Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 11: September/Oktober 2011 | Historische Perspektiven auf soziale Ungleichheit

Thema der Ausgabe 11: September/Oktober 2011 Soziale Ungleichheit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

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Mittwoch, 28. September 2011

Historische Perspektiven auf soziale Ungleichheit

von: Prof. Dr. Thomas Sokoll
Wohlfahrt

pip / photocase.com

Die aktuelle empirische Forschung zur sozialen Ungleichheit fächert sich in zahlreiche Theorien, Modelle und Methoden auf, die sich der Einfachheit halber zwei Polen zuordnen lassen. Wer die ungleiche Verteilung von Lebenschancen an ‚harten‘ Faktoren wie Vermögen und Einkommen festmacht, beschreibt soziale Ungleichheit als hierarchisches Gefüge von Schichten oder Klassen; wer auf ‚weiche‘ Momente wie Sozialprestige oder Alltagsverhalten setzt, hat soziale Milieus oder Lebensstile im Sinn (Hradil 2001; Burzan 2011). Ob die Individualisierung der Lebensläufe zu einer horizontalen Vielfalt der sozialen Lagen geführt hat, die das vertikale Schichtungsprofil (zumindest in der sozialen Wahrnehmung) so stark zersetzen, dass endlich ein „Ende der Klassengesellschaft“ zu verzeichnen (oder abzusehen) ist, wird ebenfalls unterschiedlich eingeschätzt (Beck/Beck-Gernsheim 1994; Rehberg 2011, Giddens 1979). In diesem soziologischen Durcheinander kann die historische Analyse der sozialen Ungleichheit weiterhelfen – nicht um zu entscheiden, welche der gängigen soziologischen Ansätze die aktuelle Situation besser abbilden als andere, sondern indem sie eine breite vergleichende Perspektive eröffnet, von der aus sich besser abschätzen lässt, inwieweit sich Art und Ausmaß der sozialen Ungleichheit langfristig verändert haben. Dabei empfiehlt es sich, nicht nur das 19. und 20. Jh. zu berücksichtigen, also den Zeitraum, in dem sich das ‚moderne‘ Profil der sozialen Ungleichheit herausgebildet hat, sondern auch die vormodernen Gesellschaften Alteuropas mit einzuschließen.

Soziale Ungleichheit in Alteuropa

In der Antike ebenso wie im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit finden wir scharf ausgeprägte ökonomische, soziale, politische und kulturelle Ungleichheiten, deren Profil bis ins späte 18. Jh. in zweifacher Hinsicht besonders krass konturiert war.

(a) Die Ungleichheitsparameter waren sozial exklusiv verknüpft. Eine kleine Elite besaß zugleich materiellen Reichtum, politische Macht und kulturelle Hegemonie. Die breite Masse der Bevölkerung dagegen verfügte allenfalls über genug Besitz, um durch mühsame Handarbeit für sich selbst ein karges Auskommen zu erwirtschaften (und nebenher die materielle Versorgung der von der Arbeit entbundenen Elite zu sichern), war (in der Regel) von der politischen Mitsprache ausgeschlossen und konnte auch zum kulturellen Geschäft nichts beitragen (weil sie nicht einmal alphabetisiert war). Dieser elitäre Zugriff auf alle entscheidenden Ressourcen wurde

(b) damit begründet, dass soziale Ungleichheit als ‚natürlich‘ oder ‚gottgewollt‘ und damit als notwendig und unabänderlich galt. Unterschiedliche soziale Gruppen, Schichten und Klassen waren nicht einfach da – sondern ausdrücklich gewollt, und oft sogar juristisch festgeschrieben. Es würde aber zu kurz greifen, wollte man darin nur die zynische Verbrämung ungerechter Zustände sehen. Vielmehr schlug die normative Begründung der sozialen Ungleichheit auf die soziale Ordnung selbst durch. Das Ordnungsmodell wurde zum Teil der sozialen Wirklichkeit, zur „Klassenstruktur im sozialen Bewusstsein“ (Ossowski 1962). Vormoderne Gesellschaften bauen auf das ethische Prinzip der „sozialen Ordnung durch Ungleichheit“ (Oexle).

