Gegenblende | Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 | Gute Arbeit der Zukunft

Thema der Ausgabe 06: November/Dezember 2010 Wohin geht Europas Reise?

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Donnerstag, 10. Mai 2012

Gute Arbeit der Zukunft

Überlegungen zu einer nachhaltigen Transformation

von: Antonia Kühn, Andreas Meyer-Lauber
Arbeit

golffoto / photocase.com

Transformationsprozesse sind in Nordrhein-Westfalen kein neues Thema. Seit den 60er Jahren erleben wir einen tiefgreifenden Wandel der Wirtschafts- und Sozialstruktur. Das ehemalige Kohlerevier hat sich zu einem modernen Produktions- und Dienstleistungsstandort mit einer starken Wissenschaftslandschaft entwickelt. Dieser Strukturwandel ist noch nicht abgeschlossen, da sind wir bereits mit dem nächsten Transformationsprozess konfrontiert: Nordrhein-Westfalen steht vor der Herausforderung einer ökologischen Wende in der Industrie und in der Energieerzeugung. Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Ressourcenschonung werden für eine gute Zukunft des Industriestandortes maßgeblich sein.

Diese Veränderungen treten nicht schicksalhaft ein. Sie sind gestaltbar und müssen auch gestaltet werden, wenn wir die entstehenden Chancen nutzen wollen: durch die Politik, durch die Unternehmen, durch das Finanzsystem und natürlich auch durch die Gewerkschaften. Es ist Aufgabe des DGB sich damit auseinandersetzen, wie die ökologische Wende unser Kernthema – die Arbeitswelt – verändern wird.

Nachhaltigkeit meint mehr als Klimaschutz

Der Begriff 'Transformation' ist durch die Nachhaltigkeitsdebatte geprägt. 'Nachhaltigkeit' wird in dieser Diskussion meist gleichgesetzt mit 'Klimaschutz', was aus unserer Sicht erheblich zu kurz greift. Die Entwicklung zu einer nachhaltigen Gesellschaft kann nicht allein über das Erreichen von Klimaschutzzielen definiert werden. Ein solches Denken birgt die Gefahr, die soziale Dimension, also auch die Dimension von Beschäftigung und Guter Arbeit, zu vernachlässigen. Für die Entwicklung unserer Gesellschaft wäre das fatal. Zugespitzt formuliert: Wenn am Ende die Menschen zwar in einer CO₂-armen Atmosphäre leben, aber keine Arbeit mehr haben, also ihre soziale Sicherheit nicht gewährleistet ist, hat das mit wirklicher Nachhaltigkeit nichts zu tun.

Die genannten Befürchtungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Zwar lassen sich die anstehenden Veränderungen in der Arbeitsgesellschaft bislang nur erahnen, durchaus präsent ist aber heute schon die Angst, mit der ökologischen Wende viele gute Arbeitsplätze zu verlieren. Die Arbeitsplätze in der konventionellen Energieerzeugung, den Atomkraftwerken und im Bergbau waren vor allem durch einen hohen Grad an Mitbestimmung, gute Bezahlung, geregelte Arbeitsbedingungen und qualifizierte Ausbildung gekennzeichnet. Gleiches gilt für die ebenso von der neuen Energiepolitik betroffenen Arbeitsplätze in der energieintensiven Industrie wie der Stahlbranche, den Aluminiumwerken oder der chemischen Industrie. Gute Arbeitsplätze wollen wir nicht aufgeben. Der wesentliche Transformationsprozess ist daher in den bestehenden Unternehmen zu realisieren.

Auf der anderen Seite ist auch wahrzunehmen, dass neue, grüne Jobs entstehen. Wie viele aber sind es und wie sehen sie aus? Es gibt kaum Daten über den Beschäftigungsaufbau in der nachhaltigen Energiewirtschaft. Die deutsche Solarproduktion hält der chinesischen Konkurrenz nicht stand, so dass die Arbeitsplätze hier nicht sicher sind. Wie in vielen neu gegründeten Unternehmen müssen sichere Beschäftigungsformen, gute Bezahlung und Mitbestimmung auch in der Öko-Branche erst erkämpft werden.

