Gegenblende | Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 | Ausweitung der Kampfzone

Thema der Ausgabe 08: März/April 2011 Der Wert der Arbeit

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Freitag, 11. Mai 2012

Ausweitung der Kampfzone

Warum die neuen Kriegsgefahren im 21. Jahrhundert unterschätzt werden

von: Dr. Andreas Rinke, Christian Schwägerl
Düsenjet

gopixa / photocase.com

Auf dem Ozean 400 Seemeilen nordöstlich von Perth betrachtet ein australischer Marinesoldat mit einem hochauflösenden Fernglas den Rohstofffrachter, den er und seine Kameraden auf dem Weg nach Europa beschützen sollen. Mit 600 Meter Länge gehört der Frachter zur neuen Superklasse. Bereits seit 15 Jahren begleitet die australische Marine ausgewählte Rohstofflieferungen nach Europa, um Eisenerze, Kohle und Seltene Erden vor Piratenangriffen zu schützen.

Der Soldat freut sich gerade noch auf den Landgang in Rotterdam, da findet sein Leben ein jähes Ende. Er und die gesamte Besatzung des Begleitschiffs sterben in einem riesigen Feuerball. Drei chinesische Tarnkappenschiffe, die selbst der hochmodernen australischen Überwachungstechnik entgangen waren, erscheinen wie aus dem Nichts und drängen den Rohstofffrachter in Richtung Norden ab. In Peking ordert der Präsident eine Bildleitung zum australischen Ministerpräsidenten...

Heute ist das Szenario eines chinesischen Angriffs auf Australien noch reine Fiktion. Die chinesische Führung betont unermüdlich, dass sie ihren Aufstieg zur Supermacht ausschließlich friedlich gestalten will. Doch die Regierungen in Canberra und Washington sind sich bereits einig, dass Chinas Aufstieg zur Supermacht den Pazifik zu einer neuen Krisenregion werden lässt. Eine Rüstungsspirale in Ostasien zeigt, dass sich längst viele Nationen für kommende Konflikte rüsten.

Dabei ist das Ringen um die riesigen Rohstoffvorkommen in Australien nur eines von vielen Krisenszenarien, die der Menschheit im 21. Jahrhundert drohen. Denn gleich mehrere „Stressfaktoren“ bewirken, dass Kriege – wenn auch in anderer Form - in den kommenden Jahrzehnten wieder wahrscheinlicher werden. Doch während in der Öffentlichkeit Bedrohungen wie islamischer Terrorismus, das iranische Atomprogramm oder nordkoreanische Raketenpläne diskutiert werden, fehlt eine Auseinandersetzung mit den längst sichtbaren mittel- und langfristigen Trends.

In dem Buch „11 drohende Kriege“ beschreiben wir fast ein Dutzend Szenarien über drohende Gefahren, die heute vernachlässigt werden. Was passiert eigentlich, wenn die EU aufgrund der starken wirtschaftlichen, politischen Spannungen und der Migrationsströme aus dem Süden zerfällt. Werden die USA hinnehmen, dass sich irgendwann aufgrund der gravierenden demographischen Veränderungen etwa in Kalifornien die südwestlichen Bundesstaaten abspalten wollen? Wird das Gehirn von Soldaten aufgrund der rasch voranschreitenden neurobiologischen Forschung zum Schlachtfeld der Zukunft? Liefern sich die USA und China einen brutalen Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltall und im Internet? Welche Kriege werden um die erkennbar knapper werdenden Nahrungsmittel und Rohstoffe geführt? Erlebt die Menschheit ein neues und letztes Kolonisierungs-Zeitalter, in der die bisher herrenlosen Räume des Weltalls und der Meere verteilt werden? Was passiert, wenn sich bei der Jagd nach den immer weiter schrumpfenden Fischbeständen in den Weltmeeren plötzlich auch militärische Allianzen der „Jäger“ bilden?

Die erkennbaren Stressfaktoren

Das Erschreckende ist, dass keines der elf Szenarien in „11 drohende Kriege“ reine Fiktion sind. Die Recherchen haben uns vielmehr gezeigt, dass die Entwicklung hin zu einer Eskalation bereits angelegt ist. Gleich mehrere „Stressfaktoren“ verstärken sich dabei gegenseitig, wenn nicht gegengesteuert wird. So wächst die Weltbevölkerung von sieben Milliarden auf zehn Milliarden Menschen, zugleich steigt die Nachfrage pro Kopf nach Nahrung, Rohstoffen und Energie deutlich. Die "grüne Infrastruktur" des Planeten kommt durch Klimawandel, Artensterben und Übernutzung an Belastungsgrenzen. Der Wettbewerb um die letzten unverteilten Territorien dieser Welt – vor allem Weltraum, Meere und Cyberspace – wird schärfer. Während neue Technologien das Leben weiter erleichtern, ballen sich von der Gentechnik über den Datenverkehr bis Kühlgasen für das Weltklima neue Manipulationsmöglichkeiten in den Händen Weniger. Und all dies geschieht vor dem Hintergrund einer gewaltigen geopolitischen Machtverschiebung aus dem Westen gen Asien.

