Und nebenbei sind wir mit diesem Buch komplett auf unwichtigen Nebenschauplätzen unterwegs. Dass manche Frauen nicht arbeiten und angeben, es "nicht zu wollen", ist sattsam bekannt und nichts Neues. So billig kriegen wir es nicht. Warum konzentrieren wir uns nicht auf den "Feind" (das Patriarchat in der Arbeitswelt), statt auf eine Gruppe Frauen, die auf ihre Weise auf die hohen, oft unsichtbaren Hürden reagiert? Jede Frau, die äußert, nicht arbeiten zu wollen, hat es verdient, dass wir ihr zuhören, anstatt schnelle Etiketten für sie zu finden. Wir sollten uns auf das focussieren, was uns eint, anstatt Keile zu treiben. Am Ende werden wir sonst die "neue feministische Bewegung " haben, die sich gerade in Frankreich breit macht: Frauen, die es für "emanzpiert" halten und ein Politikum draus machen, nicht arbeiten zu wollen und einen Ernährer zu haben. Was wollen diese Frauen uns sagen? Dass sie ein Recht darauf haben, auf individueller Ebene "zu wählen". Und ja: das haben sie, auch, wenn das nicht jeder gefällt. Sie werden wählen. Wie können wir antworten? Echte, wirklich in jeder Hinsicht gleiche Wahlmöglichkeiten für ALLE (Frauen und Männer). Die Relativierung von Geschlechtsrollen. Die Benennung gläserner Decken. Und schließlich: einem Menschen aus bildungsfernem Milieu, der sagt, er "möchte" die Schule nicht abschließen, werden wir ja auch nicht sagen, er sei bloß faul. Wir werden bedenken, dass er nicht die gleichen Chancen hat und daher einen weiteren Weg.
Solche Bücher brauchen wir nicht. Wir brauchen Macht und Chancen und die Hinwendung zum "echten" Feind. Uns gegenseitig zu etikettieren - wie feige!!! Kopfstandmethode und schreiben, was (aus gutem Grund) bisher nicht geschrieben wurde: wie faul.
- Als kleiner Kommentar aus der "jüngeren" Generation.
Heike Ruppender schrieb:
Faulheit und Feigheit
Diesen Artikel/diese Buchbesprechung finde ich gelungen - vor allem weil er Frauen wach machen und ihnen Mut zusprechen will. Das ist sicher für viele Frauen ein Hinderungsgrund: die Angst davor, andere/neue Wege zu betreten (als die Mutter; als die Freundinnen) und mit Konventionen zu brechen. Es gibt aber, denke ich, einen weiteren Grund für das Aussteigen von Frauen aus dem Berufsleben: Faulheit und Bequemlichkeit. Es ist nämlich ziemlich hart, sich ein Leben lang seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen; jeden Tag zur Arbeit gehen, Leistung bringen, sich mit Kollegen/Kolleginnen auseinandersetzen; den Kindern genügend Zeit und Aufmerksamkeit schenken; Steuererklärungen machen ... Eine Freundin hat es mal - durch einen Versprecher - treffend formuliert: "Nö, ich habe keine Lust. Lieber soll ER anschaffen gehen". Dazu passt eine These von Immanuel Kant aus "Was ist Aufklärung": "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein." Stimmt immer noch. Daran sollten wir also die nächsten 100 Jahre arbeiten: Faulheit - wo wir sie erkennen - beim Namen nennen. Und den Ängstlichen Mut zusprechen.
Es ist schon erschreckend, wie schnell solche Etiketten wie Faulheit oder Feigheit benutzt werden, wenn es um Frauen geht. Natürlich ist es hart, ein Leben lang selbst für sich (und weitere) aufzukommen. Das stellt niemand in Frage. Es ist für Frauen aber HÄRTER. Es ist nicht "ihr Terrain", und jede Frau, die mal oberhalb der unteren Karrierestufen war, weiß das. Es ist kontraproduktiv, viel zu hart und demotivierend, daraus einfach Faulheit zu machen (was immer auch Einzelfrauen im Bekanntenkreis so von sich geben). Zweitens: auch Frauen, die nicht berufstätig sind, arbeiten, und zwar oft sogar härter als die Männer. Sie stehen nicht in gleicher Weise im Existenzkampf. Aber sie halten, wenn sie Kinder haben, unglaublichen Stress aus und bewältigen große Mengen Arbeit. Ich war nie Hausfrau, bin aber Mutter und kann das ahnen. Ich will "weibliche Arbeit" nicht aufwerten, weil ich um die politischen Folgen weiß. Aber wer sie abwertet, etikettiert Frauen als faul und feige (schon mal ein Kind erzogen...?), die es schlicht nicht sind. So gewinnen wir keine neuen Streiterinnen für Gleichberechtigung!
