In den westlichen Industrieländern sehen wir uns mit der Entwicklung konfrontiert, dass die Wirtschaft entweder nicht mehr längerfristig wächst, oder wenn überhaupt nur mit niedrigen Wachstumsraten auch für die Zukunft zu rechnen ist. Da das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts bisher als eine der wesentlichen Indikatoren für die ,Gesundheit‘ einer Volkswirtschaft und ferner als fundamentale Grundbedingung für Wohlstandssicherung, politische Stabilität, Armutsbekämpfung, hohe Beschäftigungszahlen und sogar für Investitionen in grüne Technologien galt, hat diese Entwicklung zu großer Besorgnis und politischer Hilflosigkeit geführt. Wachstum bleibt trotz Austeritätspolitik und Schuldenbremsen das Ziel politischer Maßnahmen gegen die vielfache Krise. PolitikerInnen reagieren in verschiedenen EU-Ländern einerseits mit verzweifelten Wachstumsbeschleunigungsgesetzen, andererseits tasten sie sich mühsam an alternative Pfade heran, die politische Handlungsfähigkeit jenseits von Katastrophismus ermöglichen. Neben Studien über alternative bzw. ergänzende Wohlfahrtsmessungen orientiert sich die Politik der OECD-Länder verstärkt an einem so genannten ‚grünen Wachstum‘.
Wachstum gilt als ein, wenn nicht der fundamentale Faktor für die dynamische Stabilisierung moderner (kapitalistischer) Gesellschaften und daher auch als die Grundlage für den sozialen Frieden und die gesellschaftliche Reproduktion. Wir stehen allerdings sowohl vor funktionalen Einschränkungen eines fortwährenden Wachstums wie wir es kennen (aufgrund der immanenten Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sowie der sie umfassenden ökologischen Grenzen) als auch vor einer Unvereinbarkeit von Wachstum mit wesentlichen ethischen Forderungen von Gerechtigkeit gegenüber heute lebenden und zukünftigen Generationen. Die ökologischen Grenzen betreffen nicht nur die Möglichkeit, Schlüsselressourcen wie Öl oder Phosphat auf eine noch wirtschaftlich und energetisch-stofflich effiziente Weise zu gewinnen, sondern auch die Absorptions- und Regenerationskapazitäten der so genannten Senken wie Atmosphäre, Boden, Wasser. Das mit grünem Wachstum verfolgte Ziel einer technologischen Effizienzsteigerung in der Ressourcennutzung sowie einer minimalen Berücksichtigung der wesentlichen Regenerationsfunktionen von Ökosystemen umfasst die qualitativen Unterschiede in der Zusammensetzung des so genannten Naturkapitals nicht (Bambus- und Palmenplantagen statt Urwälder). Die kulturelle und sinnstiftende Bedeutung der Mensch-Natur-Verhältnisse bleibt dabei völlig unbeachtet. Diese ist aber nicht nur ein Luxusbedürfnis gesättigter westlicher LOHAS (Kürzel für Lifestyles of Health and Sustainability), sondern sie wird u.a. als ein fundamentales Grundrecht vieler Gemeinschaften im globalen Süden erkämpft (so geht der Kampf um die ‚Pachamama‘ als eine Grundbedingung des ‚Buen Vivir‘ in vielen Ländern Lateinamerikas über eine rein funktionalistische Bewahrung der natürlichen Reproduktionsgrundlagen eines nach dem westlichen Modells verfolgten Wirtschaftens hinaus).
In Südeuropa hat sich eine aktive wachstumskritische Bewegung etabliert, die inzwischen auch auf Deutschland überschwappt, wie man an einer zunehmenden Zahl von aktiven Gruppen sehen kann. Sie sind an der Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Forschung, gesellschaftspolitischem Aktivismus und alternativen gemeinschaftlichen Lebensentwürfen angesiedelt. Südeuropäische WachstumskritikerInnen weisen die Gleichung zwischen Wachstum und sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Stabilität und gutem Leben zurück und zeigen, dass vielmehr das Wachstumsdiktat nicht nur die Wurzel sozialer Ungerechtigkeit ist, sondern auch - über eine bestimmte Schwelle hinaus - die Grundlagen für ein gutes menschliche Leben unterminiert. Sie erkennen daher in der Krise einer an Wachstum orientierten Wirtschaft und Gesellschaftsstruktur eine Chance für mehr soziale Gerechtigkeit und für alternative Pfade zur Verwirklichung eines guten menschlichen Lebens. In diesem Sinne lautet auch Latouches Motto: ökonomische Schrumpfung steht uns bevor: entweder gestalten wir den Wandel im Sinne von Gerechtigkeit und Demokratie, oder wir werden mit den unerwünschten Folgen einer Rezession konfrontiert, wie der Fall Griechenland zeigt.
