Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 14: März/April 2012 | 1 Prozent und der Rest – der Exitus der amerikanischen Mittelschicht

Thema der Ausgabe 11: September/Oktober 2011 Soziale Ungleichheit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

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Donnerstag, 26. April 2012

1 Prozent und der Rest – der Exitus der amerikanischen Mittelschicht

von: Dr. Erich Vogt
Dollarzeichen

Der Mittelschicht geht das Geld aus. re84 / photocase.com

Klarer und kälter als die Analysten des amerikanischen Finanzmultis ‘Citigroup’ den Zustand und die Zukunft der amerikanischen Wirtschaft und Gesellschaft jüngst skizzierten, geht es nicht mehr. Amerika, so ihr Fazit, ist de facto zweigeteilt. Es gibt nur noch die Reichen und den Rest. Und für die Zukunft der Wirtschaft sind die Reichen, also ganze 1 Prozent der amerikanischen Gesellschaft, ausschlaggebend. Sie halten den Schlüssel zur Gesundung der Wirtschaft in ihren Händen. Der Rest ist eine quantité négligeable.

Eine solche Stratifikation der amerikanischen Gesellschaft hat es in der fast 250-jährigen Geschichte des Landes bisher nur zwei Mal gegeben: während der von Mark Twain so benannten Zeit des Gilded Age, der Zeit nach dem Bürgerkrieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und den Roaring Twenties im 20. Jahrhundert. Beide Perioden kennzeichnete eine enorme Konzentration an Reichtum, die jeweils das Ergebnis war von technologischen Innovationssprüngen, globaler Integration, laissez-faire-Attitüden der Regierenden, sowie der Einführung neuer Finanzinstrumente. John D. Rockefeller, Andrew Mellon, Andrew Carnegie, J. P. Morgan und Cornelius Vanderbilt, allesamt Finanz- und Kapitalgiganten, drückten beiden Perioden ihre Stempel auf.

Beiden Perioden folgten ebenso beachtliche Gegenbewegungen. Anti-Trust-Gesetze brachen die Macht der Monopole, eine nationale Einkommenssteuer spülte Gelder in die Kassen des Bundes, der ‘New Deal’ stärkte den Einfluss der Gewerkschaften, sorgte für bessere Arbeitsstandards, und führte zu mehr sozialer Gerechtigkeit.

Ursachen von einem Prozent

Der Umfang und die Tiefe der heutigen Stratifikation lassen die Auswüchse des Kapitals während dem Gilded Age und den Roaring Twenties wie unbeabsichtigte Verfehlungen eines sich noch in der Orientierungsphase befindlichen Wirtschaftssystems aussehen. Aufgekündigt wurde das nach dem Zweiten Weltkrieg vereinbarte gentlemen agreement, auf alle Wirtschaftskrisen mit deutlichen Einstellungs- und Einkommensschüben zu antworten. Als Richtschnur galt, etwa 50 Prozent der Produktivitätssteigerungen an die Arbeiter und Angestellten als Löhne weiterzugeben. Einer Gallup-Umfrage zufolge verbuchten die 1 Prozent Reichen nach der überstandenen Rezession zu Beginn der 90er Jahre zunächst 42 Prozent aller Einkommenszuwächse auf sich; nach der IT-Rezession zehn Jahre später waren es bereits 65 Prozent. Dieser Anteil wurde 2010 noch einmal gewaltig aufgestockt: Knapp zwei Jahre nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise stellte das renommierte Wall Street Journal eine Produktivitätssteigerung von 5,2 Prozent fest, bei einem Lohnzuwachs von lediglich 0,3 Prozent. Das bedeutet, dass die 1 Prozent atemberaubende 93 Prozent aller Einkommenszuwächse für sich beanspruchten, während sich der Rest mit den übriggeliebenen 7 Prozent zufrieden geben musste. Diese Verschiebungen innerhalb von nur 20 Jahren kommen einem gesellschaftspolitischen Tsunami gleich.

