Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 08: März/April 2011 | Hundert Jahre Internationaler Frauentag

Thema der Ausgabe 08: März/April 2011 Der Wert der Arbeit

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Montag, 7. März 2011

Hundert Jahre Internationaler Frauentag

Die Bedeutung des Internationalen Frauentags aus gewerkschaftlicher Sicht

von: Claudia Menne
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flammenhans / photocase.com

Die Wurzeln des Internationalen Frauentages liegen in der Tradition proletarischer Frauenkämpfe, daran besteht kein Zweifel. Und insbesondere geht er zurück auf demonstrierende Textil- und Tabakarbeiterinnen. Darüber, welche Streiks welche Bedeutung hatten und ob die Festlegung des Datums 8. März nicht vielmehr auf die Februarrevolution in Russland zurückzuführen ist, gab und gibt es seit vielen Jahrzehnte unterschiedliche Auffassungen und je nach Zuordnung zur untergegangenen bipolaren Welt wurde entweder die eine oder andere Interpretation bevorzugt. Letztendlich führte diese Interpretation in Zeiten des Kalten Krieges dazu, dass der Internationale Frauentag hinter dem Eisernen Vorhang zu einem staatlichen Feiertag wurde und damit auch stark entpolitisiert wurde – so die Kritik. In der westlichen Welt wiederum gab es sehr viele auch sich widersprechende Entwicklungen, zumal der Internationale Frauentag in den Zeiten der zweiten Frauenbewegung ab Ende der 60er und in den 70er Jahren keine Bedeutung für die Aufbruchsstimmung dieser Frauenbewegung hatte.

Es mag paradox erscheinen, dass in einer Zeit als der Internationale Frauentag sich keiner großen Beliebtheit erfreute, in den 60er und 70er Jahren, die bedeutendsten Fortschritte in der Frauenemanzipation gemacht wurden. Doch die Teilung Deutschlands und die Aufteilung der Welt in zwei politisch ideologisch geteilte Blöcke haben entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Wahrnehmung des Internationalen Frauentags auseinanderdividierte. Anfang der 80er Jahre etablieren sich nicht nur die Grünen als explizite Ausdrucksform einer „neuen sozialen Bewegung“ (Ökologie und Frauenbewegung), auch der Internationale Frauentag erfährt eine neue Beachtung und Würdigung, die bis heute anhält.

Die Deklaration der UN im Jahr 1975 und die daran anschließenden internationalen Diskussionen führten zu einer weltumspannenden Wiederbelebung und der festen Etablierung dieses Tages vor allem auch nach dem Ende der deutschen Teilung. Für die Gewerkschafterinnen ist dieser Tag weltweit der alljährliche Aktionstag, an dem sie ihre Forderungen artikulieren. Der Frauentag, der schon lange nicht mehr so kämpferisch ist oder mit Massenprotesten daherkommt, wird geprägt durch vielfältige, symbolische und oft sehr fantasievolle Aktionen, die auf bestehende Ungleichbehandlungen und Ungerechtigkeiten hinweisen.

Ursprünge und politische Beweggründe des Frauentags

Es waren nicht nur streikende Textilarbeiterinnen in New York, es waren auch demonstrierende Frauen in Russland und Deutschland, wie z.B. in Crimmitschau in Sachsen im Jahre 1903/04, die das klassenkämpferische Bewusstsein der Fabrikarbeiterinnen stärkten, was dazu führte, dass im Jahr 1910 die 2. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz auf Initiative von Clara Zetkin die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentags beschloss. Das markiert den Beginn dieses Gedenktags. Der erste Internationale Frauentag fand am 19. März 1911 in Dänemark, in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland und den USA statt.

