Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 14: März/April 2012 | NACHGEFRAGT bei Prof. Dr. Joseph Vogl in Berlin

Thema der Ausgabe 11: September/Oktober 2011 Soziale Ungleichheit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

«
Diskutieren Sie mit.
Freitag, 20. April 2012

NACHGEFRAGT bei Prof. Dr. Joseph Vogl in Berlin

von: Dr. Kai Lindemann

Das Buch „Das Gespenst des Kapitals“ vom Berliner Literaturprofessor Joseph Vogl ist inzwischen in fünfter Auflage erschienen. Es ist meiner Meinung nach eine der präzisesten Analysen der gesellschaftlichen Bedingungen, die uns in die Krise von 2008 führten. Einige zentrale Aspekte des Buchs werden im Folgenden beleuchtet.

GEGENBLENDE: Sehr geehrter Herr Vogl, sie entwickeln in ihrem Buch den Begriff der „Oikodizee“[1], der die Glaubensbekenntnisse der modernen Wirtschafts-Gurus beschreibt. Der Begriff differenziert in historischer Dimension die pauschal benutzten Begriffe Markt und Wettbewerb sehr genau. Der vorläufige Endpunkt der Entwicklung und vielleicht auch der Mythen Markt und Wettbewerb ist bei ihnen der sogenannte Neoliberalismus.

Sie schreiben aber sehr wenig über die Bedeutung der Arbeit, die ja nun im Kapitalverhältnis steckt. Kann von ihr nicht auch eine emanzipatorische Widerspenstigkeit gegenüber der „Oikodizee“, gegenüber ökonomischer Macht erwartet werden?

Vogl: Sie haben Recht, ich habe über die Bedeutung der Arbeit fast gar nichts geschrieben. Die Arbeit wurde ja anderswo ausführlich verhandelt. Am deutlichsten hat wohl Marx die Widerständigkeit der Arbeitskraft in der kapitalistischen Produktionsweise behauptet. Dies führte bei ihm zu den Überlegungen über den tendenziellen Fall der Profitrate zu den Widersprüchen zwischen Kapital und Arbeit, die letztlich eine ruinöse Dynamik im kapitalistischen System entfalten sollten. Und natürlich wirkt darin noch eine Dialektik, die zur Emanzipation des Knechts gegenüber seinem Herrn führen sollte. Wie kann man heute an diese Überlegungen anknüpfen?

Vielleicht sollte man zunächst daran erinnern, dass sich der Marxsche Arbeitsbegriff im philosophischen Fahrwasser des 19. Jahrhunderts und im Kontext der ökonomischen Klassik bewegt. Die Arbeit erscheint dabei nicht nur als Wertsubstanz, sondern als Substanz des tätigen Menschen überhaupt. Das ist die Voraussetzung. Die historische Frage ginge aber einen Schritt weiter und würde nach den Bedingungen fragen, unter denen die ‚Arbeit’ damals eine derart prominente Position besetzen konnte. Man käme dann auf ein seltsames Konsortium, in dem die Industrialisierung, die Humanwissenschaften, pädagogische und disziplinartechnische Praktiken, vielleicht auch Rückgriffe auf die Thermodynamik zusammenwirken, um aus der ehemaligen ‚Mühsal’, dem Fluch des christlichen Menschen, eine moderne, produktive Arbeit zu machen und sie in den Menschen einzupflanzen.

Die ‚Arbeit’ ist also selbst ein historisches Produkt. Und sie ist als solches nicht nur zu einer Koordinate für das Selbstverständnis sozialer Bewegungen geworden, sondern auch zu einem Disziplinierungsinstrument: Mit der Berufung auf das Widerstandspotential der Arbeit hat man sich noch nicht von den Bedingungen befreit, unter denen die Leute auf DIE Arbeit als Existenzgrundlage verpflichtet wurden.

