahren und der Erfahrung des Faschismus galt die Eindämmung der Ungleichheit in ganz unterschiedlichen politischen Lagern als entscheidende Voraussetzung für gesamtwirtschaftliche und politische Stabilität (Eccles 1957, Erhard 1957). Es wird Zeit, dass die Politik diesen Zusammenhang endlich wieder erkennt.

 

Literatur

Eccles, M. S. (1951): Beckoning Frontiers: Public and Personal Recollections, Alfred A. Knopf, New York.

Erhard, L. (1957): Wohlstand für alle, Econ-Verlag, Düsseldorf.

Fitoussi, J.-P./Stiglitz, J. E. (2009): The Ways Out of the Crisis and the Building of a More Cohesive World, OFCE Document de travail, 17.

Krueger, D., Perri, F. (2006): Does Income Inequality Lead to Consumption Inequality? Evidence and Theory, Review of Economic Studies (2006) 73, 163–193

OECD (2008): Growing unequal? Income distribution and poverty in OECD countries, Paris.

Rajan, R. (2010): Fault Lines. How Hidden Fractures Still Threaten the World Economy, Princeton University Press

Reich, R. (2010): Aftershock. The Next Economy and America's Future, Alfred A. Knopf, New York.

UN Commission of Experts (2009): Report of the Commission of Experts of the President of the United Nations General Assembly on Reforms of the International Monetary and Financial System.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Michael Wendl schrieb am 15. Oktober 2011 um 15:53 Uhr:

Der Beitrag überzeugt durch die Klarheit seiner Analyse von zwei (mit China drei) unterschiedlichen Modellen des Verhältnisses von Politik und Ökonomie. Es waren die Ausdehnung des Kredits und nicht die Flexibilität des Arbeitsmarktes, die in den 1990er in den USA zu mehr BIP-Wachstum und zu weniger Arbeitslosigkeit geführt hatten. Lassen wir China einmal beiseite, wie kommen wir bei diesen Modellen zu einer "Pfadumkehr"? Auch in den USA kennen wir einen großen Niedriglohnsektor mit seiner lohndrückenden Funktion auf den Arbeitsmarkt. Wenn der "Kreditpfad" für die kleinen Einkommen nicht mehr begangen wird - was bereits der Fall - geht es in beiden Gesellschaften um höhere Arbeitsentgelte und eine staatliche Umverteilung zugunsten der niedrigen Sozialeinkommen, bei gleichzeitiger harter Regulierung der Finanzmärkte, also um aus Sicht vieler Amerikaner nicht nur der Oberklasse um "Sozialismus pur". In Mitteleuropa stehen die Chancen für einen solchen "radikalen Reformismus" ein wenig besser, wenn nicht Deutschland mit seinem Exportmodell auch von der Zustimmung der beiden großen Industriegewerkschaften und der realen Abwertung in der Eurozone ökonomisch leben würde. Da müssen noch viele Diskussionen innerhalb des DGB und seiner Gewerkschaften geführt werden.

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Kurzprofil

Dr. Till van Treeck
Geboren 1980 in Krefeld

Wissenschaftlicher Referent am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans Böckler-Stiftung in Düsseldorf.
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