Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 09: Mai/Juni 2011 | Herkunft und Bildungschancen in Deutschland

Thema der Ausgabe 09: Mai/Juni 2011 Was ist uns Bildung wert?

«
Diskutieren Sie mit.
Montag, 2. Mai 2011

Herkunft und Bildungschancen in Deutschland

von: Prof. Dr. Michael Hartmann
bildung

suze / photocase.com

Als 2000 die Ergebnisse der ersten PISA-Studie veröffentlicht wurden, gab es zwei zentrale Befunde, die in Deutschland für eine heftige öffentliche Diskussion sorgten: das überraschend schlechte Abschneiden der deutschen Schüler insgesamt und die außergewöhnlich enge Verknüpfung von schulischer Leistung und sozialer Herkunft hierzulande. In keinem anderen OECD-Land war dieser Zusammenhang so stark.

 

Deutliche Chancen zum Abstieg

Man hätte nun erwarten können, dass sich die politischen Anstrengungen darauf richten, diese Verknüpfung zumindest ein Stück weit zu lockern. Wirft man einen Blick auf die zugänglichen Daten, wird man diesbezüglich aber enttäuscht. Die Entwicklung weist eher in die entgegengesetzte Richtung. Am deutlichsten wird das beim Übergang zum Gymnasium. Er markiert nach wie vor die entscheidende Weichenstellung im Bildungsverlauf. Grundsätzlich gilt: Je mehr Weichenstellungen ein Schulsystem beinhaltet und je früher diese Weichenstellungen erfolgen, umso größer fällt seine soziale Selektivität aus. Das hat vor allem zwei Gründe. Kinder aus den „bildungsfernen“ Familien haben dann zum einen weniger Zeit, familiär bedingte Defizite auszugleichen. Je kürzer die gemeinsame Schulzeit ist, desto stärker schlägt die im familiären Zusammenhang erworbene oder eben auch nicht erworbene Bildung zu Buche. Zum anderen sinkt für die Schüler die Chance, bei einer Leistungssteigerung später noch einen höheren Schulabschluss anzusteuern. In Deutschland liegt die Wechselquote pro Jahr insgesamt schon nur bei drei Prozent aller Schüler. Was aber noch entscheidender ist. Es kommen auf einen, der den Aufstieg von der Realschule auf das Gymnasium schafft, zwölf, die den umgekehrten Weg gehen müssen. Wechsel bedeutet also ganz überwiegend Bildungsabstieg, nicht Bildungsaufstieg.

Wettbewerb nur für "Gutbetuchte"

Umso gravierender ist die Tatsache, dass der Gymnasialbesuch bei Kindern aus dem unteren (Einkommens-)Viertel der Bevölkerung entgegen dem allgemeinen Trend zwischen 2003 und 2006 nicht gestiegen, sondern weiter gesunken ist, und zwar von 12,5 auf 11,6 Prozent. Wesentlich dafür verantwortlich dürfte sein, dass die für den Gymnasialbesuch erforderlichen schulischen Leistungen bei Kindern aus Arbeiter- und vergleichbaren Angestelltenfamilien sowohl von den Eltern als auch den Lehrkräften deutlich schlechter bewertet werden als bei Kindern aus Akademikerfamilien. Die Lehrkräfte an den Grundschulen geben Akademikerkindern fast achtmal so häufig eine Gymnasialempfehlung wie Arbeiterkindern. Berücksichtigt man die Unterschiede in den kognitiven Fähigkeiten und in der Lesekompetenz zwischen diesen Schülergruppen, so verringert sich der Abstand zwar, er bleibt aber immer noch beim Viereinhalbfachen. Die soziale Herkunft beeinflusst den Wechsel auf das Gymnasium ganz offensichtlich nicht nur vermittelt über Leistungs- und Motivationsdifferenzen, sondern auch ganz massiv durch die unterschiedliche Bewertung gleicher Leistungen seitens der Lehrkräfte.

