Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 13: Januar/Februar 2012 | Dienstleistungsmetropole Berlin – Chance und Herausforderung

Thema der Ausgabe 13: Januar/Februar 2012 Fortschritt für Industrie und Dienstleistung

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Dienstag, 7. Februar 2012

Dienstleistungsmetropole Berlin – Chance und Herausforderung

von: Mechthild Kopel
Berlin

Die Lebensqualität der Menschen ist maßgeblich von der Qualität und zeitlichen Verfügbarkeit von Dienstleistungen abhängig. In gleichem Maße ist auch für Industrie und Mittelstand eine gute Infrastruktur leistungsfähiger Dienstleistungen ein wichtiger Standortfaktor. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen: Wirft man einen Blick auf die zentralen Faktoren, die die Nachfrage insbesondere nach personenbezogenen Dienstleistungen sowie den Angeboten leistungsfähiger Infrastruktur verursachen, ist zu erkennen, dass der Bedarf auch weiterhin steigen wird. Die Nachfrage nach Dienstleistungen ist eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft, die unsere künftige Lebensweise prägen werden.

Gerade für die Metropole Berlin ist der Dienstleistungssektor wirtschafts- und beschäftigungspolitisch von großer Bedeutung. Er prägt die Stadt, ist Wachstumsmotor und bedeutende Wertschöpfungsquelle. Und der Sektor boomt: So stieg die Bruttowertschöpfung etwa im Bereich Handel, Gastgewerbe und Verkehr zwischen 2004 und 2009 um mehr als zehn Prozent. Die Berliner Tourismusbranche verzeichnete – trotz Wirtschafts- und Finanzkrise – steigende Besucherzahlen. In 2010 wurde mit mehr als 9 Millionen Besucherinnen und Besuchern ein neuer Rekord erreicht. Insgesamt wurden 2009 82 Prozent des Berliner Bruttoinlandsprodukts im Dienstleistungssektor erwirtschaftet. 86 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Bundeshauptstadt arbeiten im Dienstleistungssektor. Auffallend und typisch ist: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten (56 Prozent) sind weiblich. Im Gesundheits- und Sozialwesen liegt der Frauenanteil sogar bei 78 Prozent. Berlin kann also durchaus als „Dienstleistungsmetropole“ bezeichnet werden und muss den damit verbundenen Chancen und Herausforderungen begegnen.

Dienstleistungsqualität braucht Wertschätzung

Obwohl sich der Dienstleistungsmarkt zahlenmäßig rasant entwickelt, sind die Rahmenbedingungen für die Beschäftigten einiger Segmente – zum Beispiel im Bereich von Einzelhandel, Gastgewerbe, Wach- und Sicherheitsdienstleistungen, Gebäudemanagement, Reinigung oder Pflegedienstleistungen – vielfach schwierig, oftmals prekär: Ein hoher Anteil an geringfügiger Beschäftigung, Niedriglöhnen, stark flexibilisierten (aber nicht verlässlichen) Arbeitszeiten und geringen Möglichkeiten der Qualifikation prägt den Arbeitsalltag vieler Beschäftigter. Trotz der hohen Bedeutung der Tätigkeiten für einen funktionierenden Alltag ist die Wertschätzung oftmals gering. Freundlichkeit am Hotelempfang, Einfühlungsvermögen bei der Pflege Kranker und Alter und Öffnungszeiten bis mitten in die Nacht werden selten als Leistung wahrgenommen. Oft bestimmt der (niedrige) Preis darüber, ob eine Dienstleitung als „gut“ befunden wird.