Prekär ist nicht nachhaltig

Betrachten wir die heutige Situation der Beschäftigten, so stellen wir fest, dass 15 Prozent ihre Arbeit selbst als gut bewerten, rund jeder Zweite sieht Verbesserungsbedarf, aber ist noch ganz zufrieden, jeder Dritte jedoch klagt über schlechte Arbeit (vgl. Index Gute Arbeit). Dieser Anteil von 30 Prozent Unzufriedenen hält sich konstant. Dennoch gibt es faktisch Veränderungen und zwar massive: Die Schere in der Arbeitswelt geht immer weiter auseinander. Auf der einen Seite stehen gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte, die sich über gute Arbeitsbedingungen für Stammbelegschaften freuen können. Auf der anderen Seite steht jene Personalreserve, die nach dem Prinzip ´Hire and Fire´ von den Unternehmen nachgefragt wird – oder eben auch nicht.

Unbefristete Vollzeitbeschäftigung wird ersetzt durch Teilzeit, Minijobs, Leiharbeit und befristete Beschäftigung. Arbeit ist nicht mehr sicher. Immer mehr Beschäftigte verdienen so wenig, dass sie ihren Lohn mit Hartz IV aufstocken müssen. Im vergangenen Jahr bezogen rund 300.000 Erwerbstätige in NRW neben dem Arbeitslohn noch SGB II-Leistungen, weil ihr Lohn nicht ausreichte, um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Für Gewerkschaften verbirgt sich hier ein alter Organisationswiderspruch, denn die Prekären sind kaum organisiert. Ausgerechnet die unsicher Beschäftigten, die am dringendsten Solidarität und Hilfe bräuchten, sind selten Gewerkschaftsmitglied. Zugleich zirkuliert in der Mitgliedschaft eine Abstiegsangst, die auch betriebliche und tarifpolitische Auseinandersetzungen prägt. So ist es durchaus im Interesse der Fachkräfte und Stammbelegschaften diese Auswüchse des Arbeitsmarktes einzudämmen. Solange es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gibt, die zu Hungerlöhnen arbeiten, die von ihrer Arbeit krank werden und die sich ihres Arbeitsplatzes nicht sicher sein können, können wir nicht von Guter Arbeit und somit auch nicht von Nachhaltigkeit sprechen.

Entwicklungstrend: Verantwortlich für Nachhaltigkeit

Zugleich können wir einige Trends feststellen, die wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Arbeitswelt haben. Einige möchten wir hier beispielhaft nennen. So sind wir überzeugt, dass die IT-Revolution noch keineswegs an ihr Ende angelangt ist. Die Organisation von Dienstleistungen, die Steuerung von Prozessen und die Fertigung von Produkten erfolgen immer mehr zeitsynchron mit modernen Kommunikations- und Steuertechnologien. Die computerbasierte Vernetzung der Kommunikation ist Voraussetzung für die ökologische Wende. Schon heute investiert beispielsweise die Telekom in dezentrale Minikraftwerke, wohl wissend, dass die Kommunikations- und die Energienetze immer weiter zusammenwachsen. Daneben können wir heute eine zunehmende Individualisierung von Arbeit feststellen. Das dezentrale Arbeiten in Clouds, die individualisierte Verantwortung über das Arbeitsergebnis dank Vertrauensarbeitszeit und Projektarbeit oder die Entgrenzung der Arbeitszeit dank Smartphones und mobilen Büros sind nur einige Stichworte. Im Kontext dieser Entwicklung werden immer weniger einfache, gering qualifizierte Arbeitskräfte im Arbeitsmarkt nachgefragt. Der Wandel der Arbeit erfordert eine hohe fachliche Qualifikation von den Erwerbstätigen, aber auch Bildung und soziale Kompetenzen steigen in ihrer Bedeutung, weil die Verantwortung für Nachhaltigkeit weit über die konkreten Produktionsprozesse hinauswirkt.

