Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 13: Januar/Februar 2012 | Die nackten Propheten

Thema der Ausgabe 13: Januar/Februar 2012 Fortschritt für Industrie und Dienstleistung

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Montag, 9. Januar 2012

Die nackten Propheten

von: Tom Schimmeck

Eigentlich ist über die Volkswirtschaftslehre alles gesagt. Ihr Ruf ist ramponiert. Ihre schärfsten Kritiker halten sie ohnehin für eine Hilfswissenschaft der Astrologie; für eine Sekte, die seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in innigem ideologischen Gleichklang ihr immergleiches Liedlein singt: Vom heiligen Markt und der gar heilbringenden Entfesselung seiner Kräfte durch Deregulierung, Liberalisierung, Entstaatlichung, Privatisierung. Damals begab sich der große Schwenk von John Maynard Keynes zu Friedrich August von Hayek, dessen Werk „The Constitution of Liberty“ Margaret Thatcher stets in der Handtasche trug. Der alte Bush hängte Hayek gar die Freiheitsmedaille um. Lange galten „Wirtschaftsweise“ als Propheten. Wenn sie heute ihre marktüblichen Wahrheiten verkünden, hört kaum noch jemand hin.

Doch wir wollen abgewogen sein. Nein, nicht jeder Volljurist avanciert zum zynischen Machtpolitiker. Und auch die Ökonomen sind nicht alle vom gleichen Schlag. Gewiss, es gibt sie, noch, die alten Mainstream-Wirtschafter, jene Phalanx der sogenannten ordoliberalen Schule, die Institute und Hochschulen, Thinktanks und die Talkshow-Sessel der Nation jahrelang beherrschte. Jene „Süßwasser-Ökonomen“, flucht  Paul Krugman, einer ihrer eloquentesten Kritiker und selbst Wirtschafts-Nobelpreisträger, der 2009 in der New York Times die Frage der Fragen stellte: Warum sie alle so falsch lagen, so blind waren: „How Did Economists Get It So Wrong?“.

Ja, wie? Haben wir es hier mit einer Pseudo-Wissenschaft zu tun, die sich, meilenweit von aller Weltrealität entfernt, wie eine Sekte an ihre Gebete klammert? Deren Wortführer sich selbst eingemauert haben in ihren fensterlosen Elfenbeinturm? Die rechnet statt zu denken? Und dazu mit dem „Homo oeconomicus“ einem ebenso schlichten wie tristen Menschenbild huldigt, das nicht einmal dem FDP-Wähler gerecht wird? Wie formulierte es einst Hans-Werner Sinn (Bild: „Deutschlands bester Wirtschaftsprofessor“): „Die Marktwirtschaft ist ein System, das keine guten Menschen braucht. Marktwirtschaft funktioniert mit dem Menschen so, wie er ist: ein egoistisches profitsüchtiges Individuum, das seinen Konsum maximieren will.“ Wie armselig.

Die Volkswirtschaft steht seit der Krise ziemlich nackt da. Doch warum sich noch echauffieren über Herrn Sinn und andere wackere Ritter der neoklassischen Doktrin, über all die properen Professoren, die sich als Stichwortgeber und „Botschafter“ der industriefinanzierten „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ verdingen? Es tut sich was in der Volkswirtschaftslehre. Vermehrt wird den lange verhöhnten Andersdenkenden das Wort erteilt. Heiner Flassbeck etwa, dem Chefökonomen der UNCTAD, der gern die „Unfähigkeit" seiner Zunft diagnostiziert, „die Welt angemessen zu deuten“. Oder Joseph E. Stiglitz, einst Chefberater von Bill Clinton, der den „rechten Flügel der Ökonomen“ so gern unter Feuer nimmt. Endlich sind die en vogue, die sich absetzen. Klassiker werden wiederentdeckt. Denker wie John Kenneth Galbraith etwa, der schon lange vor dem neoliberalen Kreuzzug über „privaten Wohlstand und öffentliche Armut“ geschrieben hat – anno 1958.

