Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 | Gerechtigkeit in der Transformation

Thema der Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 Für eine gerechte und ökologische Modernisierung!

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Montag, 4. Juni 2012

Gerechtigkeit in der Transformation

Aus der Sicht christlicher Sozialethik

von: Prof. Dr. Gerhard Wegner

Die Vielzahl der Krisen, in denen wir uns seit längerem befinden, zwingt nicht nur zu grundlegenden politischen und ökonomischen Transformationen, sondern sie fordern auch die christliche Sozialethik heraus. Das Vertrauen auf sich angeblich selbst regulierende weltweite Märkte ist dahin. Ihre Folge war eine rasante Verschwendung der natürlichen Ressourcen, die Freisetzung von Gier und die Vergrößerung sozialer Ungleichheit – gerade auch in Deutschland. Was es dringend braucht, ist die Wiedergewinnung moralischer Maximen als Grundlage nachhaltiger Verantwortlichkeit und der Stärkung der Demokratie, damit die Politik gegenüber den Finanzmärkten wieder den Primat gewinnen kann.

Wohlstand entsteht durch Investition in Kooperation

Im christlich - sozialethischen Denken der letzten Zeit hat sich ein neues Leitbild der Teilhabegerechtigkeit herauskristallisiert: Eine gerechte Gesellschaft muss so gestaltet sein, dass möglichst viele Menschen in der Lage sind, ihre jeweiligen Begabungen zu erkennen, sie auszubilden und schließlich produktiv für sich selbst und andere einsetzen zu können. Der Wohlstand einer Gesellschaft ist das Mittel um reale Freiheiten und die Teilhabe an Lebensmöglichkeiten für Alle zu schaffen.

Die Teilhabe realisiert sich nicht nur in der Verteilung von Wohlstand an möglichst viele, sondern auch in der Art und Weise seiner Erzeugung. Es geht um eine inklusive Wirtschaft mit allen. Das impliziert die berechtigten Eigeninteressen eines jeden Menschen, die er stets in Kooperation mit anderen sucht. Vom christlichen Geist beseeltes wirtschaftliches Handeln versteht sich deswegen als eines, das sich letztlich immer in der Zusammenarbeit Verschiedener realisiert - aber nicht in einem allgemeinen Krieg der Interessen ausartet. Gerechter Wohlstand entsteht durch Investitionen in Kooperation als Voraussetzung für gelebte Solidarität.

Wohlwollen und Fürsorge

Diese Vorstellung gesellschaftlicher Kooperation ist auf gegenseitigem Wohlwollen und fürsorglichen Haltungen gegründet. Entsprechende ökonomische Stile werden nur in einem gesellschaftlichen Klima wachsen, in dem das Interesse am anderen Teil einer „gemeinsamen öffentlichen Konzeption der Person“ (Martha Nussbaum) ist. In einer solchen Gesellschaft kann man sich nicht vorstellen, ein gutes Leben zu führen ohne seine Zwecke mit anderen zu teilen. „Das Gute der anderen bedeutet für solche Personen nicht einfach eine Einschränkung ihres Strebens nach dem eigenen Guten, sondern ist vielmehr Teil ihres eigenen Guten.“ Alles hängt davon ab, dass Strukturen der Reziprozität, des aufeinander Bezogenseins - also Strukturen der Sorge füreinander - gepflegt werden.

Die grundlegende, alles andere erst ermöglichende Arbeit findet in der Stiftung solcher Bezogenheiten, nicht zuletzt in der Familie, statt. Dazu zählt ganz vornean die Arbeit im Umgang mit Kindern und in der Pflege, die von Frauen und Männern gleichermaßen zu erbringen ist. Wir müssen dringend lernen: Diese Arbeit stellt schlichtweg die grundlegende und ursprüngliche Wertschöpfung dar - auch wenn dies in unseren heutigen volkswirtschaftlichen Berechnungen und ökonomistischen Menschenbildern ganz anders zu sein scheint. Die demografische Krise beruht auf der Vernachlässigung dieser Dimension. Sie braucht weitaus mehr strukturelle Unterstützung und Anerkennung – aber gewiss kein Betreuungsgeld.

