Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 32: März/April 2015 | Deutsche Verbohrtheit

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Mittwoch, 11. März 2015

Deutsche Verbohrtheit

von: Robert Misik

"Der Geisterfahrer", titelte der Spiegel unmittelbar nach der Wahl von Alexis Tsipras. In den Tagesthemen der öffentlich-rechtlichen ARD wird EU-Parlamentspräsident Martin Schulz von einer Moderatorin salopp gefragt, ob er dem Griechen-Premier auch schon ordentlich "auf die Finger geklopft" habe. Die BILD-Zeitung bittet ihre Leser Poster gegen die "gierigen Griechen" im Internet hochzuladen und auch die normalerweise seriöse Süddeutsche Zeitung fährt seit Wochen eine Kampagne mit einem Stakkato an antigriechischen Kommentaren, die oft nicht einmal mehr tangential etwas mit der Realität zu tun haben. Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen, doch das Bild ist klar: Deutschlands Medien haben sich, von wenigen lobenswerten Ausnahmen abgesehen, seit der Wahl der neuen griechischen Regierung in einen Kampfmodus hineingeschrieben, der seinesgleichen sucht. Da wird mit nicht einmal mehr verhohlener Diffamierungsabsicht von der "links-rechten Populistenregierung" geschrieben (SZ), mit erfundenen und aufgebauschten Vorwürfen gearbeitet. Es darf angenommen werden, dass dieses Bashing den beteiligten Journalisten nicht einmal mehr selbst auffällt. Man schreibt sich im Herdentrieb in einen Mainstream hinein und glaubt selbst noch, man würde die Realität objektiv abbilden.

Diese vorurteilsbeladene Publizistik kann sich dabei durchaus auf die antigriechischen Ressentiments in weiten Teilen der Bevölkerung stützen. Der Eindruck, dass diese Form des geifernden Kampagnenjournalismus es sogar in den Augen der Leserschaft zu weit treibt, ist aber ebenso naheliegend. So veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung unlängst Leserzuschriften, die verdeutlichen, wie sehr die einseitige Berichterstattung das Publikum schon verstört. Ein verärgerter Leser vergleicht die Kampagne gegen die griechische Regierung mit der geifernden Hatz auf die sozialliberale Brandt-Scheel Regierung und deren Ostpolitik zu Beginn der 70er Jahre, ein anderer zitiert empört einen Kommentar, in dem von der "Machtübernahme radikal-populistischer Rechter und Linker" die Rede ist und fragt: "Seit wann werden denn Erfolge bei demokratischen Wahlen als 'Machtübernahme' bezeichnet?" Der Ärger der vielleicht unterschätzten Leser und Kunden füllt beinahe eine ganze Seite.

Einheitsmeinung wie zu Zeiten von…

Wohlbemerkt: Bei vielen Themen gibt es so etwas wie einen journalistischen Herdentrieb, der den medialen Mainstream stützt, aber selten rottet er so unhinterfragt jeden Pluralismus aus. Mainstream heißt dann einfach: 60 Prozent der Artikel haben einen Bias, 30 Prozent sind nüchtern und objektiv, und 10 Prozent geben der Gegenposition Raum. Aber dass das Einheitsdenken sich über geschätzte 90 Prozent aller Veröffentlichungen ausbreitet und der Durchschnittsleser praktisch mit der genormten Einheits-Meinung bombardiert wird, während man kritische Positionen lange suchen muss, das ist sehr außergewöhnlich.