Dieser Effekt hat sich im Verlauf der Jahre sogar noch verstärkt. 2001 reichten für ein Akademikerkind in der Lesekompetenz 551 Punkte für eine Gymnasialempfehlung, während ein Arbeiterkind es auf gut 600 Punkte bringen musste. Bis 2006 ist der Wert für das Kind eines Arztes oder eines höheren Beamten auf 537 Punkte gesunken. Für die Empfehlung reicht bei ihm nun eine Leistung aus, die nicht einmal den Durchschnittswert aller Schüler von 548 Punkten erreicht. Die Kinder un- und angelernter Arbeiter müssen demgegenüber mit 614 Punkten deutlich höhere Leistungen als 2001 erbringen, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen. Sie müssen jetzt ungefähr eine ganze Kompetenzstufe (von insgesamt nur fünf) besser sein als Akademikerkinder oder, anders ausgedrückt, sie müssen ihnen mehr als eineinhalb Schuljahre voraus sein, um von den Lehrkräften ebenfalls als geeignet für den Besuch eines Gymnasiums gehalten zu werden.

Die Rolle der LehrerInnen

Zur Begünstigung durch die Lehrkräfte kommt dann noch hinzu, dass Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss ihrem Nachwuchs auch weniger zutrauen als Akademikereltern und deshalb dem Rat der Lehrer und Lehrerinnen folgen, wenn es um die Einschätzung der weiteren Schullaufbahn ihrer Kinder geht. Sie halten die Lehrkräfte in dieser Beziehung für eindeutig kompetenter und schließen sich daher zumeist ihrer Beurteilung an. Bei Eltern mit Hochschulabschluss oder hoher beruflicher Position sieht das ganz anders aus. Sie schicken ihre Kinder vielfach auch dann auf das Gymnasium, wenn die Lehrkräfte davon abraten. Sie glauben, das Leistungsvermögen ihrer Kinder selbst besser beurteilen zu können als die Lehrer und Lehrerinnen an den Grundschulen. So genügen Eltern mit Hochschulabschluss bereits 498 Punkte auf der Skala der Lesekompetenz, um ihre Kinder für geeignet zu halten. 2001 waren es immerhin noch 530 Punkte.

Gymnasium: mehr Schein als Sein

Als Konsequenz dieser Entwicklung findet man an den Hauptschulen und Realschulen eine erhebliche Anzahl von Schülern, die die Fähigkeit hätten, eine höhere Schulform zu besuchen. So erreicht jeder vierte der Haupt- und Realschüler Leistungen oberhalb des Realschul- bzw. Gymnasialdurchschnitts. Jeder vierte Hauptschüler und jeder zweite Realschüler ist sogar besser als das untere Viertel der Gymnasiasten. Die frühe Verteilung auf unterschiedliche Schultypen beinhaltet nicht nur erhebliche Fehleinschätzungen der Leistungen und eine gravierende soziale Schieflage, sie nimmt Kindern auch die Möglichkeit zu lernen. Bei gleichen intellektuellen Voraussetzungen erreicht man von Klasse 7 bis Klasse 10 in der Mathematik auf dem Gymnasium einen Lernfortschritt von 91 Prozent, auf der Hauptschule dagegen nur einen von 41 Prozent, nicht einmal halb so viel.

Migranten am unteren Ende

Besonders betroffen von dieser Benachteilung sind die Kinder von hier lebenden Migranten. Ganze 13,2 Prozent von ihnen besuchen ein Gymnasium. Mit 40 Prozent (bei türkischen Jugendlichen über 70 Prozent) bleibt fast die Hälfte eines Jahrgangs sogar ohne jegliche weitere Ausbildung nach dem Ende der Pflichtschulzeit. Dafür sind in erster Linie zwei Gründe verantwortlich. Zum einen stammen Migrantenkinder überwiegend aus den sog. „bildungsfernen“ Teilen der Bevölkerung, die es, wie gezeigt, ganz generell schwer haben im deutschen Bildungssystem. Zum anderen kommen bei ihnen häufig noch Sprachdefizite als zusätzliches Problem hinzu. Dem deutschen Bildungssystem gelingt es im internationalen Vergleich besonders schlecht, dieses Problem zu beheben.

