Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 07: Januar/Februar 2011 | We Want Strike

Thema der Ausgabe 11: September/Oktober 2011 Soziale Ungleichheit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

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Donnerstag, 6. Januar 2011

We Want Strike

von: Jürgen Kiontke
Dagenham

TOBIS FILM

Zugegeben, einen Film „We Want Sex“ zu nennen, in dem es um die Gleichstellung von Männern und Frauen in einem Automobilwerk im London der sechziger Jahre geht, ist nicht unbedingt ein Glücksgriff, auch wenn es im Verlauf der Handlung durchaus zur ein oder anderen zweideutigen Äußerung wenn nicht Handlung kommt. „Made in Dagenham“, der Originaltitel, ist um einiges weniger reißerisch.

Richtig falsch ist der Deutschlandtitel des Films dennoch nicht. Denn die Film-Frauen, die im Ford-Werk London Dagenham im Jahr 1968 in den Ausstand getreten sind, streiken zunächst gegen ihre falsche Eingruppierung als Ungelernte, danach erst geht es ihnen um „sexual equality“, Geschlechtergerechtigkeit, und equal pay – gleiches Geld für gleiche Arbeit.

We want strike - den Fall hat’s wirklich gegeben: Die Frauen legten sich wochenlang krumm für ihr Anliegen, wurden erst unterstützt, dann angefeindet von allen Seiten, nicht zuletzt: von ihren Männern zu Hause. Locker haben sie dennoch nicht gelassen. 1970 mündete ihr Anliegen in den Equal Pay Act – geschlechtergerechte Bezahlung wurde festgeschrieben. Auch konkurrierte Ford von nun an mit den anderen Autoproduzenten um den Ruf des besten Arbeitgebers.

Regisseur Nigel Cole spielt die damaligen Ereignisse fürs heutige Kino mustergültig durch: Gerade mal 187 Frauen nähen täglich in einer löchrigen Halle Autositzbezüge zusammen. Wenn sie diesen Sommer 68 an die Arbeit gehen, ziehen sie ihre Sachen aus, es ist zu heiß. Im Winter pfeift der Wind durch kaputte Glasscheiben.

Nebenan arbeiten die Männer, und zwar 55.000, zu besseren Konditionen. Nicht ohne Grund: 26.000 Streiks zählt man im Großbritannien dieses Jahres. Es ist das Jahr des Protestes und der Proteste, nicht nur in Großbritannien. Es gibt neue Musik, neue Klamotten, neue Menschen. Einiges davon taucht in den Knochenmühlen der großen Fließbandproduzenten auf. Und wenn, sieht es so aus: Die jungen Arbeiterinnen und Arbeiter kuscheln auf dem Rücksitz jenes Wagens, den man gestern gekauft und vorgestern selbst zusammengebaut hat. Die Welle der sexuellen Befreiung schwappt einmal vor und wieder zurück. Dann plärrt aus dem Radio der neue Flower-Power-Sound.

Die Gewerkschaften scheinen stark, die Wirtschaft brummt aufgrund hoher Nachfrage, da muss die eine oder andere Nachforderung drin sein, glaubt man in der Ledernäherei. „Ihr sagt doch immer, dass ihr die Mitgliederinteressen vertretet“, erinnert Gewerkschaftsmann Albert (Bob Hoskins) seine Kollegen an ihren gewerkschaftlichen Auftrag: „Dann bitte schön.“ Organisiert die Organisierten, lautet das Motto. Denn auch die Frauen sind in der Gewerkschaft.

Doch noch führt die mal mehr, mal weniger überzeugend argumentierende old school der Industriepolitik das Wort: Männer ernähren die Familien, das ist die Formel, auf die sich Personalabteilung und Betriebsrat einigen. Die Sitzherstellung scheint da nur ein winziges Detail der Produktion zu sein. Aus Sicht der Arbeiterfunktionäre und der Betriebsleitung verdienen sich die Frauen ein wenig Zubrot, wichtig sind sie nicht. Darum lässt man sie wochenlang wegen geringfügiger Verbesserungswünsche hängen.

Als eines Tages wieder einmal – ergebnislose - Verhandlungen angesetzt sind, sucht Gewerkschafter Albert eine Mitstreiterin von der Basis. Die für ihre große Klappe bekannte Rita, gespielt von Englands hyperaktiver Kino-Waffe Sally Hawkins, begleitet den alten Haudegen, der sich rückhaltlos hinter die Sache der Frauen stellt. Und sie reißt, da wird sie ihrem Ruf schon gerecht, diese Klappe auch ordentlich auf. Das mit den vielen Streiks der Männer hat sie auch mitgekriegt und fordert jetzt: Entweder ihr stopft die Löcher im Hallendach. Die Eingruppierung als Angelernte gibt es besser gleich mit. Oder es gibt Streik.

Der anschließende Ausstand bringt aber nur eine Abmahnung. Der Ton des Schreibens bringt Rita dermaßen auf die Palme, dass Albert nur noch das Streichholz an die lebende Dynamitstange halten muss: Eigentlich, sagt der listige Fuchs, geht’s gar nicht um die verhandelten Dinge. Sondern darum, dass Frauen und Männer auch weiterhin ungleich bezahlt werden. Denn zum Zeitpunkt der Debatte erhalten Frauen bis zu 50 Prozent weniger Vergütung als Männer. Beim nächsten Gespräch mit dem Chef lässt Rita die Katze aus dem Sack – und fordert Equal Pay. Und das hat landesweite Auswirkungen: Denn wenn der große Autofabrikant Frauen besser stellen würde als bisher, hätte das einen Dominoeffekt in der gesamten Ökonomie.