Zahlreiche Studien zeigen, dass BIP-Zuwachs und gutes Leben ab einer bestimmten Schwelle auseinanderklaffen. Auch das subjektiv wahrgenommene Glück koppelt sich ab dieser Schwelle vom Einkommen ab. Dies hat nicht nur (ökonomistisch gesprochen) mit abnehmendem Grenznutzen oder Sättigungsphänomenen einer im Überfluss lebenden Gesellschaft zu tun. Aufgrund des konstanten positionalen Wettbewerbs führt Ungleichheit selbst unter der Bedingung einer nicht nur ideologisch formulierten sozialen Mobilität zu immer mehr Unzufriedenheit. Laut Binswanger sind wir alle in so genannten ,Tretmühlen des Glücks‘ gefangen, die, indem sie Glück versprechen, stets Unzufriedenheit stiften, denn, je mehr wir haben, desto mehr wollen wir. Dies wird durch die so genannte „soziale Konstruktion des Neids“ noch verschärft, die auf lokaler wie auch globaler Ebene durch Werbung und Marketing auf die Erzeugung all jener fiktiven Wünsche abzielt, die das Wachstum ankurbeln. Viele WachstumskritikerInnen beziehen sich gerne auf diese Studien um zu zeigen, dass Wachstum eher hinderlich für das subjektive Gefühl der Zufriedenheit sei, und plädieren für einen subjektiven Glücksindikator als Ersatz für das BIP. Allerdings ist subjektiv wahrgenommenes Glück kein Synonym für gutes Leben, da Glücksvorstellungen sehr stark von den tatsächlichen gesellschaftlichen und kulturellen Machtverhältnissen beeinflusst werden, so dass die Zufriedenheit einzelner Menschen auch eine Funktion ihrer Erziehung, Sozialisation und zum Teil Anpassung an kulturellen und gesellschaftlichen Mustern ist.
Nicht subjektives Glück, sondern vielmehr substantielle Freiheit soll daher das Ziel politischer Entscheidungen sein, wobei es nicht nur um die formalen Grundfreiheiten geht, sondern auch um die reellen Möglichkeiten (einschließlich materieller, ökonomischer Bedingungen und tatsächlicher Chancengleichheit), ein gutes Leben zu führen. Mit ‚gutem Leben‘ ist hier nicht bloß eine individuelle Lebensstilentscheidung, sondern die Verwirklichung eines menschenwürdigen, sinnstiftenden, nicht entfremdeten Lebens in der Gemeinschaft gemeint. Soziale Ungleichheit und Wettbewerb haben einen starken Einfluss auf die Verwirklichung eines guten menschlichen Lebens nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv aufgrund von systemischen Bedingungen: Dynamische Ungleichheit durch Wachstum führt zu einer strukturellen Verschiebung des Standards für das gute Leben. Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl können außerdem substantielle Freiheiten enorm einschränken. Das zeigt sich auch für die Länder des globalen Südens, in denen traditionelle Formen des Zugangs zu wesentlichen Faktoren für ein gutes Leben vor der Einführung westlicher Entwicklungs- und Wachstumsmuster nicht monetär vermittelt waren. Im Zuge zahlreicher Maßnahmen der Bekämpfung von Armut mag zwar das pro-Kopf-Einkommen gestiegen sein; dies führte aber in vielen Fällen langfristig zu einer Zerstörung von ursprünglichen Kompetenzen, Fähigkeiten, lokalem Wissen und sozialen Netzwerken, die eben jenen Zugang ermöglichten.