Daher begehen wir in diesem Jahr in Deutschland das 100jährige Jubiläum des Internationalen Frauentags. Erst im Jahr 1921 wurde auf Beschluss der 2. Kommunistischen Frauenkonferenz der 8. März festgelegt. Das ist auf den Textilarbeiterinnenstreik in St. Petersburg zurückzuführen, der auf andere Sektoren übergriff und eine große Demonstration auslöste. Aus kommunistischer Sicht begann damit die Februar-Revolution. Doch wie ging es weiter? Was waren die zentralen Forderungen der Frauenbewegungen und ihres internationalen Kampftags?

Zu Beginn stand eindeutig die Forderung nach dem Wahlrecht im Zentrum des Frauentags. Erst ab 1908 war es Frauen in Deutschland möglich, sich zu vereinigen bzw. politischen Parteien beizutreten. Weitere zentrale Themen waren von Anfang an die Unversehrtheit des Körpers in Verbindung mit legalem Schwangerschaftsabbruch sowie der Schwangeren- und Mutterschutz im Arbeitsleben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren jährlich Millionen Frauen in Europa zur Abtreibung gezwungen, u.a. weil sie ihre Kinder nicht ernähren konnten. An den Folgen dieser illegalen Abtreibungen starben in Deutschland 1933 ca. 44.000 Frauen. Eine markante Episode in diesem Zusammenhang war der Frauengebärstreik, der zu Beginn des Jahrhunderts auch zu einer heftigen Kontroverse innerhalb der sozialistischen Frauenbewegung führte.

Die weiteren Themen des Internationalen Frauentags drehten sich immer um existenzielle Fragen, wie gleicher Lohn für gleiche Arbeit, da zu Beginn der Industrialisierung Männer- und Frauenlöhne in unterschiedlichen Kategorien erfasst und entlohnt wurden. Auch Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnverzicht, die Senkung von Lebensmittelpreisen waren Forderungen, die heute nach wie vor ihre Aktualität besitzen. Und selbstverständlich war das Thema Krieg und Frieden ebenfalls ein elementarer Bestandteil dieser politischen Bewegung. Die sogenannte ’Hymne’ des Frauentags ist nicht von ungefähr das Lied‚ Brot und Rosen’.

Geschlechterverhältnisse werden öffentlich diskutiert

Die erste deutsche Frauenbewegung brachte im 19. Jahrhundert die Frauenfrage erstmals an die Öffentlichkeit. Das Ende der 60er Jahre wird zur Geburtsstunde der zweiten Frauenbewegung, die im Zuge der 68er Bewegung nicht ohne den Impuls der Studentenbewegung zu denken ist. Sie rückt in den USA und in Westeuropa die bis dato als „privat“ tabuisierten Themen und Probleme der persönlichen Paarbeziehungen und des Geschlechterverhältnisses ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Sie bildet die Basis der Kritik und des Widerstandes. Liebe, Sexualität, Kinderwunsch, Hausarbeit, Beziehungsmuster galten bis zu diesem Zeitpunkt als natürlich, als privat nicht veränderbar. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, ihre Diskriminierung und die Verfügung über den weiblichen Körper sind nun zentrale Themen der Frauenbewegung.

Die Kritik der Feministinnen an den patriarchalen Strukturen verfolgt einen universalistischen Ansatz. Die Diskriminierung und Entwertung von Weiblichkeit und Frauenarbeit wird in einem weltweiten Zusammenhang gesehen und in Beziehung zur Ausbeutung und Entmündigung von Frauen in der so genannten Dritten Welt und auch in den angeblich emanzipationsfreundlichen sozialistischen Staaten gesehen. Diese Aufbruchstimmung geht in Deutschland einher mit dem Regierungswechsel von 1969. Willy Brandt wird zum Bundeskanzler gewählt unter dem Motto „Mehr Demokratie wagen“, womit auch die ungleichen Lebenslagen von Frauen und Männern verändert werden sollen.

Die Bildungsreform stärkt die Frauen

Die Bildungsreformen in den 70er Jahren kommen insbesondere Frauen zugute. Dem Arbeitsmarkt sollen neue qualifizierte Kräfte zugeführt werden. Insgesamt profitierten Frauen in allen westlichen Industrienationen von diesem Wandel. Mit dem Erfolg, dass wir im Jahr 2010 von der am besten ausgebildeten Frauengeneration aller Zeiten sprechen können.