Am deutlichsten sichtbar wird die längst begonnene Entwicklung beim Rennen um Rohstoffe und Nahrung. Bereits heute wird immer offensichtlicher, dass neue Vorkommen etwa am Meeresgrund stärker in den Fokus von Unternehmen und Staaten rücken. Der Streit um die Öl- und Gasvorkommen in der Arktis ist nur ein kleiner Vorgeschmack, im südchinesischen Meer ringt gleich ein halbes Dutzend Nationen um die dort vermuteten Ressourcen. Chinas Rohstoffhunger muss befriedigt werden, um die innere Stabilität der Milliarden-Bevölkerung zu sichern. Australien mit seinen 22,3 Millionen Einwohnern liegt als riesiger Rohstoffklumpen nicht allzu weit entfernt. US-Präsident Obama proklamiert neuerdings das "pazifische Jahrhundert" vor allem deshalb, weil die USA Angst davor haben, ihre dominante Stellung im pazifischen Raum an China abtreten zu müssen.

Der Kampf um knappe Ressourcen

Dass die Kontrolle über Rohstoffvorkommen angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und des wachsenden Wohlstands weltweit im 21. Jahrhundert zur geopolitischen Schlüsselfrage wird, erkennen langsam auch die Regierungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor wenigen Wochen gewarnt, dass Unternehmen und Politik künftig gemeinsam agieren müssten, um die Rohstoffversorgung des Industrielandes Deutschland zu sichern. Sonst breche die Basis für den hiesigen Wohlstand weg. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, Frank-Walter Steinmeier, warnt sogar vor neuen Weltkriegen um Ressourcen und fühlt sich an den Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert, als die Großmächte bei dem „scramble for Africa“ auf die Jagd nach Flottenstützpunkten und Kolonien gingen.

Doch leider nehmen auch andere Risiken zu – übrigens schon deshalb, weil der technologische Fortschritt die Hemmschwelle für den Einsatz von Gewalt sinken lässt. Cyber-Kriege, in denen in Sekundenschnelle die Infrastruktur eines Gegners lahm gelegt werden kann, gelten schon heute als realistisch. Im 21. Jahrhundert werden in der niedersächsischen Tiefebene keine Panzerarmeen mehr aufgefahren, um Siege zu erringen. Kriege ändern ihren Charakter, was sie nicht unbedingt ungefährlicher macht. Denn zugleich kann die Staatengemeinschaft mit neuen Entwicklungen überfordert sein. Es gibt nicht nur einen asymetrischen Krieg mit Terroristen.

Auch das Verhältnis zwischen staatlicher Gewalt und privater Macht hat sich bereits massiv verschoben. Enormen öffentlichen Schulden in den westlichen Staaten stehen ungeheure private Vermögen gegenüber. Das verändert die Art und Weise, wie Firmen und Regierungen miteinander umgehen. Längst gibt es den Trend, dass private Unternehmen selbst für „Sicherheit“ sorgen.

Deshalb müssen Regierungen jenseits des Tagesmanagements auch für die Zukunft vorbauen. Die elf Szenarien sollen deshalb wachrütteln, was passieren kann, wenn bestimmte Risiken weiter ignoriert werden. Das Besondere an ihnen ist, dass sie sich bereits heute als Gefahren identifizieren können – und das schafft die Chance, vorausschauend daran zu arbeiten, dass es nicht so weit kommt.

Denn am Beginn des 21. Jahrhunderts wachsen auch die positiven Kräfte: Die weltweite Vernetzung erhöht die Chancen für globales Problembewusstsein. Die technologische Entwicklung birgt nicht nur Risiken: Wissenschaftler entwickeln wegweisende "grüne Technologien". Und jede neue Krise führt vor Augen, dass Nationalstaaten alleine die Probleme einer globalisierten Welt nicht mehr lösen können. Damit sich diese positiven Kräfte ausreichend entfalten können, sind viele konkrete Änderungen nötig: Rasche Schritte zur Stärkung der Vereinten Nationen gehören dazu. Alle Staaten müssen deutlich mehr in Bildung, Umweltschutz und Forschung investieren als heute. Zudem sind politische Strategien nötig, die auf Langfristigkeit anstelle der aktuellen Kurzatmigkeit gründen.

Auch wenn vor allem die USA und China die Entwicklung der Welt in den kommenden Jahrzehnten maßgeblich prägen werden, sieht SPD-Fraktionschef Steinmeier auch für Europa eine wichtige Rolle: "Wir Europäer wissen, wohin uns dieser Wettlauf geführt hat", sagt er mit Blick auf die neuen Verteilungskämpfe. Gerade in dieser Erinnerung "liegt unsere künftige weltpolitische Mission."

 

"11 drohende Kriege. Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung" ist Ende April im Verlag C. Bertelsmann erschienen und kostet 21,99 Euro.


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Kurzprofil

Dr. Andreas Rinke
Geboren 1961,
Politischer Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin
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Christian Schwägerl
Geboren 1968,
Buchautor, Kurator und freier Journalist u.a. für GEO, Cicero und FAZ
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