Nehmen wir beispielsweise Spiegel-Online, das führende politische Onlinemagazin in Deutschland: Hier ist, sieht man von den tapferen Kolumnisten Jakob Augstein und Georg Diez ab, in den vergangenen eineinhalb Monaten praktisch kein einziger Artikel erschienen, der nicht eine eindeutige antigriechische Schlagseite hat. Einer ganzen Gesellschaft wird regelrecht ein Tunnelblick eingehämmert. Das ist umso bemerkenswerter, da sich diese deutsche Publizistik überhaupt nicht im breiten Strom des internationalen Journalismus befindet (was die Sache zwar nicht schöner, aber erklärbarer machen würde). Deutsche Medien sind mit ihrer antigriechischen Attitüde ein Sonderfall: Wagt man einen Blick in internationale Zeitungen wie den Guardian, den konservativen Telegraph, oder in die des Linksradikalismus völlig unverdächtige Financial Times und dem Wall Street Journal, dann bietet sich ein völlig anderes Bild: Nicht, dass diese Zeitungen durchgehend Syriza-freundlich berichten und kommentieren würden - aber es kommen eben unterschiedliche Stimmen zu Wort und die Mehrheit der Kommentatoren verschweigt nicht, dass die neue griechische Regierung grundsätzlich die makroökonomische Vernunft auf ihrer Seite hat: Austerität funktioniert nicht; das oktroyierte Sparprogramm hat den Krisenländern eine soziale Katastrophe beschert; die ganze Eurozone ist in eine Depression gestürzt und die Schulden könne man nie zurückzahlen, wenn man Länder wie Griechenland weiter stranguliere. In der New York Times wird gar mit der autoritativen Autorenzeile "By the Editorial Board" (was üblicherweise annonciert, dass es sich hierbei um die Meinung der Gesamtredaktion, nicht um die eines Journalisten handelt) gefordert: "Gebt Griechenland Raum zum Manövrieren." Von all dem bekommt der deutsche Leser nichts mit. Deutschland wird zum großem „Tal der Ahnungslosen“.

Der Austeritätswahn

Der antigriechische Furor der deutschen Medien entspricht exakt der ideologischen Verbohrtheit der deutschen Politik. Der Austeritätswahn der Merkel-Regierung wird außer von den Grünen und der Linkspartei kaum mehr herausgefordert. Die Sozialdemokraten sind wohl der Meinung, sie würden sich völlig isolieren, würden sie auf Abstand zum Koalitionspartner gehen, weshalb sie sich dementsprechend zurückhalten. Schlimmer noch: Halb warnen sie, halb geben sie sich hin. Damit stabilisieren sie dieses Meinungsklima nur noch stärker, weil sie damit die vermeintliche Alternativlosigkeit unterstreichen.

Es entsteht ein völlig bizarres Bild einer Vodoo-Realität, in der sich die griechische Regierung angeblich unverantwortlich, die deutsche Regierung nüchtern und verantwortlich verhält. Wie katastrophal die deutsche Regierung in den vergangenen Monaten in Europa agierte, das wird mit keinem Wort im Inland thematisiert. Da fährt ein Sozialdemokrat wie Martin Schulz auf Antrittsbesuch nach Griechenland und glaubt offenbar, es nötig zu haben, öffentlich anzukündigen, er werde mit Tsipras "Tacheles reden", als wäre der griechische Premier ein Pennäler, den man schulmeistern müsste. Übertroffen wird all das noch vom Finanzminister Wolfgang Schäuble, der außerhalb Deutschlands längst als zeitgenössische Verkörperung des hässlichen Deutschen gilt. In Pressekonferenzen sagt er höhnisch, "die Griechen tun mir leid" (womit gemeint ist, er bedauere sie dafür, die falsche Regierung gewählt zu haben). Er stichelt unentwegt in Richtung der griechischen Regierung. Sogar nach dem nächtlichen Deal in der Eurogruppe konnte er es sich nicht verkneifen, triumphal zu bekunden: "Griechenland wird es ganz schwierig haben, diesen Deal den Wählern zu erklären".

Ist das nur die Arroganz eines Mannes, der langsam in greisenhafte Alterstarre übergeht? In jedem Fall kommt das in Europa nicht überall gut an. "Ihr habt einen seltsamen Finanzminister", so die Reaktion von Yanis Varoufakis. Griechische Medien berichten sogar, der deutsche Botschafter in Athen habe bei einer Begegnung mit einem griechischen Minister nahegelegt, Varoufakis als Finanzminister zu ersetzen. Die keineswegs Syriza-nahe TV-Station Mega kommentierte all das mit dem Urteil, die deutsche Seite begegne nun eben erstmals seit Jahren einem Finanzminister, "der sich ihr gegenüber gleichberechtigt verhält. Wahrscheinlich haben sie noch nicht verstanden, dass sie nicht mehr mit einer Regierung von Befehlsempfängern zu tun haben."

