Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 10: Juli/August 2011 | Wachstum – Entwicklung - Nachhaltigkeit

Thema der Ausgabe 10: Juli/August 2011 Wachstum und Wohlstand: Debatten über die Zukunft.

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Dienstag, 23. August 2011

Wachstum – Entwicklung - Nachhaltigkeit

Schlag nach bei Joseph Schumpeter

von: Dr. Rainer Land, Michael Müller
Kanne

saimen / photocase.com

Ein grundlegender Konflikt durchzieht die Debatte über Wachstum:

-        Die einen befürchten bei einem niedrigen oder Null-Wachstum, erst recht bei einer Schrumpfung eine tiefe Krise der Wirtschaft, der Beschäftigung und der Sozialsysteme und einen Rückgang des Wohlstands. In Europa gab es seit der industriellen Revolution kaum Erfahrungen mit längeren Perioden ohne Wachstum und die aus der Geschichte oder anderen Ländern sind weder attraktiv noch ohne weiteres auf die heutige Situation übertragbar.

-        Die anderen verweisen insbesondere auf die ökologischen Folgen des quantitativen Wachstums wie Klimawandel, Peak-Oil und Artenvernichtung, weil die begrenzten Ökosysteme der Erde übernutzt werden und letztlich sogar die Gefahr einer „ökologischen Selbstvernichtung“ (Siegfried Lenz) denkbar wird.

Tatsächlich haben alle ökonomischen Prozesse einen doppelten Charakter: Sie produzieren monetär bemessene Werte und transformieren/entwerten dabei Energie und Stoffe. Sie schaffen sowohl die erwünschten Gebrauchsgüter, mit denen wir unsere Bedürfnisse befriedigen, als auch Abwässer, Abgase und Abfälle, also Emissionen und Abprodukte, die in die großen Senken des Erdsystems verlagert werden. Und sie nutzen immer umfangreicher die natürlichen Rohstoffe, die begrenzt und damit endlich sind.

Von daher gibt es einen „Kipppunkt“, an dem die Vorteile des Wachstums in Niedergang umschlagen. Dieser Konflikt ist lange bekannt. Schon Immanuel Kant schrieb im „kategorischen Imperativ“ von der „begrenzten Kugelhälfte“ unseres Planenten.

Gestaltung und Grenzen

Unbestritten ist, dass die Gesellschaft eine Dynamik der Veränderungen braucht, die materiell durch die Entwicklung von Wirtschaft und Technik erzeugt wird. Alain Touraine nennt das die Fähigkeit zur „Selbstproduktion von Gesellschaft“. Von daher stellen die Grenzen des bisherigen Wachstumsmodells vier Grundsatzfragen. Sie zeigen, dass die globalen Zusammenhänge und die Systemfragen nicht ausgeblendet werden dürfen:

-        Gibt es eine Entwicklung ohne Wachstum, die mehr Lebensqualität, Wohlfahrt und Emanzipation möglich macht?

-        Sind „kapitalistische Wirtschafts- und Regulierungsformen ohne die bisherige Form der Akkumulation überlebensfähig“ (Karl-Georg Zinn 2008), ist eine „Staedy state“-Ökonomie (Herman Daly) als globales Modell denkbar, ist „Degrowth ohne einen grundlegenden Systemwechsel“ überhaupt machbar (John Bellamy Foster)?

-        Ist trotz der unbestrittenen ökologischen Gefahren das bisherige quantitative Wachstum in den Ländern des Südens weiter notwendig, um den Entwicklungsabstand zu den Industriestaaten zu verringern und für alle menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen?

-        Wie wird in den Industriestaaten, auch um Zeit für den Umbau in eine nachhaltige Ordnung zu gewinnen, eine selektive Wachstumsstrategie möglich, mit der das wächst, was sozial und ökologisch verträglich ist, während das schrumpft, was nicht nachhaltig ist?

