Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 11: September/Oktober 2011 | Globalisierung light, internationale Leitlinien und starke Nationalstaaten

Thema der Ausgabe 11: September/Oktober 2011 Soziale Ungleichheit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

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Donnerstag, 1. September 2011

Globalisierung light, internationale Leitlinien und starke Nationalstaaten

von: Jan Piegsa

Eine Neuerscheinung zum Thema Globalisierung ohne Schelte der wirtschaftswissenschaftlichen Zunft – geht das heutzutage überhaupt? Jedenfalls nicht, wenn man Dani Rodrik heißt. Als Professor für internationale politische Ökonomie in Harvard zählt er zu den Kritikern des Freihandels und legt nun mit seinem Buch „Das Globalisierungs-Paradox. Die Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft“ Vorschläge für eine neue Weltwirtschaftsordnung vor.

Auf über vierhundert Seiten beschreibt Rodrik die Ideengeschichte ökonomischer Theorien, angefangen bei Ricardos Theorie der komparativen Kosten, dem Abbau von Handelsbarrieren, bis hin zur Subprime-Krise von 2007/08. Reichlich Kritik an Kolleginnen und Kollegen seines Fachs ist zu lesen: so habe die von ihnen erdachte, bislang vorherrschende Globalisierungslehre die jüngsten Krisen mit verursacht. Die Thesen dieser Lehre waren: Der Freihandel und sich selbst überlassene Märkte tendierten zum Gleichgewicht. Staatliche Regulierung blockiere die wirtschaftliche Entwicklung und habe zu unterbleiben. Dies war die Ultima Ratio, von der Politik bis in die universitäre Lehre.

"Die Agenda der Hyperglobalisierung verlangt, dass wir uns ein Ökonomenmärchen zu eigen machen, das den Bestrebungen multinationaler Unternehmen, großer Banken und global tätiger Investmenthäuser den Vorrang vor anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zielen einräumt."

Hyperglobalisierung gegen die Demokratie

Das Paradox der derzeitigen Globalisierung - Rodrik nennt sie Hyperglobalisierung - besteht für den Autor darin, dass freier Welthandel und unbegrenzte Mobilität von Arbeit und Kapital mit unseren Vorstellungen von Demokratie und Nationalstaat überhaupt nicht vereinbar seien. Internationale Institutionen und Wirtschaftsmächte wie die EU und die USA hätten mit der von ihnen durchgesetzten Lesart der Globalisierung letztendlich eine Zwangsjacke geschaffen, die bis tief in innenpolitische Sphären der Nationalstaaten wirkt. Die demokratische Legitimation ist aber nach wie vor im Nationalstaat verankert und wird ständig durch internationale Regelungen ausgehöhlt. Der freie Kapital- und Warenverkehr habe letztendlich ein Race to the bottom ausgelöst, dessen Folgen immer deutlicher sichtbar werden. Eine soziale Schieflage weltweit ist das Ergebnis. High-Potentials auf der einen Seite, eine schmelzende Mittelschicht und ein wachsendes Prekariat am anderen Pol sind Phänomene, die überall auf der Welt in den Nationalstaaten auftreten.

„Tatsache ist, dass es uns an innenpolitischen und globalen Strategien fehlt, die nötig wären, um den Verwerfungen der Globalisierung entgegenzusteuern. Wir laufen deshalb Gefahr, dass die sozialen Kosten des Außenhandels die Wenigen zugutekommenden wirtschaftlichen Vorteile überwiegen und eine heftige Immunreaktion auf die Globalisierung provozieren.“

Der eingebettete Kapitalismus

Dem entgegen setzt Rodrik auf mehr Autonomie für den Nationalstaat, der einzig demokratisch legitimierten Ebene. Der häufig prognostizierte Niedergang des Nationalstaates ist für den Autor nur ein Hype. Waren es nicht Nationalstaaten, die die Krise 2007/08 abfederten, denen aber auch Versagen auf ganzer Linie vorgeworfen wird, weil Deregulierung und Co. durch sie selbst zuvor betrieben wurde?

Rodriks Vorschläge für eine bessere ökonomische Weltordnung basieren auf Erfahrungen in der Nachkriegszeit. Er ist kein Gegner der Globalisierung, er will keine Rückkehr zum Protektionismus. Es geht ihm nicht darum, den Kapitalismus als Teufel an die Wand zu malen, er möchte ihn embedden – ihn einbetten. Rodrik möchte regulieren - und er nennt beispielhaft Bretton Woods. Strenge internationale Leitlinien hält Rodrik nur für bedingt tauglich, weil sie immer nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner basieren würden. Dennoch hält er sie für Klimaschutz und Kapitalmärkte unabdingbar. Handelshemmnisse sollten jedoch nach Bedarf national geregelt werden.

„Jedes Land sollte über eine eigene Kombination von Marktöffnung, Produkt- und Arbeitstandards sowie sozialem Netz entscheiden“.

Defizite

Insgesamt liefert Dani Rodrik eine gute Analyse der Handelsbeziehungen und der internationalen Verflechtungen in der globalisierten Welt. Deutlich werden Funktionsweisen des politischen Betriebs globaler Organisationen aufgezeigt. Interessant ist der Überblick über Forschungsergebnisse amerikanischer Wissenschaftler zur Thematik Global Governance. Eigene Lösungsvorschläge bleiben jedoch meist an der Oberfläche. Ebenso behandelt Rodrik, geboren 1957 in Istanbul, die Entwicklung der Europäischen Union nur als Randerscheinung. Die Internationale Arbeitsorganisation wird nicht einmal erwähnt, obwohl (auch) sie Standards setzt. Gänzlich vernachlässigt wird die Diskussion über die Grenzen des Wachstums. Ein Thema, das dazu gehört, wenn über Umweltschutz, Wohlstand und Globalisierung diskutiert werden soll.

Dani Rodrik: Das Globalisierungs-Paradox. Die Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft. 2011. 416 S.: Gebunden


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