Gegenblende | Ausgabe 14: März/April 2012 | Jetzt kommt der Mensch dran

Thema der Ausgabe 10: Juli/August 2011 Wachstum und Wohlstand: Debatten über die Zukunft.

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Freitag, 13. April 2012

Jetzt kommt der Mensch dran

von: Jürgen Kiontke
work

Film Kino Text

Oberflächen, nichts als Oberflächen: Der Film „Work Hard - Play Hard“ - der Titel bedeutet in etwa „Feste arbeiten, feste feiern“ - zeigt eine Arbeitswelt, die vor allem aus sauberen Möbeln und Gesichtern besteht. Die Maloche des 21. Jahrhunderts ist spiegelglatt, ihre Insassen sind aalglatt.

Regisseurin Carmen Losmann hat sich für ihre filmische Studie dorthin begeben, wo die Verpackung für die heutige Mehrwertproduktion entsteht. Und so wird beim Architektenbüro Behnisch das neue Unilever-Gebäude in Hamburgs Hafencity durchgesprochen. „Ich les mal die Vorgaben vor“, sagt der Chef, und referiert die Anforderungen ans neue Haus. Und staunt selbst: „Das erlebt man selten, dass der Auftraggeber schon eine Arbeitsatmosphäre festlegen möchte.“

Spaß soll die Arbeit machen. Ein Gebäude soll entstehen, das gerade nicht an Arbeit erinnert. Transparent, offen, entspannt. Ganz wichtig in der Arbeitsatmo des 21. Jahrhunderts: das zwanglose Miteinander! Denn 80 Prozent der Innovationen entstehen beim Smalltalk zwischen den Büros und an der Kaffeemaschine, wie man bei Behnischs erfährt. Nur - wie institutionalisiert man den locker-fröhlichen Quassel-Talk auf dem Gang? So zwischen Wahl- und Fußballergebnissen?

Der Film kennt keine Gnade. Die Menschen, die bei Losmann auftreten - Unternehmensberater, Firmeninhaber, Marketing Manager, Mitarbeiter - meinen es todernst, wenn sie über ihre Arbeit reden; darüber, wie die Umgebung gestaltet sein muss und wo sie auch bei sich selbst Optimierungsbedarf sehen. Kopf- und Seeleninneres soll zur Profitmaximierung genutzt werden. Das Bürohaus der Zukunft ist dabei ein luftiges. „Guten Morgen“ ruft der Chef über viele Etagen hinweg. Er hat wichtige Mitteilungen fürs Personal parat, z. B. über die „Vision“: „Spirit, Kultur, Megawachstum“ - so purzeln sie ihm aus dem Kopf, die Zutaten der postmodernen Unternehmenskommunikation. Das Personal nimmt es zur Kenntnis. Selbst echte Pflanzen wirken hier, als seien sie aus Plastik.

Man wird den Gedanken nicht los: Die Menschen in diesem Film sind tot, sie wissen es bloß noch nicht. Fremdbestimmung ist jedenfalls nicht mehr nötig. Denn die Leute hier arbeiten „task-orientiert“, die kontrollieren sich ganz von allein. Die Arbeit ist des Deutschen liebstes Kind. Mit seiner Special Vision überzieht er ganz Europa. Losmann ist beim Accessment-Center der Unternehmensberatung Kienbaum dabei wie auch beim Meeting der Deutschen Post AG. Angestrengt wirkt hier keiner, hier denken alle mit.

Wie stehe ich als Unternehmer meiner selbst im Betrieb da - die Art und Weise, wie die Beschäftigten ihr Credo von der Selbstverbesserung aufsagen hat etwas Sakrales, wenn nicht gar etwas vom Programm der Anonymen Alkoholiker: „Hallo, ich heiße Wolfgang und ich habe bei meiner Performance Verbesserungsbedarf, insbesondere im empathischen Bereich.“ - „Ich werde besser denken und handeln“, sagt der nächste, bei der Teamklausur im Hochseilgarten. „Das bringt mehr Umsatz. Ich bin auf jeden Fall integrationsfähig.“ Der nächste Kollege weiß von sich selbst: „Zwischen Technik, Markt und Mensch fühle ich mich gut aufgehoben.“

Am Hochseil soll der „Flow“ den Fortschritt bringen, vielleicht kann man ihn mit in den Alltag nehmen - das gute Gefühl, das man hat, wenn man völlig in seiner Tätigkeit aufgeht, Zeit und Umgebung vergisst. Der Flow - das Gefühl, wenn man im voll besetzten Bundesliga-Stadion drei Tore in fünf Minuten schießt. Es wäre doch schön, wenn man damit morgens schon anfangen könnte: Emotionen sollen in die Arbeit gelangen, die da bisher noch nie hingekommen sind.