Heike Ruppender schrieb:
Faulheit und Feigheit
Diesen Artikel/diese Buchbesprechung finde ich gelungen - vor allem weil er Frauen wach machen und ihnen Mut zusprechen will. Das ist sicher für viele Frauen ein Hinderungsgrund: die Angst davor, andere/neue Wege zu betreten (als die Mutter; als die Freundinnen) und mit Konventionen zu brechen. Es gibt aber, denke ich, einen weiteren Grund für das Aussteigen von Frauen aus dem Berufsleben: Faulheit und Bequemlichkeit. Es ist nämlich ziemlich hart, sich ein Leben lang seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen; jeden Tag zur Arbeit gehen, Leistung bringen, sich mit Kollegen/Kolleginnen auseinandersetzen; den Kindern genügend Zeit und Aufmerksamkeit schenken; Steuererklärungen machen ... Eine Freundin hat es mal - durch einen Versprecher - treffend formuliert: "Nö, ich habe keine Lust. Lieber soll ER anschaffen gehen". Dazu passt eine These von Immanuel Kant aus "Was ist Aufklärung": "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein." Stimmt immer noch. Daran sollten wir also die nächsten 100 Jahre arbeiten: Faulheit - wo wir sie erkennen - beim Namen nennen. Und den Ängstlichen Mut zusprechen.
Faulheit?!
Ich kann sowohl der Buchbesprechung als auch Frau Ruppender im Wesentlichen zustimmen. Meine eigenen, persönlichen Erfahrungen als allein erziehende, berufstätige Mutter sind natürlich (!) einschlägig und müssen nicht referiert werden. Nicht zustimmen kann ich beim Thema "Faulheit". Ich kenne keine faulen Frauen. Nicht eine einzige. Es dürfte sie geben, aber sicherlich selten. Was mir über die Jahre deutlich wurde: die subjektiven "Bedrohungen" an Frauen sind höher, wenn sie das Gleiche beanspruchen wie Männer. Es fällt nicht auf den gleichen Boden, wenn eine Frau eben nicht ihren Körper als wichtiges Kapital sieht, wenn sie dominantes Verhalten am Arbeitsplatz zeigt, wenn sie in der Beziehung oder in der Familie die gleichen Abstriche machen möchte, wie Männer es selbstverständlich tun. Sie haben Recht: deshalb kann sie es trotzdem versuchen. Aber sie muss, subjektiv wie objektiv, höhere Hürden dafür überwinden als ein Mann. Die Angst, ungeliebt, ungeschätzt, unbeliebt zu sein - Frauen haben sie nicht stärker als Männer. Aber sie werden schneller mit dieser Angst bedroht, denn Gleichberechtigung zu leben bedeutet für sie noch immer, mehr oder weniger offen aus der Rolle fallen zu müssen, wo Männer für das gleiche Verhalten offen belohnt werden. Wir vernachlässigen die emotionalen Aspekte von Emanzipation, auf der weiblichen wie männlichen Seite. Es ist kein Rätsel, warum Frauen ihre neuen Chancen nicht ergreifen. Die Antwort ist einfach. Sie tun es nicht, weil sie sich alle ganz persönlich fragen müssen, wie viel "Abweichung" sie nach außen aushalten und vertreten können. Frauen sind nicht feige. Sie brauchen mehr Mut als Männer. Und es ist auch ein Teil der Emanzipationsbewegung von Frauen, ihnen zuzugestehen, dass sie "im Durchschnitt" auch nicht immer mutiger sind als Männer.
Faulheit und Feigheit
Diesen Artikel/diese Buchbesprechung finde ich gelungen - vor allem weil er Frauen wach machen und ihnen Mut zusprechen will. Das ist sicher für viele Frauen ein Hinderungsgrund: die Angst davor, andere/neue Wege zu betreten (als die Mutter; als die Freundinnen) und mit Konventionen zu brechen. Es gibt aber, denke ich, einen weiteren Grund für das Aussteigen von Frauen aus dem Berufsleben: Faulheit und Bequemlichkeit. Es ist nämlich ziemlich hart, sich ein Leben lang seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen; jeden Tag zur Arbeit gehen, Leistung bringen, sich mit Kollegen/Kolleginnen auseinandersetzen; den Kindern genügend Zeit und Aufmerksamkeit schenken; Steuererklärungen machen ... Eine Freundin hat es mal - durch einen Versprecher - treffend formuliert: "Nö, ich habe keine Lust. Lieber soll ER anschaffen gehen". Dazu passt eine These von Immanuel Kant aus "Was ist Aufklärung": "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein." Stimmt immer noch. Daran sollten wir also die nächsten 100 Jahre arbeiten: Faulheit - wo wir sie erkennen - beim Namen nennen. Und den Ängstlichen Mut zusprechen.