Gegenblende | Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 | Forschung und Innovation für den Erhalt von Biodiversität und gegen den Hunger

Thema der Ausgabe 06: November/Dezember 2010 Wohin geht Europas Reise?

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Dienstag, 19. Juni 2012

Forschung und Innovation für den Erhalt von Biodiversität und gegen den Hunger

von: Olaf Tschimpke
Felder

lukaspollmueller.de / photocase.com

Wie können wir in Zukunft 9,5 Milliarden Menschen ernähren, Hunger und Armut verringern, die ländlichen Räume lebenswert halten, Biodiversität und Gesundheit stabilisieren – und all dies sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltig?

Die wesentlichen Einflussfaktoren sind heterogen und komplex, ich werde sie im Folgenden schlagwortartig beleuchten: Wie groß ist die verfügbare Anbaufläche für Nutzpflanzen? Können wir degradierte Flächen, die heute nicht in der Produktion sind, wieder urbar machen? Wie schaffen wir es, neben den Nahrungspflanzen noch Biomasse für Energie und nachwachsende Rohstoffe anzubauen? Wie erhalten wir die völlig unberührte Natur, die Hotspots der Biodiversität, aus denen nichts entnommen und nichts von Menschenhand verändert werden sollte? Dieser Gedanke scheint sich ganz den modernen Anforderungen nach Effizienz und Gewinn zu verweigern. Und doch muss es auch diese Oasen der ungestörten Entwicklung geben, um dem rasanten Verlust der Biodiversität zu begegnen. Wie schwierig es ist, die widerstrebenden Interessen dahinter in Einklang zu bringen, zeigen alle Verhandlungen zur Biodiversität in den letzten Jahrzehnten. Unsere Ernährungsmuster verändern sich weltweit. Der Fleischkonsum zeugt von Wohlstand und wächst mit dem Einkommen. Die Nutztiere mit Soja, Mais und Getreide zu füttern, erhöht den Landverbrauch, da je nach Nutztier drei bis sieben pflanzliche Nahrungskalorien verbrannt werden, um eine tierische Nahrungskalorie zu erzeugen. Welchen Beitrag kann und soll die Pflanzenzüchtung in Zukunft leisten, um mehr Ertrag sicher zu produzieren? Auf welche Pflanzen soll sie setzen und sind wir da in Deutschland und anderswo auf dem richtigen Weg? Welchen Beitrag können gentechnologische Verfahren leisten, die seit zwanzig Jahren als Hoffnungsträger von Wissenschaft, Politik und Industrie hochgejubelt werden?

Viele weitere Faktoren spielen dabei noch eine Rolle, wie die Entwicklung der passenden Agrartechnik; die Stärkung der rechtlichen und sozioökonomischen Situation von Frauen; ein faires und transparentes Bodenrecht; die Bekämpfung der Korruption; die „Governance“ der Länder, (also wie gut ihre Institutionen ausgebildet sind, wie gut sie regiert werden); wie der Zugang zu Wasser gewährleistet ist und welche Zukunftsvorsorge für die Versorgung mit Wasser getroffen wird und so weiter. Um diesen mannigfaltigen Herausforderungen zu begegnen, brauchen wir Forschung und Innovationen, die nicht nur mehr technologische Entwicklung bringen sondern vor allem kulturelle und soziale Innovationen ermöglichen.

Wo stehen wir?

Ernährungssicherung beruht auf intakten, ländlichen Ökosystemen, die hochwertige Nahrungsmittel produzieren, ohne die Gemeingüter wie Wasser, Kohlenstoffsenken, Klimastabilität, Biodiversität und die Ökosystemdienstleistungen zu verringern. Die landwirtschaftliche Produktion hat sich seit 1960 verdreifacht. Der Preis dafür ist ein fünffach so hoher Energieaufwand und siebenfach so hoher Nitrateinsatz. Insbesondere die Nitratdüngung führt dazu, dass die Landwirtschaft zum Nettokonsumenten von Energie wird. Landnutzungsänderungen sind wesentliche Treiber des Klimawandels, das resultiert absurderweise aus dem Anbau von Bioenergiepflanzen. Entscheidend trägt aber auch der Anbau für Tierfutter bei, 40 Prozent der globalen Getreideproduktion wird als Tierfutter benutzt. In Deutschland werden durch den Import von Sojamehl 17 Mio. Tonnen CO2 freigesetzt, das summiert sich zu 25 Prozent der Gesamtemission der Landwirtschaft hierzulande. Obwohl wir demographisch schmelzen, importieren wir immer mehr Landfläche aus Nicht-EU Ländern. Kurzum, die heutige Praxis ist nicht nachhaltig und trägt immer weiter zur Zerstörung bei.