Der Traum von der immerwährenden Prosperität

Aus der Zeit hohen Wachstums resultierte in der Industriegeschichte der kurze Traum immerwährender Prosperität (Burkart Lutz). Vor allem in der Zeit zwischen 1950 und Anfang der siebziger Jahre war hohes wirtschaftliches Wachstum in den westlichen Industriegesellschaften die große Fortschritts- und Integrationsmaschine.

Dann kam der Einschnitt. Um die Wachstumsschwäche ihrer Volkswirtschaften zu beheben, setzten seit den achtziger Jahren die britische und amerikanische Regierung auf Deregulierung und Liberalisierung. Ausgerichtet auf eine kurzfristige Gewinnsteigerung übernahmen die Finanzinstitute die Steuerung der Wirtschaft. Dadurch wurden zwar Wachstumsimpulse ausgelöst, aber die wirtschaftliche Entwicklung entfernte sich immer weiter von Gleichgewichtszielen.

Das Bestreben, zu den hohen Wachstumsraten der sechziger Jahre zurückzukehren, basiert auf einer gravierenden Fehleinschätzung der Wachstumsmöglichkeiten hochentwickelter Industriestaaten. Nicht nur die ökologischen Gefahren, auch die Finanzkrise 2008 haben nicht zuletzt ihre Ursache in einem übersteigerten Pro-Wachstums-Prinzip. Denn:

-           Alle hochentwickelten Industriestaaten müssen von einem deutlich geringeren Wachstum ausgehen, weil konstante Wachstumsraten immer höhere absolute Beträge erfordern. Über ein bestimmtes Maß hinaus können die Raten schon aus immanenten Gründen immer weniger gesteigert werden (Urs Müller-Plantenberg 1998).

-           Zudem wird die monetäre Seite des wirtschaftlichen Wachstums vernachlässigt, denn der Zuwachs wird immer stärker kreditfinanziert. Durch die Dominanz der globalisierten Finanzmärkte werden hohe Realzinsen gebildet und überhöhte Renditen gefordert. Ein wachsender Anteil des Wachstums entfernt sich von den realwirtschaftlichen Möglichkeiten.

-           Wachstum auf Pump zwingt die Schuldner zu harten Budgetrestriktionen.

-           Um das reale Wachstum auch nur konstant zu halten, müssen steigende Mengen an Energie und Material eingesetzt werden. Mit der Nutzung und Wandlung von Ressourcen ist nicht nur eine Überlastung der Kreisläufe (Klimawandel) und eine zunehmende Knappheit (Peak-Oil) verbunden, sondern auch der Entropieanstieg, dessen Bedeutung für die Ökonomie Nicholas Georgescu-Roegen herausgearbeitet hat.

Weil jedoch alle Politiken auf ein möglichst hohes Wachstum ausgerichtet sind, wird die Auszehrung der Zukunft beschleunigt, deren Folgen wiederum durch noch mehr Wachstum beseitigt werden sollen. Solange es nicht zu einer grundlegenden Neuordnung kommt, begibt sich die Politik immer tiefer in eine „Geiselhaft“ vom wirtschaftlichen Wachstum.

Große Transformation – zweiter Teil

Vieles spricht dafür, dass wir erneut vor einer „Großen Transformation“ stehen. In seinem Werk „The Great Transformation“ von 1944 sah Karl Polany in einer „Marktgesellschaft“, verursacht durch die Verselbständigung der Ökonomie gegenüber der Gesellschaft, den Grund für die großen Krisen des letzten Jahrhunderts.

Auch das englische Wirtschaftsblatt The Economist beschrieb die Weltwirtschaftskrise von 1929 als Folge des Auseinanderfallens zwischen wirtschaftlichen Umwälzungen und gesellschaftlicher und politischer Modernisierung. Dieser Grundkonflikt wurde nach 1950 in den westlichen Industriestaaten durch institutionelle Arrangements (Keynesianismus/Wohlfahrtsstaat) entschärft, in Westdeutschland durch die soziale Marktwirtschaft.

