Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 | Von der Finanzkrise zur Stagnation: Das Ende allgemeiner Prosperität und die Rolle der Wirtschaftswissenschaften

Thema der Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 Für eine gerechte und ökologische Modernisierung!

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Mittwoch, 16. Mai 2012

Von der Finanzkrise zur Stagnation: Das Ende allgemeiner Prosperität und die Rolle der Wirtschaftswissenschaften

von: Dr. Thomas Palley

Marshall McLuhan, der berühmte Medienphilosoph, schrieb: “Wir gestalten unsere Werkzeuge und diese wiederum gestalten uns“. Seine Erkenntnis trifft auch auf die Ökonomie zu, die durch Wirtschaftspolitik gestaltet wird, welche ihrerseits aus ökonomischen Ideen abgeleitet ist. Dies ist auch das Thema meines jüngst erschienenen Buches, in dem ich argumentiere, dass die globale Krise das Ergebnis fehlerhafter Politiken, gegründet auf fehlerhaften Ideen, ist.

Grob gesprochen gibt es drei unterschiedliche Betrachtungsweisen der Krise. Die erste entspricht der neoliberalen Hardcore-Position und kann als „Staatsversagen-Hypothese“ bezeichnet werden. In den Vereinigten Staaten wird diese Position mit den Republikanern und der Chicagoer Schule in den Wirtschaftswissenschaften verbunden. Die zweite Betrachtungsweise entspricht der gemäßigten neoliberalen Position und lässt sich als „Marktversagen-Hypothese“ bezeichnen. Sie wird verbunden mit der Obama-Regierung, der einen Hälfte der Demokratischen Partei und der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät des MIT. In Europa ist sie verbunden mit Politiken des „Dritten Wegs“. Die dritte, einer progressiven Position zuzurechnende, Betrachtungsweise lässt sich als „Ende der allgemeinen Prosperität-Hypothese“ umschreiben. Sie wird von der anderen Hälfte der Demokratischen Partei und der Arbeiterbewegung vertreten, hat aber keinen Rückhalt in den bedeutenderen wirtschaftswissenschaftlichen Instituten, da dort Alternativen zur orthodoxen Theorie unterdrückt werden.

Welches Versagen?

Das Staatsversagen-Argument besagt, dass die Krise in der US-amerikanischen Immobilienblase und deren Platzen begründet und ein Resultat verfehlter Geldpolitik sowie staatlicher Interventionen in den Immobilienmarkt ist. Bezüglich der Geldpolitik hielt die Federal Reserve während der vorangegangenen Rezession die Zinssätze zu lange zu niedrig. Bezüglich des Immobilienmarktes trieb die staatliche Intervention die Preise in die Höhe, indem sie den Immobilienbesitz über die finanziellen Möglichkeiten der Käufer hinaus förderte. Diese „Hardcore-Perspektive“ betrachtet die Krise demnach im Wesentlichen als ein US-amerikanisches Phänomen.

Das gemäßigt neoliberale Marktversagen-Argument besagt, dass die Krise die Folge inadäquater Regulierungen des Finanzwesens ist. Zunächst einmal erlaubte die Regulierung den Banken das Eingehen übermäßiger Risiken. Zum Zweiten ermöglichte die Art der Regulierung innerhalb der Banken perverse Anreizstrukturen des Vergütungssystems, die das Management dazu antrieben, Kredite eher aufzudrängen anstatt sorgsam zu gewähren. Drittens schließlich, trieben die Verantwortlichen sowohl die Deregulierung als auch die Selbst-Regulierung zu weit. Zusammengenommen trugen diese Fehler zu einer Fehlallokation finanzieller Mittel, einschließlich der im Zusammenhang mit dem Handelsdefizit zugeflossenen ausländischen Ersparnisse, bei. Die gemäßigte Betrachtungsweise ist somit stärker global ausgerichtet, sieht die Krise aber vornehmlich als ein finanzielles Phänomen.