Neben allen politischen Differenzen, die zwangsläufig zwischen einer Linksregierung und einer austeritätsversessenen konservativ geführten Regierung bestehen, ist gerade dieser Aspekt des deutschen Verhaltens kaum zu begreifen. Jeder Mensch, der ein bisschen Verständnis für ein Miteinander hat, sollte doch eigentlich begreifen, dass auftrumpfendes Herrenreitergehabe aus der Position der mächtigsten Wirtschaft Europas gegenüber den kleinen Ländern als arrogante Übertretung angesehen wird und man in einer gleichberechtigten Europäischen Union niemanden ohne Folgen als Befehlsempfänger abkanzeln kann. Es geht hier nicht nur um Sachpolitik, sondern immer auch um Zungenschläge. Wem jedes Gespür für Empathie abgeht und wer glaubt, Partner so behandeln zu können, ist gewissermaßen ein "objektiver Antieuropäer". Kurz gesagt, er zerstört Europa, egal, ob er das mit Absicht oder nur aus Dummheit tut. Man sehnt sich geradezu nach der Kohlschen Art Europa zu führen zurück. Kein Wunder, dass der Ex-Kanzler über Angela Merkel gesagt hat: "Die macht mir mein Europa kaputt."

Wider die Widerspenstigkeit

Bei all diesen Konflikten geht es niemals nur um Politik, sondern immer auch um Psychologie. Der schiere Hass, den die Syriza-Regierung bei den neoliberalen politischen Eliten Europas und ihren eingebetteten, vielen – meist deutschen - Journalisten hervorruft, verdankt sich dem Umstand, dass sie seit langer Zeit die erste wirkliche Herausforderung der neoliberalen Eliten darstellt. Deshalb mobilisiert sie den Hass der Profiteure der zeitgenössischen professionellen Politik der Mitte, dieser (vor allem) Männerwelt in Ministerien, EU-Kommission und EU-Rat, in Parteizentralen, Think Tanks und der Consulter-Welt plus der dazugehörigen opportunen Medienwelt. Womöglich ist der tiefere Grund für ihr hasserfülltes Verhalten, dass sie insgeheim wissen, dass die Bürger es einfach satt haben, was diese ganzen sleazy Mittelwegsgefährten unter "modern" verstehen - diese Mischung aus Public Relation, Konturlosigkeit und Korruption. Diese Klüngelpolitik irgendwelcher Nullgrübbler.

Alles, was einen Millimeter links von - sagen wir -  Gerhard Schröder oder Tony Blair ist, das geht nicht, das wird nicht mehr zugelassen. Links davon kann es aus Sicht dieser Blase der gutgegelten Profi-Politik nur Hasardeure und linke Populisten geben. Roosevelt, Kennedy, Johnson, Kreisky, Brandt, Palme, sie würden heute wohl auch als populistisch diffamiert und es würde alles getan werden, ihren Aufstieg zu bekämpfen, und wenn solche Leute irrtümlich doch einmal Wahlen gewinnen, dann werden sie bekämpft und es wird alles getan, damit sie nur scheitern können. Mit Ultimaten, mit Erpressung, mit der geballten Macht der Fehlinformation und allen schmutzigen Tricks, die die Spin-Doktoren-Welt zur Verfügung hat.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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Martin schrieb am 16. Juli 2015 um 16:21 Uhr:

Der Standpunkt des Autoren ist ja schon ein paar Monate alt. Doch aktueller den je. Leider bestätigt sich vieles was aufgezeigt wurde.
Ein weiteres Argument:
Der Syriza- Regierung wird mangelder Reformeifer vorgeworfen, dabei sind sie gerade mal ein halbes Jahr in der Regierungsverantwortung. Trotz aktueller Kriseund den Versuchen die Soweit zu stabilisieren, sind unter anderem Verhandlungen mit die unversteuerten Gelder im Ausland geführt worden. Das Gesetz dafür wurde auf August angekündigt.
Wie lange war Deutschland nach den letzten Kanzelerwahlen mit Koalitionsgesprächen beschäftigt? Es hat 3 Monate gedauert bis die Regierung überhaupt konstituiert und handlungsfähig war!!