Mit der Aufkündigung der Weltwirtschaftsordnung von Bretton Woods und den ökologischen Grenzen des Wachstums in den siebziger Jahren sowie dem Aufstieg der Globalisierung und des Finanzkapitalismus kam es erneut zu einer „Entbettung“ der Ökonomie aus ihren sozialen und gesellschaftlichen Bindungen. Deshalb geht es heute um die große Transformation – zweiter Teil. Sie erfordert eine nachhaltige Entwicklung.

Ein erster Schritt auf diesem Weg ist die Unterscheidung zwischen Wachstum und Entwicklung, wie sie Joseph Schumpeter in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt hat. In der Grundidee steht sie auch hinter dem von Karl Marx verwendeten Modell der „erweiterten Reproduktion“ und seiner dialektisch-materialistischen Geschichtsdeutung.

Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung

Joseph Alois Schumpeter gehörte lange Zeit zu den wenigen Wirtschaftswissenschaftlern, die von einem Fortschrittsoptimismus geprägt waren. Im Gegensatz zum wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream am Beginn des letzten Jahrhunderts sah er Märkte prinzipiell in einem Ungleichgewicht und erklärte die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung aus sich selbst heraus.

Das bedeutet, dass Gleichgewichtssituationen nur in seltenen konjunkturellen Momenten erreicht werden. In der Regel werden die Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital, Technologie und Ressourcen immer neu zusammengesetzt. Alte Strukturen werden beseitigt und durch neue ersetzt. Es wäre falsch, Schumpeter auf die Beschreibung des schöpferischen Unternehmers zu begrenzen, zumal er dem Staat durchaus die Fähigkeit zuschrieb, in unterschiedlichen Epochen Innovationen im Wirtschaftsleben voranzutreiben und durchzusetzen.

Seinen Ruhm verdankt Schumpeter den drei methodischen Neuerungen in seinem Hauptwerk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“  von 1911/12:

- die Verbindung zwischen klassischer Ökonomie und historischer Schule;

- die Überwindung statischer Betrachtungen durch ein dynamisches Modell;

- die Erweiterung der Wirtschaftstheorie in Richtung einer Sozioökonomie.

Schumpeters Theorie erklärt die Konjunkturzyklen aus der wirtschaftlichen Dynamik. Die Unterscheidung wirtschaftlicher Entwicklung von wirtschaftlichem Wachstum zieht sich durch sein gesamtes Werk. Sie hat zentrale Bedeutung für die Förderung des Strukturwandels und die Gestaltbarkeit des Wirtschaftsprozesses. Um es an einem Beispiel Schumpeters zu verdeutlichen: „Autos mit Bremsen schneller fahren, als sie es sonst täten, weil sie mit Bremsen versehen sind.“

Innovationen statt Wachstum

Wirtschaftswachstum wird als Zunahme oder Abnahme der Größe des Sozialprodukts verstanden, der in Preisen erfassten Gesamtheit der Güter und Dienstleistungen. Davon unterscheidet Schumpeter eine wirtschaftliche Entwicklung durch die Neukombination des Wirtschaftsprozesses (oder: Innovationen) mit Hilfe neuer Produkte und neuer Produktions- und Konsumtionsverfahren, verbunden mit dem Verschwinden alter Produkte und einer Veränderung der Proportionen innerhalb des Sozialprodukts und zwischen den Branchen.

Schumpeter unterscheidet für derartige Neukombinationen fünf Fälle:

-                Erzeugung und Durchsetzung neuer Güter oder neuer Qualitäten von Produkten;

-                neue Produktionsmethoden und Geschäftsmodelle;

-                Erschließung/Nutzung neuer Bezugsquellen bei Rohstoffen oder Halbfabrikaten;

-                Funktions- und Organisationsfähigkeit der Märkte;

-                Erschließung neuer Absatzmärkte.