Anerkennung und Wertschätzung entstehen durch eine Reihe von Faktoren, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf betrieblicher Ebene. Eine wichtige Säule der Wertschätzung ist die Anerkennung der Qualifikation, die hochwertige Dienstleistungen erfordern, und verbunden damit die Möglichkeit, diese durch Weiterbildung aufrecht zu erhalten und fortzuentwickeln. Zu nennen sind weiterhin ausreichende Möglichkeiten, eine gute Balance zwischen Beruf und Privatleben zu realisieren – was gerade angesichts der notwendigen Arbeitszeiten oft besonders schwierig ist. Aber es kann auch gelingen, durch Möglichkeiten der (Mit-)Gestaltung von Arbeitszeiten funktionierende Zeitarrangements zu finden, die Kunden und Beschäftigten entgegenkommen. Wertschätzung ist auch aus der Perspektive Kundinnen und Kunden ein lohnender Begriff. Wer den Wert einer Leistung zu schätzen weiß, ist – kurz gesprochen – auch bereit, sie zu bezahlen, wenn er dazu in der Lage ist.

Gesellschaftliche Wertschätzung von Dienstleistungen steigern!

Innovation und Qualität im Dienstleistungsbereich hängen von Motivation, Qualifikation, Kompetenz und Handlungsspielraum der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen ab. Um Innovationsprozesse zu erleichtern und vorhandene Potentiale zu entwickeln, richtet das Projekt „Gesellschaftliche Wertschätzung von Dienstleistungen steigern! Dienstleistungsqualität – Arbeitsqualität – Zeitinnovationen“ den Fokus auf die Dienstleistungsarbeit, die Beschäftigten und die Unternehmen des Sektors. Ziel ist es, den Zusammenhang und die Wichtigkeit von Arbeitsqualität, Dienstleistungsqualität und Zeitinnovationen für die positive Entwicklung des Berliner Dienstleistungssektors deutlich zu machen und diese Aspekte in die politische Diskussion und den betrieblichen Alltag von Dienstleistungsunternehmen einzubringen. Hierzu sind zahlreiche öffentliche Fachveranstaltungen durchgeführt worden und auch weiterhin geplant. Aktivitäten auf betrieblicher Ebene beinhalten Workshops mit Beschäftigten von Unternehmen verschiedener Branchen, um Wege und Möglichkeiten für mehr Arbeits- und Servicequalität im betrieblichen Alltag der Beschäftigten auszuloten. Das Projekt rückt Wertschätzung der Beschäftigten und Wertschöpfung gleichermaßen in den Mittelpunkt. Denn: Nachhaltige Wertschöpfung ist nur mit der Anerkennung der Arbeit der Beschäftigten zu erzielen.

Projektpartner sind der Landesbezirk Berlin-Brandenburg der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft – ver.di, der Bezirk Berlin-Brandenburg des Deutschen Gewerkschaftsbunds – DGB und die Wert.Arbeit GmbH, Berlin. Gefördert wird das Projekt von der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF).

Impulse für Innovationen und neue Perspektiven in der Praxis der Dienstleistungspolitik

Um eine lebendige Diskussion zum Thema anzustoßen, wurden im Vorgängerprojekt „16 Impulse für innovative Dienstleistungspolitik in der Metropolregion Berlin“ erarbeitet. Sie stellen eine inhaltliche Grundlage zur Diskussion um einen zukunftsfähigen Dienstleistungssektor in Berlin dar. Zentrale Eckpunkte innovativer Dienstleistungspolitik werden benannt, z.B. (Lebens-)Qualität, Zeitpolitik, Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Innovationen, gute Arbeit, Wertschöpfung und Wertschätzung. Daraus lassen sich neben inhaltlichen Leitplanken auch die Spannungsfelder ableiten, die entstehen, wenn ein lebendiger Dienstleistungsstandort, eine breit zugängliche Versorgung mit bezahlbaren Angeboten, eine auch unter zeitlichen Aspekten anspruchsvolle Infrastruktur und gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten erreicht werden soll. Der Beitrag „Neue Perspektiven für gute Dienstleistungen“ gibt einen neuen Impuls für die Debatte, wie zukunftsfähige Dienstleistungspolitik im Spannungsfeld der unterschiedlichen Perspektiven und Interessen gelingen kann: Eine gute Infrastruktur mit vielfältigen Leistungen, zufriedene Kundinnen und Kunden, bezahlbare Angebote mit nachhaltig guter Qualität und Beschäftigte, deren Arbeit wertgeschätzt wird – durch Anerkennung und Löhne, von denen man leben kann. Denn Armutslöhne und Qualitätsdienstleistung passen nicht zueinander.