Für eine neue Qualität der Arbeit

In ihrer Arbeit realisieren Menschen ihre Partizipation an der Wirklichkeit Gottes und gestalten seine Schöpfung mit. Damit ist Arbeit höchst gewürdigt: in ihr kommen die Gaben der Menschen zum Tragen; Arbeit soll sichtbare Liebe sein. Aber diese Möglichkeit ist in den letzten Jahren immer ungleicher verteilt - insbesondere die Erwerbsarbeit unterliegt vielfachen Deregulierungen auf Kosten der Schwächsten. Prekäre Beschäftigung und Niedriglohntätigkeit haben sich weiter ausgebreitet und zu einer breiten Verschlechterung der Teilhabemöglichkeiten vieler Menschen beigetragen. Trotz aller derzeitigen ökonomischen Erfolge droht die soziale Spaltung der Gesellschaft. Zudem kann eine unregulierte Entgrenzung der Arbeit zu sozialen Pathologien führen und einen gespürten Freiheitsgewinn schnell wieder vernichten.

Die Aufmerksamkeit für die Würde und die Qualität der Arbeit muss in den Mittelpunkt der politischen Gestaltung gerückt werden. Es geht darum nachhaltig arbeiten zu können: Mit der eigenen Arbeit sinnvoll zur Bewahrung der Schöpfung beizutragen und die eigene Arbeitskraft suffizient einsetzen zu können. Dazu braucht es eines neuen Programms zur Humanisierung der Arbeit. Dies gilt gerade angesichts der demografischen Prognosen.

Eigentum als unvertrautes Gut

Von entscheidender politischer Bedeutung ist das christliche Verständnis von Eigentum. Eigentum wird in allen christlichen Traditionen als Gabe Gottes verstanden, das Menschen und Gruppen treuhänderisch anvertraut ist. Insofern muss stets nach der Nutzung des Eigentums gefragt werden: Wofür wird Reichtum verwendet? Dient er der Vermehrung des Wohlstandes möglichst vieler, z. B. dadurch, dass durch die Reinvestition erwirtschafteter Gewinne Arbeitsplätze geschaffen werden. Wird Eigentum in einer Gesellschaft zur Sicherung des allgemeinen Wohlstands herangezogen, um Unsicherheiten, Unfreiheiten und Beeinträchtigungen für alle zu reduzieren? Oder eignen sich Eigentum nur Einzelne an? In einer solchen Sicht erteilt die Gesellschaft sozusagen Lizenzen an Einzelne, um im Interesse aller Reichtum zu akkumulieren. Sie kann aber diese Lizenzen im Fall des Missbrauchs auch wieder entziehen.

Suffizienz

Die sozialen und ökonomischen Teilbereiche der Gesellschaft entwickeln sich in Abhängigkeit von ihrer natürlichen Umwelt und sind von ihr nicht zu trennen. So wird allgemein anerkannt, dass sich der Klimawandel sehr viel dynamischer vollzieht, als noch vor wenigen Jahren angenommen wurde. Nur wenn es gelingt, schädliche Emissionen und den Ressourcenverbrauch absolut von der wirtschaftlichen Aktivität zu entkoppeln (Suffizienz vor Effizienz), ist die Begrenzung des Klimawandels möglich.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss in Frage gestellt werden, ob das Wachstum, gemessen in Form einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, noch als Leitindikator einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Gesellschaft geeignet ist. Es gibt Anzeichen dafür, dass in herkömmlicher Weise gemessenes Wachstum in den hochentwickelten Staaten nicht unbedingt zu einer Erhöhung des Gemeinwohls führt. Die Kennziffern des BIP als Maß für Wohlstand und als Maßstab für sinnvolle Politik haben objektiv ausgedient. Es braucht bessere Indikatoren, die den wirklichen Wohlstand einer Gesellschaft messen.

Geld und Finanzmärkte

Die Finanzmärkte handeln mit Geld. Geld zieht alle nur denkbaren Erwartungen auf sich und kann so geradezu diabolisch wirken. Das ist der Kern eines zerstörerischen Finanzkapitalismus, wie wir ihn heute erleben können und wie er alles zu beherrschen scheint. Die Gefahren des Geldes lassen sich nur dann beherrschen, wenn es strikt als ein Medium begriffen wird. Es hat keinen Wert in sich: Geld ist zum Ausgeben da; zur Umsetzung in reale Prozesse. Die Finanzmärkte bzw. die Banken stellen deswegen so etwas wie Makler dar.