Prozess gestalten: nachhaltig durch Mitbestimmung und Beteiligung

Wir sind einigermaßen in der Lage, den Status Quo zu beschreiben und einige Entwicklungstrends zu vermuten. Die Ergebnisse des Transformationsprozesses sind jedoch nicht vorhersehbar, eine Zielvorstellung dessen, wie gute Arbeit unter ökologisch nachhaltigen Bedingungen aussehen soll, kann nicht exakt benannt werden. Entscheidend ist es deshalb, den Prozess der Veränderung zu überdenken. Wir gehen zunächst davon aus, dass der Kapitalismus das zentrale Betriebssystem bleibt. Wir gehen aber auch davon aus, dass es weiterhin etatistische Eingriffe geben wird und geben muss. Wenn wir darauf verzichten, die Transformation zu gestalten und den Prozess alleine den Marktkräften überlassen, werden sich die Konflikte und Krisen weiter verschärfen. Wenn wir darauf warten, dass sich ökologische und soziale Ziele alleine als Nebenprodukte marktwirtschaftlichen Gewinnstrebens einstellen, so ist der Klima-Kollaps ebenso gewiss wie ein Anwachsen der globalen Ungerechtigkeiten. Wir dürfen den Kapitalismus nicht sich selbst überlassen, das hat die Wirtschafts- und Finanzkrise überdeutlich gezeigt.

Die Entwicklung zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise wird weder gleichförmig noch konfliktfrei verlaufen. Wir brauchen daher eine offensive Gestaltung der Transformation, in der aus gewerkschaftlicher Sicht die soziale Dimension des Wandels besonders zu berücksichtigen ist. Erfolgreich wird die Entwicklung zu einer nachhaltigen Gesellschaft nur, wenn das Spannungsfeld zwischen Profitstreben und Ressourcenknappheit durch mehr Demokratie gestaltet wird. Die Frage der demokratischen Beteiligung wird also zur Schlüsselfrage für den Transformationsprozess – von der kommunalen bis zur internationalen Ebene.

Anforderungen an die Politik

Politik muss nun nicht nur ökologische, sondern auch soziale Leitplanken für den Wandel definieren und diesen gestalten. Dazu gehört auch eine Verlässlichkeit über jeweilige Legislaturperioden hinaus. Der Staat kann und muss Ziele vorgeben, aber er kann den Unternehmen nicht vorschreiben, welchen technologischen Entwicklungspfad sie gehen sollen. Zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik braucht aus Sicht der Gewerkschaften vor allem stichhaltige Analysen zu Beschäftigungseffekten und zur Qualität der entstehenden neuen Arbeit. Es fehlen Studien und Untersuchungen, die eine Grundlage für die weiteren Diskussionen über die Zukunft von Arbeit in der ökologischen Wende bieten könnten. Schließlich muss Politik Maßnahmen und Instrumente implementieren, die schon heute für mehr Beschäftigung und Gute Arbeit sorgen können. Dazu gehören ein deutlich größeres Engagement im Bildungsbereich, mehr Mitbestimmung, ein bundesweites Tariftreuerecht, eine Begrenzung von geringfügiger Beschäftigung und Leiharbeit, sowie natürlich ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn. Nur mit einer neuen, gerechten Ordnung der Arbeit kann gesichert werden, dass die Beschäftigten nicht die Verliererinnen und Verlierer dieser Wende werden. Deregulierungen der vergangenen Jahrzehnte wie z.B. im Bereich der Leiharbeit und der Minijobs müssen durch einen verlässlichen Rahmen für eine neue, nachhaltige Arbeitsgesellschaft zurückgenommen werden. Gerade weil wir noch nicht wissen, wie die Ergebnisse aussehen werden, muss Politik den Prozess des Wandels demokratisch gestalten.

Verantwortung der Gewerkschaften

Auch die Gewerkschaften sind gefordert, sich in den Transformationsprozess einzubringen. Es bedarf einer neuen gewerkschaftlichen Politik in zweierlei Hinsicht:
Einerseits sind wir verantwortlich dafür zu sorgen, dass Nachhaltigkeit auch Gute Arbeit impliziert. Wir müssen in die Diskussionen um Ökologie und Klimaschutz gewerkschaftliche Positionen einbringen und in den Gesetzgebungsverfahren des Bundes und der Länder mitwirken. Derzeit erfahren diese Themen in vielen gewerkschaftlichen Strukturen keine Priorität. Wir wären jedoch gut beraten, diesen Veränderungsprozessen weit mehr Aufmerksamkeit und damit auch mehr Ressourcen zu widmen.
Andererseits tragen wir auch eine Verantwortung für die Politisierung der Gesellschaft im Transformationsprozess. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften gehören nach wie vor zu den größten Organisationen in Deutschland. Wir müssen treibende Kraft einer engagierten Zivilgesellschaft sein, die zunehmend Einfluss auf Politik nimmt, wie am Beispiel der Anti-Atomkraft-Bewegung zu sehen ist. Es ist unsere Aufgabe die Gerechtigkeitsfrage neu zu stellen und die Diskussion um eine gerechtere Verteilung von Lebenschancen mit der Nachhaltigkeitsdebatte zu verknüpfen. Anders ausgedrückt: Gewerkschaften müssen die Verteilungsfrage neu stellen.