Die moderne Gesellschaft dagegen besteht auf dem Gleichheitsgrundsatz, wonach alle Menschen gleich und frei geboren sind, es also keine natürliche (oder gottgewollte) soziale Ungleichheit gibt. Aus der Geburtsstunde der bürgerlichen Gesellschaft – der Französischen Revolution – ist uns diese normative Differenz zur Vormoderne als Erfolgsgeschichte ins welthistorische Gewissen eingeprägt, als Dichotomie einander ausschließender sozialer Prinzipien: Leistung gegen Privileg, Verdienst durch eigene Arbeit statt Vorrecht auf Grund der Geburt. Das aufstrebende Bürgertum siegt über Adel und Klerus, die Prototypen parasitärer Nichtsnutze, indem es die alte Ständegesellschaft gewaltsam über den Haufen wirft.

In der sozialhistorischen Forschung wird dies üblicherweise als Übergang von der ständischen Gesellschaft zur bürgerlichen Klassengesellschaft bezeichnet (Wehler 1979; 1987-2008: Bde 1-3; Kocka 2001). Danach haben sich im 19. Jh. Besitz und Bildung, Beruf und Kompetenz – gegen das altständische Kriterium der Geburt durchgesetzt, wobei die Verteilung von Besitz und Erwerbseinkommen über die freie Konkurrenz auf dem Markt geregelt wird. Zugleich aber wissen wir, dass auch in scharf ausgeprägten Klassengesellschaften das Profil der sozialen Ungleichheit von ständischen Lagen durchsetzt sein kann. Im Deutschen Kaiserreich z.B. wog im diplomatischen Dienst oder in der Armee das Prestige des Hochadels mehr als die berufliche Fachkompetenz. Edles Geblüt und angeborener Status brachen das bürgerliche Leistungsprinzip. Wir deuten solche sozialstrukturellen Verwerfungen als ständische Überhänge, und natürlich ist die Vorstellung, dass dem Adel in der vorindustriellen Gesellschaft qua ‚höherer‘ Geburt bestimmte Privilegien zukamen und herausgehobene Positionen zustanden, nicht völlig verkehrt. Das Problem ist nur: sie passt am ehesten noch für das 17. und 18. Jh. (und in der Tat für das vorrevolutionäre Frankreich), für die Zeit davor weniger oder gar nicht. Dasselbe gilt auch für andere Stände und ebenso für die Vorstellung einer geburtsständischen Hierarchie der Gesellschaft insgesamt: Adel und Klerus, Bürger und Bauern, Gesinde und Tagelöhner, allesamt brav aufeinander geschichtet zur notorischen Lehenspyramide.