Eine weitere Perspektive wird durch die jüngsten Entwicklungen nahe gelegt. Die so genannte Neoklassik hat sich ja nicht nur darum bemüht, die Arbeit aus ihren Modellbildungen herauszukürzen (und an deren Stelle, als Wertsubstanz, den ‚Nutzen’ gesetzt). Vielmehr kann man wohl beobachten, wie sich gegenwärtige Produktionsweisen vom Faktor Arbeit selbst unabhängig machen wollen. Das lässt sich mit der Prekarisierung von Arbeit umschreiben, meint genauer noch aber zwei Prozesse: Einerseits werden durch neue Beschäftigungsformen die alten Entgegensetzungen von Kapital und Arbeit in den Innenraum der Subjekte verlegt, die als Unternehmer ihre eigenen Beschäftigten sind – „Ich-AGs“, „Arbeitskraftunternehmer“ oder das „unternehmerische Selbst“ (Anm. der Red.: siehe den Text von Bröckling in dieser Ausgabe) wären die gängigen Titel dafür. Andererseits lässt sich bemerken, dass Unternehmen über die Arbeit hinaus weitere Ressourcen erschlossen haben, die letztlich das Leben insgesamt betreffen. Man hat hier bereits von einem „Bio-Kapitalismus“ gesprochen: Die Grenzen zwischen Arbeit und Restleben werden perforiert, als Prosumer oder im Crowd-sourcing wird man unwillentlich und mit seinen Vitalressourcen in die Wertschöpfungsnetze der Unternehmen integriert.

GEGENBLENDE: Ihr Werk ist gewissermaßen eine Anthropologie des Tauschprinzips (Marktes), die schon von Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ umrissen und diskutiert wurde. Dort wird die Beziehung zwischen Raub und Tausch permanent hervorgehoben.

Sie diskutieren in ihrem Buch „Das Gespenst des Kapitals“ zwar ausführlich die Bedeutung politischer Regelwerke für ökonomische Prozesse, aber die Abweichung vom sozial determinierten Tausch, also den Raub oder die Korruption, behandeln sie gar nicht. Warum?

Vogl: Weil es mir um eine ganz andere Frage ging, um die Frage nämlich, wie bestimmte ökonomische Theorie- und Modellbildungen zu einer umfassenden sozialen und politischen Ordnungslehre werden konnten. Es ging mir also um die Herkunft, die Voraussetzungen, die epistemische und normative Architektur eines Wissens, das vom achtzehnten Jahrhundert an seinen Vorsprung an Weltdeutung beanspruchen konnte. Damit wurde ein Reservoir an Systemideen und Funktionsbegriffen, aber auch an Erzählungen und Leitbildern geschaffen, die die Selbstinterpretationen moderner Gesellschaften wesentlich bestimmen.

Das Ganze würde ich auch nicht eine „Anthropologie des Tauschprinzips“ nennen, sondern einen Beitrag zur „Geschichte ökonomischen Regierens“. Deshalb habe ich ja auch, anders als Adorno und Horkheimer, den Ideologiebegriff vermieden. Meine Absicht war es nicht, ‚falsche’ Verhältnisse kritisch richtig zu stellen, sondern danach zu fragen, wie es zum eigentümlichen Wahrheitsprivileg von Marktmechanismen und Wettbewerbsszenarien kam.

GEGENBLENDE: Eine der wirklich anregendsten Thesen in ihrem Buch ist, wie das Gleichgewichtstheorem der Wirtschaftswissenschaften von den Gleichgewichtspostulaten der Newtonschen Physik beeinflusst wurde. In früheren Zeiten, auch das beschreiben sie, war die stets besonders interpretierte Gleichheit im Tauschprozess eine weitaus stärkere normative gesellschaftliche Kraft. Hat das Gleichgewichtstheorem im Marktfetischismus gewissermaßen die politische Bedeutung der Gleichheit und Gerechtigkeit nivelliert?

Vogl: Lassen Sie mich das etwas vorsichtiger formulieren: Mich interessierte die Herkunft von Gleichgewichtsvorstellungen, die noch in der jüngsten Finanzökonomie wirksam sind und sich in verschiedenen Physikalismen und in der mathematischen Formalisierung von Marktdynamiken niedergeschlagen haben. Der Markt wird dabei nicht nur als eine Maschine zur Produktion irdischer Vorsehung begriffen, sondern auch als eine Hoffnungsfigur, die letztlich alle möglichen Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen lösen soll.

