Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 12: November/Dezember 2011 | NACHGEFRAGT bei Fernando Toxo in Spanien

Thema der Ausgabe 12: November/Dezember 2011 Gerechtigkeit in der europäischen Schuldengemeinschaft

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Donnerstag, 10. November 2011
Spanien in der Krise

NACHGEFRAGT bei Fernando Toxo in Spanien

(Präsident des Europäischen Gewerkschaftsbundes und des Spanischen Gewerkschaftsbundes CC.OO )

von: Dr. Kai Lindemann
Stier

bisgleich / photocase.com

GEGENBLENDE: Wie beurteilst Du die Lage der Arbeiternehmer und die Auswirkungen der Krise auf die Arbeiternehmer in Europa und Spanien?

Fernando Toxo: Die Situation der Arbeitnehmer angesichts der betriebenen Krisenpolitik ist den Regierungen und Behörden nicht fremd. Die Besessenheit, das Defizit zu Lasten gekürzter Arbeitnehmerrechte zu bekämpfen und den Sozialstaat abzubauen führt zu einem Machtungleichgewicht. Der notwendige Sparkurs – ein Opfer, das jedes Land zu bringen hat – erschwert die Arbeit der europäischen Gewerkschaftsbewegung und schwächt die Seite der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

In Spanien hat sich, als Folge der Erschöpfung des Produktionsmodells, die Finanz- und Wirtschaftskrise verschärft. Im letzten Jahrzehnt hat sich auf diese Weise im Bau- und Dienstleistungsbereich massive Arbeitsbeschaffung (bei niedriger Qualifikation und Niedriglöhnen) in Arbeitsplatzabbau verwandelt und führt zu einer Arbeitslosenquote von bis zu 20 % (5 Millionen betroffene Personen, 46 % von diesen sind unter 25 Jahren). In diesem Zusammenhang stellt die spanische Regierung, mit „Hilfe“ der Finanzmärkte und –Institutionen und ordnungsgemäß beraten durch die europäischen Kernstaaten, ihre Politik nicht in Frage. Diese Politik ist ausgerichtet auf den Abbau der sozialen Rechte, die Schwächung des Wohlfahrtsstaates und der enormen Finanzspritze in das Finanzsystem und hat sich bislang nicht zu Gunsten der produktiven Aktivität und der Haushalte ausgewirkt. Hinzu kommt der Verzicht auf staatliche Investitionen und folglich auch auf die Ankurbelung der Wirtschaft sowie der Schaffung von Arbeitsplätzen.

GEGENBLENDE: Was muss getan werden, um aus der Krise zu kommen?

Fernando Toxo: In erster Linie brauchen wir ein koordiniertes und entschlossenes Vorgehen der Europäischen Union, ausgerichtet auf die öffentlichen Investitionen, die Konjunktur und die Beschäftigung. Dann müssen wir das Staatsdefizit bekämpfen, ohne es in ein “einziges Schlachtfeld” unserer Regierenden zu verwandeln, und das scharfe Kritisieren der Arbeitnehmerrechte muss beendet werden.

Daher finden sowohl der (spanische) Gewerkschaftsbund CC.OO. als auch der Europäische Gewerkschaftsbund, dass man sich um die Menschen kümmert, die direkt unter den Auswirkungen der Krise leiden. Folgende Ansätze besitzen hierbei oberste Priorität: Die Wiederbelebung der Wirtschaft, eine entschiedene öffentliche Initiative für Investititonen muss entwickelt werden. Die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems muss überprüft werden und eine ehrgeizige und gerechtere Steuerreform in Angriff genommen werden.

Darüber hinaus sollte sowohl auf eine solide Industriepolitik, die in Forschung und Entwicklung investiert, gesetzt werden. Das Bildungssystem muss verbessert werden und es muss mehr und besser mit dem Produktionssystem verbunden werden. Diese Maßnahmen hat der CC.OO. in der Empfehlung für den Beschäftigungspakt dargestellt. Der Beschäftigungspakt ist – wie wir finden – ein gut ausgearbeiteter und unerlässlicher Text und soll in der nächsten Legislaturperiode mit den Arbeitgeberorganisationen, der Regierung, anderen politischen Kräften sowie den verschiedenen Staatsstrukturen in Angriff genommen werden.

GEGENBLENDE: Welche Maßnahmen unternehmt ihr, um die Rolle der Arbeitnehmer zu stärken?

Fernando Toxo: Zuerst müssen wir über eine genaue Diagnose verfügen über das, was vor sich geht. Es sollen keine Kritikpunkte verborgen bleiben, wenn sich der (spanische) Gewerkschaftsbund CC.OO. an die Arbeiter wendet. Unserer Meinung nach handelt es sich hinsichtlich der Behörden und Finanzinstitutionen um einen „organisierten Angriff der Wirtschaft auf die Demokratie“. Folglich schildern wir diese besonders missliche Situation für die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einem Fokus auf die am stärksten sozial benachteiligten Personen(gruppen) der Gesellschaft.

Unsere oberste Priorität als Gewerkschaft ist das Eintreten für die Menschen, die direkt von der Krise betroffen sind (erwerbslose Personen oder Personen, die nicht arbeiten können) gegenüber der öffentlichen Politik. Gleichzeitig verbreiten und verteidigen wir Maßnahmen, die wir zuvor erarbeitet und konkretisiert haben. Und letztendlich intensivieren wir die Aufklärung über die Rolle der Gewerkschaft als ein Pfeiler der Demokratie und ein unersetzliches Werkzeug zum Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Unlängst haben wir in Madrid eine Aktion mit 20.000 Gewerkschaftsvertreterinnen und -vertretern aus dem ganzen Land gefeiert, um diese Forderungen voran zu treiben.