Alteuropäische Stände als Leistungseliten

Stände sind, auch wenn wir sie in allen vormodernen Gesellschaften finden, historisch alles andere als ‚natürlich‘ vorgegeben, sondern das Resultat langwieriger sozialer Differenzierungsprozesse, deren ursprünglicher Hebel stets in besonderen Leistungen besteht. Dies gilt für den Adel ebenso wir für den Klerus und das alteuropäische Bürgertum (Oexle/Conze/Walther 1990). In der Antike und im Mittelalter bildet die Aristokratie den kleinen Kreis derjenigen, die sich im Kampf durch besondere Leistungen hervorgetan haben. Der Krieg ist daher die archetypische soziale Arena des Adels, gefolgt von der Politik als friedlichem Wettstreit um die beste Regierung des Gemeinwesens. Zur Ausübung dieser politischen und militärischen Führungsaufgaben bedarf es der „ökonomischen Abkömmlichkeit“ (Max Weber), sprich: ausreichenden materiellen Reichtums. Daher ist ausgedehnter Landbesitz das ökonomische Signum des Adels, woraus zugleich seine soziale Führungsposition erwächst, denn Grundherrschaft bedeutet Herrschaft über die Bauern, die auf dem Land sitzen. All dies hat über Jahrhunderte hinweg nichts mit Geburt und Geblüt zu tun. Das Blut kommt viel später, erst ab dem 14./15. Jh. In der Antike und im Früh- und Hochmittelalter ist es irrelevant, und selbst danach kann das alte Gebot der herausragenden Leistung das Blut verwässern – wie die Nobilitierung tüchtiger Bürokraten, reicher Kaufleute oder großer Geister bis ins 18. Jh. belegt (Schiller und Goethe!). Für den Klerus spielt die Geburt überhaupt keine Rolle. Der katholische Klerus war spätestens seit der endgültigen Fixierung des Zölibats im 12. Jh. eine professionelle Leistungselite. Auch wenn die Mitglieder des höheren Klerus aus dem Hochadel stammten, war das geistliche Amt gerade kein geburtsrechtliches Privileg, weil der Stand der Kleriker sich selbst sozial kastriert hatte (‚Vererbung‘ allenfalls an den Neffen [= Nepotismus]). Damit eng verknüpft ist die Tatsache, dass die päpstliche Kurie zur selben Zeit zum Prototyp der modernen Bürokratie avancierte und der Klerus zum wichtigen Mobilitätskanal wurde. Beim Bürgertum schließlich ist von vorneherein klar, dass es um berufliche Leistung im Bereich von Handel und proto-industriellem Gewerbe geht, im Handwerk auch um die eigene Arbeit. Andererseits ist für das alteuropäische Bürgertum ebenso typisch, dass es sich – genau wie der Adel – im Laufe der Zeit von einer dynamischen Leistungselite in einen behäbigen Stand verwandelte. Die reichsten Kaufleute mauserten sich zu Patriziern, die ländlichen Grundbesitz erwarben, um ihre Gewinne langfristig sicher anzulegen. Ihre Familien wuchsen zu einer kleinen städtischen Führungsschicht zusammen, die sich nach unten abschottete, indem sie bei strategischen Besetzungen unter sich blieb. Auch die Zünfte der Handwerksmeister schlossen sich ab dem 16. Jh. immer mehr ab und wachten eifersüchtig über ihre Privilegien.

Die städtischen Kleiderordnungen, die jedem Stand und Beruf sein eigenes („an-ständiges“) äußeres Erscheinungsbild vorschreiben, zelebrieren bis ins 18. Jh. das Bild eines wohlgeordneten, ständisch geschichteten Gemeinwesens. Genau dieses Bild der „ständischen Gesellschaft“ aber markiert eine soziale Norm, die kaum der Wirklichkeit entsprach – nicht einmal im 18. Jh. waren die sozialen Schranken so starr und undurchlässig wie sie gedacht und verordnet wurden. Unsere Vorstellung vom ständischen Aufbau der gesamten Gesellschaft ist auch deshalb schief, weil mit „Ständen“ (ebenso wie mit „Gesellschaft“) im alteuropäischen Sinne immer nur die sozialen Spitzengruppen gemeint waren. Im römischen Kaiserreich z.B. gab es nur drei Stände (Senatoren, Ritter, Dekurionen), die zusammen die politische Führungsschicht in Rom bzw. den Provinzhauptstädten darstellten und nicht einmal 1 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Alle übrigen, egal ob Freie, Freigelassene oder Sklaven, zählten zur plebs, zum „gemeinen Volk“, wie die breite Masse bis ins 18. Jh. genannt wurde. In spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten machten diese unterständischen Schichten mitunter ‚nur‘ zwei Drittel der Bevölkerung aus. Damit aber bildeten die ökonomisch, politisch und kulturell tonangebenden Gruppen (die „Stände“ im eigentlichen Sinne) auch dort stets nur eine Minderheit, auf dem platten Land allemal. Da alle Führungsschichten über enorme ökonomische Ressourcen verfügten (auch wenn deren Verteilung noch nicht marktbedingt erfolgte), kann man sie durchaus als „Klassen“ bezeichnen, oder mit Laslett von einer „Ein-Klassengesellschaft“ (one-class society) sprechen (1965: 22-52), um die herrschende Elite vom Gros der Bevölkerung abzugrenzen.