Selbst der Wirtschaftspresse platzt inzwischen mitunter der Kragen. Als 190 deutsche Professoren im Februar 2011 mit den üblichen Argumenten gegen eine Ausweitung des Euro-Rettungsschirms wetterten, stöhnte die Financial Times Deutschland: „Ökonomen blamieren sich mit Arbeit zum Euro-Rettungsfonds“.

Neulich im Uni-Spiegel beschrieben Miriam Olbrisch und Michaela Schießl den verrückten Kosmos der deutschen ökonomischen Lehre. Anhand der Geschichte des jungen Henrik, der die Welt verstehen wollte und sich deshalb in Heidelberg als Student der Volkswirtschaft einschrieb:

„Außerhalb der altehrwürdigen Mauern spielten die Märkte verrückt, getrieben von Gier und Panik der Anleger. Drinnen lernten derweil die Studenten, dass "die unsichtbare Hand" des Marktes laut Adam Smith, Papst der Ökonomen, immer zu einem Gleichgewicht führe. Effizient seien die Märkte zudem, erklärten ihnen die Professoren, perfekt ausbalanciert durch Konkurrenz, Angebot und Nachfrage. Die Studenten büffelten sich durch neoklassische mathematische Modelle, in denen ausschließlich rationale Akteure existieren - willkommen in der Welt des Homo oeconomicus.“

Manch einer mag das nicht mehr ertragen. Weshalb die „postautistische Ökonomie“ auch in Deutschland angekommen ist. Postautisten – das ist die selbstironisch angehauchte Bezeichnung einer Bewegung von Wirtschaftswissenschaftlern, die dem enormen Konformitätsdruck der Disziplin widerstehen will. Die der leeren Lehre Paroli bieten und sie wieder in der Gesellschaft verankern will. Die begreift, dass auch die Ökonomie eine Sozialwissenschaft ist und das menschliche Subjekt mehr als ein auf Eigennutz programmierter Roboter.

Die Bewegung ist vor gut zehn Jahren an der Sorbonne entstanden. Seit 2000 erscheint ihr Organ, die real-world economics review, gelesen von über 17000 Interessierten in über 150 Ländern. Seither wächst, befeuert durch die Krise, der Hunger nach Pluralität, nach neuem Denken und klügeren Erklärungen. 2011 entstand die neue „World Economics Association“, der in den ersten zehn Tagen ihres Bestehens 3600 Ökonomen aus 110 Ländern beitraten. Die Wirtschaftswissenschaft, so ihr erklärtes Ziel, soll „der Gesellschaft besser dienen“. Sie fordert mehr Kompetenz, Relevanz und die Öffnung gegenüber anderen Fachgebieten. Höchste Zeit: Die Makroökonomie der letzten 30 Jahre, bilanziert Paul Krugman, sei “bestenfalls spektakulär nutzlos, schlimmstenfalls absolut schädlich“ gewesen.

Die Postautisten stehen nicht allein: 2009 wurde mit Geld von Georgs Soros das Institute for New Economic Thinking (INET) gegründet. In Deutschland entstand im gleichen Jahr das „Netzwerk nachhaltige Ökonomie“. Man rührt sich gegen die Verblendung. Gegen jene marktreligiösen Prediger, die sich selbst niemals als Ideologen sehen – lieber als Sachwalter einer vermeintlich objektiven Realität. Was an sich bereits kein Zeichen von Geistesgröße ist. Schon John Maynard Keynes wusste: „Praktiker, die von sich glauben, sie unterlägen keinerlei intellektuellen Einflüssen, sind gewöhnlich die Sklaven eines längst verstorbenen Ökonomen.“ Und selbst Hayek hatte erkannt: „Wer nur ein Ökonom ist, kann kein guter Ökonom sein.“