GEGENBLENDE: Welche Rolle spielen die Gewerkschaften in Spanien in der Debatte um die Eurokrise?

Fernando Toxo: Wie ihr wisst, arbeitet die spanische Gewerkschaftsbewegung aktiv daran, sich Gehör für ihre Forderungen bezüglich der Eurokrise, welche in Wirklichkeit die Krise der europäischen Haushalte und eines bestimmten Kapitalismusmodells ist, beim Wirtschafts- und Sozialausschuss (CES) zu verschaffen. Wir glauben, dass die europäischen Institutionen und auch die Regierungen eines jeden Landes aufgegeben haben, eine gemeinsame Politik auszuarbeiten und sich dazu entschieden haben, stattdessen ausschließlich in die Sozialabgaben einzugreifen. Unter anderem sind die politische Einheit und die soziale Kohäsion, eine handlungsfähige Wirtschaftsregierung in Europa, eine gemeinsame Fiskalpolitik und die Gründung von Euroanleihen erforderlich, um über mehr Autonomie und Effektivität in der souveränen Schuldenkrise zu verfügen.

(Übersetzung: Ramona Woop)

 

Das Originalinterview

 

¿Cómo juzga la posición de los trabajadores y los efectos de la crisis sobre los trabajadores en su país?

La situación de los trabajadores no es ajena a las políticas activadas por los gobiernos y los poderes públicos ante la crisis. La obsesión por combatir el déficit a costa de recortar los derechos de los trabajadores, de adelgazar el estado social y de confundir la necesaria austeridad (el sacrificio que debe hacer todo un país) con la pérdida de derechos de una parte, ha debilitado a los trabajadores y ha dificultado la respuesta sindical europea, dada la evolución desigual de cada uno de los países.

En España, la crisis financiera y económica internacional ha venido a agravar la que vivía su economía como consecuencia del agotamiento de su modelo productivo. Así, la masiva creación de empleo de la última década en sectores como la construcción y los servicios (de baja cualificación y bajos salarios) ha derivado ahora en destrucción de puestos de trabajo hasta alcanzar el 20% de tasa de desempleo (5 millones de personas paradas, de ellas el 46% menores de 25 años). En este contexto, el Gobierno español, con la “ayuda” de los mercados y las instituciones financieras,  y debidamente aconsejado por el núcleo duro de la Unión Europea, no ha dudado en orientar sus políticas hacia el recorte de los derechos sociales, el debilitamiento del Estado de bienestar y la inyección de ingentes recursos económicos al sistema financiero que no han revertido en la actividad productiva y las familias. A todo ello hay que añadir la renuncia a la inversión pública y por tanto,  a la reactivación económica y la creación de empleo.

¿Qué se debería hacer para salir de la crisis?

En primer lugar, una actuación coordinada y decidida de la Unión Europea centrada en la inversión pública, la actividad económica y el empleo. Y a partir de aquí, combatir el déficit público sin convertirlo en el “único campo de batalla” de nuestros gobernantes, en el que acaban siendo vapuleados los derechos de los trabajadores.

Por lo tanto, CCOO como la Confederación Europea de Sindicatos, cree que la prioridad pasa por reactivar la economía (atendiendo, mientras tanto, a las personas que directamente están sufriendo los efectos de la crisis), desarrollar una decidida iniciativa pública, revisar el funcionamiento del sistema financiero, acometer una ambiciosa y más justa reforma fiscal, apostar por una política industrial sólida que invierta en I+D+i, mejorar el sistema educativo y vincularlo más y mejor al sistema productivo, y reforzar la protección social. Estas iniciativas, CCOO las ha plasmado en su propuesta de Pacto por el empleo, un texto bien elaborado que creemos imprescindible abordar en la próxima legislatura con  las organizaciones empresariales, el Gobierno, las fuerzas políticas y las distintas estructuras del Estado.

¿Qué medidas están tomando ustedes para fortalecer la posición de los trabajadores?

Primero, disponer de un diagnóstico certero de lo que está pasando. De esta forma, cuando CCOO se dirige a los trabajadores no esconde ninguna de las críticas que a nuestro juicio merecen los poderes públicos y las instituciones financieras ante lo que apunta a “un ataque organizado de la economía contra la democracia”. Y claro, como consecuencia de todo ello dibujamos una situación especialmente delicada para los intereses de los trabajadores y de los sectores más desfavorecidos de la sociedad.

Nuestra primera prioridad como sindicato se centra en trabajar para que las políticas públicas atiendan a las personas directamente afectadas por la crisis (personas sin empleo o personas que queriendo no pueden trabajar). Paralelamente, difundir y defender las medidas que hemos concretado con anterioridad. Y finalmente, intensificar una pedagogía social en torno al papel del sindicato como uno de los pilares de la democracia y herramienta insustituible para la defensa de los trabajadores (recientemente hemos celebrado un acto en Madrid con 20.000 mil delegados y delegadas sindicales de todo el país para avanzar estas propuestas).

¿Cuál es el rol de los sindicatos de su país en el debate sobre la crisis del euro?

El movimiento sindical español, como sabéis, trabaja activamente junto a la CES para hacer oír la propuesta sindical ante la crisis del euro que, en realidad, es la crisis de las economías europeas y de un modelo determinado del capitalismo. Creemos que las instituciones europeas y también los gobiernos de cada país han renunciado a articular políticas comunes y han optado por intervenir exclusivamente sobre el gasto social. Hace falta, entre otras cosas, unidad política y cohesión social, un verdadero gobierno económico de Europa, una política fiscal común y el establecimiento de Eurobonos para disponer de mayor autonomía y eficacia en la crisis de las deudas soberanas.


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