Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 06: November/Dezember 2010 | Das Leben als Selbstmord

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Donnerstag, 11. November 2010

Das Leben als Selbstmord

„Live aus Peepli“. IND 2009. Regie: Ansha Rizvi, Darsteller: Omkar Das Manikpuri, Raghuvir Yadav u.a. Start: 11. November 2010

von: Jürgen Kiontke
Indien

UTV / Aamir Khan Production

Ob es Unfähigkeit, der Wille zum Glücksspiel, der Vollsuff danach, Verzweiflung war - oder einfach Pech: Das spielt für Natha (Omkar Das Manikpuri), Hauptfigur des Spielfilms „Live aus Peepli“, letztendlich keine Rolle mehr. Sein Hof ist hoffnungslos überschuldet, Frau und Schwiegermutter und nicht zuletzt drei Kinder machen dem sympathisch-schusseligen Kleinbauern die Hölle heiß.

Bevor nun alle in der Obdachlosigkeit landen, hat Bruder und Saufkumpel Budhia (Raghubir Yadav) endlich mal eine brauchbare Idee: „Natha, bring dich um.“

Denn Bauernselbstmorde sind in Indien in den letzten 20 Jahren so zahlreich - wenn nicht populär - geworden, dass die Regierung schon Hilfsfonds zur Entschädigung der Hinterbliebenen eingerichtet hat. Und so viel Geld wie da bekommt die Familie durch normale Knochenarbeit ihr Leben lang nicht.

Gesagt, getan, Politik und Medien Bescheid gestoßen. Nachdem der Lokalreporter Rakesh (Nawazuddin Siddiqui) die Story an die Fernsehnachrichten verkauft hat, der seinerseits auf eine TV-Karriere plus sozialen Aufstieg hofft, rückt die Privatfunk-Bundesliga in Kompaniestärke an: Nathas kleines Heimatdorf wird belagert. Die Kommunalwahlen stehen vor der Tür, an Nathas Fall lassen sich die Politikerphrasen endlich mal in der Realität testen. Die verschiedenen Sendeanstalten kämpfen um den Rohstoff Authentizität kämpfen. Nathas Leben ist nicht nur aus den Fugen, sondern auch gehörig in der Sackgasse. Noch fehlt ja der dramatische Schluss - das ganze Leben ist für ihn sprichwörtlich zum Selbstmord geworden.

„Live aus Peepli“, das ist eine breit angelegte Gesellschaftssatire: Der Kredithai, der Bankangestellte, der Provinzfürst, der Minister und die Führer der Parteien: Alle versuchen sie, für sich Kapital aus der unglaublichen Aufmerksamkeit zu schlagen, die Natha auf sich zieht.

Der Film zeigt aber auch: Eine neue Politik gibt es sobald nicht. Und andere Medien auch nicht. So wirken Natha und seine Familie bald, als seien sie aus dem Mittelalter in die Gegenwart geschossen worden - wie Relikte wirken die Landpomeranzen gegen die großstädtischen TV-Kreaturen und flippigen Moderatoren, die über jede Menge Ressourcen verfügen, ganz im Gegensatz zur Landbevölkerung. Die Handlung wird rasanter, die Dialoge ruppiger, das Setting unangenehm. „Es war mir von Anfang an klar“, sagt Regisseurin Anusha Rizvi, „dass dieser Film aus den Menschen und Dorfbewohnern heraus wachsen muss, nicht aus der Perspektive eines Außenstehenden.“

Und der Film ist ein Hammer, was die Darstellung von Prekarität angeht. Durchaus beginnt das Werk mit komödiantischen Aspekten: Es gibt hier erstmal viel zu lachen, so schön bunt und verrückt und witzig wie hier ist die Globalisierung selten auf die Schippe genommen worden. „Live aus Peepli“ spielt mit seinem exotischen Sujet - Folklore trifft Mediengesellschaft. Die Crew scheint sich auszukennen - kein Wunder: Ist es doch Aamir Khan, einer der aktuellen Stars der indischen Bollywood-Szene, der diesen Film produziert hat.