Ebenfalls im Gefolge der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 wurde ein weiteres auf Ausgleich ausgerichtetes Gesetz entsorgt: es sollte mittels einer aktiven Arbeitsmarktpolitik die durch die Rezession ausgelöste Arbeitslosigkeit bekämpfen. Die 1 Prozent haben drei Jahre nach dem ‘Crash’ die Rezession hinter sich gelassen. 2009 nahmen die Top 25 Hedge-Fund-Manager zusammen 25 Milliarden Dollar ein, mehr als vor Ausbruch der Krise. Obwohl der ‘Crash’ anfangs zu massiven Entlassungen an der Wall Street geführt hat, hat sich der Finanzsektor im Vergleich zu anderen Sektoren wieder prächtig erholt. Dem Arbeitsplatzabbau von 8 Prozent im Finanz- und Versicherungswesen stehen 27 Prozent im Bausektor und 17 Prozent in der verarbeitenden Industrie gegenüber.

Wie ungleich die große Rezession bei den Reichen und dem Rest angekommen ist, zeigen zwei andere Zahlen. In der Regierungshauptstadt Washington und dem Silicon-Valley-Mekka San Jose kamen auf 100 Stellenausschreibungen ebenso viele Bewerber. Im Zentrum der ehemaligen amerikanischen Autoindustrie Detroit und dem Freizeitparadies Miami meldeten sich auf jede Ausschreibung dagegen sechsmal so viele Interessenten.

Regionale Verwerfungen folgen sozialen Verwerfungen

Besonders hart schlug die große Rezession in schnellwachsenden Wohnstädten wie Phoenix und Las Vegas zu, und vielerorts in Florida: allesamt bevorzugte Wohnorte für aufstrebende Familien der amerikanischen Mittelschicht mit begrenzten Einkommen und Ersparnissen. Fast spurlos ging sie dagegen in Vorzeigestädten wie San Francisco, Seattle, Boston und Chicago vorüber. Hier ist die neue ‘professional class’ zuhause. Sie hat den Crash gut überstanden, weil sich zum einen die Börse wieder auf Vorkrisenzeitenniveau erholt hat und somit die einst eingefahrenen Aktienverluste wieder voll ausgeglichen werden konnten. Zum anderen hat diese Schicht in der Regel ein diversifiziertes Portfolio. Sie kann es sich inzwischen wieder leisten, neue ‘Assets’ billig einzukaufen. Die aufstrebende Mittelschicht jedoch kann dies nicht. Sie hat in der Regel ihre ganzen Mittel in überteuerte und heute nicht mehr bezahlbare Immobilien gesteckt. Und da der Immobilienmarkt seine Talfahrt unvermindert fortsetzt, steigt mit ihr auch der Wertverlust. Eine Studie des Pew Research Center zeigt, dass die klassische Mittelschichtfamilie seit 2008 23 Prozent ihrer materiellen Werte verloren hat.

Folgt man der Analyse von Emmanuel Saez, einem Ökonomen von der University of California in Berkeley, sieht die Zukunft der amerikanischen Mittelschicht in der Tat düster aus. “Die Reichen”, so Saez, “haben die große Rezession inzwischen weggesteckt. Die Mittelschicht aber hat zu kämpfen. Sie kämpft primär um ihre Jobs und ihr Überleben. Für viele wird es kein ‘comeback’ mehr geben. Und wer seinen Job halten kann, wird sich mit weniger zufrieden geben müssen.”

Der ‘Crash’ von 2008 hatte letztlich die bereits seit Jahren auf den Vormarsch befindlichen wirtschaftlichen Veränderungen offengelegt und verstärkt. Amerika wird sich also darauf einrichten müssen, dass absteigenden Industriezweigen und Unternehmen (‘sunset industries’) Investitionsmittel entzogen und diese den neuen, aufstrebenden Wirtschaftssektoren (‘sunrise industries’) zugeführt werden. Städte und Regionen, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt und an nicht mehr zukunftsfähigen Industrien festgehalten haben, werden ebenso ins Abseits gedrängt; und Arbeiter, deren Tätigkeiten mehr und mehr von neuen Technologien verrichtet werden, werden en masse ihre Jobs verlieren und nur schwer neue finden.

Schicksalhafte Bereinigungen und Schrumpfungen?