Das Ende des Wohlstands

Das progressive „Ende der allgemeinen Prosperität“-Argument sieht die Ursache der Krise im neoliberalen Paradigma, das die Wirtschaftspolitik in den letzten dreißig Jahren angeleitet hat. Zwar bilden die Vereinigten Staaten das Epizentrum der Krise, betroffen sind aber alle Länder, soweit sie dieses Paradigma übernommen haben. Letzteres infizierte den Finanzsektor in Form ungeeigneter Regulierungen und fehlerhafter Anreizsysteme bei der Vergütung. Das Regulierungsversagen bezüglich des Finanzmarktes war aber nur ein Element.

Das neoliberale Paradigma war in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren übernommen worden. In der Zeit zwischen 1945 und 1975 war die US-Wirtschaft gekennzeichnet durch einen keynesianischen „virtuous circle“ basierend auf Vollbeschäftigung und an das Produktivitätswachstum gekoppelte Lohnzuwächse. Das Produktivitätswachstum steuerte das Lohnwachstum, welches wiederum das Wachstum der Güternachfrage antrieb und für Vollbeschäftigung sorgte. Dies bildete den Anreiz für Investitionen, die weitere Produktivitätszuwächse und höhere Löhne ermöglichten. Dieses Modell funktionierte in den USA und, mit lokalen Modifikationen, auch weltweit – in Westeuropa, Kanada, Japan, Mexiko, Brasilien und Argentinien.

Nach 1980 wurde diese dem keynesianischen Modell entsprechende positive Dynamik durch ein neoliberales Wachstumsmodell ersetzt, das den Zusammenhang zwischen Löhnen und Produktivitätswachstum auflöste und eine neuartige wirtschaftliche Dynamik initiierte. Vor 1980 waren die Löhne der Motor des Nachfragewachstums in den USA, nach 1980 wurden dies die Schulden und die Inflation der Vermögenspreise.

Die andere Entkopplung von Wohlstand und Wachstum

Das neue Modell ist in einer neoliberalen Wirtschaftswissenschaft verwurzelt und lässt sich als ein neoliberaler Instrumentenkasten der Politik beschreiben, mit dem die Arbeiter in die Schranken gewiesen und von allen möglichen Seiten unter Druck gesetzt werden. Durch globale Produktionsnetzwerke und unterstützt durch Freihandelsabkommen und Kapitalmobilität versetzte die Globalisierung der Unternehmen die Beschäftigten in einen internationalen Wettbewerb. Die Agenda eines „schlanken“ Staates unterminierte die Legitimation staatlicher Steuerung und drängte auf Deregulierungen ungeachtet der damit verbundenen Gefahren. Die Agenda der Arbeitsmarktflexibilität richtete sich gegen die Gewerkschaften und gegen unterstützende Arbeitsmarktregelungen, wie Mindestlöhne, Arbeitslosenunterstützung und Kündigungsschutz. Schließlich schuf der Abschied von der Vollbeschäftigung Beschäftigungsunsicherheit und schwächte die Verhandlungsmacht der Arbeiter.

Dieses Modell wurde weltweit implementiert, sowohl in den Ländern des Nordens als auch des Südens, wodurch sich seine Wirkung multiplizierte. Das erklärt die Bedeutung des Washington Consensus, der in Lateinamerika, Afrika und den ehemals kommunistischen Ländern vom Internationalen Währungsfonds und der Weltbank durchgesetzt wurde, indem eine finanzielle Unterstützung von der Übernahme neoliberaler Politiken abhängig gemacht wurde.

Die Lücke für den Finanzmarkt

Durch die sukzessive Unterminierung des Prozesses der Einkommens- und Nachfragegenerierung schuf das neue Modell eine wachsende ‚Nachfragelücke’. Die Rolle des Finanzsektors bestand darin, diese Lücke zu füllen. In den Vereinigten Staaten ermöglichten es Deregulierungen, Finanzinnovationen und die Spekulation dem Finanzsektor diese Nachfragelücke durch Konsumentenkredite und die anheizende Vermögenspreisinflation zu füllen. Die US-amerikanischen Konsumenten wiederum füllten die globale Nachfragelücke.