Der Wirtschaftskreislauf

Ausgangspunkt ist die Bestimmung des Wirtschaftskreislaufs. Schumpeters theoretischer Bezug ist ein gleichbleibender Kreislauf, in dem alle Produktions- und Konsumptionsprozesse unverändert ablaufen. Inputs wie Outputs wachsen in gleichem Maße und in gleichbleibenden Proportionen. Das wäre ein Wachstum ohne Entwicklung.

Bei Produktinnovationen werden andere Konsumgüter oder neue Produkte erzeugt, bei Prozessinnovationen wird mit weniger Einsatz an Arbeit, Energie, Rohstoffen oder Produktionsmitteln die gleiche Menge erzeugt. Volkswirtschaftlich gehören beide zusammen: Prozessinnovationen setzen Innovationen bei den Produktionsmitteln voraus, bessere Verfahren erfordern neue Anlagen; eine produktivere Arbeit setzt eine bessere Reproduktion und Bildung der Arbeitskraft voraus, also zum Beispiel bessere Wohnungen, gesünderes Essen, mehr Kultur und eine höhere Bildung.

Entwicklung entsteht demnach im Unterschied zu bloßem Wachstum durch die Kumulation vieler Innovationen. Dabei werden die Innovationen realisiert, die in den jeweiligen Rahmensetzungen produktiv sind oder effektiv selektiert werden. Unter den Bedingungen der fordistischen Massenproduktion (dreißiger bis siebziger Jahre) setzten sich in erster Linie solche Produkt- und Prozessinnovationen durch, welche die Produktivität der Arbeit durch die economy of scale steigerten. Massenproduktion und Massenkonsum waren die Folge dieser Entwicklungsphase.

Die Reduktion des Ressourcenverbrauchs, eine Steigerung der Energieeffizienz, die Schließung von Stoffkreisläufen und insgesamt eine Umweltkompatibilität spielten dagegen keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Da diese Form der Produktivität und der Massenproduktion beschleunigt wuchsen, die Ressourceneffizienz dagegen kaum, führt diese Produktionsweise schnell an die Tragfähigkeitsgrenzen der Ökosystems.

Entwicklung ohne Zerstörung

Seit der industriellen Revolution und der Herausbildung kapitalistischer Ordnungen ist die wirtschaftliche Entwicklung ein permanent endogen durch die Kapitalverwertung angetriebener Prozess. Joseph Schumpeter zeigte auf, wie der Wirtschaftsapparat und das Kreditemissionssystem Innovationen erzeugt und verbreitet, neue Produkte auf den Markt bringt und alte Unternehmen, Produkte und Verfahren verdrängt.

Bei Schumpeter ist Wachstum die Folge der wirtschaftlichen Entwicklung. Insofern stellt sich die Frage nach einer Entwicklung, die nicht nur ohne ein Wachstum des Verbrauchs an Ressourcen (Rohstoffe, Energie, Emissionen und Abprodukte) auskommt, sondern die trotz steigender Weltbevölkerung und nachholender Industrialisierung einen absolut sinkenden Verbrauch möglich macht.

Von daher geht es um die Frage, ob die Konstitution eines neuen Typs von wirtschaftlicher Entwicklung möglich ist? Kurz: Während das bisherige Wachstum die eigenen Voraussetzungen untergräbt, muss es um eine Entwicklung gehen, die auch langfristig möglich ist. Das ist die Frage nach der Nachhaltigkeit.

Die Antwort  kann weder ein stationäres Wirtschaftssystem ohne Entwicklung sein, in dem alles gleich bleibt, noch die Fortsetzung der alten Massenproduktion mit einem wachsenden Verbrauch an Rohstoffen und Energie, steigenden Emissionen und deponierten Abprodukten. Notwendig ist eine Wirtschaft, die durch Innovationen gestaltet wird, aber in ihrem Naturverhältnis quantitativ stationär bleibt und zwar dauerhaft in den Tragfähigkeitsgrenzen der Natur.