Die stetige Zunahme der weiblichen Erwerbstätigkeit bringt jedoch keine tiefgreifende gesellschaftliche Neubewertung der Frauenarbeit mit sich. Obwohl in den Jahren von Arbeitskräfteknappheit die stille Reserve der Hausfrauen für den Arbeitsmarkt immer wieder aktiviert wurde, kann von einer Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor nicht die Rede sein. Durch die Verantwortung für Haushalt und Familie bleiben die Zeit- und Kraftreserven für die Erwerbsarbeit nach wie vor eingeschränkt.

DGB verabschiedet Programm für Arbeitnehmerinnen

Der DGB beschließt 1969 auf seinem 8. Ordentlichen Bundeskongress in München sein Programm für Arbeitnehmerinnen. Dieses Programm bildet die Grundlage für alle weitergehenden Forderungen des DGB zur Situation der Frauen im Arbeitsleben. Hervorgerufen durch die Erfahrungen der ersten Rezession von 1966/67 und der damit verbundenen Verdrängung der Frauen aus dem Erwerbsleben, fangen Arbeitnehmerinnen an, sich gegen frauenfeindliche Arbeitsbedingungen und Diskriminierung zu wehren.

In dem Programm heißt es: „Die Frauen sichern durch ihre berufliche Tätigkeit nicht nur ihre Existenz. Sie entwickeln durch sie ihre Fähigkeiten und erhalten Impulse zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Die Volkswirtschaft kann auf die Leistung der Frauen heute weniger denn je verzichten. Technische und strukturelle Veränderungen haben den Beitrag der Frauen unentbehrlich gemacht. Die Gesellschaft ist auf die Fähigkeiten und Leistungen der Frauen im Arbeitsleben angewiesen, damit eine fortschrittliche und humane Politik durchgesetzt werden kann. Deshalb müssen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft in ihrem eigenen Interesse und aus der Verpflichtung zur sozialen Gerechtigkeit auch den Frauen die Grundrechte der Menschen, insbesondere das Recht auf Arbeit, garantieren. Dazu bedarf es in erster Linie der Aufhebung der sozialen Schranken, der Beseitigung aller Diskriminierungen und des Abbaus der gesellschaftlichen Vorurteile.“

Die gesellschaftspolitische Diskussion in Westdeutschland spiegelt wider, was im anderen Teil Deutschlands als selbstverständlich gilt. Denn in der DDR ist das Recht auf Arbeit in der Verfassung verankert. Auch der Streit darüber, ob Kinderbetreuung außerhalb des Elternhauses sinnvoll und notwendig ist, ist vor diesem Hintergrund zu sehen, hatte doch die DDR die Kinderbetreuung zur staatlichen Aufgabe gemacht. In Westdeutschalnd entstehen nun Autonome Kinderläden als Gegenentwurf zur staatlichen Kinderbetreuung auf der einen und zur häuslichen Betreuung auf der anderen Seite.

Eine eigenständige Frauenkultur entsteht

Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen auch in sexueller Hinsicht geht einher mit Aufklärungskampagnen, einer neuen Mode und mit massiver Kritik an der Werbung und der Frauenverachtung in den Medien. 1976 wird das erste Frauenhaus gegründet, im gleichen Jahr findet die erste Sommeruniversität für Frauen zum Thema Frauen und Wissenschaft statt. Ende der 70er Jahre entwickeln sich die ersten autonomen Frauenprojekte, Frauenbuchläden öffnen ihre Pforten, überregionale Zeitschriften von Frauen für Frauen entstehen, die bekanntesten sind Emma und Courage.

Die Frauenbewegung setzt sich auch für die Stärkung der Rechte lesbischer Frauen ein. Sie unterstützt den Kampf der Lesben und Schwulen gegen Diskriminierung und unterstützt ihre Forderung nach Gleichberechtigung im Sinne der Menschenrechte.