Diese drei Betrachtungsweisen machen deutlich, worum es geht, und zu jeder gehören unterschiedliche Politikempfehlungen. Vertreter der neoliberalen Hardcore-Position eines Staatsversagens propagieren als politische Antwort eine Verdopplung der neoliberalen Politik durch weitere Deregulierungen des Finanzsektors und des Arbeitsmarktes, eine erhöhte Unabhängigkeit der Zentralbank und die Verpflichtung auf eine geringe Inflation, sowie eine weitere Einschränkung staatlicher Tätigkeit durch fiskalische Austerität.

Vertreter der gemäßigt neoliberalen Position des Marktversagens propagieren zwar eine stärkere Regulierung des Finanzsektors halten aber an den übrigen Aspekten des vorherrschenden neoliberalen Paradigmas der Politik fest. Dies beinhaltet weiterhin die Unterstützung der unternehmensbezogenen Globalisierung, sogenannter Arbeitsmarktflexibiltät, der Verfolgung niedriger Inflationsziele und fiskalischer Austerität.

Neue Antworten!

Die Vertreter der “Ende der allgemeinen Prosperität”-Hypothese befürworten grundlegend andere politische Antworten. Die Herausforderung besteht demnach darin, das neoliberale Paradigma zu verwerfen und durch das Paradigma eines „strukturellen Keynesianismus“ zu ersetzen, welches den politischen Instrumentenkasten erneuert und die Beziehung zwischen Lohn- und Produktivitätswachstum wieder herstellt. Das Ziel ist, die Beschäftigten als bevorzugtes Objekt der Politik ‚heraus’ zu nehmen und stattdessen Unternehmen und Finanzmärkte zum Gegenstand zu machen, damit diese dem allgemeinen Interesse dienen. Dies erfordert das Ersetzen der unternehmensgetrieben Globalisierung durch eine gelenkte Form der Globalisierung, die Erneuerung des Bekenntnisses zur Vollbeschäftigung, die Substituierung der neoliberalen Anti-Staats-Agenda durch eine soziale und demokratische Vorstellung des Staates, sowie die Ablösung neoliberaler Arbeitsmarktflexibilität durch eine auf Solidarität aufbauende Konzeption des Arbeitsmarktes.

Eine gelenkte Form der Globalisierung meint eine Welt mit Arbeitsstandards, koordinierten Wechselkursen und gesteuerten Kapitalflüssen. Eine soziale und demokratische Agenda meint, dass der Staat ein angemessenes Netz sozialer Sicherung bereit stellt, grundlegende Bedürfnisse, wie Gesundheit und Bildung, abdeckt und gesicherte Renteneinkommen gewährleistet. Eine auf Solidarität basierende Konzeption des Arbeitsmarktes zielt auf ein Machtgleichgewicht zwischen Beschäftigten und Unternehmen, welches gewerkschaftliche Vertretung, angemessene Mindestlöhne, Arbeitslosenversicherung und ausreichende Arbeitnehmerrechte und Schutzformen umfasst. Und schließlich, da das neoliberale Modell weltweit übernommen wurde, muss die globale Wirtschaft neu kalibriert werden. Hier kommt das Thema eines „globalen Rebalancing“ auf die Tagesordnung und aufstrebende Ökonomien der Schwellenländer müssen sich von exportgetriebenen Wachstumsstrategien abwenden und hin zu Strategien einer durch die heimische Nachfrage getriebenen Entwicklung gelangen.

Die entscheidende Erkenntnis ist, dass jede Betrachtungsweise ihre eigenen politischen Vorstellungen mit sich bringt. Folglich hat die bevorzugte Erklärung großen Einfluss auf die Gestaltung der Wirtschaftspolitik. Dies rückt die Wirtschaftswissenschaften ins Zentrum der politischen Auseinandersetzungen, da diese Einfluss darauf haben, welche Erklärung vorherrschend ist.

