Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 04: Juli/August 2010 | Mitbestimmte Innovation – kein Widerspruch in sich!

Thema der Ausgabe 04: Juli/August 2010 Zukünftige Perspektiven unserer Wirtschaftsordnung

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Mittwoch, 21. Juli 2010

Mitbestimmte Innovation – kein Widerspruch in sich!

von: Prof. Dr. Volker Wittke† , PD Dr. Harald Wolf, Dr. Hans-Joachim Sperling, PD Dr. Jürgen Kädtler
Hebel

claudiarndt / photocase.com

Welche Wirkungen und Spätfolgen die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise noch zeitigen wird und welche Konsequenzen und politischen Forderungen sich daraus für die zukünftigen Perspektiven der Wirtschaftsordnung ergeben bzw. daraus gezogen werden (sollten), ist noch offen und unklar. In einem scheinen sich Kommentatoren und Akteure allerdings bereits weitgehend einig zu sein: Innovationen, wenn sie nicht gerade mit Finanzmarktprodukten zu tun haben, sind mehr denn je gefordert, um wieder Wachstumsimpulse und eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen und damit auch Beschäftigung und Arbeit zu sichern. Besonders neu ist das freilich nicht, denn schon in den letzten Jahren standen Forderungen nach einer Innovationsoffensive, nach verstärkten, umfassenden und nachhaltigen Innovationsanstrengungen auf jeder wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Agenda an vorderer Stelle. Hinter dem lagerübergreifenden Konsens verbirgt sich jedoch politischer Konfliktstoff, und die Generierung und Umsetzung von technischen Innovationen erweist sich bei näherer Betrachtung als schwieriger und voraussetzungsreicher als erwartet.

„Schöpferische Zerstörung“ und/oder „schöpferische Akkumulation“

Ein auch gewerkschaftspolitisch relevanter Streitpunkt ergibt sich zunächst aus den gängigen Vorstellungen über die vermuteten Träger und „Treiber“ sowie die möglichen Widerstände und Hemmnisse bei Innovationen. Der neoliberale Diskurs berief sich dabei in den letzten Jahren auf den wiederentdeckten frühen und originellen Innovations-Theoretiker Joseph Schumpeter. Ins Zentrum rückte die unternehmerische Führungspersönlichkeit, die innovative „schöpferische Zerstörung“ auch gegen Widerstände initiiert und durchsetzt. Mitbestimmung hingegen, als repräsentative oder direkte Form der Beschäftigtenbeteiligung an Unternehmens-Entscheidungen und Arbeitsprozessen, schien solches eher zu behindern oder gar zu blockieren. Schon der Ordoliberale Franz Böhm sah in den fünfziger Jahren in der Mitbestimmung eine „Verumständlichung der unternehmerischen Willensbildung“, die dazu führe, „den vom Pioniertrieb und Wagemut beseelten Teil der Unternehmer in ihrem Wagemut zu dämpfen“. Derart beseeltes Unternehmertum wird in jüngster Zeit vor allem in IT- und Internetindustrie sowie der Bio- und Nanotechnologie vermutet, wo schöpferische Innovationen nicht von bürokratischen, verregelten Strukturen behindert würden. Dass es sich bei diesen Unternehmen und Wirtschaftssektoren teilweise um „tarif- und betriebsratsfreie Zonen“ handelt, gilt so gesehen als wichtiger Pluspunkt, und „mitbestimmte Innovation“ erscheint als Widerspruch in sich.

Solche Vorstellungen führen freilich in mehrfacher Hinsicht in die Irre. Weder haben Innovationen nur den einen entscheidenden unternehmerischen Treiber, noch steht Regulierung per se im Widerspruch zu Innovationsfähigkeit. Selbst in den angesprochenen Feldern entstehen und entwickeln sich technologische Innovationen überwiegend in komplexen kooperativen Zusammenhängen und Beziehungen mit vielen Akteuren. Muster einer längerfristigen „schöpferischen Akkumulation“ von Wissen und Innovationsressourcen spielen eine ausschlaggebende Rolle. Meist geht es eben nicht um schlagartige Erweiterungen technologischer Möglichkeiten, mit denen neue Unternehmen plötzlich zu zentralen Innovationsträgern aufsteigen, sondern vor allem um Formen beharrlicher „Vertiefung“ innerhalb eines wohl konturierten Spektrums mit relativ hoher Kontinuität und Stabilität bei der Innovationsträgerschaft. Ob und wie Innovationen aber tatsächlich erfolgen, bleibt mehr oder weniger ungewiss. Sowohl die Wahrscheinlichkeit von Innovationen als auch deren mögliches Risiko oder gar Scheitern, schälen sich aufgrund unberechenbarer sachlicher, zeitlicher und sozialer Ungewissheiten erst im Prozess langwieriger Arbeit an der Innovation selbst heraus. Dass Akteure sich auf ein solch unsicheres Geschäft einlassen, ist sozial ausgesprochen voraussetzungsvoll. Eine möglichst intelligente Regulierung, Sicherung und Gestaltung von Innovationsressourcen ist eine der wesentlichen Erfolgsbedingungen – und Mitbestimmung kann dabei ein wichtiger Faktor sein.

Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass es der ökonomisch orientierten Mitbestimmungsforschung in den letzten Jahrzehnten nirgends gelang, einen überzeugenden empirischen Nachweis dafür zu erbringen, dass Mitbestimmung im spezifisch deutschen Kontext Produktivität und Innovativität von Industrie-Unternehmen vermindert, was ideologisch begründete Anschauungen dennoch nicht erschüttert hat. Dagegen sind in der jüngsten Zeit einige sozialwissenschaftliche Beiträge vorgelegt worden, die die angedeuteten sozialen Voraussetzungen von Innovationsprozessen – und ihre Mitbestimmungsimplikationen – ins rechte Licht rücken. Sie können auf empirischer Grundlage nachweisen, dass Mitbestimmung durchaus eine innovationsunterstützende Rolle zu spielen vermag (siehe dazu die Beiträge des Schwerpunktheftes der WSI-Mitteilungen „Innovation und Mitbestimmung“ vom Februar 2010). In diesem Kontext steht auch unser SOFI-Forschungsprojekt über „Regulierungsbedarfe, Interessenorientierungen und die Entwicklung von Spielregeln für Innovationshandeln“, aus dessen Befunden wir hier einige Schlussfolgerungen ziehen.

Mitbestimmung und der geregelte Umgang mit Ungewißheit

Betriebliche Akteure, die im Rahmen von Innovationsprozessen arbeiten und Entscheidungen treffen, tun dies unter enormen Ungewissheiten. Das heißt aber gerade nicht, dass Innovationen in gänzlich unreglementierten, „freien“ organisatorischen und sozialen Räumen stattfinden. Der kompetente Umgang mit dem Innovations-Paradox oder Innovations-Dilemma, dass man schwer nach etwas suchen kann, was man noch gar nicht kennt, setzt eine Verbindung von Innovations- und Regelorientierung vielmehr zwingend voraus. Gerade angesichts der prinzipiellen Unsicherheiten und Ungewissheiten von Produktinnovationen, so lässt sich mit unseren empirischen Befunden argumentieren, kann das Regulierungssystem der Mitbestimmung den Ressourceneinsatz und die Organisations- und Arbeitsbedingungen bei technischen Innovationen positiv beeinflussen und das Innovationshandeln durch für alle Beteiligten akzeptable und gesicherte Spielregeln unterstützen. Und zwar sowohl in sichernder als auch in gestaltender Rolle mit der Intention, Freiräume für Innovationsarbeit zu gewährleisten und auszubauen.

Mitbestimmung als Sicherung von Freiräumen

Gerade angesichts des in den letzten Jahren wachsenden Ökonomisierungsdrucks auf die Forschungs- und Entwicklungsbereiche der Unternehmen gewinnt die Sicherung von personellen und sachlichen Ressourcen an Bedeutung. Alle von uns untersuchten Unternehmen waren in den letzten Jahren gravierenden Marktveränderungen, Globalisierungstendenzen und verschärften Finanzmarktanforderungen ausgesetzt. Die Akteure der Mitbestimmung waren damit konfrontiert, organisatorische Umstrukturierungen zu bewältigen und dabei auch Gefährdungen von Beschäftigung und von ganzen Arbeitsfeldern (auch der für Produktinnovationen relevanten F&E-Sektoren) zum Gegenstand von Aushandlungen zu machen. Das führte zu weitgehend einvernehmlichen organisatorischen und personellen Anpassungsmaßnahmen, die Konzessionen der Beschäftigten einschlossen, zumeist gegen die Zusage von Beschäftigungssicherung, oft aber auch gegen die Garantie einer bestimmten Ressourcenausstattung der F&E-Bereiche. Damit haben die tiefreichenden ökonomischen Veränderungen der letzten Jahre auch den hochqualifizierten Beschäftigten in Bereichen von Forschung und Entwicklung die allgemeine Schutz- und Regelungsbedürftigkeit von Arbeit und Beschäftigung verstärkt vor Augen geführt. Und gerade dadurch - das zeigen die geführten Interviews durchweg - hat sich für sie die Wichtigkeit der Sicherungsfunktionen von Betriebsrat und Mitbestimmung positiv bestätigt oder ist sogar aufgewertet worden: als Garanten eines auch in Umstrukturierungs- und Krisenzeiten noch relativ geschützten und regulierten Arbeits- und Beschäftigungsumfeldes – auch für InnovationsarbeiterInnen. Das ist kein trivialer Befund.

