Gegenblende | Ausgabe 13: Januar/Februar 2012 | Die Revolutionserinnerung im kubanischen Alltag

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Dienstag, 17. Januar 2012

Die Revolutionserinnerung im kubanischen Alltag

von: Nikos Wallburger

Ist ein weiteres Buch zur kubanischen Revolution sinnvoll, einem Thema zu dem bereits eine Vielzahl an Literatur existiert? Wenn John Nicolas Williams der umfassenden Sekundärliteratur nur eine weitere Interpretation „von Außen“ hinzuzufügen hätte, wäre eine solche Frage wahrscheinlich berechtigt. Stattdessen hat er mit „Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview“ eine Analyse der individuellen und kollektiven kubanischen Erinnerungskultur vorgelegt. Es handelt sich um ein auf 32 Interviews aufbauendes Oral History Projekt, das sich der Frage widmet, wie die Kubaner selbst die kubanische Revolution sehen. In Anknüpfung an die Erkenntnisse zu Erinnerung und Gedächtnis von Assmann und Halbwachs widmet Williams sich der Frage, „wie diese [die kubanische Revolution] sich aus Sicht des Gedächtnisses ihrer Teilnehmer darstellt“ und wie dieses Gedächtnis dazu beiträgt die kubanische Gesellschaft zusammenzuhalten.[1] Entsprechend legt das Projekt den Fokus auf die Sicht der Kubaner und Kubanerinnen selber.

Dieses Vorgehen hat im Wesentlichen zwei Vorteile gegenüber einem monographischen Geschichtswerk. Einerseits zielt es auf die Behandlung einer Dimension der Geschichte der kubanischen Revolution, die sich durch andere Quellen nur schlecht oder gar nicht erfassen lässt. Andererseits erlaubt die Oral History die Erinnerungen jener Menschen aufzunehmen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung und den gängigen wissenschaftlichen Verfahrensweisen keine Berücksichtigung finden.

Oral History - zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis

Für ein Oral History Projekt spricht nicht zuletzt der Umstand, dass es nur sehr wenige Ansätze gibt, die in eine ähnliche methodische Richtung gehen. Bis dato existiert nur ein 33 Jahre altes abgebrochenes Oral History Projekt zur kubanischen Gesellschaft, das aber eher lebensgeschichtlich orientiert ist. Methodisch folgt Williams Assman,[2] der in Anknüpfung an Halbwachs davon ausgeht, dass sich das individuelle und kollektive Gedächtnis gegenseitig beeinflussen und einander bedingen. Das individuelle Gedächtnis besitze einen „kommunikative[n] Aspekt“.[3] „Das individuelle Gedächtnis bietet die Grundlage, mit dem das kollektive Gedächtnis interagiert, indem es dieses mitkonstituiert und von ihm mit geprägt wird. Individuelles und kollektives Gedächtnis sind keine Einbahnstraßen, sondern einander gegenseitig beinflussende Strukturen, die auf Verabredung beruhen.“[4]

Kubanische Geschichte und Gesellschaft

Williams schließt sich der Position von Lievesly[5] an, dass „die kubanische Revolution – trotz ihrer nicht zu leugnenden ökonomischen wie demokratischen Defizite – im Wesentlichen durch Konsens zusammengehalten wird“.[6] Entsprechend steht für Williams die Frage nach dem Substrat dieses Konsenses im Fokus seiner Untersuchung. Neben den durchgeführten Interviews behandelt er, gestützt auf einschlägige Sekundärliteratur, die Geschichte der kubanischen Gesellschaft von der Unabhängigkeit 1898, die Beziehungen zu den USA, die zweifache Herrschaft von Fulgencio Batista 1934-1944 und 1952-1959, mit Schwerpunkt auf der Phase ab Beginn des Guerillakrieges 1956 und die Entwicklung der Revolution bis zur Kubakrise 1962, im kubanischen Sprachgebrauch wird von „Oktoberkrise“ gesprochen. Diese zeitliche Auswahl ist dadurch begründet, dass in diese Zeit die wichtigsten gesellschaftlichen Umwälzungen fallen, bis 1962 jedoch weitgehend abgeschlossen waren: „Agrarreform, Nationalisierung der US-Unternehmen auf Kuba durch den kubanischen Staat, sowie die Deklaration des sozialistischen Charakters der kubanischen Revolution.“[7] Die Position, dass die kubanische Gesellschaft anfangs mehr auf Konsens als auf Repression beruhte, kann Williams durch eine schlüssige und überzeugende Argumentation stützen. Konkret kommt er zu dem Ergebnis, dass die Revolutionserinnerung die Fähigkeit besitzt, gerade aus Krisen – wie der Invasion in der Schweinebucht – gestärkt hervorzugehen und dass die US-Politik gegenüber Kuba für das kubanische System mehr eine stabilisierende als destabilisierende Funktion hat. Ähnlich fällt die Bewertung der Herrschaft Fulgencio Batistas aus. Die Erinnerung an das Elend und die Brutalität der Batista Diktatur, die Inhalt der Erinnerungen der älteren Interviewpartner sind, bewirkten und bewirken die Parteinahme zugunsten der Rebellen der Bewegung des 26. Juli und der späteren Regierung Fidel Castros.

Insgesamt besticht Williams Arbeit nicht nur durch eine plausible und sehr gut nachvollziehbare Argumentation, sondern auch durch hohe Lesbarkeit. Inhaltlich gelingt es Williams sein Interesse an dem kubanisch-gesellschaftlichen Gedächtnis und der Entwicklung der Revolution, aber auch an der zukünftigen Entwicklung der kubanischen Gesellschaft nachvollziehbar zu machen. Seine politische Stellungnahme für mehr Freiheit und Menschenrechte unter Beibehaltung sozialer Errungenschaften, insbesondere dem Gesundheitssystem, unterscheidet sich zudem von platten Dämonisierungen, aber auch von einer unkritischen Verherrlichung der kubanischen Revolution.

Rezension von „Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview“ von Nicolas John Williams. Das Buch ist 2011 im Tectum Verlag in Marburg erschienen. 291 Seiten. 29,90€. ISBN: 978-3-8288-2663-2.

 


[1]  S. 19.

[2] A. Assmann: Der Lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, hier verwendet: BFB Lizenzausgabe, Bonn 2007.

[3] Williams, S. 24f.

[4] S. 23.

[5] G. Lievesly: The Cuban Revolution. Past, Present and Future Perspectives, Houndmills, New York 2004, S. 3.

[6] Williams, S. 23.

[7] S. 24.


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Nikos Wallburger
Historiker und Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung
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