Der neue Wandel der Wirtschaftswissenschaften

Zurzeit ist die wirtschaftswissenschaftliche Profession gespalten in die „Hardcore-“ und die gemäßigt neoliberalen Positionen. Unter dem Druck einer unschönen Realität, die massenhaft die politische Forderung nach einem Wandel bewirkt, kann sich dies jedoch ändern. Die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren erzwang einen Wandel der Wirtschaftswissenschaften und öffnete die Tür für keynesianische Ansätze. Die tiefe Rezession und die Aussicht auf Stagnation erzwingen möglicherweise einen erneuten Wandel der ökonomischen Wissenschaft.

Die einzige Gewissheit besteht darin, dass ein Wandel politisch umkämpft sein wird, da mächtige Eliten und orthodoxe Ökonomen ein Interesse am Erhalt der Dominanz des bestehenden Paradigmas haben, indem sie sicherstellen, dass ihre Erklärung der Rezession vorherrschend bleibt. Deshalb ist es für die Gewerkschaften von essentieller Bedeutung, dass sie sich in die theoretische Debatte über die Ursachen der Krise und darüber, wie Ökonomien funktionieren, einmischen. Ihre politische Stärke wird hier gebraucht und das Ergebnis dieser Debatte hat entscheidenden Einfluss auf ihre eigene Existenz und ihren Erfolg.

 

Dieser Artikel erscheint hier erstmals auf Deutsch. Er ist zuvor auf der Global Labor Column erschienen und wurde von Stefan Beck übersetzt.

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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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Jens schrieb am 25. Mai 2012 um 00:36 Uhr:

Sorry, aber die direkte Verbindung zwischen Pinochet und Schröder, die is mir echt zu hoch! So sehr die aufgezählten Punkte für sich stimmen mögen.
Berthold Goergens schrieb:
Die Entstehung und die Geschichte des Neoliberalismus ist mit Blut geschrieben.
Die Geschichte des heutigen Neoliberalismus muss noch geschrieben werden:
Vorerst erfolgt die Geschichte in der Form von Thesen:
1. Die entwickelten, kapitalistischen Staaten befanden sich in der moralischen und strategischen Defensive.
2. Der Vietnam-Krieg näherte sich dem Ende, moralisch und militärisch war er durch die – US-Führung und der sie bestimmenden Monopole – der Militär-Industrielle Komplex usw. usf. – verloren.
3. Das internationale System des Finanzkapitals – Bretton-Woods-System genannt - befand sich in der Krise und ging seinem wohlverdienten Ende entgegen.
4. Die „sozialistische“ Bewegung befand sich auf dem Vormarsch – was sich noch als schwere Hypothek erweisen sollte.
5. Zum ersten Mal in der Geschichte deutete sich in Chile der demokratische Übergang zum einem pluralistischen Sozialismus an.
6. Das Finanzkapital gab nicht auf, wie es Rudolf Hilferding in seinem epochalen Buch analysierte – das auch in Fachkreisen der 4.Band des Kapitals genannt wird – es ist zäh und kämpft mit allen legalen und illegalen Mitteln und Methoden um seine Herrschaft.
7. Vom CIA und Kissinger gesponsert ergriffen die reaktionären Kräfte in Chile ihre Chance, dass ein instabiles Land durch Terror und das willige Militär unter Pinochet in den „Griff“ zu kriegen wäre.
8. Mit ungeheurer Brutalität wurde der Putsch durchgeführt, tausende wurden gefangen genommen und in das Stadion von Santiago de Chile eingesperrt, so wie es die Folterknechte des CIA von den deutschen Faschisten gelernt hatten und in Schulungen dem Militär in Lateinamerika beigebracht hatten.
9. Pinochet wusste mit der Staatsführung nichts anzufangen, also berief er OPUS DIE und die bei Milton Friedmann in Chicago ausgebildeten Wirtschaftsleute zu seiner Hilfe. Sie hatten freie Hand und übereigneten die Renten- und Krankenversicherung dem Markt und damit den Finanzkapitalisten, einschließlich der Deregulierung und Privatisierung des Bildungswesens konnten sie neoliberale Experimente ungehindert von demokratischen Regeln durchführen.
10. Alle Reaktionäre dieser Welt beobachteten diese Experimente aufmerksam und zogen ihre Schlüsse daraus. Thatcher und Reagan bauten Großbritannien und die USA nach diesem Modell um.
11. Auf der Basis des Kupferreichtums, der gewaltsamen Ausschaltung der Gewerkschaften konnte sich Chile erstaunlich schnell erholen und unter diesen Bedingungen konnten die Bedürfnisse der Mittelschicht befriedigt werden, so gewann der chilenische Faschismus eine zeitweilige soziale Basis.
12. Der Schröder und der Riester setzten die Rentenreform im Interesse ihres AWF-Freundes Maschmeyer mit der Riester-Rente im neoliberalen Sinn um, die Betrogenen sind die kommenden Rentnergenerationen.
Berthold Goergens, Frankfurt am Main