Khan und seine Mitstreiter haben ein Anliegen, wenn sie mit dem Fortgang der Ereignisse viel vom Alltag der indischen Bauern erzählen: Sie wollen aufklären. Das hat Folgen: Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto weniger witzig werden die Gags, bis das Lachen erst im Hals stecken bleibt und dort auch keine Anstalten mehr macht, sie woanders hin zu bewegen.

Denn auf 17.000 Selbstmorde jährlich wird die Zahl derer geschätzt, deren Parzellen zu wenig abwirft, um am Leben zu bleiben. Symptomatisch hierfür ist ein Mann aus Nathas Nachbarschaft, der rund um die Uhr Erde ausschachtet und den Mutterboden zu verkaufen sucht. Der halbnackte Malocher stirbt während der Arbeit, während um ihn herum die Kamerateams herumjetten um Natha einzufangen - eine monolithische Figur der reinen Ausbeutung, die den Unterhaltungszyklus bildhaft unterbricht. Hier schuftet sich buchstäblich jemand zu Tode. Aber das interessiert kaum einen.

Unter Darstellung der Arbeitsbedingungen verstehen die Filmemacher auch eine Kritik an den Auswirkungen des Anbaus genmanipulierter Pflanzen - verkaufen doch die Regionalregierungen en gros die Saatrechte ihrer Areale. Der notwendige, massenhafte und unsachgemäße Gebrauch von Pestiziden trägt zur Gefährdung der Ernten bei, die Verwendung des genveränderten Saatguts verschlimmert die finanzielle Lage der Bauern noch, weil nun andere Pflanzen nicht mehr auf den Feldern anbaubar sind. Die Bauern sind völlig abhängig vom Lieferanten, die künstlichen Saaten sind teurer als die herkömmlichen. Zur Verschärfung der Lage der Bauern trägt bei, dass Indien seine Importzölle gesenkt hat. Damit trifft die Konkurrenzsituation auf dem Weltmarkt die indische Landwirtschaft hart, weil die Bauern mit Anbietern aus der EU und den USA konkurrieren. Deren Agrarprodukte werden einerseits durch Zölle geschützt - und andererseits mit Summen in Milliardenhöhe subventioniert. Unterm Strich resultiert daraus ein rigoroser Preisverfall für Baumwolle, Soja oder Reis. Vor diesem Hintergrund fragt nicht nur Natha in „Live aus Peepli“: „Wer pumpt armen Bauern Geld?“

Unterstützung finden sie nur, das zeigt der Film ebenfalls eindrücklich, bei privaten Kreditgebern. In ihrer Monopolstellung können sie Zinsen in beliebiger Höhe verlangen. Die Situation ist ausweglos. Die einzige Ausstiegsmöglichkeit aus dem Armutsteufelskreis scheint der Suizid zu sein. Die Regierung hat zwar diese dramatische Situation der Bauern erkannt, und stellt finanzielle Hilfe in Aussicht. Für Bauern wie Natha leider nicht. Wohl aber für seine Hinterbliebenen, sollte er sich umbringen. Die Nachfahren können mit einer Summe von umgerechnet 2.000 US-Dollar rechnen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen wird mit 60 US-Dollar pro Hektar veranschlagt.

„Ich wollte die Realität einfangen, nicht gestalten“, sagt Regisseurin Rizvi. Ein Film wie das Leben: „Live aus Peepli“ beginnt mit viel Geschrei, verläuft eckig, wird traurig und endet als Farce - ein brillanter, sozialkritischer Wurf im Windschatten Bollywoods, der größten Kinomaschine der Welt.

 

„Live aus Peepli“. IND 2009. Regie: Ansha Rizvi, Darsteller: Omkar Das Manikpuri, Raghuvir Yadav u.a. Start: 11. November 2010


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