Es spricht also einiges dafür, die Ursachen der sozialen Ungleichheit auch in der vorindustriellen Gesellschaft weniger in der geburtsständischen Abriegelung als in einer funktionalen Elitenbildung zu sehen, die zunächst auf Leistung, Amtsethos und beruflicher Qualifikation beruhte, auch wenn die Eliten anschließend, wenn sie sich etabliert hatten, dazu neigten, sich gegen weitere Konkurrenz von unten abschließen. Für die soziale Ungleichheit, verstanden als ungleiche Verteilung von knappen Gütern, aus der ungleiche Lebenschancen erwachsen, wären somit auch schon in der Vormoderne ziemlich ‚moderne‘ Determinanten anzusetzen. Allerdings waren im Unterschied zur Moderne in der Vormoderne die Verteilungsspielräume als solche viel geringer, weshalb die Ungleichgewichte umso massiver ausfielen. Daraus erklärt sich auch die ungleich schärfere normative Festschreibung der sozialen Ungleichheit. Aber daraus folgt eben nicht, dass die Gesellschaft tatsächlich grundsätzlich unbeweglich war. Vielmehr gab es auch in der Vormoderne schon Phasen des sozialen Umbruchs und der ökonomischen Expansion, so z.B. im Früh- und Hochmittelalter oder im ‚langen‘ 16. Jh., die von enormer sozialer Mobilität begleitet waren, während es in anderen Phasen, so z.B. im 17. und 18. Jh., zu einem gegenläufig Trend der sozialen Erstarrung kam (Schulze 1988; Schulz 2002; konzeptionell unerreicht: Stone 1966). Das alteuropäische Leitbild der sozialen Stabilität lässt sich von daher geradezu als Kehrseite der sozialen Mobilität deuten, die sich auch in der Vormoderne auf Dauer nicht unterbinden ließ, weil sie zur Reproduktion der Sozialstruktur unerlässlich war.

Pendelschwünge der sozialen Ungleichheit

Hohe soziale Mobilität bedeutet aber nicht unbedingt mehr soziale Gleichheit. Auch dies wiederum gilt bereits für die Vormoderne. So ging z.B. in Augsburg der ökonomische Aufschwung im 16. Jh. mit einer deutlichen Verschärfung der sozialen Ungleichheit einher (van Zanden 1995: 646-647). Es gilt aber vor allem für den Übergang zur Moderne im Zuge der Industrialisierung (Kaelble 1983; 1987). Das Paradebeispiel dafür ist England – nicht nur deshalb, weil die Industrielle Revolution dort zuerst einsetzte, sondern vor allem, weil sich für dieses Land die Veränderungen der verteilungspolitischen Großwetterlage seit dem späten 17. Jh. gut nachzeichnen lassen.

Die Forschungen Linderts, die hier einschlägig sind, haben ergeben, dass sich die extreme Ungleichverteilung der Einkommen und Vermögen, die für vorindustrielle Gesellschaften typisch ist, im Verlauf der Industrialisierung zunächst nicht verringerte und sich erst nach dem Ersten Weltkrieg eine stärkere Nivellierung ausmachen lässt. Sieht man sich z.B. an, wie sich der Einkommensanteil der Wohlhabenden (obere 20 Prozent) seit dem späten 17. Jahrhundert verändert hat, so lassen sich drei Phasen unterscheiden.

(1) Bis zum Ende des 19. Jhs. blieb ihr Einkommensanteil auf einem langfristig stabilen Niveau von etwa 60 Prozent (‚vorindustrielle‘ Ausgangslage);

(2) zu Beginn des 20. Jhs. setzte ein säkularer Abwärtstrend ein, der sich ab dem Zweiten Weltkrieg deutlich beschleunigte und Mitte der 1970er Jahre einem Tiefpunkt bei etwa 40 Prozent erreichte (Übergang zum/Ausbau des modernen Sozialstaat/s);

(3) danach kam es zu einem gegenläufigen Aufwärtstrend, der die Position der Wohlhabenden wieder verbessert hat (‚Umbau‘ des Sozialstaates unter Thatcher, Major und Blair) (Lindert 2000: 175-178; Sokoll 2011).