Jens schrieb am 25. Mai 2012 um 00:33 Uhr:


Was ist denn bitteschön schweinischer Kapitalismus? Hinter Floskeln lässt sich prima versteck spielen!
Peter Rath-Sangkhakorn schrieb:
Die Gewerkschaften haben verlernt, die Verteilungsfrage zu stellen. Die Kumpanei unserer gewerbsmäßigen Gewerkschafter mit der neoliberalen SPD hat dazu geführt, den Übergang vom Rheinischen Kapitalismus zum schweinischen Kapitalismus sozialverträglich abzusichern. Das Problem ist nicht, ob sie noch anders können, sondern ob sie überhaupt noch könnten, wenn sie denn wollten ...

Teodor Webin schrieb am 22. Mai 2012 um 10:14 Uhr:

Erschreckenderweise - aber vielleicht paradigmatisch für US-amerikanische Verhältnisse - fehlt eine wesentliche Erklärung für die Krise: dass es nämlich schlicht normal ist, dass der Kapitalismus in Wellen funktioniert (bzw. eben nicht besonders gut funktioniert) und es zyklisch zu Krisen kommen muss (Überakkumulation).
Die Theorie ist nun nicht gerade neu und stammt von einem gewissen Karl Marx. Sie ist bis heute plausibel. Daraus folgt auch, dass ein "struktureller Keynesianismus" nur eine begrenzte Zeit lang funktionieren kann, wie Paul Mattick 1969 (vor dem Ende des Keynesianismus!) in "Marx und Keynes" dargelegt hat. Sein Sohn hat die These jüngst in "Business as usual" wieder aufgenommen. Übrigens wird die These der zyklischen Krise keineswegs nur von Marxianern vertreten - auch Werner Plumpe vertritt in "Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart." die These, dass die Krise zum Kapitalismus gehört wie das Gewitter zum Sommertag.
Die Behauptung, dass die "„Ende der allgemeinen Prosperität-Hypothese“, die den Neoliberalismus verantwortlich macht, eine marginale wäre, ist m.E. nicht länger haltbar. Sie wird lediglich von Keynesianern immer wieder angeführt, um ein moralisches Fundament für ihre Position zu finden. Das drängt die relevanteste Krisenerklärung - die Marxsche - einmal mehr in den Hintergrund und schürt die Illusion, dass der Kapitalismus auf Dauer noch zu retten wäre. Ist er nicht. Auch mit einem neuen Keynesianismus würde man nur eine neue Blase aufblasen. Keynesianismus funktionierte immer nur, wenn der allgemeine Wohlstand auf dem Rücken anderer Staaten (des Trikonts) oder mit einer Kriegswirtschaft gefördert wurde.
Zur kapitalistischen Überwindung der Krise benötigt es unumgänglich einer großen Kapitalvernichtung. Das exemplarische Mittel dafür ist immer noch der Krieg. Das mag sich erst mal unrealistisch anhören, aber ich prophezeie, wenn Syriza die Neuwahlen in Griechenland gewinnt und die Schulden nicht mehr bedient (was genau richtig wäre!), dann stehen binnen einen Jahres europäische Truppen in Griechenland. Die ersten Forderungen nach einem EU-Protektorat werden ja schon laut...
Sollte es anders kommen und sollte es tatsächlich gelingen, den Euro zu stabilisieren (die nächste Krisenwelle in den BRIC-Staaten steht schon an), dann wird sich die Dollar-Euro-Konkurrenz verschärfen. Was dann passiert, ist erst mal offen, aber auch dieser Konflikt könnte irgendwann militärisch ausgetragen werden. Die Krise beginnt erst...

