Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 06: November/Dezember 2010 | Die Deutschen und „ihr“ Diktator

Thema der Ausgabe 06: November/Dezember 2010 Wohin geht Europas Reise?

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Montag, 15. November 2010

Die Deutschen und „ihr“ Diktator

von: Dr. Kai Lindemann

Hitler war und ist ein Medienereignis. Parallel zur Verfestigung seiner Herrschaft entstand die sogenannte Kulturindustrie, wie sie von Horkheimer und Adorno treffend als Begriff auf den Punkt gebracht wurde. Radio, Fernsehen und Kino entwickelten sich damals und erreichten schnell mit ihren Botschaften die ganze Gesellschaft und somit erreichte Hitler auch sie. An den Prinzipien der Kulturindustrie hat sich bis heute nicht viel geändert. So bewegt der kriegerische deutsche Faschismus samt seinem „großen“ Diktator immer noch die breite Öffentlichkeit weltweit. Er dient als Projektionsfläche des „Bösen“ und wird so bewusst im politischen und öffentlichen Diskurs instrumentalisiert.

Hitler und ....

Damit ist einer Ausstellung über dieses Thema (erst recht in einer etablierten Institution) die Aufmerksamkeit gewiss. 15.000 Personen besuchten die Ausstellung „Hitler und die Deutschen“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin vor dem Ende der ersten Woche. Der Titel ist plakativ und oberflächlich und macht die Intention der Ausstellung nicht deutlich. Von „Hitler und die Ameisen“ bis „Hitler und die Zebras“ hat uns schon der Populärhistoriker Guido Knopp den unvergänglichen Medienhype um den Ritterkreuzkleinbürger erster Klasse belegt. Der Effekt ist diesmal wieder derselbe, nur dass erstmals ein Titel aus dem Fernsehprogramm ins Ausstellungsprogramm eines Museums geraten ist.

Fragen und Generationen

Die beabsichtigte Fragestellung der Ausstellung nach dem Verhältnis der deutschen Gesellschaft zu dieser "Regierungsperson" ist gewiss hoch interessant, denn die Verankerung des deutschen Faschismus in selbiger Gesellschaft ist weiterhin die große Frage der „Enkel- und Urenkelgeneration“. Das Zeit-Magazin vom  4. November 2010 hat über eine stichprobenartige Umfrage das Interesse der Generation der 14-19 Jährigen differenziert dargelegt. Viele von ihnen reagieren allerdings im Schulunterricht auf die traditionelle Beschäftigung mit der NS-Zeit mit der Rechtfertigung: „Was hab ich denn damit zu tun!". Dieser Abwehraffekt gegen die von ihren „Abgrenzungs“-Eltern geprägten vorausgeschickten pädagogischen Schuldbekenntnisse verwundert nicht, schließlich bilden diese Heranwachsenden gerade ihre soziale Identität aus. Wenn diese Konstruktionen, oder auch Diffusionen (Erik Eriksson) noch nicht vollendet sind und die konstruierte Identität des „Deutschseins“ mit Schuld belegt wird, ist dieser Schutzaffekt verhältnismäßig normal. Das schließt aber keinesfalls aus, wie die Zeitumfrage auch belegte, dass diese Generation ein reflektiertes Interesse am „Dritten Reich“ besitzt. Deshalb ist das Thema der „Hitler-Ausstellung“ keinesfalls trotz seiner plumpen kulturindustriellen Präsenz obsolet. Nur sollten mittlerweile vor dem Hintergrund dieses Kenntnisstandes Fragen präzise gestellt als auch Antworten umfassend gegeben werden. Sie kommen auch ohne "Schuld"-Bewertung des offensichtlich Bösen gut aus.

Ausstellung und Aufklärung

Die Ausstellung ist professionell im Stile des DHM konzipiert. Sie hält multimediale Informationsmöglichkeiten bereit und stellt in beeindruckenden Vitrinen Uniformen, Nazi-Devotionalien und originale Dokumente aus. Das Konzept geht aber nicht in die Tiefe, es tangiert lediglich das betitelte „Verhältnis“ zwischen einer politischen „Führerfigur“ und der Gesellschaft. Vielmehr fühlt man sich an die Kapitel über das „Dritte Reich“ in Schulbüchern in oben erwähntem Duktus erinnert und somit behält die Ausstellung auch eher diesen klassisch-bundesrepublikanischen, pädagogischen Effekt, als einen politisch-aufklärerischen Charakter.

Das "Verhältnis" und die sozialen Bezüge

Sollte das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu Hitler, das die ersten Jahre lediglich ein Verhältnis zu einem extrem nationalistisch-autoritären Regime war, umfassend angesprochen werden, verlangt es nach einer darstellbaren Gesellschaftsanalyse, die die politische Sozialisation sozialer Gruppen unter die Lupe nimmt.

Schließlich bestand in der Figur von Hindenburg schon einige Jahre zuvor eine integrative und autoritäre „Führerfigur“ in der Weimarer Republik.

Schließlich engagierte sich die „Lost Generation“ des ersten Weltkriegs in Deutschland in der konservativen Revolution und prägte so hegemonial den intellektuellen und antisemitischen Diskurs, der auf bürgerliche und konservative Kreise großen Einfluss ausübte.

Schließlich war die größte Arbeiterbewegung Europas extrem zersplittert und schwankte zwischen revisionistischen wirtschaftspolitischen Zielen und einer fragwürdigen Internationalisierung.

