Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 06: November/Dezember 2010 | Das „Modell Deutschland“ geht gestärkt aus der Krise: Grund zum Feiern?

Thema der Ausgabe 06: November/Dezember 2010 Wohin geht Europas Reise?

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Montag, 6. Dezember 2010

Das „Modell Deutschland“ geht gestärkt aus der Krise: Grund zum Feiern?

von: Prof. Dr. Christoph Scherrer
Kallejipp

kallejipp/photocase.com

Seit Jahren erklärt die Wirtschaftspresse das deutsche Wirtschaftsmodell zu einem Auslaufmodell angesichts der dynamischen Finanzinnovationen im angelsächsischen Raum und den dortigen hohen Wachstumsraten. Doch die Finanzkrise beendete vorerst das Loblied auf den angelsächsischen Kapitalismus. Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser sieht die deutsche Version der Marktwirtschaft gar durch die Krise als Erfolgsmodell bestätigt. Gegenüber dem Vorrang für die Aktionäre durch das Shareholder-Value-Konzept würde die Stakeholder-Orientierung der deutschen, „rheinischen“ diversifizierten Qualitätsproduktion samt ihrer Institutionen wie der „Mitbestimmung“ an Attraktivität gewinnen. In der Tat hat das deutsche Krisenmanagement die zentralen Strategien und Institutionen der deutschen Wirtschaft gestärkt. Doch wurde zugleich das deutsche Modell zunehmend exklusiver und trägt zu den europäischen und internationalen Wirtschaftsungleichgewichten bei.

Eines der zentralen Merkmale des „Modell Deutschland“ sind die anhaltenden Exportüberschüsse. Auf das verlangsamte Wirtschaftswachstum und die sich beschleunigende Inflation in den frühen 1970er Jahre reagierte die damalige Bundesbank mit wachstumsbremsenden Maßnahmen, die einseitig auf Preisstabilität abzielten. In der Folge stieg die inländische Nachfrage im Vergleich zu anderen Ländern nur geringfügig an. Wachstumsimpulse gingen nunmehr vornehmlich vom Export aus. Diese Exportorientierung wurde auch von den Gewerkschaften mitgetragen, einschließlich der IG Metall. Diese trugen Strategien zur Produktivitätssteigerung mit und hielten die Lohnzuwächse auf maßvollem Niveau. So blieben im Unterschied zu den europäischen Nachbarn die Lohnstückkosten stabil. Der Erfolg dieser Strategie führte bereits Mitte der 1970er Jahre zum Begriff „Modell Deutschland“.

Gesellschaftlich und wirtschaftlich verlor das Modell seine Inklusivität lange vor der Finanzkrise. Insbesondere die rot-grünen Reformen unter Kanzler Schröder verstärkten die Tendenz zur Deregulierung (Stichwort: Leiharbeit) und zu Strategien des Preiswettbewerbs, die äußerst moderate Lohnerhöhungen, Steuersenkungen und Haushaltskonsolidierungen beinhaltete. Das Kernziel blieb dabei erhalten: Wachstum durch Exporte. In der jetzigen Krise wurde der Fokus der Unternehmen auf ihre Kernbelegschaften nochmals verstärkt.

