Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 09: Mai/Juni 2011 | Lebensbegleitendes Lernen – Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung

Thema der Ausgabe 14: März/April 2012 Individuum und neue Arbeitswelt

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Sonntag, 19. Juni 2011

Lebensbegleitendes Lernen – Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung

von: Petra Gerstenkorn
Denken

gabs0110 / photocase.com

Der Besitz von Wissen und damit auch der Zugang zu sowie die Anerkennung von Bildung wird in der heutigen Gesellschaft immer wichtiger. Neben vielfältiger Kompetenzerweiterung befördert Bildung soziale Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Gleichsam ist Bildung unverzichtbare Grundlage für Lebensperspektiven, Berufschancen und selbstbestimmte gesellschaftliche Teilhabe. Bildung hat eine zentrale Funktion in der globalisierten Welt und ist entscheidender Faktor für gesellschaftliche Entwicklung. Alle gesellschaftlichen Kräfte haben ein hohes Interesse an der Erschließung von Bildungsressourcen ebenso wie an der Erhöhung der Bildungsbeteiligung. Wenn allerdings Bildung zunehmend als “Kapitalbildende Ressource“ definiert und verstärkt an Effizienz- und Leistungskriterien gemessen wird, gilt es, nicht nur achtsam zu sein, sondern sich als Gewerkschaft ver.di massiv einzumischen.

Gerade die Hochschulen durchlaufen massive Umformungsprozesse, diese sind geprägt durch Ökonomisierungsstrategien nach dem Muster des New Public Management. Das Ziel ist die Transformation von Hochschulen zu Dienstleistungsunternehmen am Wissenschaftsmarkt. Dabei verschlechtern sich die Beschäftigungsbedingungen am Arbeitsplatz Hochschule massiv und Mitbestimmung sowie gewerkschaftliche Interessenvertretung wird zunehmend als Störfaktor angesehen, das können und werden wir nicht hinnehmen. Humanisierung, Demokratisierung, Partizipation und Emanzipation müssen aus unserer Sicht weiterhin wichtige Leitlinien von Bildung sein, genauso wie gute Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung in Bildungseinrichtungen.

Lebensbegleitendes Lernen

Gleichzeitig erfordert unsere wissensbasierte Arbeitswelt, dass die Konzepte „Lebensbegleitenden Lernens“, als ein Weg der kontinuierlichen Aneignung von Bildung und Kultur sowie der persönlichen Weiterentwicklung, ganzheitliche Umsetzung findet. Hierfür bedarf es einer umfassenden bildungspolitischen Strategie, die den Mehrwert lebensbegleitenden Lernens angesichts steigender Lebenszeit sowie sich verändernder Qualifikationsanforderungen würdigt und das Bildungssystem entsprechend reformiert.

Es bedarf der Ausdehnung und Anschlussfähigkeit von Lernprozessen über alle Lebenszyklen und über verschiedene Formen und Orte des Lernens. Gleichwertigkeit ist das perspektivische Ziel, das die Verrechenbarkeit unterschiedlicher Lernleistungen aus unterschiedlichen Lernkontexten bedingt.

Freie Zugänge für Chancengleichheit

Erforderlich ist eine stärkere Flexibilisierung des Lehrens und Lernens durch neue Lehr- und Lernformen und deren bessere zeitliche Abstimmung. Offene und flexible Ein- und Austrittsmöglichkeiten in Bildungsphasen sowie die Auflösung institutionell vorgegebener und verfestigter Bildungswege müssen geschaffen werden. Es bedarf einer generellen Offenheit und Durchlässigkeit von Bildungsinstitutionen, so dass Zugang und Ausgang ohne Sackgasse für jede/-n möglich ist. Ein derartiger lebensumspannender Bildungsprozess trägt dazu bei, die sozial extrem ungleich verteilten Bildungs- und Lebenschancen auszugleichen.