Die Wirtschaftstheoretiker der ‘Chicago Boys’ sagen, dass die gegenwärtigen „Bereinigungen“ kontrollierten Waldbränden gleichen und ebenso gesehen werden müssen. Nicht mehr zeitgemäße und unproduktive Unternehmen müssen neuen, innovativen und effizienteren Produktionen mit mehr Wachstumspotential weichen. Ob diese Sicht der Dinge einer wirtschaftshistorischen Analyse Stand halten kann, ist völlig offen. Sicher ist aber, dass die Umbrüche mit brutaler Klarheit zeigen, wohin die Gesellschaft geht und welche ‘Klasse Mensch’ sie hinter sich lassen wird. Und sicher ist auch, dass sich im Amerika des 21. Jahrhunderts eine ‘winner-takes-all’-Mentalität breit macht auf Kosten einer schwindenden Mittelschicht.

Das sieht auch der MIT-Ökonom David Autor so. “Die große Rezession”, schreibt er in seinem 2010 veröffentlichten Weissbuch zur Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt, “hat quantitativ zu einer Arbeitspolarisierung geführt. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist dramatisch gewesen bei weniger anspruchsvollen Jobs für ‘white and blue collar’-Arbeiter und Angestellte und im Dienstleistungsbereich; also in den Industrien und Sektoren, die die Mittelschicht traditionell besetzt. Jobs in den anspruchvolleren administrativen, professionellen und hochtechnologischen Industrien dagegen haben die große Rezession fast unbeschadet überstanden; ebenso Jobs im unteren Dienstleistungssektor. Diese Enwicklung auf dem Arbeitsmarkt wird die Mittelschicht in der amerikanischen Gesellschaft nachhaltig prägen”.

Prägen wird sie auch der Umstand, dass sich die amerikanische Wirtschaft seit Beginn der Globalisierung in einem permanenten Umstrukturierungsprozess befindet. Als die Wertschöpfung in der Industrie erlahmte, setzte die Wirtschaft auf den Dienstleistungsbereich und den aufstrebenden Informationssektor als neue Wachstumslokomotiven. Gleichzeitig wurden die Güter-, Service-, Arbeits- und Kapitalmärkte als globales ‘supply chain management’ organisiert.  Dieser Prozess wurde mit der Finanz- und Wirtschaftkrise nochmals beschleunigt unter Einsatz immer leistungsfähigerer Daten- und Informationssysteme. Das Ziel war es, Kapital und Arbeit zu ‘optimieren’, also profitabler zu machen.

Dieser Umbruchprozess ist aus Sicht der amerikanischen Wirtschaft abgeschlossen. Die Transformation von einer primär in der verarbeitenden Industrie tätigen Wirtschaft mit hohem Humankapitaleinsatz hin zu einer Wirtschaft, die mit grossemTechnologieaufwand immer neue, innovative Hochleistungsaufgaben übernehmen kann, ist das Ergebnis dieses Umbruchprozesses. Ein Blick auf die Zahlen macht dies überaus deutlich. Während die Zahl der Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie zwischen 1960 und 2000 zwischen 17 und 19 Millionen relativ konstant blieb, wurden von 2000 bis 2010 fast 6,5 Millionen Jobs entweder abgeschafft oder nach China und in andere Schwellenländer Asiens verlegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Amerika fortan kein Industrieland mehr sein will oder kann. Die davor abgelaufende Transformation von der Agrarwirtschaft hin zur Industriewirtschaft hat auch nicht dazu geführt, dass das Land seine Landwirtschaft aufgibt. Amerika hat noch immer die zweitgrösste verarbeitende Industrie der Welt, gemessen am Umsatz, und die weltweit drittgrösste Agrarwirtschaft. Was sich wie in der Landwirtschaft auch in der verarbeitenden Industrie jedoch nachhaltig ändern wird, ist der hohe Einsatz an mechanisierten Produktions- und Distributionsverfahren und -technologien. Analysen zeigen, dass dieser Industriebereich in den nächsten Jahren ebenso wie die Landwirtschaft heute schon nur noch 2 Prozent des amerikanischen Arbeitsmarktes bedienen wird. Der Ökonom und Vize-Präsident der amerikanischen Zentralbank, Alan Binder, ist der Meinung, dass innerhalb der nächsten 20 Jahre zwischen 22 und 29 Prozent aller Arbeiten in Amerika ausgelagert werden können. Der Druck auf die Mittelschicht wird also nicht nur anhalten, er wird sich weiterhin verstärken.