Die Auswirkungen der Finanzkrise

Im Unterschied zu den USA und vielen europäischen Staaten erlebte Deutschland vor der Krise keinen schuldengetriebenen Immobilienboom. Die entsprechend geringeren Wachstumsraten nutzte die Wirtschaftspresse, um die deutsche Mitbestimmung, die starke Stellung der Gewerkschaften und den ausgebauten Sozialstaat zu kritisieren. Ohne die Immobilienblase wäre jedoch zu erwarten gewesen, dass Deutschland die Krise unbeschadet überstanden hätte. In der Tat glaubte die schwarz-rote Koalition, dass ohne eine solche Blase die deutsche Wirtschaft immun gegenüber den Turbulenzen auf den Finanzmärkten sei. Dies erklärt, warum die Regierung erst spät auf die Krise reagierte, die am Ende von 2008 Deutschland erreichte, und zwar über zwei Kanäle: Zum einen über die Finanzmärkte. Einige deutsche Banken haben sich mit den vornehmlich aus den USA und Irland stammenden „Giftpapieren“ verspekuliert. Insbesondere die Commerzbank, die Hypo Real Estate und einige Landesbanken mussten mit umfangreichen Staatsgarantien gerettet werden. Der wichtigere Übertragungskanal war allerdings der Außenhandel. Der Maschinenbau erlitt starke Einbußen, weil die ausländische Konsumindustrie angesichts des Nachfrageausfalls die Kapitalinvestitionen hinausschob. Die Autoindustrie litt besonders, weil sich die Finanzkrise mit der Energiekrise überlappte.

Das sichtbarste Zeichen des „Modell Deutschland“, seine Exporterfolge, erwies sich als seine Achillesferse. Doch in der Krise bewies das deutsche Modell enger Zusammenarbeit der Stakeholder seine Stärke. Trotz eines rekordverdächtigen Einbruchs des Bruttoinlandsproduktes um 5 Prozent nahm die Arbeitslosigkeit nur geringfügig zu, um ungefähr 80.000 Personen oder 0,3 Prozent. Einige Elemente des „Modell Deutschland“ trugen zu diesem „Wunder“ bei. Die konjunkturbedingt erhöhten sozialstaatlichen Ausgaben wirkten stabilisierend und erlaubten im Unterschied zu den USA weniger umfangreiche Konjunkturpakete. Zum Anstieg der staatlichen Ausgaben um 5 Prozent trugen die Konjunkturpakete nur zu Zweidrittel bei. Hinzukam die Bereitschaft der Regierung, Kurzarbeit finanziell zu fördern. 2009 wurde der Zeitraum für Kurzarbeit auf zwei Jahre verlängert. Im Höhepunkt der Krise arbeiteten 1,5 Millionen Menschen kurz (2007 nur 70.000). 2009 wurden hierfür 5 Milliarden Euro ausgegeben.

Die Tarifverhandlungen führten zu Reallohnverlusten. Laut dem Globalen Lohnbericht der Internationalen Arbeitsorganisation mussten die deutschen Lohnabhängigen in den Jahren 2008 und 2009 eine Minderung des monatlichen Reallohns um 0,5 Prozent hinnehmen. Dezentralisierung und Ko-Management zahlten sich aus: In ungefähr 30 Prozent aller Firmen wurden die Überstundenkonten reduziert, in einigen Fällen kam es sogar zu „Zeitschulden“, jede vierte Firma erhöhte die Fertigungstiefe zu Lasten von Zulieferern und fast jede dritte Firma nutzte andere Maßnahmen zur Flexibilisierung des Arbeitseinsatzes. Insgesamt sind ungefähr 1,2 Millionen Arbeitsplätze durch Arbeitszeitverkürzungen erhalten worden. Entlassungen trafen insbesondere Leiharbeitskräfte.

Die Mitbestimmung wurde auch auf einem anderen Gebiet verteidigt. Der Versuch den Volkswagen-Konzern von staatlichem und gewerkschaftlichem Einfluss zu „befreien“, schlug fehl. Gegen die Europäische Kommission verteidigte Kanzlerin Merkel erfolgreich den Anteil des Landes Niedersachsen am Konzern. Aufgrund dieses Anteils scheiterte die Strategie Porsches, die Übernahme von VW durch den Cash-Flow von VW zu finanzieren. Stattdessen übernahm VW Porsche, so dass der Betriebsrat von VW seine starke Stellung behalten konnte. Seit Ende 2009 nehmen die Bestellungen aus dem Ausland wieder zu, so dass sich die enge Zusammenarbeit zu bewähren scheint.

