Gegenblende | Ausgabe 11: September/Oktober 2011 | Was ist heute die soziale Frage?

Thema der Ausgabe 11: September/Oktober 2011 Soziale Ungleichheit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

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Donnerstag, 15. September 2011

Was ist heute die soziale Frage?

von: Knut Lambertin

Dieser Frage sollte in einem Kolloquium im Jahr 2010 an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaft der Hochschule München nachgegangen werden. Jetzt ist im Rahmen der Schriftenreihe Soziale Arbeit ein Sammelband mit den Antworten erschienen.

Die Ansatzpunkte der Sozialen Arbeit sind das Individuum und seine praktischen Probleme mit der sozialen Umgebung. Hierzu bietet die Kenntnis der sozialen Frage eine notwendige Orientierung. Diesem Anspruch gerecht zu werden, gelingt den AutorInnen in sehr unterschiedlichem Maße.

Den HerausgeberInnen des Bandes, Hammerschmid und Sagebiel, kommt jedoch das Verdienst zu, eine kurze, knackige Zusammenfassung der Geschichte der sozialen Frage ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu geben.

Die soziale Frage nach 1945

Nach der vernichtenden Kritik Hans-Ulrich Wehlers in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ an der deutschen Sozialstrukturanalyse nach dem Hitlerfaschismus sind Beschreibungen der sozialen Frage in Deutschland nicht mehr ohne intellektuelles Risiko. Kommt Wehler doch zu dem Ergebnis, dass gleich einem „deutschen Sonderweg“ die „harten Strukturen sozialer Ungleichheit ... wegdifferenziert, wegpluralisiert, wegindividualisiert, wegdynamisiert, mit dem Schleier der Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse verhüllt und unkenntlich gemacht“ wurden. Dem Schülerkreis von Karl Martin Bolte, namentlich Peter Berger, Stefan Hradil und Ulrich Beck, wirft er vor, Klassen- und Schichtungsstrukturen im Gegensatz zu den führenden Debatten in Frankreich, USA und Großbritannien negiert zu haben – auf empirisch dünner Basis. Wehler kommt zu dem Schluss, dass von der vorherrschenden deutschen Soziologie vertikale Ungleichheiten in Einkommen, Besitz und Macht nicht nur vernachlässigt worden seien. Vielmehr seien die Erkenntnisse der ausdrücklich gelobten Wissenschaftler Karl Ulrich Meyer, Rainer Geißler, Michael Hartmann, Walter Müller und Wolfgang Glatzer nicht zur Kenntnis genommen worden.

Das 21. Jahrhundert: Die neue soziale Frage?

Im vorliegenden Sammelband hebt dann auch Wolfgang Voges, Professor für Sozialpolitik in Bremen, in seinem Beitrag Lebenslagen im Sozialstaat – Dilemmata beim Rekurs auf eine komplexe Bezugsgröße darauf ab, dass Ressourcen nur eingeschränkt etwas über Handlungsspielräume von Menschen aussagen würden. Denn in einer „objektiv schlechten Lebenslage können Personen glücklich und zufrieden sein ... . Umgekehrt können sie sich unter guten Lebensbedingungen auch schlecht und benachteiligt fühlen ... .“ Voges Analyse nach muss der Sozialstaat auch die „als unterversorgt Definierten“ verpflichten, Handlungsspielräume zu nutzen. Dem Zusammenhang von sozioökonomischen Ressourcen und Alltagsbewältigungskompetenz scheint er damit kaum Relevanz zu zuordnen.

Armut war gestern? fragt Berthold Dietz, Professor für Soziologie und Sozialpolitik an der Evangelischen Hochschule Freiburg, in seinem Beitrag. Tatschlich formuliert er Forderungen an Bildungspolitik sowie Kinder- und Jugendhilfepolitik: den Stopp der Selektionsprozesse und verbesserte Kinderbetreuung.

Menschliches Leiden an der sozialen Welt heißt der Beitrag von Kristina Schulz’, Förderprofessorin an der Uni Bern. Sie kommt zu dem Schluss, dass unsere „Gegenwartsgesellschaften ... nicht mehr durch klassische Verteilungskämpfe“ charakterisiert werden. Die soziale Frage betreffe Anerkennungsfragen, womit sie Auseinandersetzungen um Primär- und Sekundärverteilung weitgehend ausblendet.

Der Text von Michael Vester, Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Hannover, Sozialstaat und Sozialstruktur im Umbruch hebt sich mit einer klaren politischen Analyse des jeweiligen sozialpolitischen Regierungshandelns wohltuend ab. Um den Teufelskreislauf von sinkenden Einnahmen und sinkenden sozialstaatliche Leistungen verlassen zu können, propagiert er den „Ausbau der sozialstaatlichen Dienstleistungen“, die Investitionen und positive Beschäftigungswirkungen hervorbringen.

Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie, widmet sich jedoch in seinem Artikel Diskriminierende Prekarität den Auswirkungen der Verteilungskämpfe, vor allem der „Wiederkehr sozialer Unsicherheit“. Dies gelte auch für die formal in geschützten Arbeitsverhältnissen Beschäftigten mit ihrer Angst vor Statusverlust. Dennoch könne die Bezeichnung prekär für einen Akademiker mit kreativer Arbeit verbunden und eine geschützte Vollzeitbeschäftigung monoton und belastend sein. Zudem analysiert Dörre das strategische Element der Sloterdijk-Debatte: mehr Markt, weniger Sozialstaat.