Karl Fortenbacher schrieb am 18. April 2015 um 23:16 Uhr:

Robert Misik verharmlost die deutsche Politik gegenüber Griechenland und anderen südeuropäischen Staaten wenn er diese Politik unpolitisch als "deutsch verbohrt" kennzeichnet.
Die angeblichen Fortschritte der Griechen bis zur Syriza-Wahl (so Schäuble) sind keine und das weiß auch die Bundesregierung. Ein wirklicher Fortschritt würde sich darin ausdrücken, dass Griechenland am Kapitalmarkt wieder kreditfähig würde.
Dieses negative Urteil des Kapitalmarkts über den angeblichen "Fortschritt" ist auch ein Mißtrauen in den Euro. Dieses Mißtrauen will die deutsche Politik wenn es schon nicht ökonomisch zu widerlegen ist mittels einer poltischen Klarstellung dem Kapitalmarkt nahelegen. Sprich: Am Euro wird nicht gerüttelt. Er soll die Weltgeldalternative zum Dollar werden.
Griechenland ist nur das Paradebeispiel wie mit Ländern umgesprungen wird die sich diesem Anspruch nicht bedingungslos unterordnen. Neuester Beleg die Äußerungen von Schäuble in den USA über Frankreich wo er in der FAZ siehe:
http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/paris-empoert-sich-ueber-wolfgang-schaeuble-13544196.html
so berichtet wird:"...ist erbost über den deutschen Finanzminister, weil dieser bei einer von der Denkfabrik „Brookings“ organisierten Tagung in Washington gesagt hatte, es wäre besser für Frankreich, wenn es zu Reformen gezwungen würde." (gemeint sind Arbeitsmarktreformen).
Solche Äüßerungen sind nicht "deutsch verbohrt" sondern eine klare Ansage worauf sich Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften in Europa einstellen sollen.

filmrally.com schrieb am 9. April 2015 um 15:48 Uhr:

Wo ist denn Austerität ?
Klar erkenntlich : Gesundheitssystem für viele Menschen nicht zugänglich ( keine Medikamente für Krebspatienten ) , http://www.filmrally.com/ Gehaltskürzungen, Pensionskürzungen, verheerende Zustände bei den Auffanglagern, viele KInder gehen ohne Frühstück in die Schule, als Folge der Arbeitslosigkeit verringerte Steuereinnahmen. Fest steht, dass die aufgezwungene Austerität nur ein " Verstärker " ist von jenen Versäumnissen, die konservative und sozialistische Regierungen über Jahrzehnte verursacht haben.

Peter Michael Kusmierz schrieb am 17. März 2015 um 15:16 Uhr:

Sehr geehrter Herr Misik!
Ich stimme Ihrem Kommentar voll und ganz zu. Doch erscheint mir das SZ Bashing übertrieben. Es gibt durchaus unterschiedliche Meinungen in der Redaktion. Ich verweise hier nur auf den Artikel von Alex Rühle vom 6.7.2013 hin: Wenn Sparen tötet.
Mit freundlichen Grüßen
Peter M.Kusmierz

Dr. Siegfried Männer schrieb am 16. März 2015 um 18:00 Uhr:

Austeritätspolitik funktioniert nur mit Befehlsempfängern und die sind politisch rechts anzusiedeln. Es wirft ein merkwürdiges Licht auf demokratische Verhältnisse, wo Wahlen das Korrektiv angesehen werden sollten und wenn es dann nicht passt, die Knute rausgeholt wird und ist komisch, wenn der Ukraine Kredite zugesagt werden, die Griechenland nicht erhält oder anders ausgedruckt, wenn Steuerpflichtige ihre Steuern einfach nicht zahlen, bzw. die Zahlungen durch Steuerrückzahlungen aufgehoben werden (wie z.Zt. in Chile zu beobachten ist, Stichwort: Penta-Gate). Man erkennt aber zunehmend, dass dem aktuellen Verständnis von Wirtschaftspolitik wie es von deutscher Seite gepflegt wird, die Zeit davon läuft, die Zeit die Handlung lebender Organismen zu bestimmen und zu kontrollieren. Namentlich die deutsche Sozialdemokratie sollte besorgt sein, nicht in diesem Abgrund zu verschwinden, den sie selbst mitverursacht hat (die Erfolge der AFD und die der rechten Sturmgarden in Dresden sind ein erstes Zeichen an der Wand). Ingesamt leistet die deutsche Presse nichts mehr, sie ist leider flügellahm, denkfaul und käuftlich.

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Kurzprofil

Robert Misik
Österreichischer Publizist und Journalist

Geboren am 3. Januar 1966 in Wien
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