„Fenster in eine andere Welt innerhalb des kapitalistischen Systems im Hier und Jetzt öffnen“ (77) – das ist aus Sicht von Gisela Notz das Anliegen und Potenzial alternativer Wirtschaftspraktiken. Sie sind theoretische und praktische Kritik an der „kapitalistisch-patriarchalen Arbeitsgesellschaft“ und dabei stets von einer Vorstellung „vom anderen, besseren Leben und von sinnvoller Lebens-Arbeit“ (22) getragen. „Theorien alternativen Wirtschaftens“ geht Notz in ihrem einführenden Buch auf die Spur, mit einem Blick zurück in die Geschichte genossenschaftlichen Wirtschaftens, Denkens und Experimentierens und einer aktuellen Situationsbeschreibung der vielfältigen Ansätze alternativen Wirtschaftens.
Notz stößt mit ihrem Buch in eine Lücke, die in den meisten kritischen Debatten vermutlich überhaupt nicht als solche wahrgenommen wird, weil „alternatives Wirtschaften“ in Deutschland seit Ende der 1980er als akademisches und politisches Thema fast verschwunden ist. Überschaubar ist die Gruppe derer, die sich heute wissenschaftlich oder publizistisch alternativen Formen des Wirtschaftens widmen, doch gibt es seit einigen Jahren rund um den Begriff der „Solidarische Ökonomie“ eine kleine neue Bewegung, hauptsächlich im Umfeld der GlobalisierungskritikerInnen von Attac. Hier wird mannigfaltig experimentiert: Tauschringe, Umsonstläden, Regionalwährungen, Gemeinschaftsgärten und vieles andere (117 ff.) gibt es in Deutschland, und nach wie vor Genossenschaften mit politischem Anspruch.
Letztere macht Notz zu Recht als Kern aus: „Genossenschaften und genossenschaftsähnliche Betriebe und Einrichtungen (…) stehen nach wie vor im Zentrum des alternativ-ökonomischen Interesses, zumal sie weltweit verbreitet sind“ (62) und, so lässt sich hinzufügen, weil sie die Sphäre der Erwerbsarbeit und Produktion fokussieren.
Den aktuellen Debatten rund um diese Wirtschaftspraktiken mangelt es bisher an historischem Bewusstsein, an kritischer Forschung, umfassenden Überblicken und theoretischer Schärfe. Notz‘ Verdienst ist es, einen ersten Teil dieser Lücken zu füllen, indem sie eine gut verständliche, kenntnisreiche Einführung vorlegt, die sich nicht nur auf die Theorien beschränkt und auf ein breites Publikum zielt. Für Diskussionen in gewerkschaftsnahen, in dieser Hinsicht traditionell skeptischen Kreisen bietet das Buch damit eine Quelle der Kritik, Information und Auseinandersetzung, aber zugleich der Anknüpfung – denn auch alternativen Wirtschaftsformen geht es um Wirtschaftsdemokratie.
Die Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse war klar identifizierbar zentrales Motiv und Antrieb der Alternativbetriebe nach 1968 und bis Ende der 1980er Jahre: „In der Praxis ging es darum, eine gelebte Alternative zur herrschenden kapitalistischen Verkehrsformen im Hier und Jetzt darzustellen, was zugleich eine exemplarische Wirkung haben sollte: Es geht auch anders“ (79) – mit veränderten betrieblichen Demokratieformen, ohne fremdbestimmte, zerstückelte, hierarchisch organisierte Arbeit in Industrie und Verwaltung, ohne psychische, soziale und ökologische Zerstörungen von Menschen und Umwelt. Damals war die Rede von einer Renaissance genossenschaftlichen Wirtschaftens, Alternativbetriebe, auch selbstverwaltete Betriebe genannt, waren Teil der politischen und wirtschaftlichen Landkarte Westdeutschlands; in einem Umfang und einer Bedeutung für gesellschaftskritische Debatten, an die die heutige alternative Ökonomie nicht heranreicht.
In den Ausführungen Notz‘ zum alternativen, genossenschaftlichen Wirtschaften in dieser Zeit wird, klarer als in den Passagen zur „Solidarischen Ökonomie“, ein interessantes Spannungsverhältnis zu den Diskussionen um Wirtschaftsdemokratie deutlich. Ein Aspekt, den Notz allerdings nur implizit durchscheinen lässt, nicht explizit benennt oder ausführt. Wirtschaftsdemokratie wird in Deutschland traditionell ausgehend von Gewerkschaften und institutionalisierten Formen der Mitbestimmung in kapitalistischen Unternehmen gedacht und diskutiert. Dies führt zu einer Perspektivverengung, die bewusst oder unbewusst akzeptiert und in der Regel nicht hinterfragt wird. Praktiken der umfassenden, partizipativen Selbstbestimmung in genossenschaftlichen Betrieben bieten völlig andere Erfahrungen, Lernprozesse, Problemstellungen und demokratisierende Potenziale, die aus wirtschaftsdemokratischer Perspektive aufzugreifen und zu reflektieren, aussteht. Einzelne Versuche gab es in den 1980ern, seitdem nicht mehr. Dieser greifbare Zusammenhang zwischen den beiden Spuren wirtschaftsdemokratischer Praxis, die die Autorin zumindest historisch nachzeichnet, macht den größten Reiz des Buches für die gewerkschaftsnahen kritischen Diskurse aus.