Gerichtlicher Sieg um die Entgeltgleichheit

Ebenfalls zum Ende der 70er Jahre entscheiden die ersten Gerichte zugunsten der Frauen bei der Frage nach gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit, denn die Verdienste der Frauen liegen im Schnitt ein Drittel unter denen der Männer. Auch im Angestelltenbereich gibt es deutliche Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen. In Essen klagen 29 Arbeiterinnen eines Fotolabors. Ihre Klage wird vor dem Landesarbeitsgericht Hamm in 2. Instanz abgewiesen. Dieses Skandal-Urteil löst eine Welle von Solidaritätsbekundungen aus. Mehr als 90.000 Unterschriften werden gesammelt. Demonstrationen und Kundgebungen unterstützen den Arbeitskampf der Frauen. Zwei Jahre später gewinnen die Arbeiterinnen schließlich ihren Prozess vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel.

Wiederbelebung des Internationalen Frauentages

Die UNO deklariert das Jahr 1975 zum Jahr der Frau und der Gleichberechtigung der Geschlechter. Der 8. März als Internationaler Tag der Frau wird wiederbelebt. Dies hat auch Konsequenzen in Deutschland. Die 10. Bundesfrauenkonferenz des DGB fordert 1981 den DGB-Bundesvorstand auf, den Internationalen Frauentag zu fördern. So sollen die DGB-Kreise die Kreisfrauenausschüsse bei der Durchführung von Aktionen zum 8.März unterstützen. Die Begründung: Der Internationale Frauentag eigne sich besonders gut dafür, die Probleme der erwerbstätigen Frauen öffentlich darzustellen und auf immer noch bestehende Widersprüche zwischen Verfassungsgebot und Wirklichkeit hinzuweisen.

DGB-SpitzenfunktionärInnen aber wollten den Internationalen Frauentag zunächst nicht als Aktionstag anerkennen. Sie fürchteten, die „Einheitsgewerkschaft“ könne damit in eine parteipolitische Ecke geraten und ihre politisch-weltanschauliche Neutralität Schaden erleiden. Die Gewerkschaftsfrauen ließen sich aber nicht davon abhalten, Veranstaltungen durchzuführen, obwohl die DGB-Führung, darunter auch die stellvertretende DGB-Vorsitzende Maria Weber ausdrücklich darum gebeten hatte, „keine Aktionsgemeinschaften mit anderen Gruppen zu bilden bzw. von eigenen Veranstaltungen aus Anlass dieses 8. Märzes als ‚Internationaler Frauentag‘ abzusehen“. Im Folgejahr wurden in Einzelfällen gewerkschaftliche Veranstaltungen durchgeführt, allerdings wurden andere gesellschaftliche Frauengruppen außerhalb des DGB nicht beteiligt.

Im Jahr 1982 folgt der 12. Ordentliche Bundeskongress der Forderung der Frauen und beschließt: „Der 8. März wird als Internationaler Frauentag des DGB in allen seinen Gliederungen begangen. Dabei sollen insbesondere die aktuellen Probleme der arbeitenden Frauen dargestellt und die Forderungen der Gewerkschaften formuliert werden.“ Die in den eigenen Reihen kontrovers geführte Diskussion, ob die Durchführung des Internationalen Frauentags eine organisationspolitische Aufgabe ist, wird mit dieser Beschlusslage beendet. Im Jahr 1983 machen auf 130 Veranstaltungen in den DGB-Kreisen Frauen und ihre Familien auf ihre Wünsche und Forderungen aufmerksam.