Wie vergleichende Studien der OECD aufzeigen, werden die individuellen Bildungschancen in Deutschland unverhältnismäßig stark vom sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Hintergrund bestimmt. Das familiäre (Bildungs-)Kapital gilt als verlässlicher Indikator für die Chancen der Aufnahme eines Hochschulstudiums. Bildung und Kapital der Eltern bestimmen maßgeblich die Chancen des Nachwuchses. Durchlässigkeit zwischen beruflicher und wissenschaftlicher Bildung ist ein wichtiger Schritt zur Verwirklichung von Chancengleichheit und lebensbegleitendem Lernen. Grundsätzliches gewerkschaftliches Ziel ist die Entkopplung der Bildungschancen vom sozio-ökonomischem und sozio-kulturellem Hintergrund. Es gilt, Chancengleichheit durch Durchlässigkeit im Bildungssystem zu erhöhen, indem Schranken und Beschränkungen abgebaut werden.

Deutsche Hochschulen als Stabilisatoren sozialer Ungleichheit

Die geringe Durchlässigkeit und die starke vertikale Differenzierung im Bildungswesen leisten bisher einen zusätzlichen Beitrag zur Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit. Hier entwickelten sich die Hochschulen zu einer Festung der Wissenschaft, mit hohen Mauern für alle, die den selektiven Zulassungsvoraussetzungen nicht entsprechen. Nur 0,6 Prozent der Studienanfänger/-innen an Universitäten und nur 1,8 Prozent an Fachhochschulen erwarben ihre Studienberechtigung durch berufliche Qualifikation. Sehen wir nach England/Wales, sind es dort 15 Prozent.

Inzwischen wurden durchaus Spielräume geschaffen, die beruflich Qualifizierten den Einstieg ermöglichen, aber noch sind die Anreize schwach und bewirken wenig. Durch die föderale Struktur liegt die Entscheidungskompetenz bei den Ländern und die bewerten die Öffnung der Hochschulen unterschiedlich, so dass - je nach Bundesland und Hochschule - eine Vielzahl abweichender Zugangsregeln zum Studium existieren. Nur wenige berücksichtigen die bereits im Beruf erworbenen Kompetenzen angemessen und grundsätzlich ist Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung kaum erkennbar. Dabei sind die am Arbeitsmarkt erforderlichen Kompetenzen und Anforderungen in der Berufspraxis so vielfältig, dass berufliche sowie wissenschaftliche Qualifikationen gleichwertig gebraucht werden und als gleichwertig anzuerkennen sind. Unterschiedliche Zugangsregelungen sind ineffizient und ungerecht. Um die Hürden für beruflich Qualifizierte abzubauen, bedarf es trotz Föderalismus bundesweit einheitlicher und akzeptierter Regelungen. Die Verbesserung der Transparenz, Verlässlichkeit, Diskriminierungsfreiheit und Nachvollziehbarkeit von Anrechnungsverfahren sind wichtige Schritte.

Die Finanzierung berufsbegleitenden Lernens

Die Öffnung der Hochschulen bedingt die Entwicklung attraktiver Formen berufsbegleitender wissenschaftlicher Weiterbildung, Studienangebote und -formen, wie berufsbegleitende (Teilzeit-) Studiengänge, Fernstudium, kombinierten Formen aus Präsenz- und Fernstudium oder web-basierten Formen des Studiums, wie E-Learning. Es muss Abschlussmöglichkeiten geben, die auch Teilleistungen zertifizieren. Berufsbegleitende Studiengänge sind aus Sicht der Lernenden besonders interessant, da sie Berufsausübung und Studium ermöglichen. Sie zwingen die Menschen nicht zur Wahl zwischen Berufspraxis und Weiterbildung und führen nicht zu übermäßigen finanziellen Einbußen.

Neben der Etablierung bedarfsgerechter Studienangebote müssen allerdings auch adäquate Finanzierungsprogramme installiert werden. Die Finanzierungsprogramme dürfen nicht nur die Lebenshaltungs- und Studienkosten abdecken, sondern auch die Kosten der Sozialversicherung.

Zudem bedingen die Erfordernisse lebensbegleitenden Lernens einen deutlichen Investitionsschub für die chronisch unterfinanzierten Hochschulen und eine Änderung der Förderpraxis. Hochschulen brauchen eine leistungsfähige Ausstattung, sie müssen ihren Lehrauftrag erfüllen können und bedarfsorientierte Studien- und Beratungsangebote entwickeln. Dazu sind die personellen Kapazitäten auszubauen und anstelle der atemlosen Konkurrenz um Drittmittel muss eine ausreichende Grundfinanzierung treten. Nur so können Hochschulen Lebensbegleitendes Lernen in ihrer Strategie und Kultur verankern. 