In diesem Film werden die Prozesse optimiert, dass es quietscht. Mit der Coolness von Blattschneiderameisen sitzen sich Chefs, Kienbaum-Spezialisten und Mitarbeiter gegenüber. „Und wo sind ihre Schwächen?“ Losmanns Film hat vor allem eine: Es ist ein Dokumentarfilm, hier ist alles echt. Alle Beteiligten sind mit dem Film einverstanden, man fühlt sich gut dargestellt. Es handelt sich dabei jedoch mitnichten um Kinderspielchen, auch wenn sich dieser Eindruck zuweilen einstellt. Das Zeitalter der Analysen sei vorbei, jetzt komme der Mensch, heißt einmal - und das klingt wie eine handfeste Drohung: „Wir wollen den richtigen Menschen. Wenn wir das jetzt nicht richtig betreiben, dann gibt’s uns in zehn Jahren nicht mehr.“ Prozesse und Strukturen ließen sich schnell ändern, erklärt der Fachmann. „Aber Einstellungen und Verhalten - das dauert.“

Losmann hat einen schwer zu schauenden Film gedreht. Es macht eben wenig Spaß, dabei zuzusehen, wie Unternehmensberatungen genau diesen Faktor in den Betriebablauf integrieren möchten. Wie New-Age-Sekten kommen sie einem vor, die Unilever-Chefbelegschaften, wenn sie nach neuen Marketing-Strategien suchen - „den Betriebsrat sollte man da proaktiv einbinden, Transparenz hilft da immer viel“.

Oder bei der Post, wo es auch mal sein kann, „dass die Leute sich selbst wegrationalisieren“ (O-Ton Personalentwickler). Mit dem Spaß ist es dann allerdings vorbei. Zur Erinnerung: Hier geht’s um Briefe austragen, um Mitarbeiter, die am Schalter stehen, wenn 40 Leute in der Schlange warten. Die Führungskräfte reden derweil viel von „Change“ - gern in Verbindung mit was Großem, also von der „Change Story“ oder der „Change Agenda“. Der Philosoph Martin Heidegger hat den schönen Satz geprägt: „Die Sprache ist das Haus des Seins und der Mensch wohnt darin“. In diesem Film ist sie eine septische Behausung, vielleicht einem iPad-Screen nicht unähnlich.

Und so sieht diese Wirklichkeit auch aus - wie ein abgefilmter Bildschirm. Nicht zuletzt die Kameraarbeit ist dafür verantwortlich: Losmann hat den Meister des kalten Bildes, Dirk Lütter, fürs Fotografieren verpflichtet. Der hatte sich schon im letzten Jahr mit seinem ersten eigenen Spielfilm „Die Ausbildung“ verewigt - trostloser und lebensfeindlicher als bei ihm sieht die Gegenwart der Büros derzeit bei keinem anderen aus: Seine Bilder sind wie gefrorenes Glas.

Hier würde niemals ein Insekt freiwillig durchs Bild huschen; undenkbar, dass es die Ideen tun. Kreative Prozesse fördern? Man möchte den Beratern und Mitarbeitern eine Kiste Bier auf den Schoß stellen, auf dass sie ihren Wahnsinn eine Weile vergessen. Nur manchmal stehen die selbsterklärenden Figuren auch vor dem Rätsel ihrer selbst: „Lasst uns die Sache jetzt ein bisschen challengen in unsererem Bereichsmeeting“, sagt ein Firmenleiter, und korrigiert sich umgehend selbst. „Ach, ihr wollt ja keine Bereiche mehr. Na gut, wir nennen das jetzt trotzdem so.“

 

„Work Hard - Play Hard. D 2011. Regie: Carmen Losmann. Kinostart: 12. April 2012


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Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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