Kampf um Mitbestimmung

Angelehnt an das Motto des Internationalen Frauentages 1983 „Frauen kämpfen für Mitbestimmung“ lautet der Aufruf des DGB-Bundesvorstandes: „Wir kämpfen für Mitbestimmung – gegen Unternehmerwillkür und Sozialabbau. Wir kämpfen für Frieden und Abrüstung. Wir wollen keinen Frauendienst in der Bundeswehr. Gewerkschaftsfrauen wollen mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz, im Betrieb und in der Verwaltung, im Unternehmen, in der Wirtschaft, in der Politik, weil Frauenlöhne immer noch geringer sind, Frauenarbeitsplätze in großem Umfang vernichtet werden, Ausbildungsplätze für Mädchen Mangelware sind, Frauen Beruf und Familie noch immer schwer miteinander vereinbaren können, Frauenarbeit durch Rationalisierung immer mehr zur Hetze wird und Frauen durch Sozialabbau ihre Rechte immer schwerer durchsetzen können. Frauen sind im Interesse der Erhaltung des Friedens gegen Aufrüstung und gegen ihren Einsatz in der Bundeswehr. Deshalb: Frauen traut Euch! Macht mit! Nicht ducken, mitbestimmen! Mitbestimmen in Beruf und Gesellschaft!“

Protest der Gewerkschaftsfrauen

Im Herbst 1983 kommen auf den Bonner Münsterplatz 30.000 Gewerkschafterinnen. Das ist die größte Frauendemonstration nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie protestieren gegen Sozialabbau, die Verschlechterung des Mutterschutzes und der Renten. Diese Kundgebung gegen die frauen- und familienfeindliche Politik der Bundesregierung ist ein markantes Beispiel für den Anspruch einer eigenständigen Frauenpolitik innerhalb der Gewerkschaften.

Die Gewerkschafterinnen wollen Frauenfragen stärker in der Gesamtorganisation verankern und machen mit gezielten Aktionen auf die vielfältigen Formen der Diskriminierung aufmerksam. Zum Teil ist der Frauenprotest von Erfolg gekrönt. Im Jahr 1986 tritt eine Neuregelung der gesetzlichen Rentenversicherung in Kraft, wonach demjenigen Elternteil, der sich der Erziehung eines Kindes in dessen erstem Lebensjahr widmet, diese zwölf Monate als Pflichtversicherungszeit für die Rente anerkannt werden.

Die Quote kommt ins Spiel

Die achtziger Jahre sind geprägt von einer autonomen Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung und der aufkommenden ökologischen Bewegung. Damit etablieren sich neben der klassischen Arbeiterbewegung zwei neue soziale Bewegungen: die Frauen- und die Ökologiebewegung. In vielen Bereichen haben sie gemeinsame Schnittmengen und auch gemeinsame Akteurinnen.

Besonders spektakulär ist der Aufstieg der Grünen als neuer Partei in der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft. 1983 ziehen sie zum ersten Mal mit 27 Mandaten in den Deutschen Bundestag ein. Dem SprecherInnengremium gehören Petra Kelly, Marieluise Beck-Oberdorf und Otto Schily an. Damit sind die Grünen die erste Partei, die die Frauenparität in ihr Programm aufnimmt und dies genau wie die Ämterrotation zum System erhebt. Nach den Grünen beschließt auch die SPD 1988 eine Quotenregelung für die Parteimandate. Die CDU folgt im Jahr 1996.

Der Internationale Frauentag im vereinten Deutschland

Im wiedervereinten Deutschland und insbesondere in den neuen Bundesländern findet der 8. März zunächst nur wenig öffentliche Beachtung. Auch in den alten Bundesländern sind die Befürworterinnen durch die neue Situation eher entmutigt. Doch schon 1993 kündigt sich in den ostdeutschen Städten und Gemeinden eine Rückbesinnung auf diesen Tag an. Die Erkenntnis, dass der Internationale Frauentag auch nach dem Untergang des Staatssozialismus seine Berechtigung hat, setzt sich durch. Er wird erneut zum Anlass genommen, Frauen zu mobilisieren und aufzufordern, sich für ihre Rechte einzusetzen.