Theorien alternativen Wirtschaftens kreisen immer wieder um die demokratisch-selbstbestimmte Organisation betrieblicher Entscheidungsfindung, Arbeitsprozesse und Strukturen. Sie fragen nach den Möglichkeiten und Schwierigkeiten alternativen Wirtschaftens in einer von kapitalistischen und anderen Herrschaftsstrukturen durchzogenen Wirtschaft und Gesellschaft, nach dem Sinn solcher Projekte und ihrem Stellenwert in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungen. Sie fragen aber auch nach möglichen negativen Effekten für die einzelnen und die Legitimierung sozialer Ungleichheit, beispielsweise wenn Genossenschaften den Ab- und Umbau des Sozialstaates kompensieren sollen oder als Mittel gegen Massenarbeitslosigkeit gehandelt werden (159-167).
In einem Abriss skizziert Notz die Denkbewegungen der skeptischen bis euphorischen Positionen der TheoretikerInnen, einerseits sozialistische KlassikerInnen, andererseits die anarchistischen bzw. anarchosyndikalistischen Ansätze Gustav Landauers und Rudolf Rockers. Letztere entreißt die Autorin erfreulicherweise dem geschichtlichen Vergessen und diskutiert sie auf Augenhöhe mit der sozialistischen Tradition (32 ff).
Die Ansätze der 1970/80er stellten sich nicht in diese praktischen und theoretischen Traditionen, doch war auch hier die genossenschaftliche Organisation zentral. Die aktuellen praktischen Beispiele und Debatten der „Solidarischen Ökonomie“ wiederum beziehen sich nur am Rande auf beide historischen Vorläufer und stärker auf lateinamerikanische Diskussionen, die über die Weltsozialforen in die deutsche Diskussion gelangt sind (117 ff.).
Aktuell sieht Notz Genossenschaften und andere Formen durchaus wirtschaftlich verankert und in einer pluralen Bewegung verbunden, doch bräuchten sie in neoliberalen Zeiten von Sozialabbau, Prekarisierung und Privatisierung materielle und politische Unterstützung – solidarisch-ökonomische Ermöglichungsstrukturen: von Grundstücken und Geräten über Beratung, Betreuung und Begleitung von sozialen und wirtschaftlichen Prozessen zu Kapital und Krediten (121). Denn sonst droht, was Kritikerinnen und Kritiker von Genossenschaften seit jeher voraussagen, das wirtschaftliche Scheitern oder die Abkehr von genossenschaftlichen Prinzipien zum Erreichen wirtschaftlichen Erfolgs – die Erfüllung des so genannten Oppenheimerschen Transformationsgesetzes. Auf wenigen prägnanten Seiten macht die Autorin deutlich, dass dieser Gesetzescharakter ein ideologisch konstruierter ist, keineswegs ein real notwendiger (63 ff).
Vor dem Hintergrund des Rufes nach Ermöglichungsstrukturen ist weiterhin aktuell und uneingelöst, was Irmtraud Schlosser und Bodo Zeuner vor einigen Jahren in einem kleinen Aufsatz festgehalten haben: Die Gewerkschaften könnten sich Ideen, Initiativen und Projekten alternativen Wirtschaftens vorsichtig annähern und Möglichkeiten der Förderung und Kooperation bedenken – ausgehend vom Prinzip, soziale Mindeststandards dabei nicht aus dem Blick zu verlieren. Sie könnten so eine progressive Position entwickeln, die insbesondere auch die utopischen Überschüsse dieser Projekte wertschätzen würde.
Theoretische Ansätze, historische Projekte, aktuelle Beispiele und Debatten sind in dem Buch von Gisela Notz ausbalanciert und bieten einen umfassenden Ein- und Überblick, der einen Einstieg ins Thema ermöglicht. Ihr Blick ist nicht affirmativ, vielmehr kritisch-solidarisch und getragen von der Wertschätzung für die schwierigen Unterfangen, „Fenster in eine andere Welt“ zu öffnen.
Vieles von dem, was sie kompakt zusammenfasst, ist KennerInnen schon mal begegnet. Wichtigste und auffällige Leerstelle des Buches ist die fehlende Geschlechterperspektive. Tragen alternative Formen des Wirtschaftens dazu bei, Geschlechterhierarchien und -stereotype abzubauen? Oder wird auch in diesen Praktiken soziale Ungleichheit qua Geschlecht hergestellt und reproduziert? Notz als Feministin und ausgewiesene Experten feministischer Wissenschaft kann auf ihre anfangs skizzierte grundlegende Perspektive verweisen und auf einen kurzen Einschub (98 ff). Im Übrigen scheint es kaum Anknüpfungspunkte zu geben, alternatives Wirtschaften und Geschlechterdemokratie zusammenzubringen, konkret zu untersuchen und zu diskutieren. Auch hier zeigt sich eine Parallele zu den Diskussionen um Wirtschaftsdemokratie.
Gisela Notz: Theorien alternativen Wirtschaftens. Fenster in eine andere Welt. Schmetterling Verlag, Stuttgart, 2011. 10 Euro.