Peter Rath-Sangkhakorn schrieb am 21. Mai 2012 um 23:59 Uhr:

Die Gewerkschaften haben verlernt, die Verteilungsfrage zu stellen. Die Kumpanei unserer gewerbsmäßigen Gewerkschafter mit der neoliberalen SPD hat dazu geführt, den Übergang vom Rheinischen Kapitalismus zum schweinischen Kapitalismus sozialverträglich abzusichern. Das Problem ist nicht, ob sie noch anders können, sondern ob sie überhaupt noch könnten, wenn sie denn wollten ...

Berthold Goergens schrieb am 21. Mai 2012 um 20:53 Uhr:

Die Entstehung und die Geschichte des Neoliberalismus ist mit Blut geschrieben.
Die Geschichte des heutigen Neoliberalismus muss noch geschrieben werden:
Vorerst erfolgt die Geschichte in der Form von Thesen:
1. Die entwickelten, kapitalistischen Staaten befanden sich in der moralischen und strategischen Defensive.
2. Der Vietnam-Krieg näherte sich dem Ende, moralisch und militärisch war er durch die – US-Führung und der sie bestimmenden Monopole – der Militär-Industrielle Komplex usw. usf. – verloren.
3. Das internationale System des Finanzkapitals – Bretton-Woods-System genannt - befand sich in der Krise und ging seinem wohlverdienten Ende entgegen.
4. Die „sozialistische“ Bewegung befand sich auf dem Vormarsch – was sich noch als schwere Hypothek erweisen sollte.
5. Zum ersten Mal in der Geschichte deutete sich in Chile der demokratische Übergang zum einem pluralistischen Sozialismus an.
6. Das Finanzkapital gab nicht auf, wie es Rudolf Hilferding in seinem epochalen Buch analysierte – das auch in Fachkreisen der 4.Band des Kapitals genannt wird – es ist zäh und kämpft mit allen legalen und illegalen Mitteln und Methoden um seine Herrschaft.
7. Vom CIA und Kissinger gesponsert ergriffen die reaktionären Kräfte in Chile ihre Chance, dass ein instabiles Land durch Terror und das willige Militär unter Pinochet in den „Griff“ zu kriegen wäre.
8. Mit ungeheurer Brutalität wurde der Putsch durchgeführt, tausende wurden gefangen genommen und in das Stadion von Santiago de Chile eingesperrt, so wie es die Folterknechte des CIA von den deutschen Faschisten gelernt hatten und in Schulungen dem Militär in Lateinamerika beigebracht hatten.
9. Pinochet wusste mit der Staatsführung nichts anzufangen, also berief er OPUS DIE und die bei Milton Friedmann in Chicago ausgebildeten Wirtschaftsleute zu seiner Hilfe. Sie hatten freie Hand und übereigneten die Renten- und Krankenversicherung dem Markt und damit den Finanzkapitalisten, einschließlich der Deregulierung und Privatisierung des Bildungswesens konnten sie neoliberale Experimente ungehindert von demokratischen Regeln durchführen.
10. Alle Reaktionäre dieser Welt beobachteten diese Experimente aufmerksam und zogen ihre Schlüsse daraus. Thatcher und Reagan bauten Großbritannien und die USA nach diesem Modell um.
11. Auf der Basis des Kupferreichtums, der gewaltsamen Ausschaltung der Gewerkschaften konnte sich Chile erstaunlich schnell erholen und unter diesen Bedingungen konnten die Bedürfnisse der Mittelschicht befriedigt werden, so gewann der chilenische Faschismus eine zeitweilige soziale Basis.
12. Der Schröder und der Riester setzten die Rentenreform im Interesse ihres AWF-Freundes Maschmeyer mit der Riester-Rente im neoliberalen Sinn um, die Betrogenen sind die kommenden Rentnergenerationen.
Berthold Goergens, Frankfurt am Main

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