Dienstleistungsqualität braucht aktive Zeitpolitik

Ein Fokus des Projektes liegt auf der zeitlichen Gestaltung der Diensleistungslandschaft. Mit dem Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft geht auch ein zunehmender Wechsel von kollektiven und standardisierten Zeitmustern zu individualisierten, flexibilisierten und entgrenzten Arbeitszeiten einher. Die Gesellschaft gibt den Takt vor: Faktoren wie die Länge und Lage der Arbeitszeiten, Öffnungszeiten von Behörden und Geschäften, das Angebot an öffentlicher Infrastruktur, zum Beispiel bei sozialen Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Pflege, oder die Wertschätzung und kulturelle Bedeutung des Wochenendes bestimmen die Lebensqualität entscheidend mit. Folglich sind Wertschöpfung und Wertschätzung im Dienstleistungssektor eng mit der zeitlichen Struktur des Angebotes verknüpft. Daher ist es notwendig, zeitpolitische Fragestellungen auf das Potenzial für Wertschöpfung und Wertschätzung von Dienstleistungen hin zu überprüfen

Es wird deutlich: Die zeitliche Struktur des Angebotes ist von zentraler Bedeutung – und zwar in doppelter Hinsicht. Einerseits müssen die Dienstleistungen dann angeboten werden, wenn sie (zeitlich) benötigt werden – und das kann buchstäblich zu jeder Tages- und Nachtzeit sein. Andererseits erfordern Dienstleistungen und damit die Beschäftigung im Dienstleistungsbereich zu – nach herkömmlichem Verständnis eher ungewöhnlichen Zeiten – eine Infrastruktur, die es auch den Beschäftigten ermöglicht, ihren Alltag zu managen und ihrerseits Dienstleistungen zu nutzen.

Aus der Praxis

Kinder können auch dann krank werden, wenn die Kinderarztpraxis geschlossen hat, wie an Wochenenden und Feiertagen. Wohin dann? Als Antwort auf diese drängende Frage, die häufig dazu führte, dass Eltern mit ihren kranken Kindern die Notaufnahmen der Krankenhäuser aufsuchten, hat Dr. med. Peter Hauber eine Praxis für akut kranke Kinder gegründet, die genau dann geöffnet ist, wenn die Kinderarztpraxen in der Regel geschlossen haben. Der Erfolg gibt ihm Recht: An manchen Wochenenden nehmen mehr als 200 Eltern mit ihren Kindern das Angebot wahr. Die Praxis arbeitet inzwischen mit vier Fachärztinnen und -ärzten und einigen Halbtagskrankenschwestern, die die Wochenenddienste abwechselnd leisten.

Fest steht für alle am Projekt Beteiligten: Die Steigerung der Wertschätzung und der Wertschöpfung von Dienstleistungen in und für Berlin ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Viel Arbeit, aber auch viel ungenutztes Potenzial liegen dabei für Berlin noch bereit!

 

Mehr Informationen, die erwähnten Publikationen und Dokumentationen aller Veranstaltungen finden sich auf dem Internetportal zum Projekt www.dienstleistungsmetropole-berlin.de. Dort besteht auch die Möglichkeit, den regelmäßigen Newsletter zu abonnieren. Kontakt: Wert.Arbeit GmbH, Berlin, mechthild.kopel@wertarbeitgmbh.de


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Kurzprofil

Mechthild Kopel
Geschäftsführende Gesellschafterin der Wert.Arbeit, Gesellschaft für Arbeit, Chancengleichheit und Innovation mbH, Berlin

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