Grundsätzlich wäre ein anderer Entwicklungspfad denkbar, ökologisch, sozial und ökonomisch. So haben beispielsweise Charles Sabel und Michael Piore in ihrer Studie beschrieben, welche Chancen innovative Klein- und Mittelbetriebe bei einer „Requalifizierung der Arbeit und Rückkehr der Ökonomie in die Gesellschaft“ haben. Die MIT-Wissenschaftler gehen vom Ende der traditionellen Massenproduktion aus und sehen die Zukunft in einer „flexiblen Spezialisierung“.

Auch für eine ökologische Marktwirtschaft eröffnen sich große Innovationsmöglichkeiten. Sofern auf der stofflichen Seite erneuerbare Rohstoffe und Energien genutzt und alle Abprodukte und Emissionen durch eine Kreislaufwirtschaft verträglich in die Ökosysteme zurückgeführt würden, wäre – wie Jared Diamond aufgezeigt hat – theoretisch eine fast endlose Fortsetzung stationärer Produktionssysteme möglich, wenn es kein Bevölkerungswachstum gäbe.

Eine nachhaltige Entwicklung

Eine nachhaltige Wirtschaftsordnung entsteht durch einen neuen Entwicklungspfad für Innovationen. Entscheidendes Kriterium ist nicht mehr die Steigerung der Arbeitsproduktivität durch die bisherigen Formen der Massenproduktion und des Massenkonsums, sondern die Durchsetzung naturverträgliche Produkte und Konsumweisen, die Herausbildung einer Kreislaufwirtschaft und der Umstieg in die Solarwirtschaft.

Ausgangspunkt für eine nachhaltige Entwicklung ist ein zeitliches Verständnis von Verantwortung, dass die absehbare Zukunft in die Entscheidungen der Gegenwart einbezieht. Das regulative Prinzip der Nachhaltigkeit heißt, die Bedürfnisse der heutigen Generationen so zu befriedigen, dass künftige Generationen das auch noch angemessen tun können. Hans Jonas nannte das „Fernstenliebe“.

Dieser Umbau wird durch eine politische Regulation ermöglicht, zu denen neben funktionsfähigen Märkten auch Ordnungssysteme, Eigentumsordnungen, Rechtsnormen und Verwaltungen gehören, um jede Form der Externalisierung zu Lasten der Allgemeinheit zu beenden. Zudem erfordern die Innovationsziele Naturverträglichkeit und Ressourceneffizienz globale, europäische, nationale und regionale Regulationsformen: die Reform der Finanzmärkte, ein faires Rohstoffregime, die systematische Beschränkung und Absenkung ökologischer Nutzungsrechte, die gezielte Förderung sozialökologischer Innovationen, die alte Produkte und Verfahren ablösen, sowie eine gerechte Handelsordnung, um nur einige Eckpunkte zu nennen.

Effizienzrevolution und Solarwirtschaft

In diesem evolutionären Konzept wird eine massive Steigerung der Ressourceneffizienz möglich, die weit über eine Entkoppelung vom wirtschaftlichen Wachstum hinausgeht und global eine deutliche Senkung des absoluten Verbrauchs möglich macht. Erst dann werden tatsächliche Fortschritte möglich, werden die Effizienzfortschritte nicht kompensiert und wird der Rebound-Effekt vermieden.

Bis Mitte des Jahrhunderts muss nicht nur der Umstieg in die erneuerbaren Technologien geschafft, sondern auch eine 2.000-Watt-Gesellschaft verwirklicht werden. Effizienzrevolution und erneuerbare Ressourcen gehören zusammen. Energie wird aus erneuerbaren Quellen in Energiedienstleistungen gewandelt, es werden nur erneuerbare Rohstoffe genutzt oder nicht erneuerbare vollständig in einem Kreislauf geführt, damit keine Emissionen oder Abprodukte entstehen. Der wirtschaftliche Prozess bleibt dann innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der natürlichen Systeme.

