Gegenblende | Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 | Tod und Rosen

Thema der Ausgabe 06: November/Dezember 2010 Wohin geht Europas Reise?

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Mittwoch, 6. Juni 2012

Tod und Rosen

von: Jürgen Kiontke
Frau am Bett

Bildquelle: Alamode Film

Leben unter prekären Bedingungen - das ist das Thema des bezaubernden Films „Amador“. Marcela - gespielt von der begnadeten Magaly Solier - steht sprichwörtlich das Blumenwasser bis zum Hals. Freund Nelson (Pietro Sibille) klaut weggeworfene Blüten vom Hof der Gärtnerei; die beiden päppeln sie im Kühlschrank auf. Da Blumen auf diese Weise erfahrungsgemäß wenig nach Blumen riechen, werden sie von ihnen mit reichlich Aroma aus der Sprühdose bedeckt. Das Geschäft läuft nicht besonders: Selbst die vergammelten Pflanzenreste sind Privatbesitz - und wenn die illegalen Rosenverkäufer den Müllplatz des Großhändlers entern, ist die Aufstandsbekämpfung nicht weit. Prekäre Selbstständigkeit - ein Fall für den privaten Sicherheitsdienst.

Eigentlich wollte Marcela ihren Freund Nelson verlassen, denn es geht nicht weiter mit der Arbeit und mit dem Leben sowieso nicht. Den Abschiedsbrief hat sie schon geschrieben, den Koffer gepackt. Sie will der Randsiedlung Madrids entkommen. Doch noch an der Bushaltestelle macht der Kreislauf nicht mehr mit - die junge Frau bricht zusammen. Der Arzt stellt fest, dass Marcela schwanger ist. Kein Geld, keine Wohnung, keine Freunde - sie muss sich schleunigst was einfallen lassen. Den Brief zerreißt sie und versteckt die Schnipsel. Dann wird’s zusätzlich brisant: Der Kühlschrank, das Herz des kleinen Blumenhandels, streikt. Ein neuer muss her, nebenbei wär’s schön, wenn das Pärchen die ausstehenden drei Monatsmieten begleichen könnte. Zeit für private Schicksale gibt die Gegenwart nicht her; der Versuch, die Beziehung zu retten, muss warten.

Dann hat Marcela Glück: Sie kann eine Stelle als Pflegerin eines sehr alten, todkranken Mannes antreten. Seine Familie hat hierfür keine Zeit, denn sie baut gerade ein neues Haus. Marcela ist sofort Feuer und Flamme, als sie den alten Amador (Celso Bugallo) in den letzten Tagen seines Lebens pflegen soll. Die beiden verstehen sich auf Anhieb - das nahende Ende gibt dem alten Mann die gebührende Lebensweisheit. Nicht zuletzt, um für jede Unwägbarkeit in Marcelas Leben einen passenden Spruch auf dem Sterbelager zu haben: „Bevor man auf die Welt kommt, kriegt man alle Teile“, gibt er der jungen Frau mit. „Man weiß es nicht, aber man hat sie alle und jeder muss sie richtig legen. So ist das Leben. Die Teile an den richtigen Ort legen.“

Wer so ist wie Amador gibt nicht nur dem ergriffenen Kinozuschauer Denkwürdiges mit, sondern registriert auch als einziger, dass die neue Pflegekraft in einer angespannten Lage ist. Blinden Auges kann er sehen - dass Marcela ein Kind erwartet. Kein Wunder, dass sie gern ihre Tage mit dem alten Mann verbringt. Ihr eigenes Leben, so dämmert es ihr, gibt einen verworrenen Haufen Teilstücke ab. Es werde erst beim Zusammenlegen zum eigenen Bild, sagt Amador. In lauer Sommerluft wartet er auf sein letztes Puzzelstück: den Tod. Auch die Teile dieses Films sollen anders zusammenpassen, als man gedacht hat. Erwartungsgemäß macht es der alte Herr nicht mehr lang. Doch Marcela kann es sich nicht leisten, dass der Job wegfällt, denn die Angehörigen bezahlen zu gut. Was läge näher, als mit den Mitteln zu arbeiten, die sich gut bewährt haben? Mit der Hilfe aus der Spraydose riecht der Leichnam alsbald wie frisch geschnitten.