Zu den Themen des Internationalen Frauentages gehören nach wie vor der Kampf gegen den §218, die Verdrängung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt sowie Forderungen nach konkreten Gleichstellungsgesetzen, echter Frauenförderung und Eigenständigkeit. Verstärkt rücken auch Menschenrechtsverletzungen in den Blickpunkt, sowie Diskriminierungen und Gewalt gegen ausländische Frauen.

Bundesweiter Frauenprotest

Im Jahr 1994 wird der 8. März zu einem bundesweiten Frauenprotesttag, der beachtliche Erfolge mit sich bringt. So werden zahlreiche Aufrufe formuliert, in denen sich Frauen unterschiedlichster Orientierung zu gemeinsamen Forderungen zusammenschließen, zum Beispiel in Bezug auf ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft. Mit phantasievollen Aktionen wird auf bestehende Ungleichbehandlungen hingewiesen. Straßen werden zeitweilig umbenannt. Mit Topfdeckeln und Tuten verschaffen sich Protestierende im Namen der weiblichen Hälfte der Bevölkerung Aufmerksamkeit und Gehör. Bei den Gewerkschaftsfrauen heißt es: „Uns reicht’s“! Mit rund einer Million Frauen, die sich an den Protesten beteiligen, ist es die bisher letzte größere Frauentagsaktion in Deutschland, die auch in den Medien breite Resonanz findet.

Internationaler Frauentag - Feste Größe im Politikbetrieb

Seit 1999 beschäftigt sich der Deutsche Bundestag jährlich in einer aktuellen Stunde mit dem Internationalen Frauentag und dessen Gleichstellungsthemen. Diese Tradition führt immer wieder zu Anträgen, in denen die im Bundestag vertretenen Parteien ihre Haltung zur Frauenfrage artikulieren müssen. Im DGB-Bundesvorstand ist die Terminlage dadurch geprägt, dass der Bundesausschuss, das höchste politische Gremium zwischen den Kongressen, in der ersten Märzwoche tagt. So bieten sich rund um den 8. März Anlässe und Anknüpfungspunkte für frauenpolitische Themen. Passend zum Motto des Internationalen Frauentages „Teilen Jung’s!“ erklärte der damalige DGB-Chef Dieter Schulte 1995 im Bundesausschuss: „Wenn wir es ernst meinen mit der Gleichberechtigung, müssen wir teilen, Macht und Prestige, ebenso wie die Familienpflichten“.

Im vereinten Deutschland sind der DGB und die DGB-Frauen der wichtigste Träger der Frauentagsaktionen neben den kommunalen Gleichstellungsbeauftragten. In vielen Gemeinden und größeren Städten ist nicht nur das Rathaus, sondern auch das Gewerkschaftshaus der zentrale Versammlungsort für Frauengruppen. Die Aktionen und Initiativen sind vielfältig und bunt, von kulturellen Veranstaltungen über Frauenfrühstücke bis hin zu Straßenaktionen.

Frauenbündnisse statt Männerseilschaften!

Die zahlreichen Frauentagsbündnisse werden zu einem wichtigen Bezugspunkt für kommunalpolitisches und allgemeinpolitisches Engagement. Der Zersplitterung der bundesdeutschen Frauenbewegung konnte jedoch durch diesen gemeinsamen Aktionstag bisher nicht wirklich entgegengewirkt werden. Vielmehr gibt es immer wieder neue Kooperationen und Konstellationen.

Diese Vielfalt, so abwechslungsreich und spannend sie auch ist, bringt immer neue Herausforderungen mit sich. Auch andere Veranstaltungsformen, wie Frauenwochen oder Frauenaktionstage machen rund um den 8. März auf Forderungen, Unzulänglichkeiten und Diskriminierungen aufmerksam. Nach wie vor bleibt der Internationale Frauentag alljährlicher Kulminationspunkt und Sammelbecken gleichstellungspolitischer Forderungen und Vorstellungen von einer geschlechtergerechten Welt. Und allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass die althergebrachten und vielzitierten Männerseilschaften sehr wohl durch funktionierende Frauen-Netzwerke ersetzt werden können.


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Claudia Menne
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