Der globale Trend zur Lohndrückerei

Ein Blick auf den Arbeitsmarkt macht die Entwicklung sehr deutlich. Die Stellen, die nach der großen Rezession wieder geschaffen wurden, waren deutlich geringer entlohnt als vor der Krise. Ungefähr 40 Prozent der in den Jahren 2008 bis 2010 eingestampften Stellen waren im höheren Einkommenssegment angesiedelt; lediglich 14 Prozent wurden nach der Krise wieder besetzt. Gänzlich anders ist das Bild im niedrigen Einkommensbereich, wo durchschnittliche Stundenlöhne weniger als $ 15 betragen. Von diesen Stellen wurden vor dem ‘crash’ 23 Prozent eingefroren; nach der Krise machten diese nach einer Befragung des National Employment Law Project jedoch bereits 75 Prozent aller neu geschaffenen Stellen aus. Eine der grössten Herausforderungen der amerikanischen Gesellschaft wird es sein, die Arbeiten, die traditionell auf der unteren Arbeitsmarkt – und Einkommensskala rangierten, sicherer, verantwortungsvoller und erfüllenderer zu machen; in anderen Worten, sie zu Mittelschichtenjobs zu machen.

Von dieser Entwicklung bleiben auf absehbare Zeit die ‘high value’-Jobs verschont; also die kreativen, komplizierten Arbeiten, die dem Land einen seit Jahrzehnten bestehenden technologischen Vorsprung beschert und gesichert haben. Nicht ohne Grund betont Präsident Obama deshalb die Bedeutung einer exzellenten und umfassenden Bildungspolitik und Schulbildung für die Zukunft des Landes. Gleichwohl muss festgehalten werden, dass das vom Präsidenten gepriesene “Gleichheitsmedium Bildung” ebenso wie die Informations- und Kommunikationsmedien zu einer weiteren Klassenstratifikation führen kann. Amerikanische Universitäten sind mit Blick auf ihren Zugang und ihre Qualität ebenso ungleich wie die amerikanische Gesellschaft auch. Der Zugang zu den exzellenten Eliteuniversitäten wird nach wie vor nicht nach rein meritokratischen Gesichtspunkten geregelt; die Sprösslinge der Reichen und Grosspender werden immer noch durchgewunken, und gut funktionierende Netzwerke und das berühmte ‘Vitamin B’ erledigen das Nötige. Was für den Rest bleibt, sind staatliche Universitäten, die in der Regel an chronischer Unterfinanzierung leiden, oder zweijährige ‘community colleges’, die eine Art Aufbaustudium sicherstellen sollen. Für Job-Bewerbungen sind Bachelor- und Vordiplome dieser Einrichtungen jedoch wertlos.

Besonders hart trifft diese Entwicklung die Männer der Mittelschicht. Einer Studie des MIT-Ökonom Michäl Greenstone zufolge sind deren durchschnittliche Einkommen seit ihrem Höchststand 1973 um 32 Prozent gefallen. Die Folgen dieser spiralhaften Entwicklung nach unten (‘downward mobility’) gehen weit über die ökonomischen hinaus; sie ziehen in der Regel soziale und kulturelle Anpassungsschwierigkeiten nach sich. Wenn Männer es nicht schaffen, sich über ihre traditionellen Berufe in der Industrie und im Baugewerbe hinaus zu qualifizieren, wird ihr Abstieg noch dramatischer verlaufen. 1967 hatten noch 97 Prozent der Männer im Alter zwischen 30 und 50 Jahren mit einem high school diploma einen Job; 2010 waren es nur noch 76 Prozent. Der schwindende Anteil von Männern in Arbeit ist allerdings nicht nur ein amerikanisches Problem; vergleichbare Entwicklungen werden auch in anderen westlichen Industrieländern beobachtet. Sie sind insgesamt Ausdruck einer systemischen Entwicklung. Je mehr Länder sich von ihrer industriellen Produktionsbasis abwenden, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit eines Lebens ohne Arbeit der bereits kleiner werdenden Mittelschicht.