Deutschland muss sich entscheiden. Der dritte Foresight Bericht des „Standing Comittee on Agricultural Research“ (SCAR) stellt zwei Narrative gegenüber: Die Effizienz-Erzählung, die dem Motto folgt: Mehr mit Weniger (More with Less). Diese nimmt den steigenden Bedarf als Gegeben an, alle Menschen werden in Zukunft auf unser Niveau Fleisch konsumieren, Auto fahren und Materialien benutzen. Daraus folgt eine angebotsorientierte Strategie, das Konzept der Knowledge Based Bioeconomy (Bioökonomiestrategie), die mit dem Einsatz von viel öffentlichen und privaten Forschungsgeldern in Technologieentwicklung investiert. Eine moderne supereffiziente Technik wird mit weniger Rohstoffeinsatz höhere Erträge bringen, so das Versprechen. Die andere Erzählung, die Suffizienz-Erzählung besagt: Weniger ist mehr (Less is More) sieht das Problem und die Lösung auf der Nachfrageseite, mit Überkonsumption, ungerechter Verteilung, zu viel Müll, Biodiversitätsverlust und der Zerstörung der Ökosysteme. Folgt man diesem Narrativ liegt die Lösung in Low Input und ökologischen Agrarsystemen, der Müllvermeidung und der Intensivierung der Ressocurcennutzung in Kreisläufen, der Internalisierung externalisierter sozialer und ökologischer Kosten und Verhaltensänderungen der Konsumenten.

Wohin steuert die Bundesregierung?

Die Forschungs- und Investitionsstrategien der Bundesregierung setzen auf Effizienzsteigerung und massive Investitionen in Technologien (Hightech-Strategie). Die Strategien stehen damit im Einklang mit dem nächsten Europäischen Forschungsvorhaben „Horizon 2020“ mit einem Volumen von 8o Billionen Euro, das vor allem auf Wettbewerbsfähigkeit und technische Innovationen ausgerichtet ist. Die nationale Forschungsstrategie „Bioökonomie 2030“ mit 2,4 Mrd. Euro verspricht Wachstum und Wohlstand, setzt auf lineare Steigerungen der Nachfrage und des Angebots. Zugespitzt formuliert soll zukünftig nur die Rohstoffbasis von fossilen Brennstoffen auf nachwachsende Rohstoffe umgestellt werden. Das Versprechen dahinter lautet, dass sich weder für die Industrie noch für den einzelnen Konsumenten etwas ändert, dass niemand verzichten muss. Schaut man auf die beratende, programminspirierende Institution, den Bioökonomierat, verwundert das technologiezentrierte Programm „Bioökonomie 2030“ nicht weiter. Die Experten kommen aus Wirtschaft und Naturwissenschaften, dementgegen sucht man Geisteswissenschaftler oder Personen aus dem Natur- und Umweltschutz vergebens.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat zwischen 1995 und 2014 rund 180 Mio. Euro für Pflanzenzüchtung (und nochmal fast 100 Mio. Euro seit 1987 für die Biosicherheitsforschung) ausgegeben, die durch die 50-prozentige Beteiligung der Industrie an vielen Forschungsvorhaben insgesamt um einiges höher liegt. Die Pflanzenzüchtung ist völlig auf die Biotechnologie fixiert, denn gentechnisch veränderte Pflanzen passen hervorragend in eine technologiefixierte Effizienzstrategie. Sie verspricht große Potenziale und eine „neue“ grüne Revolution. Dabei sind die Entwicklungs-, Regulierungs- und Koexistenzkosten der Technologie sehr hoch, die öffentliche Meinung negativ, die Risiken für die Biodiversität nicht kalkulierbar. Die markbeherrschende Stellung weniger multinationaler Unternehmen und die Konzentration auf wenige Pflanzen (Soja, Mais, Raps, Baumwolle) machen den Nutzen für die Welternährung äußerst fraglich. Die Forschung zum Ökolandbau fällt interessanterweise nicht in das Ressort des BMBF sondern unter die „landwirtschaftliche Praxis“ im BMELV. Dahinter verbirgt sich jedoch eine Verengung des Wissensbegriffs selbst. „Knowledge“ in der Knowledge based Bioeconomy ist nur Wissen, dass sich in einem Produkt niederschlägt, das verkauft und patentiert werden kann. Prozesswissen, wie es der Ökolandbau erfordert, fällt aus dieser Struktur heraus. Mittlerweile mehrt sich selbst im BMBF das Unbehagen an dieser „Erzählung“. Aber das Umsteuern fällt nicht nur in der Agrarforschung schwer. Ich zitiere an dieser Stelle aus dem Bericht der Bundeswehr: „Peak Oil - Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen“: „Anschaulich ist, an was man sich gewöhnt hat. Das Durchdenken der Konsequenzen des Peak Oil wird nicht von den alltäglichen Erfahrungen und nur partiell von historischen Parallelen geleitet. Entsprechend schwierig ist es sich vorzustellen, welche Bedeutung ein sukzessiver Entzug einer der wichtigsten Energiequellen unserer Zivilisation haben kann. Psychologische Barrieren sorgen für das Ausblenden an sich unbestreitbarer Fakten und führen zu fast instinktiver Ablehnung einer eingehenden Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Thematik.“[1]