Der Kern des „Modell Deutschland“, die enge Kooperation zwischen Kapital, Arbeit und Staat zugunsten der Exportwirtschaft, wurde in der Krise gestärkt. Der Erfolg dieses korporatistischen Krisenmanagements könnte jedoch zum Untergang des Modells beitragen, und zwar indem seine Exporterfolge die Industrien der europäischen Nachbarn verdrängt, da diese sich im Zeitalter des Euros nicht mehr durch Währungsabwertungen schützen können.

Internationale Folgen der deutschen Exporterfolge

Die derzeitige Krise der Länder am Rande der Euro-Zone werden von der schwarz-gelben Regierung und von den meisten Medien als Folge von schwachen, verschwenderischen Regierungen dargestellt. Demgegenüber wird die sparsamere Haushaltsführung in Deutschland als vorbildlich gelobt und entsprechend die strikten Kreditauflagen für Griechenland und Irland als berechtigt angesehen.

Sicherlich ist es nicht schwer, im Falle von Griechenland hausgemachte Fehler für die Krise verantwortlich zu machen. Doch lassen sich auch systematische Gründe für die Krise Griechenlands feststellen, die im Zusammenhang mit den Exporterfolgen der deutschen Wirtschaft stehen. Seit 1999 blieben die deutschen Lohnstückkosten fast unverändert, während im Durchschnitt der Europäischen Union diese um 15 Prozent, im Falle von Griechenland, Portugal und Spanien zwischen 20 und 30 Prozent stiegen. Die Handelsbilanzdefizite dieser Länder haben sich parallel zum relativen Anstieg der Lohnstückkosten erhöht, seit Einführung des Euro sogar überproportional.

Aus einer postkeynesianischen Perspektive ist diese merkantilistische Strategie dauerhafter Handelsbilanzüberschüsse eine Art, sich auf Kosten der Nachbarn zu bereichern. Sie zielt darauf ab, das eigene Wachstum und Beschäftigungsniveau auf Kosten anderer Länder zu erhöhen. Und aufgrund dessen, dass dauerhafte Defizite nur durch Schuldenaufnahme im Ausland finanziert werden können, kann eine solche merkantilistische Politik andere Länder in die Zahlungsunfähigkeit treiben. Zudem dämpft sie global die Nachfrage und begünstigt wirtschaftliche und politische Instabilität. Letztlich sind die von Deutschland ausgehenden deflationären Tendenzen und die Zahlungsbilanzprobleme und/oder Haushaltsdefizite der anderen Länder zwei Seiten derselben Medaille.

Das „Modell Deutschland“ nach der Finanzkrise

Insgesamt erfasste die Krise mit voller Wucht das deutsche Wirtschaftsmodell, doch erwies sich dieses erstaunlich widerstandsfähig. Sein Kern, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit aller Beteiligten zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit, wurde durch den Krisentest sogar noch gestärkt. Mit staatlicher Hilfe konnten die Unternehmen ihre Kernbelegschaften halten. Im Gegenzug waren die Vertretungsorgane der Facharbeiter, d.h. die Betriebsräte und Gewerkschaften, zu Lohnzurückhaltungen und Flexibilisierungsmaßnahmen bereit. Während nun einige dieser Kernbelegschaften (z. B. bei Siemens) für ihre Loyalität mit Zusatzzahlungen belohnt werden, gehen LeiharbeiterInnen und ArbeiterInnen außerhalb der Exportindustrie leer aus. Die krisenbedingte Verschuldung der öffentlichen Haushalte führt zu weiteren Kürzungen sozialstaatlicher Leistungen.

Während Stimmen inner- und außerhalb Deutschlands eine Stärkung der Massenkaufkraft fordern, scheint der neuerliche Exportboom die Exportkoalition zu bestätigen. Deshalb ist es recht unwahrscheinlich, dass die deutsche Wirtschaft zugunsten einer geringeren Exportlastigkeit umgebaut wird. Weitere Spannungen im Euroraum sind dann unvermeidlich.


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Professor für „Globalisierung & Politik“ an der Universität Kassel seit 2000

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