Dem toten Amador begegnet sie mit freundlichem Respekt, wie sie es bereits mit dem Lebenden tat. Das Umfeld reagiert misstrauisch, denn es riecht langsam im Treppenhaus. Vom Nachbarn habe man lange nichts mehr gehört, finden die Nachbarn. Als der Schwindel endlich auffliegt, stellt sich heraus, dass noch eine ganz andere Gruppe Interessen am langlebigen Amador haben: zum Beispiel die Familie, die den Hausbau mit seiner Pension finanziert. Sind wir nicht alle lebende Tote - das ruft dieser Film seinen Zuschauern zu. Leichname, die man zum Schein am Leben erhält: Spiele dieser Art sind das einzige, was im Wirtschaftsleben noch einigermaßen funktioniert. Um das Leben soll es gehen in diesem Film, sagt Regisseur Fernando León de Aranoa. Er handelt davon, dass „selbst der Tod manchmal nicht reicht, um es aufzuhalten“.

Der Blumenverkauf, sagt Marcelas Freund Nelson eingangs, sei eine sichere Sache. Es gebe im Leben überhaupt nur drei Dinge, die sicher seien: Liebe, Leben und Tod. Gefeiert würden alle drei mit derselben Zutat: Blumen. „Im Film geht es um genau diese drei Dinge - und auch er feiert sie“, sagt der Regisseur. Tod und Rosen teilen sich sogar dasselbe Zimmer: Sterben und Leben als äußere Pole des Spektrums, die Liebe als Substanz dazwischen.

„Amador“ ist ein schöner Film, der sich mit hervorragender Fotografie seiner Geschichte widmet. Am Mikrokosmos der Wohnung des alten Mannes verdeutlicht Regisseur de Aranoa, was Armut und menschenwürdige Existenz bedeuten, es geht ruhig zu - stilistisch könnte „Amador“ an dieser Stelle als Stummfilm durchgehen. Ein einsamer Mensch kümmert sich um eine Leiche - wo wären da Worte nötig. Die Protagonisten haben wenig Freiheit zu entscheiden, wie sie leben wollen - nicht mal die, denen es scheinbar besser geht. Gar die Toten müssen hier noch arbeiten. Schwierige Lebensumstände bringen schwierige Entscheidungen hervor - ein subtiler, aber abgründiger Humor bestimmt diese makabre Szenerie.

„Mit seinem bizarren Ambiente kann „Amador und Marcelas Rosen“ durchaus zur neuen Machart von Filmen aus dem Spanien gerechnet werden, die Mut zu neuen Geschichten, Bildern und Gesichtern in jeder Szene spüren lassen. Elemente des Horrors und des Autorenfilms vermischen sich zu einem bildstarken magischen Filmrealismus. Hier gehen Regisseure neue Wege. Magaly Solier, das Gesicht des revoltierenden Kinos aus Südamerika, gibt dem Erfindungsgeist im Alltag an der Unterseite der Gesellschaft die perfekte Gestalt: Überzeugend steht sie im Zentrum eines berückenden Films über Alter und Jugend, Leben und Tod. Ein verblüffender Schluss zeigt, wie prekäre Abhängigkeiten durchaus - klassenübergreifend - ins Positive wirken können. Die Lösung heißt dann schlicht und ergreifend: Solidarität.

 

„Amador und Marcelas Rosen“. ESP 2010. Regie: Fernando León de Aranoa, Darsteller: Magaly Solier, Celso Bugallo u.a. Kinostart: 7. Juni 2012

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Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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