Für die Sicherstellung demokratischer Prozesse durch eine gleichberechtigte Teilhabe sind – wie Nancy Fraser zeigt - nicht nur eine gerechte Verteilung materieller Ressourcen und Chancen vonnöten, die die Unabhängigkeit und das „Stimmrecht“ der Beteiligten gewährleisten (objektive Bedingung), sondern auch so genannte intersubjektive Bedingungen: Praktiken, sedimentierte Bedeutungen, kulturelle Verständigungen, etablierte soziale Rollen, die allen Gesellschaftsmitgliedern gegenseitige Anerkennung und eine nicht nur formale Chancengleichheit gewähren. Solche intersubjektiven Bedingungen stehen nicht ein für allemal fest, sondern werden durch soziale Auseinandersetzungen neu bestimmt und verändert. Gerade die wachstumskritischen Bewegungen in Südeuropa haben eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über Modelle und Vorstellungen des guten Lebens angestoßen, die für eine relevante Verschiebung der Anerkennungsmuster weg von Erwerbsarbeitsorientierung, Leistung und Beschleunigung und hin zu einem sehr starken Fokus auf Reziprozität (Gegenseitigkeit) und Konvivialität (Geselligkeit) plädiert. Dabei geht es vor allem um die Befreiung von den Zwängen einer an Wachstum orientierten Steigerungslogik, die – wie Latouche schreibt – unsere Denkweise wie eine Droge regelrecht kolonisiert hat. Zahlreiche Beispiele von Projekten und Initiativen lassen sich in verschiedenen Ländern beobachten und reichen von den italienischen Solidarischen Einkaufsgruppen (GAS) zu den ursprünglich britischen Transition Towns, zu der griechischen Neuentdeckung auf veränderte Weise einer Art ‚Back-to-the-Land‘-Bewegung als kreative Krisenbewältigung.
In den Visionen einer Postwachstumsgesellschaft sind aber noch sehr viele Fragen offen, die kritisch betrachtet werden müssen. Ich erwähne hier nur zwei Baustellen. Das oftmals. unkritische Vertrauen in traditionelle soziale Netzwerke führt zu einer einseitigen Idealisierung von präindustriellen bzw. wachstums- und marktunabhängigen Formen der Gütererzeugung im Sinne von regionalen Subsistenzwirtschaftskreisläufen und Ernährungssouveränität. Diese Modelle bergen jedoch oft maskierte Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnisse. Wie aus vielen Studien hervorgeht, sind vor allem Frauen (und Kinder) die ersten Opfer solcher Verhältnisse: in Ländern des globalen Südens spielen ökonomische Selbständigkeit und Bildung eine wichtige Rolle im Sinne eines emanzipatorischen Potentials für Geschlechtergerechtigkeit.
Eine weitere Herausforderung auf dem Weg zu einer Postwachstumsgesellschaft ist die Rolle und Bedeutung von Arbeit bzw. Erwerbsarbeit. In einer Postwachstumsgesellschaft wäre die interdependente Relation zwischen steigender Arbeitsproduktivität und Wachstum gebrochen, so dass neben einer radikalen Arbeitszeitverkürzung auch die Verteilung weiterer für die Gesellschaft wesentlicher Tätigkeiten nicht mehr zwangsläufig über die Erwerbsarbeit vermittelt werden würde. Erwerbsarbeit spielt in unseren modernen Gesellschaften aber nicht nur als Haupteinkommensquelle, sondern auch in ihrer Integrations- und anerkennungsstiftenden Funktion eine wesentliche Rolle. Wie der französische Soziologe Robert Castel zeigt, war die Lohnarbeit im fordistischen Staat eine unentbehrliche Integrationskraft und die Grundlage für die Herausbildung des Sozialstaates. Gegenwärtig ist diese zentrale Funktion allerdings durch eine allumfassende Prekarisierungswelle in eine tiefe Krise geraten.
Aus einer wachstumskritischen Perspektive kann man provokativ fragen, ob der Gewaltakt in der Erwerbslosigkeit an sich besteht, oder nicht vielmehr darin, dass Erwerbsarbeit bisher der Zugang schlechthin zu sozialer Anerkennung, wirtschaftlicher Unabhängigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe war. WachstumskritikerInnen plädieren hier für eine Steigerung der Lebensqualität, die eine andere Perspektive auf die Erwerbsarbeit mit sich bringen würde, und für einen Ausbau von Solidaritätsnetzwerken und Selbstversorgungsökonomien. Man greift erneut auf einen erweiterten Arbeitsbegriff zurück, der gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeiten einschließt. Eine Postwachstumsgesellschaft steht vor der Herausforderung, diese bisher durch die Lohnarbeit vermittelten unentbehrlichen Bedingungen eines guten Lebens bzw. einmalige gesellschaftliche Integrationskraft anders gewährleisten zu können. Eine institutionell garantierte finanzielle Absicherung (wie das Grundeinkommen) kann hier nur ein zweifelhafter Teilaspekt einer radikalen Umgestaltung von systemischen Bedingungen sein, die sich auch auf Praktiken und etablierte Wertmuster gesellschaftlicher Anerkennung erstrecken muss.