Eine historische Einordnung der in Deutschland von Peter Sloterdijk stark beförderten Debatte geschieht durch Karl August Chassé, Professor für Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit und Kinder- und Jugendhilfe an der FH Jena. In Die deutsche Unterschichtsdebatte und die Soziale Arbeit stellt er Paul Nolte und Sloterdijk in eine Reihe. Ursprung sei jedoch die Underclass-Debatte in den USA. Dort werde das Problem der Unterschichten vor allem als eine  Frage der Moral und der Einstellung der sozial Benachteiligten behandelt. Als Gegenbild wird der selbstverantwortliche Bürger bemüht, der keine kollektiven Regelungen benötigt und selbstbestimmt sein Leben führen wolle. Das ist für Deutschland eine mehr als konservative und beunruhigende Position! Denn konsequent zu Ende gedacht, bedeutet diese Einstellung den Rückschritt zum liberalen Staat der BesitzbürgerInnen, der allerdings schon längst durch das Grundgesetz mit seinem Sozialstaatsgebot überwunden wurde.

Fazit: Die Beiträge bilden kompetent die sozialpolitische Debatte in Deutschland ab.

Sloterdijk: Eine sozialpolitische Debatte fast ohne Politik

Mit seinen provokanten Thesen hat Sloterdijk, - auch wenn sie nicht originell waren oder sind -, eine enthüllende gesellschaftliche Debatte angestoßen, auch wenn auf den Tabubruch mal wieder eine Relativierung folgte. Die realitätsferne Diagnose der „spätrömischen Dekadenz“ des parteipolitischen Resonanzkörpers Westerwelle machte vielen Beobachtern die Tragweite der sloterdijkschen Äußerungen deutlich. Selbst das Verlagshaus NevenDuMont in Person seines Vorstands Franz Sommerfeld fühlte sich veranlasst, Sloterdijk zur Seite zu springen und ihn als Verkörperung des sozialliberalen Projekts zu glorifizieren. Auslöser dafür war Axel Honneth. Dieser sah sich bemüht, den Frankfurter Schulenturm zu verlassen und sich in diesen „fiskalischen“ (Thomas Meyer) oder „ideologischen Bürgerkrieg“ (Dörre) einzumischen. Er reagierte auf Sloterdijk in der ZEIT mit dem Vorwurf, Sloterdijk initiiere mit der Beschreibung des Sozialstaats als „institutionalisierte Kleptokratie“ einen antifiskalischen Bürgerkrieg durch die sog. Steuerbürger.

Seither wird in den Feuilletons vehement gestritten. Doch die praktische Politik, die zur Verteidigung des Sozialstaats und zum Schutz des sozialen Friedens aufrufen müsste, sucht man dabei weitgehend vergebens. Angesichts der parteipolitischen Anhängerschaft Sloterdijks darf dies nicht verwundern. Vielleicht ist aber das Feuilleton eher der Diskussionsort der Eliten. Wobei dann die Frage zu beantworten wäre, wie die besorgniserregenden Ergebnisse von Michael Hartmanns Forschungen einzuordnen sind. Hat dieser doch festgestellt, dass die Rekrutierung der politischen Entscheidungsträger aus den Wirtschaftseliten zunimmt (vgl. Hartmann: Eliten, Macht und Reichtum in Europa. in: Österreichische Nationalbank, Dimensionen der Ungleichheit in der EU, September 2008).

Wie weiter?

Möglicherweise ist die soziale Frage mit den Ergebnissen der Elitenforschung oder den Reportagen Julia Friedrichs (Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen) ja leichter zu beantworten!

Leider ändert diese Erkenntnis zunächst nichts an der Situation der Bildungspolitik, die immerhin nach und nach die Selektionsschranken abbaut – allein für die öffentlichen Schulen. Eliten können ihre Sprösslinge aber weiterhin der Konkurrenz durch die von ihnen sog. Plebs entziehen, in dem sie einfach eine Privatschule wählen. Mit ihrem Geld, aber zusätzlich durch Weltanschauungsgemeinschaften, können sie weiterhin eine privilegierte Erziehung und Bildung absichern, die die vertikalen Ungleichheiten nicht egalisiert.

In historischer Sicht hat Wehler bereits einige soziologische Ansätze abgeurteilt. Nun kommt es darauf an, Analysen vertikaler sozialer Ungleichheiten engmaschiger zu fassen. Wenn auch der Zusammenhang von Einkommen, Bildung und Gesundheit in dieser Allgemeinheit unzweifelhaft feststeht. Es gilt, tiefer erklären zu können, mit welcher Qualität Zusammenhänge bestehen. Beispielsweise besteht weiterer Klärungsbedarf, in welcher Weise und in welchem Ausmaß der Zusammenhang von Gesundheit, Bildung und Einkommen besteht.

Rationale Politik kommt ohne genaue Kenntnis der Zustände und der Wirkungen von Maßnahmen nicht aus. Politische Wissenschaften müssen hierauf reagieren – ebenso auf die Auseinandersetzungen um die Ressourcenverteilung in Deutschland.

 

Hammerschmid, Peter / Sagebiel, Juliane (Hrsg.): Die Soziale Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Schriftenreihe Soziale Arbeit der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaft der Hochschule München, Band 2, Neu-Ulm 2011; ISBN 978-3-940865-23-6 - 2011, Taschenbuch, 172 Seiten, 16 €


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Knut Lambertin
Geboren 1970 in Köln.

Gewerkschaftssekretär beim DGB-Bundesvorstand, Abteilung Sozialpolitik in Berlin
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