Der wichtigste Grund für die Angleichung der Einkommen im 20. Jh. ist der deutliche und nachhaltige Anstieg der unteren Einkommen, namentlich der Löhne für qualifizierte Arbeiter (und der Gehälter für Angestellte), deren Anteil an der Erwerbsbevölkerung zudem kräftig zunahm. Erst durch diese Entwicklung, also dadurch, dass der säkulare Produktivitätsanstieg auch für die Mehrheit der Bevölkerung dauerhaft in höhere Erwerbseinkommen mündete, konnte der traditionelle armutspoltische Reflex, die arbeitenden Klassen auf das niedrige Niveau reiner Subsistenzlöhne herabzudrücken (um sie im Zaum zu halten und ihren Arbeitseifer anzuspornen), überwunden werden. Hinzu kommt dann, aber nur als zweites Moment und deutlich später (im Grunde erst nach dem Zweiten Weltkrieg), die staatliche Umverteilung der Einkommen, die mit dem Ausbau des modernen Sozialstaates einherging (Sokoll 2011).

Für das 20. Jahrhundert lässt sich dieses Bild durch die Ergebnisse des britischen Wohlfahrtsökonomen Tony Atkinson ergänzen, dessen vergleichende Untersuchungen zur Einkommensentwicklung zu den international herausragenden Arbeiten zählen. Auch für die Spitzenverdiener, das reichste 1 Prozent der Bevölkerung, ergibt sich bis zum Ende der 1970er Jahre ein drastischer Einbruch: ihr Anteil am gesamten Bruttoeinkommen sank zwischen 1918 und 1977 von fast 20 Prozent auf 6 Prozent. Allerdings kehrte sich dieser Trend ab 1979 wieder um. Unter den konservativen Regierungen Thatcher und Major, aber auch unter Blairs ‚New Labour‘ gelang es den Spitzenverdienern den Verlust am Anteil des Gesamteinkommens, den sie im Goldenen Zeitalter des britischen Sozialstaates (1945-79) hatten, wieder zurückzuholen: im Jahre 2000 lag er bei 13 Prozent und damit wieder auf derselben Höhe wie 1948 (Atkinson 2005). Dabei ist auch dieser rasante Anstieg der Einkommensungleichheit vor allem auf rein marktbedingte Faktoren zurückzuführen, nämlich auf die Explosion der Spitzeneinkommen in den 1980er und 90er Jahren.

Stände und Klassen in der (post)modernen Gesellschaft

Im Vergleich zu Großbritannien (oder den USA) ist die Ungleichverteilung der Einkommen in Deutschland zwar deutlich geringer ausgeprägt und in den letzten Jahrzehnten auch weniger stark angestiegen (Atkinson 2003; europäischer Vergleich: Kaelble 2007: 207-238). Gleichwohl sind die Bedingungen der gegenwärtigen sozialpolitischen Auseinandersetzungen prinzipiell dieselben: Wir diskutieren über Einschränkungen bei den Transfereinkommen, während die zu verteilende Einkommensmasse nicht nur weiterhin wächst, sondern auch zunehmend ungleich verteilt wird.

Für die Entwicklung der sozialen Ungleichheit in der Bundesrepublik kommt der Analyse Wehlers eine besondere Bedeutung zu, weil er nicht nur die empirische Forschung kritisch-souverän zusammenfasst, sondern die Befunde überdies aus einer breiten historisch vergleichenden Perspektive zu würdigen versteht (1978-2008: Bd 5: 108-215). Seine Bilanz ist ebenso überraschend wie niederschmetternd. Trotz des enormen Anstiegs der Realeinkommen ist die Struktur der Einkommensverteilung 1990 wieder dieselbe wie 1950 (nachdem zwischendurch – wie in England – ein Trend zur stärkeren Gleichverteilung erkennbar ist). Vor allem aber zeigen sich deutliche Verwerfungen der sozialen Mobilität. Während es in der Bundeswehr zu einer sozialen Öffnung gekommen ist, die sogar den traditionellen Verhaltenskodex einer sozialen Abschließung des deutschen Offizierskorps gesprengt hat, zeichnen sich ausgerechnet in den Führungskreisen der Wirtschaft (und der Verwaltung) zunehmend ‚ständische‘ Tendenzen der Binnenrekrutierung aus kleinsten sozialen Zirkeln ab, die das Konzept dynamischer Leistungseliten als selbstgefälligen Mythos erscheinen lassen, der nur dazu dient, oligarchische Sonderinteressen zu verschleiern.