Nachhaltige Forschungswende, um Welternährung und Biodiversität zu sichern

Um in Zukunft die Welternährung nachhaltig sichern zu können, ist ein radikales Umdenken notwendig. Der ökologische Fußabdruck unserer Landwirtschaft muss drastisch reduziert, die Importe von Futtermittel und nachwachsenden Rohstoffen begrenzt werden. Dazu brauchen wir eine intelligente Biomassenutzungsstrategie mit Kaskaden- und Reststoffnutzung, die degradiertes Land wieder in die Produktion zurückholt. Wir müssen eine Landwirtschaft neu denken, die nicht weiter ihre ökologischen und sozialen Kosten externalisiert. Die Forschung sollte stärker in resiliente, regionale und sozial integrierte Landnutzungskonzepte gehen. Dazu müssen die Low-Input-Systeme produktiver werden und bislang vernachlässigte Nutzpflanzen stärker züchterisch bearbeitet werden. Hightech-Strategien nutzen dazu wenig, denn sie unterliegen den nationalen Wettbewerbslogiken, die auf Externalisierung gründen und das Gefälle zwischen den Regionen verschärfen. Kleinbauern müssen lernen, mit knappen Flächen produktiv und umweltfreundlich zu wirtschaften. Dazu brauchen sie vor allem Bildung und Beratung, Infrastruktur um Nachernteverluste zu minimieren und faire Märkte ohne marktverzerrende Subventionen. Somit kommen wir auf einen Innovationspfad, der die technologische Verengung hinter sich lässt. Soziale und institutionelle Innovationen besitzen gegenüber technischen Innovationen einen großen Vorteil: sie sind weniger kapitalintensiv als technologische Innovationen, weniger von großen Unternehmen abhängig und ermöglichen eine breite Teilhabe.

Das Wissenschaftssystem im 21. Jahrhundert muss mehr Partizipation zulassen und transparenter werden. Die Zivilgesellschaft sollte in die Definition, Durchführung und Evaluation von Forschungsprojekten mit eingebunden werden. Dafür müssen entsprechende Strukturen regional, auf Landes- und Bundesebene geschaffen und Plattformen aufgebaut werden. Ein Forschungsrat der Zivilgesellschaft sollte auf Augenhöhe über Forschungsprogramme und Mittelvergabe mit entscheiden können. Die Einbindung der Zivilgesellschaft öffnet den vorherrschenden verengten, technologiefixierten Blick und sorgt dafür, dass andere Wissensformen wie informelles, traditionelles, lokales Wissen mit aufgenommen werden, dass gemeinschaftliche Werte wie die Biodiversität eine Stimme bekommen. Dies ist gerade für die Konzeption der weltweiten Agrarforschungsansätze wichtig. Zivilgesellschaftliche Organisationen wirken jedoch auch in die Gesellschaft als „Change Agents“ und können die notwendigen Verhaltensänderungen in die Breite vermitteln. Denn um den Klimawandel zu begrenzen, die Biodiversität zu erhalten und die Welternährung zu sichern, müssen wir alle beitragen. Die reichen Länder, in dem sie den Wohlstand nicht länger vom Wachstum abhängig machen und die armen Länder, indem sie ein differenziertes und intelligentes Wachstumsmodell entwickeln.

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Kurzprofil

Olaf Tschimpke
Geboren 1955

Präsident des Naturschutzbund Deutschland NABU
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