Mitbestimmung als Mitgestaltung von Innovationsarbeit

Über die organisatorische und personelle Ausstattung von F&E hinaus spielt der besondere Regelungsbedarf bei Innovationsarbeit als Arena von Beteiligung und Partizipation eine wesentliche Rolle. Gewiss sind hier die für traditionelle Produktionsarbeit angemessenen kollektiv-standardisierten Regelungsnormen nicht einfach zu übertragen. Es bedarf vielmehr differenzierter, gleichwohl verbindlicher Absprachen und Vereinbarungen, um die für Innovationen erforderlichen Freiräume ausgestalten und sichern zu können. Die Spielregeln zielen hier darauf, zu gewährleisten, dass das Innovationshandeln mit seinen Unwägbarkeiten sich zumindest innerhalb möglichst verlässlicher Strukturen und Prozeduren vollziehen kann. Der Regelungsbedarf von Innovationsarbeit als Aushandlungsfeld von Mitbestimmung ist dadurch geprägt, dass es sich bei Innovationsprozessen in Unternehmen um Arbeit in Kooperationszusammenhängen handelt, bei denen sich der Interessenbezug maßgeblich über Arbeitsinhalt und Arbeitszusammenhang herstellt. Innovationsstrategien lassen sich in den Unternehmen nur in dem Maße verwirklichen, in dem sie auf die Kooperationsbereitschaft und Kooperationsfähigkeit von qualifizierten und engagierten Beschäftigten bauen können. Und Regulierung setzt nur dann effektiv an den Interessen dieser Beschäftigten an, wenn auch sie diesen arbeitsinhaltlichen Interessenbezug herstellen kann. Sollen Innovationen gelingen, sind Freiräume unverzichtbar, die einen innovationsfördernden und geregelten Umgang mit Ungewissheit ermöglichen.

Innovationen brauchen Zeit. Die erforderliche Zeitdauer und Zeitintensität ist aufgrund der hohen Ungewissheit, ob und wann Innovationen gelingen, nicht genau vorhersehbar. Regelungen etwa zur Arbeitszeit müssen dem Rechnung tragen. Kollektive Arrangements können hier den Ambitionen und dem Engagement der InnovationsarbeiterInnen am Gelingen von Innovationen Raum geben. Und Spielregeln für die Projektorganisation können sicherstellen, dass verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden für eine Belastungsregulation, die sowohl den Erfordernissen gelingender Innovationen als auch den Interessenorientierungen der hochqualifizierten InnovationsarbeiterInnen genügt. Bei den Regeln des Innovationsspiels sind jedenfalls die Akteure der Mitbestimmung in ihrer Gestaltungskompetenz gefordert. Und wie unsere Erhebungen zeigen, gibt es durchaus Fälle, in denen Betriebsräte nicht bloß absichernd "von außen", sondern auch direkt proaktiv gestaltend auf die Spielregeln der Innovation selbst einwirken. Sie nehmen im Hinblick auf Innovation nicht nur Sicherungs-, sondern erkennbar auch eine Ermöglichungs- und Gestaltungsfunktion wahr - wenn auch in recht unterschiedlicher Weise: mal mehr als formalisierte Betriebsvereinbarungspolitik, die den Rahmen von Innovationsarbeit mit absteckt, mal als eher informelles Networking, das Innovationsprojekte direkt (auch) im Beschäftigteninteresse mitgestaltet und beeinflusst.

Wenn es richtig ist, dass die forcierte Einführung und Umsetzung von technischen Produktinnovationen zwar nicht die einzige aber eine der zentralen Bedingungen für nachhaltige wachstumsorientierte Zukunftsperspektiven darstellt, dann sprechen aus unserer Sicht gewichtige Gründe dafür, die Institutionen und Akteure der Mitbestimmung nicht zu marginalisieren und in ihnen hemmende Momente zu sehen. Mitbestimmte Innovation ist kein Widerspruch in sich. Innovation und Mitbestimmung stehen in einem Spannungsverhältnis, aber sie bilden ein durchaus produktives Spannungsfeld. Mitbestimmung kann sowohl Sicherungs- als auch Gestaltungsaufgaben wahrnehmen, die die Bedingungen und die Nachhaltigkeit von Kooperation und Innovativität im Forschungs- und Entwicklungsbereich positiv beeinflussen. Durch eine Absicherung von Innovationsressourcen und durch formalisierte wie informelle Vereinbarungen und Regelungen kann Mitbestimmung zur Absorption von Ungewissheit bei Innovationsprozessen beitragen. Diese Erfahrungen und konzeptionellen Überlegungen verstärkt in die aktuelle Debatte um zukünftige Perspektiven der Wirtschaftsordnung und –entwicklung einzubringen, kann dabei nur hilfreich und nützlich sein.


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