Gefahren für den American Dream

Das Entstehen einer primär aus Männern bestehenden ‘Unterklasse’ ist Soziologen zufolge der nächste Schritt in diesem Prozess, mit noch nicht absehbaren Konsequenzen für die Entwicklung und Funktionalität der Familie als Ankerposition in der Gesellschaft. Das Familienleben durchschnittlich Gebildeter mit Sekundarschulabschluss, das vor 40 Jahren noch mehr gemein hatte mit dem von Familien mit Universitätsabschluss, ähnelt heute eher dem Leben von Familien ohne Schulabschluss, einschliesslich den damit einhergehenden Problemen Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, Finanznot, Partnerkonflikten, sowie vermehrte Fälle von Alleinerziehenden und deren Kinder mit auffälligen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen. In Gemeinden und Ortschaften, in denen der Universitätsabschluss der Regelfall ist, sind Familien, zumindest aus statistischer Sicht, größtenteils intakt. Für Gemeinden, in denen Sekundar- und Universitätsausbildung die Ausnahme ist, gilt dies nicht mehr.

Für den Soziologe Bradford Wilcox ist das rapide Absinken großer Teile der Mittelschicht in die Unterklasse ein Alarmzeichen für das demokratische ‘Projekt Amerika’: “Ende 1990 haben sich 37 Prozent durchschnittlich gebildeter Männer und Frauen nach weniger als 10 Jahren des Zusammenseins scheiden lassen; bei Männern und Frauen mit Universitätsabschluss waren es kaum mehr als 10 Prozent. Die Kindergeburtenrate bei alleinstehenden Frauen mit moderater Bildung in dieser Zeit lag bei 44 Prozent, und bei Frauen ohne Schulabschluss bei 54 Prozent; bei Frauen mit Universitätsausbildung dagegen lag sie bei lediglich 6 Prozent.”

Für sich genommen sind die Perspektiven für Frauen mit Schul- und Universitätsabgang günstiger. Die von ihnen präferierten Berufe im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich haben deutlich zugelegt; der Arbeitsmarkt stellte 4 Millionen zusätzliche Jobs in diesen Sektoren bereit. Männer konnten von diesen Jobs lediglich 25 Prozent für sich reklamieren, ein ebenso großer Anteil wie vor 10 Jahren. Ebenfalls größer ist der Anteil an Frauen in Jobs, die kommunikative ‘personal skills’ und Teamarbeit erfordern.

Ein breitflächiges Bildungsangebot allein wird das Problem der Mittelschicht nicht lösen können. Die jährlichen Investitionen in den Bildungssektor von über $ 160 Milliarden haben das hinreichend deutlich gemacht. Dagegen verblassen die Investitionen in praktische Ausbildungsmassnahmen; ganze $ 7 Milliarden haben Washington und die Bundesstaaten in diese Bereiche gesteckt. Die ungleichgewichtige Verteilung der Mittel soll nun bereinigt und ‘vocational training’ und berufsfördernde Akademien verstärkt angeboten werden. Das deutsche Ausbildungsmodell hat in den USA inzwischen viele Anhänger gefunden.

Gleichwohl hat der Glaube an die Machbarkeit des Aufstiegs, der ‘upward mobility’, im letzten Jahrzehnt Schaden genommen. Ein Blick auf die Statistik zeigt warum: 40 Prozent der Kinder, deren Eltern zu den Top-20-Prozent-Verdienern gehören, finden sich in der Regel in diesem Einkommenssegment später wieder. Spiegelbildlich finden sich 42 Prozent der Kinder, deren Eltern zu den unteren 20 Prozent der Einkommensskala gehören, ebenfalls dort wieder. Nur 6 Prozent von ihnen schaffen es bis zu den Top-20-Prozent. Das ‘rags-to-riches’-Märchen ist genau das: ein Märchen.