Der Marktradikalismus ist also durchaus utopisch ausgerichtet. Es geht dabei um das Ideal einer Eigentümergesellschaft, die besser als etwa der utopische Sozialismus des neunzehnten Jahrhunderts das „Problem willkürlicher ökonomischer Ungleichheit“ beseitigen wird, wie der amerikanische Ökonom Robert Schiller schrieb. Das ist natürlich eine Provokation, die das politische Subjekt durch das ökonomische ersetzt. Und ja: vor diesem Hintergrund geht es tatsächlich darum, die Fragen von Gleichheit und Gerechtigkeit als politische zurückzugewinnen.

GEGENBLENDE: Der Finanzkapitalismus und dessen Akteure haben von jeher Stoff für soziale Ressentiments geliefert, auch dazu nehmen Sie Stellung. Bankern wird Gier und Verantwortungslosigkeit unterstellt. Den Gewerkschaften begegnen diese Einschätzungen nicht nur im Raum der medialen Öffentlichkeit. Sind wirklich Werte und Normen bzw. ihre sündige Abweichung das Problem, oder brauchen wir eine neue „politisch-ökonomische“ Verantwortung für die Zeit, für die Zukunft, wie sie am Ende des Buches ausführen?

Vogl: Ja, die bloße Anklage von Gier oder Verantwortungslosigkeit befördert nur das eigene moralische Wohlbefinden und bleibt als Kritik zahnlos. Denn marktradikale Theorien sind mit einer sehr effizienten Doppelmoral ausgestattet. Sie geben einerseits eine Reihe sozialer Wertsetzungen wie Konkurrenzverhalten, Vorteilsnahme etc. vor, die insgesamt das allgemeine Wohl befördern sollen. Andererseits werden dadurch Systeme legitimiert, die selbst gierig operieren und sich durch eine strukturierte Verantwortungslosigkeit auszeichnen. Milton Friedman hat das einmal so pointiert: Am meisten soziale Verantwortung übernimmt der, welcher jede Verantwortung ignoriert.

Wenn man hier wirklich wirtschaftsethische Fragen aufwerfen will, können sie sich nur auf die möglichen Begrenzungen des Marktsystems selbst beziehen. Also etwa auf die Frage nach der Definition öffentlicher Güter oder nach der Hegung von Wettbewerbsszenarien. Die Perspektive einer „politisch-ökonomischen Verantwortung“ kann nur unter der Bedingung überhaupt eröffnet werden, dass man die Gleichsetzung, die Nivellierung von Ökonomie und Gesellschaft – dieses Leitbild aller Reformen der letzten Jahrzehnte – revidiert. Sie kann also nur als Systemfrage gestellt werden.

Vielen Dank für das Interview!


[1] In Anlehnung an den Begriff der Theodizee, mit dem der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 eine große Debatte über das menschliche Leiden, Wahrheit und Gott auslöste. Diese größte Naturkatastrophe (Erdbeben, Tsunami, Großbrand) der europäischen Geschichte hatte vielfältige Auswirkungen auf Politik und Wissenschaft, denn es stellte alte gewohnte Gewissheiten in Frage.


Nach oben
Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Dieter Radloff schrieb am 4. Juni 2012 um 15:31 Uhr:

Unternehmen sind noch nie gegründet worden, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Joachim John schrieb am 23. April 2012 um 19:39 Uhr:

Es gibt einen ergänzenden Klassiker zu den drei Bänden des "Kapital" von Karl Marx: "Das Finanzkapital" von dem Wiener Kinderarzt und SPD-Finanzminister in Weimar: Rudolf Hilferding. Präzise Analyse des fiktiven Kapitals! Sozusagen der "7. Band", wenn man die Theorien über den Mehrwert hinzuzählt.
Der "8. Band" ist aber, wenn man praktische Konsequenzen zieht - meine persönliche Empfehlung:
www.politischer-streik.de
"Wiesbadener Appell"

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Nach oben

Kurzprofil

Dr. Kai Lindemann
Verantwortlicher Redakteur des Debattenmagazins GEGENBLENDE

geboren 1968 in Bremen
» Zum Kurzprofil

Beiträge dieser Ausgabe

Artikel von: Dr. Hans-Jürgen Urban
Montag, 5. März 2012
Schutz vor psy­chi­schen Be­las­tun­gen
» Zum Beitrag

Artikel von: Prof. Dr. Ulrich Bröckling
Montag, 5. März 2012
Die Ar­beit des un­ter­neh­me­ri­schen Selbst
» Zum Beitrag