Schließlich war die preußische Aristokratie, die nie im bürgerlichen Zeitalter angekommene feudale Militärkaste, nur darauf erpicht „uralte“ Verhältnisse zu konservieren – egal wie.

Und schließlich bestanden Generationen –und Geschlechterkonflikte, die zwischen deutschem Milieukonservatismus und der sozialen und kulturellen Moderne angesiedelt waren.

Die Darstellung dieser sozialen Tatsachen könnte zu einer tieferen Beleuchtung des „Verhältnisses“ führen und auch die Konjunkturen von Hitlers Popularität genauer benennen. Es sind die Defizite der Ausstellung, die sich hier abbilden. Der Sieg über Frankreich, der Höhepunkt von Hitlers Popularität, der viele Widerstandskreise lähmte, wird in der Ausstellung nur förmlich am Rande erwähnt. Die Kontinuität der zwei großen „rätselhaften“ Ziele Hitlers, die Vernichtung des Judentums und die Zerschlagung der Sowjetunion, werden nur ungenügend auf die Gesellschaft - auch vor 1933 - bezogen. Es verwundert auch ein wenig, dass der britische Historiker Ian Kershaw die Kuratoren bei der Konzeption beraten hat, aber auf seine plausible und anerkannte „Va Banque“ – These in der Ausstellung wenig Bezugnahmen zu finden sind. Denn gerade diese „Alles oder Nichts“-Motivation von Adolf Hitler war gewiss noch nicht ab 1933 gesellschaftliches Bewusstsein, aber sie implantierte sich zunehmend in der deutschen Kriegsgesellschaft– spätestens mit der Stalingrad-Erfahrung.

Die Berücksichtigung dieser Schwerpunkte hätte der Ausstellung mehr Gewicht und Bedeutung in der Galerie der vielen musealen Orte (gerade in Berlin) der Erinnerung beschert. Das „Verhältnis“ kann nicht allein über rein individuelle Belege, wie Briefe und Tagebucheinträge dargelegt werden, noch über oberflächliche Kurzdarstellungen der Entwicklung der Kirchen und Gewerkschaften. Diese Frage verlangt nach mehr.

Mehr im Katalog

Der Ausstellungskatalog beinhaltet allerdings mehr Tiefe als die Präsentation. Alle gegenwärtig populären Blickwinkel auf Hitler und seine mediale und politische Rezeption werden von Experten behandelt. Eine strukturelle Richtung auf das „Verhältnis“ vermisst man aber auch hier. Was soll diese Ausstellung? Außer dass sie sich häppchenweise an eine problematische Figur heranwagt, die immer wirkt, Publikum beschert, Diskussionen anstößt und je nach Tiefe und Struktur der Auseinandersetzung auch schon schnell langweilig wird.

Falsche Eindrücke

„Ohne Hitler kein Holocaust“ ist wahr, aber ohne seine „willigen Vollstrecker“ aus ganz Europa, ohne einen sich kumulierenden Antisemitismus auf dem Kontinent schon gar nicht. Hitler war weder der erste und letzte Diktator, noch war er die personifizierte Politik des Faschismus – er war nicht Ursache aller Entscheidungen und besaß keinesfalls eine kontinuierliche Popularität. Die Konjunkturen seiner Beliebtheit und die daran geknüpften politischen Geschehnisse sind ebenso wenig zentrales Thema der Ausstellung, wie die sozialen und wirtschaftlichen Prozesse im „Dritten Reich“.

Viele und Einer

Das oberflächliche Interesse an den militärischen, technischen und wirtschaftlichen Erfolgen des „Dritten Reichs“ wirkt oftmals intellektuell lähmend, denn deren Ursachen geraten schnell aus dem Blick. Sie beruhen zum Einen auf historischen Zufällen und weit mehr auf Zwang und maßloser Gewalt. Die faschistische Gesellschaft war eine totalitäre, aber auch plurale Gesellschaft, die in Hitler unterschiedliche Motive interpretierte. Der damals gängige Spruch „Wenn das der Führer wüsste“ macht das soziale Bild dieser „unweltlichen“ Gestalt deutlich. Hitler war der Deckel, der alle Kontroversen neutralisierte (auch die, unter denen die deutsche Gesellschaft in der Weimarer Republik so gelitten hat). Diese unterdrückten gesellschaftlichen Kontroversen und Vorstellungen wären von großem Interesse gewesen.

Es gibt nach wie vor größere Fragen an die deutsche faschistische Gesellschaft, als an die kleinbürgerliche Integrationsfigur Adolf Hitler. Gerade die Enkelgeneration fragt sich, welche Haltung die Großeltern besaßen, welche Ideen sie hatten, was waren ihre Vorstellungen vom Leben – oder waren sie einfach nur verrückt. Die Antworten hierauf kommen ohne „Gröfaz“ und vorausgeschicktes Schuldbekenntnis aus, vielmehr bedarf es einer tiefgründigen Sicht auf die damalige Gesellschaft, ihre Unterschiede und Ähnlichkeiten zu den europäischen Nachbarn. Dann wird auch die Dimension der größten „Menschheitskatastrophe“ deutlich und die politische Meinung über sie muss nicht vorformuliert werden. Die Personifizierung des Dritten Reichs dient lediglich seiner profanen Knopp-Deutung und letztlich auch seinen Nostalgikern aus neonazistischen Kreisen.

"Hitler und die Deutschen " vom 15. Oktober 2010 bis 6. Februar 2011 (Täglich von 10 bis 18 Uhr) im Deutschen Historischen Musuem, Unter den Linden 2, 10117 Berlin. Der Katalog kostet 25 Euro.


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