Was muss nun weiter geschehen? Wolfgang Streeck, Geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIfG) hat dazu einen pointierten Beitrag geliefert, der zur Pflichtlektüre erhoben werden sollte: „Man weiß es nicht genau“. Wichtige Voraussetzung für ein neues Denken, sagt er, „ist, dass die nachwachsende Generation, insbesondere ihr Wirtschaftswissenschaften studierender Teil, von der an den Universitäten betriebenen monokulturellen Gehirnwäsche mit standardökonomischen Rational- und Marktmodellen geschützt wird.“

Der Text ist eine kluge Abrechnung mit den Verirrungen der Standardökonomie und ihrem Prognosewahn. Zumal es beste Gründe gibt, „zu vermuten, dass es mit der Prognosefähigkeit der Sozialwissenschaften nicht nur gegenwärtig und zufällig, sondern auch grundsätzlich nicht weit her ist.“ Streeck erinnert an die grandiosen Fehlprognosen der größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute für das Jahr 2009. Viel wichtiger aber ist ihm der enge Horizont der von der Politik so lange hofierten Hausökonomen: „Das Weltbild, das dabei heute nach meiner Meinung in erster Linie zur kritischen Debatte stehen muss, und eigentlich schon lange vor der gegenwärtigen Finanzkrise viel rücksichtsloser zu dieser hätte gestellt werden müssen, ist das der Standardökonomie, mit ihrem vom rationalen Egoismus autistischer Kalkulationsautomaten getriebenen Maschinenmodell einer sozialen Welt, die von selbst zur besten aller Welten wird, wenn die Politik sie nur dem sogenannten freien Spiel der Marktkräfte überlässt.“

Streeck greift auf den alten Keynes zurück, der schon vor einem Dreivierteljahrhundert dargelegt hat, warum die Ökonomie nichts vorhersagen kann. Und folgert: „Solange die Wirtschaft – und das heißt bei Keynes immer auch: die Gesellschaft – als Natur behandelt und die Wissenschaft von der Wirtschaft als Suche nach Naturgesetzen betrieben wird, wird man über die Welt nichts wissen können. Systeme von aufeinander bezogenen Handlungen sind ihrem Wesen nach zu komplex – das heißt zu lebendig, zu reagibel, zu historisch – um nach allgemeinen, unwandelbaren, ihnen äußerlichen Gesetzen berechenbar zu sein.“

Was derart schlüssig ist, dass wir uns fragen sollten, warum wir noch immer den Prognosen von IFO etc. lauschen müssen.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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Peter Hamman schrieb am 31. Juli 2013 um 13:01 Uhr:

Sicherlich kann man im Nachhinein mehr sehen als im Vorhinein :-) Letztendlich müssen die Ökonomen allerdings auch versuchen eine gewisse Prognose zu erstellen. Ob sie dabei auf Astrologie oder Pseudowissenschaften zurückgreifen ist ja nur schwer nachzuweisen. Die Marktreligionen sind ja glücklicherweise gleichmäßig verteilt und es gibt ja bekanntlich auch immer die Bullen UND die Bären. Eine einseitige Richtung ist dabei ja nicht festzustellen. Astrologieportale wie Viversum.de, Stregato.de oder www.uwingu.de beschäftigen ja nicht zu unrecht "professionelle" Wahrsager und Hellseher um dem einfachen Mensch den Blick in die Zukunft zu ermöglichen. Da wird sicherleich auch der Eine oder andere Ökonom anrufen. Dessen bin ich mir sicher. Selbst wenn nicht. Die zahlen wenigstens Steuern...

Tom Schimmeck schrieb am 3. Februar 2012 um 02:16 Uhr:

Jürgen Karl schrieb:
....Mir erscheint die neoliberaler Ideologie leider lebendiger denn je.