Bologna und lebensbegleitendes Lernen

Auch im Bologna-Prozess wird lebensbegleitendes Lernen als umfassende Strategie begriffen und neben der europaweiten Flexibilisierung aller Stufen der Hochschulbildung wird eine Ausrichtung auf die spezifischen Bedürfnisse beruflich Qualifizierter gefordert. Bisher haben sich die Hochschulen vor allem Studienstrukturreform und Studienzeitverkürzung aus dem Zettelkasten der Bologna-Reform herausgepickt. Es wird Zeit, sich auch der anderen bologna-immanenten Forderungen anzunehmen, z.B. verstärkt Maßnahmen zur Öffnung der Hochschulen umzusetzen.

Auch die Entwicklung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) leistet einen nicht unerheblichen Beitrag zur Diskussion um die Gestaltung der Durchlässigkeit zwischen beruflicher und wissenschaftlicher Bildung. Lernen wird hier zum lebensweiten Ziel, wobei das eigene Kompetenzniveau lebensphasenadäquat, flexibel und individuell erweitert werden kann.

Neue Zugangsregeln fördern Durchlässigkeit

Mit dem Blick auf andere europäische Länder mit hoher Durchlässigkeit wie Schweden, Schottland und England/ Wales wäre auch hier die Etablierung eines Punktesystems sinnvoll, das formale ebenso wie non-formale und informelle Lernergebnisse berücksichtigt. Bis dahin sind die Hochschulzugangsregelungen in allen Bundesländern auszubauen, die Möglichkeiten fachgebundener Studienberechtigungen ohne Zugangsprüfung ebenso wie fachungebundene Studienberechtigungen mit kompetenzorientierter Zugangsprüfung. Ergänzend ist eine Zugangsmöglichkeit zum Master ohne ersten Hochschulabschluss zu schaffen. Wirkungsvoll wäre die Etablierung einer Quote für beruflich Qualifizierte an Hochschulen, für deren Einhaltung die Institutionen finanzielle Anreize erhalten.

Die Anerkennung beruflich erworbener Kompetenzen auf ein Hochschulstudium muss selbstverständlich werden, genauso aber auch die Anerkennung wissenschaftlich erworbener Fähigkeiten auf eine Berufsausbildung bzw. Fortbildung oder den beruflichen Aufstieg. Zur Anerkennung von Kompetenzen, die im Studium erworben wurden, sind Regelungen in den Prüfungsordnungen bzw. Verwaltungsvorschriften zur Berufsbildung zu verankern. Bisher wird ein bestehender Spielraum der Prüfungsausschüsse der Kammern zur Verkürzung von Ausbildungszeiten und für die Zulassung zu Fortbildungsprüfungen vor allem in Bezug auf Studienabbrecher/-innen genutzt, hier sind grundsätzlichere Regelungen zu schaffen.

Darüberhinaus muss eine aktive staatliche Weiterbildungspolitik gesetzliche Rahmenbedingungen herstellen, die das Recht auf Weiterbildung ebenso garantieren wie Lernzeiten und eine geregelte Finanzierung, mehr Beratung, Transparenz und Qualitätssicherung. Wir als Gewerkschaft mit unserer Tarifpolitik, die gesetzlichen Interessenvertretungen mit ihrer Regelungskompetenz sowie auch die Arbeitgeber mit ihrer Personalpolitik müssen gewährleisten, dass berufliche Weiterbildung einen hohen Stellenwert bekommt und verantwortlich gesteuert wird.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

jenny schrieb am 28. September 2013 um 12:10 Uhr:

Lieber Herr Rein,
haben sie sich das neue Niveau der Berufsausbildung und der Lernfelddidaktik mal angesehen ---- da ist teilweise ein unterirdisches Niveau bei herausgekommen.
ich sag nur "Alles Paletti auf den Paletten mit den allgemeinbildenden Fächern Spot und Religion.
absolut unterirdisch - kein Wunder dass kein geistig normaler Mensch mit Abitur oder ähnlichem sowas freiwillig lernen möchte - das ist nicht mal mehr Sonderschule.
ich geb ihnen ein weiteres Bsp. das die Ignoranz verdeutlicht:
Fachinformatiker -- ein Beruf den fast nur noch Abiturienten lernen, weil die AG nur Abiturienten nehmen. Und was macht man??
Man rührt die Reste der 1950er Volksschulbildung dort mit runter und behauptet dann allen Ernstes, das wäre das "hohe niveau der Ausbildungen in DE"
ich klär sie mal auf: ein Abiturient würde im Ausland diesen Beruf auf weit höherem Niveau studieren, statt auf dem Niveau der 1950er Jahre Volksschulbildung --- im Ausland rührt man da keinen Religionsunterricht mit rein, sondern diesen hat der Schüler vorher in der allg. Schule erworben.
die meisten Berufsschüler in der Fachinformatik sind volljährige, erwachsene und haben Abitur.
https://www.fh-muenster.de/ibl/downloads/berufsbildungsdialog/lernfeldrel.pdf
und dann die ganze Zeit Phantasie-Aufträge abarbeiten - das soll nachher das Niveau der Hochschulen sein?
wo bleibt das Hintergrundwissen? Ist das überhaupt noch in den Ausbildungen vorhanden? Die größte Volksverdummung war aber das Lernfeld "Alles Paletti auf der Parlette mit Sport und Religion " -- man wird in DE wohl als Nichtabiturient nur noch für Vollstverblödet gehalten.
deshalb würde ich auch nie ein Kind in eine duale Berufsausbildung werfen - man wird für total verblödet gehalten. Das ist unterhalb der Sonderschule mittlerweile -- allein schon die Namensgebung vieler "exemplarischen Lernsituationen" - verschonen sie die Hochschulen vor der Berufspädagogik.
Employability bezog sich auf EU-Ebene übrigens auf Lernschwache und Personen die schwer in den Arbeitsmarkt kommen, nicht auf alle Bildungsgänge, Studenten oder AN die leicht integrierbar sind.
Sogar Berufspädagogen geben das zu, dass die EU-Ebene es anders meinte -- nämlich auf diese Randgruppen bezog.

jenny schrieb am 28. September 2013 um 11:43 Uhr:

Lebenslanges lernen bringt in DE nur wenig. Wegen Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt. Ich hab nun den umständlichen weg durch den 2. Bildungsweg gemacht - hat volle 7 Jahre gedauert --- Abendgymnasium noch mal, dann noch Studium Bachelor -- dann zu alt für den Arbeitsmarkt. Nun mus ich nen Master machen, weil ich mit Bachelor nix finde -- dann bin ich noch älter --- zu alt für den Arbeitsmarkt hier im "demographischen Wandel und Fachkräftemangel"
ich setz meine hoffnung nun auf länder wie GB, wo man Qereinsteigerfreundlicher sein soll

jenny schrieb am 28. September 2013 um 11:40 Uhr:

vieles im Artikel genanntes ist ja richtg und gut, das gibt es im Ausland schon alles.
"Sehen wir nach England/Wales, sind es dort 15 Prozent.""
In GB und Schottland und Nordirland hätte ich mit meiner komischen dualen Ausbildung (Highschool) Direktzugang zum Bachelor gehabt auch OHNE Abitur -- ich hab es geprüft.
bei 5 Jahren Berufserfahrung hätte ich DIREKTZUGANG zu einem fachspezifischen MASTER gehabt OHNE Bachelor -- ich hab es geprüft.
Das ist dort ein sehr durchlässiges System. Eine Bekannte von mir hat in GB Grundschullehramt studieren dürfen mit ihrer ausbildung Bürokauffrau OHNE Abitur.
in DE macht man sich nun also im 21. Jahrhundert auch mal Gedanken, wie man die Bildung der "armen Arbeiterkinder" durchlässig machen kann. Etwas spät finde ich.
und in den anderen Ländern gibts Kurzstudiengänge - die haben einen großen Vorteil! Wenn mal ein akademiker arbeitslos ist, kann er schnell mal neue Kompetenzen lernen und sich so breiter aufstellen. In DE hingegen muss man dann wieder nen master oder sogar Bachelor neu machen, was voll lange dauert.
in anderen Ländern gibt es: Kurzstudium Diploma volll anrechenbar auf Bachelor, diese Ebene entspricht den mittleren Qualifikationen wie dualer Ausbildung (associate, HND, Stufe 5 QF) --- dann Bachelor - dann Master - aber eben auch dazwischen noch postgraduate Diploma Level -- das sind Mastermodule, wo man aber nicht noch mal nen master machen muss, also verkürzt.
Wenn ich in GB z.B. arbeitsloser Akademiker bin und ich will doch noch lehrer werden, dann mach ich einfach nen Master Highschoolteacher und erhalte die Quali dafür. In DE braucht man Staatsexamen und muss dann wieder im 2. Fach von vorne anfangen - dauert dann wieder 3-5 Jahre.
Kurzstudiengänge können gut sein, wenn man kurz mal umschulen muss. In DE ist das noch voll unterentwickelt. Man verliert hier zu viel Zeit und wieso muss immer ne Masterthesis dabei sein?
Bildungskultur lässt sich aber schwer ändern - DE ist eh die Kultur der Passgenauigkeit - Quereinsteiger unerwünscht. Wechsler und Ältere auch.