Pluralität und Identität als Herausforderung

Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass der Verteilungskampf jedoch nicht mehr alleine zwischen Kapital und Arbeit stattfindet. Konkurrenz und Kampf besteht auch zwischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Deutlich wird uns dies mit Blick auf die Spartengewerkschaften Cockpit, der Gewerkschaft der Lokführer oder dem Marburger Bund. Es reicht einfach nicht mehr, ein gutes Plakat und einen griffigen Slogan mit einer Forderung zu platzieren, wie die nach der 35-Stunden-Woche in den achtziger Jahren. Eine Forderung für alle Menschen lässt sich kaum mehr finden. So wie sich das Leben pluralisiert hat, haben sich auch die Politik, das Parteiensystem und letztlich auch die Gewerkschaften pluralisiert. Unsere Aufgabe ist es nun, dieser Pluralität innerhalb der DGB-Gewerkschaften Raum zu geben, also Verschiedenheit zu akzeptieren und zu respektieren. Dabei wird auch den industriellen Belegschaften eine neue Rolle zu kommen. Die Zeiten, in denen junge Männer in Großbetrieben mit einer Ausbildung starteten und mit dem Ausbildungsvertrag auch gleich den Antrag auf Mitgliedschaft erhielten, sind fast vorbei. Die Betriebsgrößen nehmen ab, es gibt immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen. So hat der durchschnittliche, von der IG Metall betreute Betrieb noch 170 Beschäftigte. Diese Zahl wird weiter sinken, so dass wir in immer mehr, immer kleineren Betrieben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für Gewerkschaften ansprechen werden.

Aber auch die Bedürfnisse der Mitglieder sind viel komplexer und individueller geworden, so dass die Herausforderung darin besteht, gemeinsame Stärken und Durchsetzungskraft zu entwickeln und gleichzeitig individuellen und pluralen Forderungen Platz zu geben. Während die Einen sich kürzere Arbeitszeiten wünschen, brauchen Andere mehr Lohn und Dritte wünschen sich mehr Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Familienmodelle und die Geschlechterrollen haben sich schließlich genauso gewandelt wie die Arbeitsverhältnisse. Für Gewerkschaften gilt es die Interessen der Mitglieder sowohl in ihrem Betrieb als auch in ihrem Beruf zu unterstützen und zu vertreten, und zugleich gemeinsame Problem- und Interessenlagen der Beschäftigten einer Branche, einer Region oder eines Landes zu erkennen, sie zu organisieren und effektiv in die Politik einzubringen.

Nachhaltigkeit nur mit Gewerkschaften

Ohne die Gewerkschaften wird Gute Arbeit im Transformationsprozess kein Thema sein. Arbeit bleibt aber der wichtigste Integrationsfaktor für den Menschen in der Gesellschaft. Ganz besonders gilt dies für Jugendliche und junge Erwachsene, denen ohne Arbeit nicht nur ein Einkommen fehlt, sondern auch eine Perspektive für ein gutes Leben. Sie brauchen einen Platz in der Gesellschaft – und dieser definiert sich vor allem über die Arbeit. Dabei gehören für junge Menschen Ökonomie und Ökologie zusammen, sie wollen in einer gesunden Umwelt leben. Die Jungen sind es Wert, dass wir die Herausforderung annehmen und den Transformationsprozess in diesem Sinne gestalten. Die gewerkschaftlich entwickelte Kategorie der Guten Arbeit integriert sich so in den neuen gesellschaftlichen Konsens einer nachhaltigen Gesellschaft.

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Kurzprofil

Antonia Kühn
Geboren 1975

Leiterin der Abteilung "Hochschulen, Wissenschaft und Forschung" beim DGB Bezirk Nordrhein-Westfalen

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Andreas Meyer-Lauber
Geboren 1952 in Ahlen.

DGB-Bezirksvorsitzender Nordrhein-Westfalen
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