Wenn sich in dieser Weise die marktbedingte Machtposition mit einem sozial exklusiven Verhaltenskodex vermischt, macht es wenig Sinn, „Klassen“ und „Stände“ als soziale Formationen anzusehen, die sich gegenseitig ausschließen, weil sie historisch unterschiedlichen Gesellschaftstypen zuzuordnen sind. Vielmehr sollte man im kritischen Anschluss an die klassentheoretischen Entwürfe von Marx und Weber und unter besonderer Berücksichtigung der auf die kulturelle Reproduktion des Klassenstruktur zielenden Arbeiten Bourdieus davon ausgehen, das auch in der (post)modernen Gesellschaft die marktbedingte Klassenlage stets mit ständischen Abgrenzungsstrategien im Lebensstil einhergeht. Stände und Klassen sind daher analytisch scharf zu trennen, aber historisch miteinander zu verknüpfen.

 

Literatur

Atkinson, Anthony B. 2003: Income inequality in OECD countries: data and explanations. München: Center for Economic Studies, CESifo working paper 881.

Atkinson, Anthony B. 2005: Top incomes in the United Kingdom over the twentieth century, in: Journal of the Royal Statistical Society 168, 325-343.

Beck, Ulrich/Beck-Gernsheim, Elisabeth 1994 (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt: Suhrkamp.

Burzan, Nicole 2011: Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien, 4. Aufl. Wiesbaden: VS (Studientexte zur Soziologie).

Giddens, Anthony 1979: Die Klassenstruktur fortgeschrittener Gesellschaften, Frankfurt: Suhrkamp.

Hradil, Stefan 2001: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Aufl., Opladen: Leske+Budrich.

Kaelble, Hartmut 1983: Industrialisierung und soziale Ungleichheit. Europa im 19. Jahrhundert. Eine Bilanz, Göttingen: Vandenhoeck.

Kaelble, Hartmut 1987: Auf dem Weg zu einer europäischen Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte Westeuropas 1880-1980, München: Beck.

Kaelble, Hartmut 2007: Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, München: Beck.

Kocka, Jürgen 2001: Das lange 19. Jahrhundert. Arbeit, Nation und bürgerliche Gesellschaft (Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Aufl., Bd. 13), Stuttgart: Klett-Cotta.

Kuznets, Simon 1955: Economic growth and income inequality, in: American Economic Review 45, 1-28

Laslett, Peter 1965: The world we have lost, London: Methuen.

Lindert, Peter H. 2000: Three centuries of inequality in Britain and America, in: Atkinson, Anthony B./Bourguignon, Francois (Hrsg.), Handbook of income distribution, Bd. 1, Amsterdam: Elsevier, 167-216.

Oexle, Otto Gerhard/Conze, Werner/Walther, Rudolf 1990: Stand, Klasse, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 6, Stuttgart: Klett-Cotta, 155-284.

Ossowski, Stanislaw 1962: Die Klassenstruktur im sozialen Bewusstsein, Neuwied: Luchterhand (Soziologische Texte, 11).

Schulz, Günther 2002 (Hrsg.): Sozialer Aufstieg. Funktionseliten im, Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, München: Oldenbourg (Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit, 25).

Schulze, Winfried 1988 (Hrsg.), Ständische Gesellschaft und soziale Mobilität, München: 1988 (Schriften des Historischen Kollegs: Kolloquien, 12).

Sokoll, Thomas 2011: Soziale Sicherung, Einkommensverteilung und demographische Wechsellagen: England seit dem 16. Jahrhundert, in: Sokoll, Thomas (Hrsg.), Soziale Sicherungssysteme und demographische Wechsellagen. Historisch-vergleichende Perspektiven (1500-2000), Münster/Berlin: Lit (Geschichte: Forschung und Wissenschaft, 32), 27-60.

Stone, Lawrence 1966: Social mobility in England, 1500-1700, in: Past and Present 33, 16-55.

van Zanden, J.L. 1995: Tracing the beginning of the Kuznets curve: western Europe during the early modern period, in: Economic History Review 41, 634-664.

Wehler, Hans-Ulrich 1979 (Hrsg.): Klassen in der europäischen Geschichte. Neun Beiträge, Göttingen: Vandenhoeck.

Wehler, Hans-Ulrich 1987-2008: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 5 Bde, München: Beck.


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