Integrierte Ressourcenplanung

Beispielhaft sind diese Überlegungen in Least-Cost-Planning (LCP) – oder Integrierter Ressourcenplanung (IRP) – konkretisiert. Unter LCP wird ein regulatorisches Konzept für die leitungsgebundene Energiewirtschaft verstanden, das die Energieversorgungsunternehmen verpflichtet, vor einer Ausweitung von Erzeugungskapazitäten alle Maßnahmen der Energieeinsparung zu verwirklichen, die unter den Kosten für eine Bereitstellung von Energie liegen.

Danach müssen auf der Angebotsseite systematisch alle Einspar- und Effizienzpotenziale im Planungs- und Entscheidungsprozess ermittelt und berücksichtigt werden. Ziel des umfassenden Abwägungsprozesses ist es, die aus volkswirtschaftlicher Sicht und aus Kundenperspektive günstigste Variante zu finden und zu nutzen.

Worum es geht, ist die Befriedigung konkreter Bedürfnisse wie warmer Wohnraum, angemessene Kühlung oder ausreichende Beleuchtung. Energie ist das Zwischen- oder Hilfsprodukt, mit dessen Hilfe die Energiedienstleistung „hergestellt“ wird.

Von daher muss die Kette Primärenergie – Endenergie – Nutzenergie um den angestrebten Nutzeffekt – die Energiedienstleistung – verlängert werden, um die kostengünstigste und ressourceneffizienteste Variante verwirklichen zu können. Sie erfordern eine umfassende Betrachtung und ein Paket von Maßnahmen auf der Angebots- wie der Nachfrageseite.

Die Ökonomie des Vermeidens

Das theoretische Prinzip  des LCP ist eine Ökonomie des Vermeidens, wie die Grafik belegt, in der die Kostenkurven der Energieerzeugung bzw. von Einsparinvestitionen eingetragen werden und aus beiden die Summenkurve gebildet. Ziel des LCP-Prozesses ist es, den Energieeinsatz zu fördern, der auf der Gesamtkostenkurve ein Minimum erreicht.

Tatsächlich ergeben sich über eine lange Phase erhebliche Kostenvorteile für eine Vermeidungsstrategie. Die sind umso größer, je mehr die externen Kosten einbezogen werden. Insofern ist eine Ökonomie des Vermeidens untrennbar mit einer Beendigung bisheriger Formen der Externalisierung von Kosten verbunden.

Gesamtkosten der Dienstleistungen

Wuppertal Institut


Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft

Allerdings ist es nicht möglich, bei gegebenen Produkten allein durch die Verbesserung der Ressourceneffizienz zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu kommen. Die mit Erdöl betriebenen Fahrzeuge können nicht so effizient gemacht werden, dass sie keine Ressourcen mehr verbrauchen, selbst wenn sie einen Wirkungsgrad von 100 Prozent bei der eingesetzten Energie erreichen würden. Allein die Zahl der Fahrzeuge und ihr ökologischer Rucksack sind zu groß, um in den Tragfähigkeitsgrenzen der Natur zu bleiben.

Ein Prozess zu einem schrumpfenden Verbrauch und zur Nachhaltigkeit ist nur durch wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung möglich. Eine bloße Reduzierung des Wachstums oder eine einfache Schrumpfung ohne eine grundlegende Veränderung der Produkte und Verfahren und ohne eine Veränderung in Lebensstilen und Konsummustern würde die Probleme nicht lösen, weil die Natur zerstörenden Wirtschaftsweisen zwar reduziert, aber nicht beseitigt sind.

In diesem Umbauprozess kommen auch dem kulturellen Wandel, der gerechten Verteilung der Lasten und der Ausweitung von Demokratie eine zentrale Bedeutung zu, um die Transformation mit dem Recht jedes einzelnen Menschen auf Entfaltung seiner Persönlichkeit zu verbinden, wozu auch Verantwortung und Teilhabe gehören. Zumal sie auch so nur möglich wird.