Eine immer stärker auseinanderklaffende Bildungs- und Einkommensschere stellt nicht nur die wirtschaftliche Existenz besonders der Mittelschicht zur Disposition, sie stellt ebenso eine der Grundfesten des Selbstverständnisses der Amerikaner schlechthin infrage: der Zuversicht, dass es ungeachtet zyklischer Aufs aund Abs den nachfolgenden Generationen wie bisher auch letztlich besser gehen wird als der jetzigen – und dass der American dream damit fortlebt.

Im Amerika des Jahres 2012 geht die Angst um. Und diese Angst ist mehr als nur die Befindlichkeit von Individuen. Es ist eine kollektive Angst, die sich in allen Bevölkerungsschichten breitmacht. Diese Angst legt die Bruchstellen der amerikanischen Gesellschaft offen.

Der Mittelklasse und den Armen ist das Vertrauen auf den ‘can do spirit’ abhanden gekommen, und damit auch ein Stück der bisher auf Ausgleich und Fairness ausgerichteten politischen Kultur und wirtschaftlichen Stabilität des Landes. Die politischen und wirtschaftlichen Extreme haben eindeutig zugenommen. Der Druck, den die Reichen 1 Prozent auf den Rest ausüben, nimmt ständig zu. Ob es dem Land letztlich gelingt, das extreme Auseinanderklaffen der Gesellschaft noch rechtzeitig aufzufangen und in geordnete gesellschaftliche Prozesse einzubetten, hängt ganz von der Breite und Tiefe des überfälligen gesamtgesellschaftlichen Diskurses ab. Dieser Diskurs muss allerdings ebenso schonungslos in der Benennung der Diagnose wie mit der Verordnung der Therapie sein. Die Zeit, die vielschichtigen gesellschaftlichen Probleme im Allgemeinen und die der Mittelschicht im Besonderen weiterhin mit ‘surgarcoding’ zu überdecken, ist vorbei.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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A. Meyn, Hamburg schrieb am 22. Mai 2012 um 19:59 Uhr:

Ein sehr guter, informativer Bericht. Nur schade, dass etliche Komentare sich in bekannten Platitüden erschöpfen.

Xrayn schrieb am 5. Mai 2012 um 08:21 Uhr:


manfred richter schrieb:
hochinteressanter artikel - und auch sehr informativ. mir stellt sich allerdings die frage, wieso die deutschen gewerkschaften dann an der herstellung solcher us-zustände in der brd mitwirken und mitgewirkt haben.

Das frage ich mich schon lange. Der DGB hat H4 sogar begrüsst, obwohl er um die Folgen wissen musste. Was sagt denn der Herr Sommer dazu? War er nicht Schröders "bester Freund"?

Ostarrichi schrieb am 2. Mai 2012 um 03:31 Uhr:

Es wird die Zeit kommen, da werden diese 1 Prozent mit dem Hubschrauber flüchten müssen oder so enden wie Ceausescu, und das gilt speziell auch für Europa, inklusive Deutschland.
15 Dollar Stundenlohn sind übrigens immer noch exzellent im Vergleich zu Österreich, wo man oft nur 5-6 Euro hat, ganz zu schweigen von den 1 Euro-Jobs über Hartz 4 in Deutschland.

Haymo Hinderberger schrieb:
Schoen, habe selten einen so vollstaendigen Artikel ueber die amerikanische Society gelesen. Zwei erschuetternde events bleiben
unerwaehnt. Der abgrundtiefe politische Hass im Volk und in den Parteien und das politisierende
hohe Gericht das gerade ueber die krankenreform ein Urteil abgeben soll.
Das wird aber kein Urteil zum Wohle des Volkes. Es wird darum gehen den Republikanern Wahlhilfe zu geben. Schade.
Nochmals, Vielen Dank und nehmen Sie mich bitte auf Ihre e-meil Liste

Herbert Steffes schrieb am 1. Mai 2012 um 09:52 Uhr:

Ganz vorzüglicher Artikel - danke. Die deutschen Gewerkschaften verraten ihr eigenes Klientel aber schon wieder: vor 10 Jahren Sozialabbau mit Schröder, jetzt für Merkel mit Gabriel ohne jeglichen Blick auf das ausbeuterische imperialistische Treiben der deutschen politischen Klasse, die vor 70 Jahren noch Panzerarmeen einsetzen mußte, um Europa zu beherrschen - doch heute erheblich effizientere Wege gefunden hat. Wo bleibt die grundlegende DGB-Analyse und -Kritik am derzeitigen System im eigenen Haus?