Das sehe ich an bewölkten Tagen ähnlich. TS

MalEbenSo schrieb am 16. Januar 2012 um 08:24 Uhr:

Wenn der obere Artikel die Urteilsverkündung ist über die Ordoliberalen Wirtschaftsthesen, dann kann man die Urteilsbegründung hier nachlesen:
"Die Dogmen der Ökonomie und die Realität"
http://www.sfv.de/pdf/Dogmen_Oekonomie_1pdf.pdf
Neben der "unsichbaren Hand" werden weitere Thesen auf ihre Realitätsnähe hin untersucht.
Für mich einer der lesenswertesten Grundsatzartikel der letzten Monate.

Jürgen Karl schrieb am 12. Januar 2012 um 15:46 Uhr:

Lange galten „Wirtschaftsweise“ als Propheten. Wenn sie heute ihre marktüblichen Wahrheiten verkünden, hört kaum noch jemand hin.
Nun, wenn man etwa das agieren der Bundeskanzlerin in der aktuellen Euro-Krise sieht, scheint eher das Gegenteil der Fall. Merkel oder besser Merkozy verfolgen stringent ihre neoliberale Agenda mit Schuldenbremse, zusammenstreichen der öffentlichen Haushalte, speziell aller wohlfahrtsstaatlicher Posten bzw. dessen was davon noch übrig ist.
Gerade gestern lobte Merkel Italien für seinen radikalen Sparkurs mit den üblichen Ingredienzien, wie Anhebung des Renteneintrittsalters, Kürzung der Renten, Erhöhung der Mehrwertsteuer. Dies entspricht ganz klar einem der neoliberalen Hauptziele den Staat und den öffentlichen Sektor auszuhungern, mit dem finalen Ziel eine Politik der Deregulierung, der Privatisierung und des Sozialabbaus durchzusetzen.
Dazu äußerte sich etwa der Präsident der Frankfurt School of Finance and Management, Udo Steffens, als Vertreter des neoliberalen Mainstreams, in einem Interview des Deutschlandfunks entsprechend auf die Frage ob ein verschärfter Sparkurs nicht die Gefahr einer Rezession beinhalte:
„Das würde eine Rezession bedeuten, …. Aber man muss sich einmal wahrhaftig damit auseinandersetzen, ob das dann nicht genutzt werden kann, um endlich unsere Sozialsysteme zu entrümpeln, … „
Mir erscheint die neoliberaler Ideologie leider lebendiger denn je.

Sebastian T schrieb am 12. Januar 2012 um 14:19 Uhr:

Ich kann ja den Frust verstehen, der aufkommt, wenn mensch immer wieder die alten Parolen vorgesetzt bekommt. Insofern wird der Artikel einem alternativen Wirtschaftswissenschaftler sicher aus der Seele sprechen.
Allerdings: Die Nennung von Namen wie Flassbeck, Stiglitz und Krugman ist fast schon symptomatisch. Ich fühle mich an die Schwalbe erinnert, die noch keinen Sommer macht.
Es ist zwar schön, wenn zunehmend auch die Medien mal alternative Stimmen aufnehmen. Es ist auch nett, wenn es neue Bewegungen (wie die Postautisten) gibt. Aber auch einzelne Aktionsgruppen oder "Institute" ändern nichts an der verfahrenen Situation an den deutschen Hochschulen selbst. Ich würde einfach mal empfehlen, die Stellenausschreibungen im Bereich VWL zu studieren.
Darüber hinaus: Obwohl ein Generationenwechsel ansteht, ist es manchmal erschreckend, in welcher inhaltlichen Kontinuität Lehrstühle besetzt werden.
Kurz: Ich teile die Kritik des Autors, aber einen richtigen Sommer sehe ich trotz verschiedener Schwalben nicht.

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Kurzprofil

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck, 51, Mitgründer der taz, ehemals Redakteur von taz, Tempo, Spiegel, profil und Woche, Autor von FR, Zeit, Süddeutsche, Geo u.v.a.m., ist freier Autor im Bereich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, produziert derzeit vor allem Hörfunk-Feature. Sein Buch "Am besten nichts Neues" erschien 2010.

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