Kolumne von: Robert Misik
Dienstag, 6. März 2012
Eu­ro­pa in der To­dess­pi­ra­le
» Zum Beitrag

Artikel von: Bernadette Ségol
Dienstag, 6. März 2012
Die Eu­ro-­Kri­se und die Re­ak­ti­on der eu­ro­päi­schen Ge­werk­schaf­ten
» Zum Beitrag

Buchrezension von: Matthias Gruß
Freitag, 9. März 2012
Fast al­le sind Mi­gran­ten und den­noch sind es im­mer die „An­de­ren“
» Zum Beitrag

Musikkritik von: Rhett Skai
Montag, 12. März 2012
Po­li­ti­sche Kon­zert­nach­le­se 2012: Ers­ter Teil
» Zum Beitrag

Artikel von: Michaela Böhm
Dienstag, 13. März 2012
Burn-Out – die Kehrsei­te der Ef­fi­zi­enz
» Zum Beitrag

Artikel von: Prof. Dr. Lorenz Jarass
Dienstag, 13. März 2012
Steu­ern, Löh­ne und Ver­mö­gen
» Zum Beitrag

Filmkritik von: Jürgen Kiontke
Mittwoch, 14. März 2012
Der gu­te Mensch von Mar­seil­le
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Helmut Martens
Freitag, 16. März 2012
Neue Wirt­schafts­de­mo­kra­tie und das de­mo­kra­ti­sche Pro­jekt der Mo­der­ne
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Manuela Maschke
Freitag, 16. März 2012
Whist­leblo­wi­ng
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Hans-Joachim Schulz
Donnerstag, 22. März 2012
Der Leit­be­griff "Gu­te Ar­beit"
» Zum Beitrag

Artikel von: PD Dr. Karin Schulze Buschoff
Freitag, 23. März 2012
Neue Ar­beits­welt und neue Selbst­stän­dig­keit
» Zum Beitrag

Artikel von: Sebastian Voigt
Montag, 26. März 2012
Das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen In­ter­na­tio­na­lis­mus und Na­ti­on
» Zum Beitrag

Kolumne von: Tom Schimmeck
Dienstag, 27. März 2012
Das Ver­mächt­nis der Kil­ler­la­dy
» Zum Beitrag

Artikel von: Tomasz Konicz
Donnerstag, 29. März 2012
Ta­ge­löh­ner­tum im In­ter­net-­Zeit­al­ter
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Rainer Fattmann
Montag, 2. April 2012
Zur Ge­schich­te der tu­ne­si­schen Ge­werk­schafts­be­we­gung
» Zum Beitrag

Buchrezension von: Dirk Hertrampf
Montag, 2. April 2012
Bro­schü­re ge­gen Braun
» Zum Beitrag

Artikel von: Michael Friedrichs, Dr. Wolfgang Bödeker
Freitag, 13. April 2012
Die Kos­ten psy­chi­scher Er­kran­kun­gen und Be­las­tun­gen in Deutsch­land
» Zum Beitrag

Filmkritik von: Jürgen Kiontke
Freitag, 13. April 2012
Jetzt kommt der Mensch dran
» Zum Beitrag

Artikel von: Prof. Dr. Ursula Schumm-Garling
Montag, 16. April 2012
Sechs The­sen zur Wirt­schafts­po­li­tik in Zei­ten des Auf­schwungs
» Zum Beitrag

Artikel von: PD Dr. Andreas Boes, Dr. Tobias Kämpf
Donnerstag, 19. April 2012
Zei­ten­wen­de im Bü­ro
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Nadine Müller
Montag, 23. April 2012
Für ein nach­hal­ti­ges In­no­va­ti­ons­ma­na­ge­ment!
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Erich Vogt
Donnerstag, 26. April 2012
1 Pro­zent und der Rest – der Exi­tus der ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­schicht
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Wolfgang Hien
Freitag, 27. April 2012
Psy­chi­sche Er­kran­kun­gen – Die Ar­beits­welt in den Blick neh­men, nicht die Pri­vat­sphä­re!
» Zum Beitrag

RSS-Feed

Subscribe to RSS feed
Hier können Sie unseren GEGENBLENDE RSS Feed abonnieren