Die Fordleitung denkt auf einmal erstaunlich volkswirtschaftlich und wird beim Premierminister vorstellig. Die Wirtschaft könne das nie und nimmer bezahlen. Dann müsste man sich von der Insel zurückziehen. Und den streikenden Frauen wird umgehend der Saft abgedreht: Eher wird Dagenham geschlossen, auf Profite gepfiffen und werden Tausende von Arbeitern in die Arbeitslosigkeit geschickt, als dass man die Forderung der Frauen erfüllt. Die Sitznäherei hat sich wider Erwarten doch als wichtig erwiesen. Das gibt Druck. Arbeitgeber zum Gewerkschaftsmann: „Denkt dran: Euch geht es nur solange gut, wie es uns gut geht. Wir können uns auch aus England zurückziehen. Keine Arbeitsplätze, keine Gewerkschaftsmitglieder. So einfach ist das.“

Und auch die angesprochenen Mitglieder wenden sich sukzessive gegen den Streik - und hin zum Streit mit ihren Ehefrauen: „Willkommen im Arbeitskampf“, wird Rita nach einem langen Tag von ihrem Mann Eddie (Daniel Mays) begrüßt. „Streik ist: Das Geld ist alle, und man schreit sich an.“ Was tun? Die Frauen gehen mit ihrem Protest in die Innenstadt. „We want sex“ steht auf einem ihrer Transparente, und so erklärt sich auch der Filmtitel. Die Fahne ist nur nicht richtig entrollt, eigentlich steht dort „We want sexual equality, wir wollen die Geschlechtergerechtigkeit, bei Arbeitsbedingungen wie Bezahlung.

Die Zeit ist günstig, der gesellschaftliche Wandel ist in vollem Gange. Und so stoßen sie andererseits durchaus auf allgemeine Sympathie in allen Gesellschaftsschichten und im Besonderen bei der neu berufenen Arbeitsministerin Barbara Castle (Miranda Richardson), selbst mit Gewerkschaftshintergrund, der die Ungleichbehandlung ein Dorn im Auge ist.

Man sitzt da und staunt: Ja, die Arbeiterinnen setzen sich so charmant durch, wie dies nur im englischen Kino möglich ist. Ein Tipp für die Zuschauer: Es wird mehr als ein Taschentuch für diejenigen notwendig sein, die im Kino gern mal heulen. Diejenigen, die dies für gewöhnlich nicht tun, können bei diesem Film gern damit anfangen:  Denn Cole erzählt die realen Ereignisse nach, indem er eine anrührende Szene an die nächste reiht.

Sally Hawkins, ansonsten als schrille Nervensäge unterwegs, spielt hier angenehm zurückhaltend und damit umso eindrucksvoller die Figur der Rita, die von der einfachen Näherin zur Arbeiterführerin aufsteigt, die ihren Mitstreiterinnen ebenso wie Gewerkschaftschefs und Personalleitern glaubhaft vermittelt, dass es ihr schwer ernst ist mit ihrem Anliegen. Das Ganze gipfelt in einem Auftritt vor dem Kongress des Gewerkschaftsverbandes: Vor der männerdominierten Delegiertenschar, die sich untereinander nicht gerade freundlich gesinnt ist, wirbt sie für ihre Sache. Und erinnert mit brüchiger Stimme an den Kampf der britischen Streitkräfte gegen Hitler im Zweiten Weltkrieg.

Der Gedanke liegt nahe - aber nur Rita weiß, wieso: Hat sich doch der vom Krieg depressive Mann ihrer Freundin Connie (Geraldine James), jener Betriebsrätin, die ihre Vorgängerin war, erhängt. Connie macht ihr deswegen schwere Vorwürfe, denn durch den Kampf der Frauen habe sie, Connie, ihren Mann vernachlässigen müssen. Allerdings gehört George wie Albert zu jener Riege älterer Männer, die den kämpferischen Geist der Frauen schätzen und von faulen Kompromissen abraten. Eine erstaunliche Allianz.

Die alten Kämpfer in diesem Film interessiert dies nicht, und auch nicht die Delegierten des Kongresses, die sich, offensichtlich richtig angesprochen, entscheiden: Hauptsache Widerstand. Und sich hinter den Frauenstreik stellen. Damit erhalten die Arbeitnehmerorganisationen neuen Zulauf - von Arbeiterinnen. Sie haben gemerkt, dass sie in den Organisationen erfolgreich sein können. Womöglich gibt’s ein dickes Happy-end...

Durchaus wird in „We want Sex“ etwas aufgetragen, es gibt alberne, klischeebehaftete Stellen, etwa wenn Betriebsrätin Rita und Arbeitsministerin Barbara ihre Kostüme und deren Preise vergleichen. Und beide voreinander angeben, wo sie das Schnäppchen gemacht haben. Kitsch ist auch, wenn Rita gemeinsam mit der Frau des Ford-Personalchefs dafür sorgt, dass der Lehrer gefeuert wird, der beide Söhne in der Schule schlägt. Weder dürfte die Unternehmerfamilie ihr Kind auf dieselbe Schule geschickt haben wie die Arbeiter aus der Arbeitersiedlung, noch wird der Alltag der Arbeiterkinder zu Hause so gewesen sein wie hier dargestellt.

Aber das sind Petitessen am Rande. Hier geht eine in weiten Teilen meisterhafte Kino-Produktion – so liebevoll, wie hier das Filmsetting geschaffen und fotografiert wurde, kann man fast von einem Kostümfilm reden - mit einem komplizierten Thema aus der Arbeitswelt mit vollem Druck auf die Tränendrüse an den Start.

Das ist selten genug.

„We Want Sex“. GB 2010. Regie: Nigel Cole. Darsteller: Sally Hawkins, Bob Hoskins u.a.

Kino-Start: 13. Januar 2010.


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Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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