Hier schlägt sich besonders nieder, dass Kinder aus Migrantenfamilien seltener vorschulische Bildungseinrichtungen besuchen und diese für Kinder bis zu drei Jahren auch in völlig unzureichendem Maße zur Verfügung stehen. Gerade einmal 12 Prozent dieser Altersgruppe können in Westdeutschland, wo die überwiegende Mehrheit der Migranten wohnt, in eine Kindertageseinrichtung gehen. Deutsche Kinder nehmen das Angebot zudem fast doppelt so häufig in Anspruch wie Migrantenkinder. Bei den Kindern zwischen drei und sechs Jahren verbessert sich die Situation zwar erheblich, indem die generelle Besuchsquote auf ungefähr 90 Prozent steigt und sie bei Kindern aus Migrantenfamilien nur noch etwa ein Viertel niedriger als bei deutschen Kindern liegt. Angesichts der sprachlichen und sozialen Nachteile dieser Bevölkerungsgruppe ist das Angebot aber auch in dieser Altersgruppe unzureichend. Dies gilt vor allem für die im Durchschnitt zu kurzen Öffnungszeiten. Ganztägige Angebote existieren in Westdeutschland gerade einmal für ein Drittel der Kindergartenkinder.

Die berufliche Karriere ist vorgezeichnet

Generell haben die Kinder und Jugendlichen aus der unteren Hälfte der Bevölkerung deutlich schlechtere Bildungschancen. Das setzt sich beim Übergang ins Berufsbildungssystem fort. Von den deutschen Hauptschulabsolventen schaffen gerade einmal 48 Prozent den direkten Übergang in eine duale Ausbildung. Bei denen, die die Hauptschule ohne Abschluss verlassen, ist es sogar nur ein Viertel. Für die Jugendlichen aus Migrantenfamilien sieht es noch schlechter aus. Zwei Drittel der Hauptschulabsolventen und sogar 88 Prozent derjenigen, die keinen Abschluss geschafft haben, landen in staatlichen Übergangsmaßnahmen, deren Bildungsangebote unterhalb einer qualifizierten Berufsausbildung liegen und zu keinen anerkannten Ausbildungsabschlüssen führen. Überraschend ist aber, dass selbst bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die einen Realschulabschluss aufweisen, knapp ein Drittel keinen Ausbildungsplatz bekommt, sondern im Übergangssystem endet.

Kein Bock, keine Chance

Diese Perspektiven schlagen sich dann folgerichtig in der Motivation der Hauptschüler nieder. Das gilt ganz besonders für städtische Ballungsgebiete mit hoher Arbeitslosigkeit und hohem Migrantenanteil. Wenn dort aus den gesamten Abschlussklassen der Hauptschulen niemand oder so gut wie niemand mehr einen Ausbildungsplatz bekommt, dann ist nicht verwunderlich, dass die Schüler sich auch nicht mehr sonderlich anstrengen. Es macht aus ihrer Sicht einfach keinen Sinn. Angesichts der Aussichtslosigkeit lautet ihre Schlussfolgerung etwas überspitzt formuliert: Keinen Ausbildungsplatz kann ich auch bekommen, wenn ich mir in der Schule keine Mühe gebe und schlechte Noten erhalte.

Deutschland hat seine Hausaufgaben nicht gemacht

Für die enge Verknüpfung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft spielen neben der Struktur des Schulsystems auch die fehlenden finanziellen Mittel (z.B. für eine umfassende vorschulische Betreuung) eine entscheidende Rolle. Deutschland gibt deutlich weniger Geld für Bildung als die meisten anderen Länder aus. Es liegt, was die gesamten Bildungsausgaben angeht, mit 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erheblich unterhalb des OECD-Durchschnitts von 5,7 Prozent – nur ganze drei von insgesamt 30 OECD-Staaten geben noch weniger aus – und weit hinter Ländern wie Dänemark mit seinen 7,1 Prozent. Außerdem hat es bezogen auf das BIP seit 2003 in dieser Beziehung auch noch einen deutlichen Rückgang statt eines Zuwachses (wie bei fast allen anderen Ländern) zu verzeichnen. Bei den öffentlichen Bildungsausgaben sieht es sogar noch schlechter aus. Während Deutschland 10,3 Prozent des öffentlichen Haushalts für Bildung ausgibt, sind es im OECD-Durchschnitt 13,3 und in Dänemark sogar 15,4 Prozent.