 

Literatur

Altvater, Elmar. Nullwachstum und (oder) die Welt geht unter. 2011

Daly, Herman. Steady-State Economics. 1977

Diamond, Jared. Kollaps. 2005

Easterlin, Richard. Growth Triumphant. 1998

Foster, John Bellamy. Capitalism and Degrowth. 2010

Georgescu-Roegen, Nicholas. The Entropy Law and the Economic Process. 1971

Hauff, Volker. Unsere Gemeinsame Zukunft. 1987

Jonas, Hans. Das Prinzip Verantwortung. 1979

Kapp, William. Volkswirtschaftliche Kosten der Privatwirtschaft. 1958

Land, Rainer. Schumpeter und der New Deal. 2009

Land, Rainer. Zur Unterscheidung von Wachstum und Entwicklung bei Schumpeter. 2010

Lutz, Burkart. Der kurze Traum von der immerwährenden Prosperität. 1984

Mill, John Stuart. Principles of Political Economy. 1848

Meadows, Dennis. Die Grenzen des Wachstums. 1972

Müller, Michael/Peter Hennicke. Wohlstand durch Vermeiden. 1994

Müller-Plantenberg, Urs. Zukunftsverbrauch. 1998

Piore, Michael/Charles F. Sabel. Das Ende der Massenproduktion. 1985

Polany, Karl. Die große Transformation. 1978

Scherhorn, Gerhard. Geld soll dienen. 2009

Schumpeter, Joseph. Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie. 1908

Schumpeter, Joseph. Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 1912

Smith, Adam. An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. 1776

Touraine, Alain. La Production de la Societé. 1972

Zinn, Karl Georg. Die Selbstzerstörung der Wachstumsgesellschaft. 1980

Zinn, Karl Georg. Die Keynessche Alternative. 2008


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Bernhard Pfitzner schrieb am 3. Juni 2012 um 19:45 Uhr:

Ich kann der Argumentation von R. Land und M. Müller weitestgehend zustimmen, halte sie aber in einem Punkt für nicht stichhaltig:
Ziemlich am Ende des Abschnitts "Der Traum von der immerwährenden Prosperität" heißt es:
"Um das reale Wachstum auch nur konstant zu halten, müssen steigende Mengen an Energie und Material eingesetzt werden. Mit der Nutzung und Wandlung von Ressourcen ist nicht nur eine Überlastung der Kreisläufe (Klimawandel) und eine zunehmende Knappheit (Peak-Oil) verbunden, sondern auch der Entropieanstieg, dessen Bedeutung für die Ökonomie Nicholas Georgescu-Roegen herausgearbeitet hat."
Dieser Argumentation liegt meines Erachtens eine Gleichsetzung von "realem Wachstum" und Wachstum der (stofflichen) Güterproduktion zugrunde. Wird dagegen auch ein Wachstum im Dienstleistungsbereich, insbes. im Bereich der sozialen Dienstleistungen - Bildung, Pflege etc. - als reales Wachstum angesehen, so ist dieses (weitestgehend) ohne diese "Nebenwirkungen" möglich.
Dies spricht wie gesagt aus meiner Sicht nicht gegen die sonstige Argumentation des Artikels, hat aber eine wichtige strategische Konsequenz: Zur "Großen Transformation - zweiter Teil" gehört - neben den im Artikel angesprochenen Aspekten - ein bewußtes und politisch aktiv betriebenes Umsteuern von der stofflichen Güter- zur (insbes. sozialen) Dienstleistungsproduktion. Dazu gehört dann u.a.die gesellschaftliche Aufwertung der sozialen Dienstleistungen etc..

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Kurzprofil

Dr. Rainer Land
2. Vorstandsvorsitzender des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung
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Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschland.

Mitglied im Präsidium des Deutschen Naturschutzrings.

Er war 2005 bis 2009 als Parlamentarischer Staatssekretär im Umweltministerium für Energiefragen zuständig.
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