Finanzmarktakteure sind in gesteigerter Weise Treuhänder im Interesse der Teilhabe vieler. Finanzmärkte sind öffentliche Güter. Es ist deswegen nicht zu verantworten, wenn in diesen Bereichen die Gewinnmaximierung ungeahnte Höhen erreicht. Gute Makler sind selten diejenigen, die für sich selbst einen hohen Gewinn herausschlagen. Hinzu kommt, dass extrem hohe Gewinne nur durch das Eingehen von maximalen Risiken erreicht werden können. Da die Banken im Interesse Aller Risiken übernehmen und bei ihrem Scheitern die gesamte Gesellschaft in unverhältnismäßig hohem Ausmaß betroffen ist, müssen sie sehr viel robustere Sicherungssysteme gegen Risiken vorhalten als andere wirtschaftliche Akteure.

Die Rettung von Banken, die zu hohe Risiken eingegangen sind, auf Kosten der Allgemeinheit, weil sonst das ganze System zusammenzubrechen droht („Too big to fail“), ist deswegen im Grunde genommen eine Absurdität und setzt völlig falsche Anreize. Entsprechende Maßnahmen müssen wieder strikt begrenzte Einzelfälle in Notsituationen bleiben. Es gilt das gesamte System der Finanzmärkte so aufzustellen, dass seine dienende Funktion in den Mittelpunkt rückt. „Banking has to be boring again.“ (Paul Krugman)

Wettbewerbsmärkte

Für eine dynamische Wirtschaft sind Selbstregulierungsmöglichkeiten über Märkte von entscheidender Bedeutung. Die Voraussetzung für solche Märkte sind jedoch klare Spielregeln, die alle Beteiligten dazu zwingen, ihr Handeln in verantwortlicher Weise auszuüben. Es geht um wirkliche Leistungskonkurrenz und nicht um Rivalität. Denn ein freier auf sich allein gestellter marktförmiger Wettbewerb als solcher zerstört moralische Haltungen, da er leicht zu einem Krieg Aller gegen Alle mutieren kann. Mit Walter Eucken gilt: „Vollständige Konkurrenz besteht nicht im Kampf von Mann gegen Mann, sondern vollzieht sich in paralleler Richtung. Sie ist nicht Behinderungs- oder Schädigungswettbewerb, sondern ‚Leistungswettbewerb‘.“ Um Nachhaltigkeit herzustellen braucht es hierfür ein entschiedenes Einpreisen der sozialen und ökologischen Risiken. Nur so kann mittel- und langfristig den Krisen entgegengewirkt werden.

Der Wettbewerb bleibt insofern nicht nur an die Reziprozität der Beteiligten gekoppelt, weswegen sich Gewinner und Verlierer als Aufeinander Angewiesene erfahren können. Sondern auch an gesellschaftliche Ziele. Wenn es gut läuft ergibt sich aus der gegenseitigen Anerkennung der „besseren“ und „schlechteren“ Akteure Vertrauen. Zudem öffnet sich der gemeinsame Blick auf das gemeinsame Ziel. Das wichtigste Kriterium für die Legitimität von Wettbewerb und Märkten bleibt die letztendliche Verteilung.

Fazit

Bei allem, was im Sinne einer fairen und nachhaltigen Regulierung der Wirtschaft diskutiert werden kann, bleibt aus christlicher Sicht eine nicht geringe Skepsis, was die Antriebskräfte aktueller Reichtumsentwicklung anbetrifft. Die gegenwärtige Art des Wirtschaftens schafft zwar einen immer größeren Überfluss an Gütern und Dienstleistungen, vergrößert dabei aber offensichtlich den Abstand zwischen Armen und Reichen und verschwendet verantwortungslos die Ressourcen der Erde. Es braucht Veränderungen nicht nur kosmetischer Art. Eine große Transformation ist überfällig. Damit sie zustande kommt braucht es dringend die Zufuhr moralischer  Ressourcen als Gegengewicht gegen die amoralischen Mechanismen globaler Landnahmen.

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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Cerasela Platz schrieb am 10. Juni 2012 um 03:28 Uhr:

Nur gemeinsam, Gottes Liebe entgegen, mit Hilfe des Team Geistes, im Sinne Jesus Christus, für Menschen die Seligkeit gestalten, durch Miteinander Füreinander alle Länder auf der Erde.
Strahle ewig, Gottes Weisheit
Jesus Christus für die Menschheit
Strahle ewig, Gottes Haus
Glaube, Frieden weit hinaus
In aller Dankbarkeit,
Eine Stimme für Gottes Gnade

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Prof. Dr. Gerhard Wegner
Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) der Evangelischen Kirche in Deutschland, theol. Pastor



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