Nach oben
Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Gaby Schäfers schrieb am 24. Februar 2012 um 12:04 Uhr:

Solange in Deutschland nur derjenige eine Weiter-Bildungs-Chance hat, der oer Zufall, Glück ein Mindestens " Einser-Abitur" vorweist und somit vom Hochschulstart.de für berechtigt wird, einen Studienplatz, z.B. für Medizin, zu bekommen, braucht mir niemand mehr von Chancengleichheit etwas zu erzählen. Wenn Studierwillige noch nicht einmal die Möglichkeit haben, Referenzen, Beweggründe, Fleiß einem Gremium vortragen zu können, sondern rein nach dem oben genannten Verfahren "abgeurteilt" werden ist das höchst bedauerlich für die sooft zitierte Bildung in Deutschland.

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Nach oben

Kurzprofil

Prof. Dr. Michael Hartmann
Geboren 1952 in Paderborn

Professor für Soziologie am Fachbereich Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften der TU Darmstadt

» Zum Kurzprofil

Beiträge dieser Ausgabe

Artikel von: Prof. (em.) Dr. Klaus Klemm
Montag, 2. Mai 2011
Nach dem Bil­dungs­gip­fel: der Ab­stieg
» Zum Beitrag

Buchrezension von: Stefan Kerber-Clasen
Montag, 2. Mai 2011
Fens­ter in ei­ne an­de­re Welt?
» Zum Beitrag

Artikel von: Dr. Andreas Keller
Montag, 9. Mai 2011
Traum­job Wis­sen­schaft – Für ei­ne Re­form von Per­so­nal­struk­tur und Be­rufs­we­gen in Hoch­schu­le und For­schung
» Zum Beitrag

Artikel von: Prof. Richard Hyman
Montag, 9. Mai 2011
Wirt­schafts­de­mo­kra­tie: Ei­ne er­neut ak­tu­el­le Ide­e?
» Zum Beitrag

Artikel von: Franziska Wiethold
Montag, 16. Mai 2011
Ge­dan­ken zur Wirt­schafts­de­mo­kra­tie – ge­gen den Strich ge­bürs­tet
» Zum Beitrag

Artikel von: Matthias Anbuhl
Montag, 16. Mai 2011
Für ei­ne de­mo­kra­ti­sche und so­zia­le Hoch­schu­le
» Zum Beitrag

Kolumne von: Tom Schimmeck
Montag, 23. Mai 2011
Bil­dungs­fie­ber
» Zum Beitrag

Ausstellungskritik von: Heike Runge
Sonntag, 22. Mai 2011
Wach­sam sein!
» Zum Beitrag

Artikel von: Ingrid Sehrbrock
Sonntag, 22. Mai 2011
Das tro­ja­ni­sche Pferd
» Zum Beitrag

Artikel von: Hermann Nehls
Montag, 13. Juni 2011
Deut­scher Qua­li­fi­ka­ti­ons­rah­men – Chan­cen und Ri­si­ken
» Zum Beitrag

Artikel von: Marianne Demmer
Montag, 13. Juni 2011
PI­SA: Bi­lanz ei­nes Jahr­zehnts
» Zum Beitrag
Sonntag, 19. Juni 2011
Un­ter­neh­mens­mit­be­stim­mung im Kon­text wirt­schafts­de­mo­kra­ti­scher Über­le­gun­gen
» Zum Beitrag

Artikel von: Petra Gerstenkorn
Sonntag, 19. Juni 2011
Le­bens­be­glei­ten­des Ler­nen – Durch­läs­sig­keit zwi­schen be­ruf­li­cher und hoch­schu­li­scher Bil­dung
» Zum Beitrag

Artikel von: Jutta Roitsch
Sonntag, 26. Juni 2011
Das „Bil­dungs­pa­ket“ und sei­ne frag­wür­di­ge Um­set­zung
» Zum Beitrag

Artikel von: Prof. Dr. Michael Ehrke
Sonntag, 26. Juni 2011
Die Zu­kunft der Be­rufs­bil­dung
» Zum Beitrag

RSS-Feed

Subscribe to RSS feed
Hier können Sie unseren GEGENBLENDE RSS Feed abonnieren