Volker Rein schrieb am 1. Juli 2011 um 18:43 Uhr:

... auch durch konzeptionell kompatible Qualifikationsgestaltung zu fördern
... ordnungsrahmenpolitisch fasst der Beitrag alles Wesentliche pointiert zusammen. Ergänzend sei hier jedoch noch auf einige Aspekte hingewiesen, die auch in der Diskussion um den DQR im Detail vernachlässigt worden sind:
1. Durchlässigkeit durch kompetenzbezogene Lernergebnisorientierung der Qualifikationen?
Wie im Beitrag betont, haben sich die Akteure der Bildungsbereiche erfreulicherweise auf ein Kompetenzverständnis einigen können. Es steht zu befürchten, dass u.a. rhetorisch unterstützt durch die Hervorhebung der Gleichwertigkeit (nicht Gleichartigkeit!) von Qualifikationen unterschiedlicher Bildungsbereiche eine durchlässige Gestaltung der Qualifikationen vernachlässigt wird, da trotz DQR jeder Bereich nach wie vor seine unterschiedlichen Richtlinien zur Gestaltung von kompetenzbezogenen Qualifikationen hat (z.B. Fach- vs. Aufgabenorientierung).
Es ist angesichts der Stärke der bestehenden Bildungssubsysteme und ihrer tradierten Qualifizierungsperspektiven nicht davon auszugehen, dass die Ausrichtung an Kompetenzen per se Durchlässigkeit schafft, wie dies in den bildungspolitischen Dokumenten auf EU- und auf deutscher Ebene und auch in dem Beitrag gebetsmühlenartig immer wieder behauptet wird. Das Problem ist auch nicht durch die Niveauzuordnung von Qualifikationen gelöst, auf die sich der Bildungsdiskurs z.Z. insbesondere konzentriert. Vielmehr bedarf es eine Fortführung des bereits im DQR-Entwicklungsprozess begonnenen Diskurses, was genau
kompetenzbezogene Lernergebnisorientierung bei der Gestaltung von Qualifikationen in den Bildungsbereichen - auch unter dem Gesichtspunkt der Durchlässigkeit - bedeutet (Leitfäden - bereits auf dem ersten DQR Kongress 2009 einvernehmlich gefordert - könnten hier weiterhelfen).
2. Handlungskompetenz - eine Brücke zwischen beruflicher und -hochschulischer Bildung
Es ist zu hoffen, dass der mit "Bologna" (berufsbezogene Kompetenz, employability, "Können" im Hochschulqualifikationsrahmen von 2005)
begonnene "Schnittmengen- u. Komplementär-Diskurs" beider Bildungsbereiche bildungspolitisch wie in F&E-Maßnahmen deutlich intensiviert wird. Die "handlungsorientierte" Berufsbildung kann hier konzeptionell der Treiber sein ...
3. Beruflichkeit
... wenn sie es schafft, Beruflichkeit aus dem bisherigen Schwerpunktfokus auf Fachkräfte überzeugend auf alle DQR-Niveaus zu übersetzen (womit sie sich bisher schwer getan hat). Hier hilft sicherlich eine stärkere Verknüpfung mit den Diskussion um Qualifikation (auch als Bezugspunkt von non- und informellem Lernen) sowie um Professionalisierung als mögliche Klammer zwischen beruflicher und akademischer Bildung. Ein auch in dieser Hinsicht verstärkter Diskurs zwischen einschlägigen akademischen Disziplinen insbesondere der "Berufs- und Wirtschaftspädagogik" und der "Hochschuldidaktik" wäre hier wünschenswert.

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