Verschiedene InterpretInnen: Chimes of Freedom: Songs of Bob Dylan - 50 Years of Amnesty International -, bei Fontana (Universal) 2012 erschienen. Universal
Das erste Quartal des Jahres 2012 hat es bezüglich politischer Musik in sich. Und die Aussichten für das zweite Quartal sind auch sehr gut. Hier werden vier neue Album-Kritiken mit genau genommen sechseinhalb CDs vorgestellt.
Wie bespricht man vier CDs auf dem Platz, den man sonst für eine hat? Am besten so: Zum Jubiläum von Amnesty International bat man diverse MusikerInnen, Lieder von Bob Dylan zu interpretieren, dabei wurde nicht irgendwer gefragt, sondern die Creme de la Creme des Rock, Pop, Blues und Jazz, insbesondere natürlich die Politischen unter ihnen. Herausgekommen sind 73 Interpretationen, die teilweise sehr nah am Original sind. Alle Stücke beeindrucken und machen die Vielschichtigkeit Bob Dylans deutlicher denn je.
Imposant ist die Liste der ganz großen Interpreten: Adele, Billy Bragg, Brian Ferry, Diana Krall, Eric Burdon, Joan Baez, Kris Kristofferson, Marianne Faithfull, Mick Hucknell, Sting und Taj Mahal. Besonders empfehlenswert sind dabei: Carolina Chocolate Drops, Faithfull, Flogging Molly, Joe Perry, Kesha, Lenny Kravitz, Mariachi El Bronx, Michael Franti, Oren Lavie, Queens Of The Stone Age, Pete Seeger, Rise Against sowie Tom Morello The Nightwatchman.
Trotz der fehlenden Liedtexte wird hier eine unbedingte Kaufempfehlung ausgesprochen und das nicht nur, weil die Gewinne an Amnesty International gehen.
Leonard Cohen: Old Ideas, bei Smi Col (Sony Music) 2012 erschienen. Sony Music
Erst einmal vorweg: Es sind großartige Lieder auf diesem Album von Leonard Cohen. Die beeindruckende Dichte der sparsamen Arrangements erinnert an Johnny Cashs American Recordings. Leonrad Cohen hatte sich eigentlich in ein buddhistisches Kloster zurückgezogen; nun musste er jedoch wieder anfangen zu touren; denn seine ehemalige Managerin brachte ihn um sein Vermögen. Der nun 78-jährige Cohen hatte als Dichter angefangen und wurde erst später Musiker. Sein Leben und seine Gedichte bilden die breite Grundlage für die Themen seiner Lieder.
Die alten Ideen entpuppen sich folglich als diejenigen Themen, die einen Mann bewegen, der alles erlebt und gelebt hat. „Old Ideas“ erreichte Platz 4 der deutschen Albumcharts, in Österreich, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich gar den Platz 2. Der zunächst beeindruckenste Song ist „Darkness“, dessen Text sich wie eine Lebensbilanz liest. Die Musik zu „Crazy To Love You“ wurde von Anjani Thomas komponiert, seiner aktuellen Lebensgefährtin. Ein immer besser werdendes Liebeslied, je öfter man es hört. „Going Home“ ist eine kleine Autobiografie, mit eindringlicher Trompete und Chor.
Cohen hat mit Old Ideas ein hymnisches Album vorgelegt, das oftmals wie eine Sammlung von Gebeten inklusive religiöser Bilder klingt. Die Musik erinnert manchmal mehr an Blues, Gospel oder Folk. Die Liedtexte sind im Album schön gestaltet beigefügt. Wenn man die CD kauft, erhält man ein Album mit gut abgehangener Musik.
Attila The Stockbroker’s Barnstormer: Bankers & Looters, bei Mad Butcher Records 2012 erschienen. Mad Butcher Records
Attila The Stockbroker alias John Baine macht seit 1980 vom politischen Punk inspiriert Musik. 1994 gründete er eine Band, die Barnstormer (dt.: die Wanderschauspieler). Mit „Bankers & Looters“ haben die Barnstormer ihr zehntes Werk vorgelegt. Mit sieben Stücken kann man eher von einer Mini-LP sprechen, wozu allerdings noch zwei alternative Versionen von Liedern auf der CD vorkommen – insgesamt eher ein halber echter Longplayer.
Musikalisch eher sparsam, haben doch einige Lieder Gassenhauerqualitäten - und strickt ArbeiterInnenklasse. Vornehme Zurückhaltung ist ihre Sache nicht. Aber Lieder wie „Bye, Bye, Banker!“ haben angesichts der Auswirkungen der Finanzmarktkrise ihre Berechtigung. Manche Menschen werden deutlich hervorgehoben – positiv wie negativ. Gelobt wird in „Dean Reed“ der sogenannte rote Elvis, ein Rockabilly-Stück. Eher negativ scheinen, und das ist sehr zurückhaltend formuliert, die Planungen zur Beerdigung Maggie Thatchers in „Maggots 1 : Maggie 0“ zu sein. Die ehemalige britische Premierministerin bleibt trotz des schönen Kinofilms bei der Linken eher unbeliebt (s. Red Wedge[1]) – vollkommen zu Recht. Eine feine Ballade über die Verbindung von Fußball und Politik stellt „Only Football“ dar.
Wer auch wenig subtile Musik schätzt, wird diesen Mini-Longplayer mögen – je öfter gehört desto mitreißender ist er. Es ist eine schön gestaltete CD mit Songtexten und kurzen Geschichten drum herum.
[1] Kurze Darstellung unter: http://www.gegenblende.de/search/++co++6c252ffa-37b1-11e1-4404-001ec9b03e44 .
Funny van Dannen: Fischsuppe, bei JKP (Warner) 2012 erschienen. Warner
Der linke Lieblingsbarde Funny van Dannen hat mit „Fischsuppe“ nun, nach seinem Best-Of-Album „Meine vielleicht besten Lieder…“ seinen 13. musikalischen Longplayer veröffentlicht. Auf Platz 64 ist er damit in die deutschen Albumcharts eingestiegen.
Bewaffnet mit akustischer Gitarre, Ironie und Sarkasmus werden skurrile Auswüchse unserer Gesellschaft auf die Schippe genommen. Mit „Einkaufszentren entstehen“ wird kurz aber nachhaltig die ganze kapitalistische Gesellschaft – vor Ort bis europaweit - abgewatscht. Über Esoterik macht sich Funny van Dannen in „Erleuchtet“ lustig. Die Auseinandersetzungen mit Fahrradfahrern in Berlin beleuchtet er in „Der Fahrradfahrer“. Mit „Was Krieg ist“ findet sich auf dem Album ein knallhartes Antikriegslied. Der Sänger ruft in „Unruh“ kaum verhohlen zur Aktion gegen kritikwürdige Verhältnisse auf. Aber auch ein Liebeslied ist auf dem Silberling zu finden.
Stilistisch nennen es manche Chansons. Selbst seine Kommentare zwischen den einzelnen Liedern sind hochpolitisch. Dieser Live-Mitschnitt ist musikalisch abwechslungsreich und thematisch vielseitig und begeistert einmal mehr.