null schrieb am 30. April 2012 um 19:06 Uhr:

...er entliess nicht streikende Mitarbeiter einer Airline (wie auch), sondern sämtliche Fluglotsen, und nahm erhebliche Verkehrseinschränkungen auf Jahre hinweg in Kauf, um zu privatisieren.
Berthold Goergens schrieb:
Die Geschichte des heutigen Neoliberalismus muss noch geschrieben werden:
Vorerst erfolgt die Geschichte in der Form von Thesen:
1. Die entwickelten, kapitalistischen Staaten befanden sich in der moralischen und strategischen Defensive.
2. Der Vietnam-Krieg näherte sich dem Ende, moralisch und militärisch war er durch die – US-Führung und der sie bestimmenden Monopole – der Militär-Industrielle Komplex usw. usf. – verloren.
3. Das internationale System des Finanzkapitals – Bretton-Woods-System genannt - befand sich in der Krise und ging seinem wohlverdienten Ende entgegen.
4. Die „sozialistische“ Bewegung befand sich auf dem Vormarsch – was sich noch als schwere Hypothek erweisen sollte.
5. Zum ersten Mal in der Geschichte deutete sich in Chile der demokratische Übergang zum einem pluralistischen Sozialismus an.
6. Das Finanzkapital gab nicht auf, wie es Rudolf Hilferding in seinem epochalen Buch analysierte – das auch in Fachkreisen der 4.Band des Kapitals genannt wird – es ist zäh und kämpft mit allen legalen und illegalen Mitteln und Methoden um seine Herrschaft.
7. Vom CIA und Kissinger gesponsert ergriffen die reaktionären Kräfte in Chile ihre Chance, dass ein instabiles Land durch Terror und das willige Militär unter Pinochet in den „Griff“ zu kriegen wäre.
8. Mit ungeheurer Brutalität wurde der Putsch durchgeführt, tausende wurden gefangen genommen und in das Stadion von Santiago de Chile eingesperrt, so wie es die Folterknechte des CIA von den deutschen Faschisten gelernt hatten und in Schulungen dem Militär in Lateinamerika beigebracht hatten.
9. Pinochet wusste mit der Staatsführung nichts anzufangen, also berief er OPUS DIE und die bei Milton Friedmann in Chicago ausgebildeten Wirtschaftsleute zu seiner Hilfe. Sie hatten freie Hand und übereigneten die Renten- und Krankenversicherung dem Markt und damit den Finanzkapitalisten, einschließlich der Deregulierung und Privatisierung des Bildungswesens konnten sie neoliberale Experimente ungehindert von demokratischen Regeln durchführen.
10. Alle Reaktionäre dieser Welt beobachteten diese Experimente aufmerksam und zogen ihre Schlüsse daraus. Thatcher und Reagan bauten Großbritannien und die USA nach diesem Modell um, nicht von ungefähr entließ Reagan streikende Beschäftigte einer Airline, denn zur Ideologie des Neoliberalismus gehört die These, dass nur der ungehinderte Vergleich auf den internationalen Märkten, den Fortschritt im Sinne des Kapitals gewährleistet.
11. Die Verkehrsdienstleistungen entsprechen seither nicht den ökologischen Kosten, die diese verursachen, das ist ein neoliberales Tabu, daran darf nicht gerührt werden.
12. Auf der Basis des Kupferreichtums, der gewaltsamen Ausschaltung der Gewerkschaften konnte sich Chile erstaunlich schnell erholen und unter diesen Bedingungen konnten die Bedürfnisse der Mittelschicht befriedigt werden, so gewann der chilenische Faschismus eine zeitweilige soziale Basis.
13. Der Schröder und der Riester setzten die Rentenreform im Interesse ihres AWF-Freundes Maschmeyer mit der Riester-Rente im neoliberalen Sinn um, die Betrogenen sind die kommenden Rentnergenerationen.
Berthold Goergens, Frankfurt am Main

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